Armenien [2]

[726] Armenien (Gesch.). I. Älteste Zeit bis zur Theilung in Groß- u. Klein-A., 190 v. Chr. Den Namen A. führten die Griechen auf den Argonauten Armenios zurück, der sich dort niedergelassen haben sollte; die Orientalen aber auf Sems Sohn Aram. Die Armenier waren im Alterthum ein einfaches, gastfreundschaftliches, unkriegerisches Volk, ihre Sitten waren medisch, ihre Religion persisch, als Hauptgottheit wurde Anaïtis verehrt; sie handelten schon früh mit Babylon, Tyros u. a. phönicischen Städten u. führten besonders Wein, Pferde u. Maulthiere aus. Nach eigenen Überlieferungen wanderten die Armenier zur Zeit des Babylonischen Thurmbaus, geführt von Haïg (Haik), einem Nachkommen Japhets, aus Syrien od. Phrygien nach der Hochebene des Ararat. Haïg ward von Belos verdrängt, doch tödtete Haïg später denselben u. legte den Grund zu dem Reich A. Er selbst starb nach. 81 jähriger Herrschaft um 4020 v. Chr. Sein Sohn war Armenak (von dem auch A. den Namen haben soll). Nach Andern war Skytha der erste König in A., dessen Nachfolger Barzanes nach Einigen von Ninos geschlagen wurde, nach Andern mit demselben gegen Baktrien zog. A. mußte sich nachmals den Assyrern unterwerfen u. kam mit Assyrien unter Astyages an Medien, doch behielt es seine Könige u. zahlte den Medern nur Tribut. Zur Zeit des Kyros lebte Tigranes (Dikran) vom Stamm des Haïganiter; er hatte eine der Schwestern des Kyros geheirathet u. begleitete diesen auf seinem Zuge gegen Astyages, ließ ihm nach der Besiegung des Astyages den persischen Thron u. er selbst gründete das Reich A. am Araxes. Nach 45jähriger Regierung starb Tigranes 520. Später wurde A. persisch u. erhielt von Persien aus Statthalter. Auch Alexander d. Gr., der A. 330 eroberte, u. seine Nachfolger ernannten noch solche Statthalter; aber schon unter Perdikkas wählten die Armenier aus ihrer Mitte einen König, Ardoates; dieser wurde jedoch wieder vertrieben u. A. gehörte fortan zu Syrien, von dessen Königen auch die Statthalter eingesetzt wurden. Unter Antiochos d. Gr. rissen sich aber die Statthalter, Zadriades u. Artaxias, von den Römern unterstützt, zwischen 223 u. 190 wieder los, u. theilten sich in das Land, so daß nun die beiden Reiche Groß- u. Klein-A. gebildet wurden.

II. Seit der Trennung in Groß- u. Klein-A. A) Groß-Armenien: a) Unter Artaxias I. u. den Arsakiden 190 v. Chr. bis 18 n. Chr. Artaxias I., der Gründer des Reiches Groß-A. u. Erbauer der Stadt Artaxata, ward 165 von Antiochos geschlagen u. gefangen; er starb auch in der Gefangenschaft, u. es ist unbekannt, wer sein Nachfolger war. Seit 130 v. Chr. (bis 450 n. Chr.) herrschten die Arsakiden in A. Diese Dynastie war gegründet von Valarsakes, dem[726] sein Sohn Arsakes u. diesem wieder 118 (114) sein Sohn Tigranes II. folgte. Tigranes strebte sein Reich zu erweitern, aber er wurde von Mithridates II. von Parthien besiegt u. mußte den Frieden mit harten Bedingungen erkaufen. Darauf verband er sich mit Mithridates VII. von Pontos, seinem Schwiegersohn, u. bekriegte seine Nachbarn; doch ließ er seinem Bundesgenossen die eroberten Länder. Er wurde 91 v. Chr. von einem seiner Feldherren ermordet. Tigranes III. d. Gr., Sohn des Vor., war als Geißel bei Mithridates II., wurde jedoch losgegeben, nachdem er den Parthern einige Landstriche abgetreten hatte. Er fing wieder Krieg mit den Parthern an, u. nachdem er sie besiegt hatte, trieb er den Artanes aus Klein-A. u. verband Syrien, dessen Fürsten ihn zu ihrem König erwählt hatten, mit seinem Reiche; er bevölkerte A. mit den besiegten Kappadociern u. anderen Völkern. Dadurch daß er seinen Schwiegervater, den König Mithridates von Pontos, gegen die Römer in Schutz nahm, kam er mit diesen in Krieg u. wurde 70 v. Chr. von Lucullus besiegt; von Pompejus, dem sich nachher Tigranes unterwarf, wurde er in seinem Reiche gelassen; er starb 63 v. Chr.; sein Nachfolger, Artavasdes (Artabazos) I. stürzte den Crassus durch Verrath ins Unglück, ward von Antonius nach Antiochia gelockt u. während der Schlacht bei Actium (29 v. Chr.) ermordet. Auf ihn folgte sein Sohn Artaxias II., aber die Armenier, unzufrieden mit seiner Regierung, baten den Augustus, ihnen den Tigranes IV., den Bruder des Artaxias, der bisher in Rom gelebt hatte, als König zu schicken. Artaxias wurde vertrieben u. dann von einem Verwandten getödtet. Bald aber verband sich Tigranes gegen die Römer mit den Parthern; indeß er starb (6 v. Chr.), noch ehe der Rachezug der Römer gegen ihn begonnen hatte. Nach ihm setzte sich Artavasdes II., ein Verwandter des Tigranes, auf den Thron, jedoch er mußte dem, von den Armeniern selbst gewählten u. von C. Cäsar eingesetzten Meder Ariobarzanes weichen. Aber des Tigranes IV. Sohn, Tigranes V., verband sich, um sich A. zu erobern, mit den Parthern u. fiel in A. ein; jedoch Ariobarzanes blieb im Besitz des Reiches bis 14 n. Chr., wo ihm Vonones, ein vertriebener parthischer König, folgte; aber nach 2 Jahren vertrieb ihn auch von hier der Partherkönig Artabanos u. gab die Krone A-s seinem eigenen Sohne Orodes (16 n. Chr.). b) Unter Oberherrschaft der Römer, 18–412 n. Chr. Die Römer hatten sich inzwischen zu Herren A-s gemacht u. nach der Vertreibung des Orodes (18 n. Chr.) den Zeno, einen Sohn des Königs Polemo von Pontus, als Artaxias III., als König eingesetzt; als dieser 35 n. Chr. gestorben war, folgten Arsakes II., ein Parther, u. diesem 37 n. Chr. der Iberer Mithridates. Diesen ließ Caligula aus Mißtrauen (40 n. Chr.) nach Rom bringen u. in Ketten legen, Kaiser Claudius aber führte ihn (47) in sein Reich zurück. Aber bald (52) wurde er von seinem Neffen Rhadamist ermordet; Rhadamist wurde von den Parthern viermal aus seinem Lande vertrieben, aber von den Römern unterstützt wieder zurückgeführt; i. J. 55 wurde er ermordet, u. an seine Stelle wählten die Armenier den parthischen Prinzen Tiridates I.; da dieser die Forderung der Römer, die Krone A-s zu Rom in Lehn zu nehmen, abwies, so wurde er vertrieben, u. Tigranes VI., ein Enkel von Herodes d. Gr., auf den Thron gesetzt. Während König Vologeses von Parthien mit den Römern um A. stritt, u. es zwar eroberte, aber dann den Römern abtrat, um Frieden für sein eigenes Land zu erhalten, st. Tigranes, u. Nero setzte (66) den Tiridates I. wieder als König ein, der nun den Römern treu blieb. Sein Sohn (od. Enkel) u. Nachfolger Exedares (75 n. Chr.) u. dessen Nachfolger erhielten die Krone als römische Vasallen. Zwar wurde Exedares von Chosroes, König von Parthien, vertrieben u. dessen Enkel Parthamasiris als König von A. eingesetzt, aber schon Hadrian gab A. (das nur noch die Länder diesseit des Euphrat umfaßte) seine Fürsten wieder, welche die römische Herrschaft bis nach Kaiser Julians Tode anerkannten. Wahrscheinlich war der von Hadrian eingesetzte König von A. der aus Parthien vertriebene Parthamaspates. Als dieser 138 st., folgte ihm sein Sohn Achämenides, u. diesem sein Sohn Soämus (Sohämus), der i. J. 161 von den Parthern vertrieben nach Rom floh u. nach A-s Wiedereroberung 163 von Neuem auf den Thron gesetzt wurde. Unter Kaiser Commodus regierte Sanatrukes (Sanadrug); dieser trat A. an die Römer ab, doch gab Kaiser Severus dessen Sohne Vologeses 199 einen Theil wieder; aber Caracalla ließ ihn 214 in Rom hinrichten. Nun stritten sich seine Brüder Tiridates, Artabanos u. Arsakes um das Reich; von ihnen wurde durch Kaiser Macrinus Tiridates II. 218 auf den Thron gesetzt. Von den meisten der folgenden Könige weiß man wenig, auch ihre Namen kennt man meist nur aus Münzen. Sie sind (nach Vaillant): Arsakes III., dann Artavas des V.; unter dessen Sohn Chosroes begannen auch die Kriege mit den Persern, welche schon unter Achämenides sich gegen A. geregt hatten, damals aber, vom Kaiser Antonius Pius bedroht, ihren Plan aufgegeben hatten; Chosroes führte einen dreißigjährigen Krieg gegen sie, wurde aber endlich 286 durch ihren König Sapor getödtet. Dessen Sohn, Tiridates III., wurde 286 von den Römern in A. eingesetzt; wieder von denselben vertrieben, erhielt er 296 in dem Frieden das Reich zurück. Er nahm zuerst das Christenthum an (s. Armenische Kirche) u. st. 342. Chosroes II., des Vor. Sohn, wurde 343 durch eine Empörung der Armenier ab-, aber vom Kaiser Constantius wieder eingesetzt; mit den Persern lebte er in Frieden, da er ihnen das von seinem Vater eroberte Atropatene wieder abtrat u. Tribut bezahlte. Es folgten nach einander dessen Söhne Para u. Arsakes IV., dann des Letzteren Sohn Arsakes V., dessen Bruder, Tigranes VII., welcher der letzte armenische König war (And. nennen den letzten Artasir); er hatte sich die Mißgunst der Großen des Reichs zugezogen, u. diese setzten ihn, ungeachtet der Einwendungen des Bischofs Isaak, ab. c) Theilung A-s unter Perser u. Byzantiner, 412 n. Chr., bis zur Einverleibung in das Osmanische Reich 1522. Perser u. Byzantiner mischten sich in diesen Streit u. theilten zuletzt das Land unter sich (412 n. Chr.); der östliche Theil, der an Persien kam, erhielt nun den Namen Persarmenien u. war fortwährend der Kampfplatz zwischen den Persern u. einheimischen Usurpatoren (s. Vartanes); der den Byzantinern verbleibende kleine westliche, etwa 1/5, behielt den Namen A. u. umfaßte, getheilt in Armenia prima u. A. secunda, die am Euphrat zunächst[727] gelegenen Striche (Akilisene u. Sophene). Aber auch dieser Theil ging nach u. nach den Byzantinern verloren, theils an die Perser, theils an die Sarazenen, unter Kaiser Heraklios (um 630). Wie A. schon im 5. u. 6. Jahrh. von tatarischen Völkern (Iguren, Sabiren etc.) heimgesucht u. verheert worden war, so geschah es auch ferner, namentlich 220 von den Kozaren unter Ben Haf; von Syrien aus gingen Turkomanen nach einem Theil von A. u. gaben demselben den Namen Turkomania. 1040 eroberten die Türken unter Toghrul-Beg A. Damals war Bagrad Statthalter des Kaisers Constantinus Dukas in A. Schon früher hatte sich in den Gegenden des Araxes wieder ein einheimischer Fürst festgesetzt, Aschod, ein Bagradite, u. war auch 859 von dem Khalifen Motawakkel als unabhängig anerkannt worden. Dieser sammelte eine große Armee u. legte überall im Lande feste Plätze an; dann unterwarf er 880 dem Khalifen die Emire in Norden von Georgien u. A., die sich empört hatten, u. erhielt dafür den Königstitel. Aschod wählte nun Ani zur Residenz u. ließ sich 885 krönen; die Bagraditen regierten bis 1045; Aschod hatte zunächst bei seinem Tode 890 seinen Sohn Sempad zum Nachfolger. Mit der allmählig wieder schwach werdenden Regierung wurde auch der Staat häufigen Einfällen der Nachbarn ausgesetzt, so machten 1242 die Mongolen unter Iarmaghun Novian einen verheerenden Zug dahin, u. 1472 ging A. durch Usum Hassan an Persien über u. wurde zur Provinz gemacht. 1522 wurde A. durch Selim II. erobert u. dem Türkischen Reiche einverleibt, bis auf den östlichen Theil, Eriwan, welcher den Persern blieb. Der persische Theil kam 1828 im Frieden zu Adrianopel an Rußland.

B) Klein-Armenien: a) Unter eigenen Königen (190 v. Chr. bis um 70 n. Chr.). Der erste König von Klein-A. war Zadriades (Zariadras), der von den Römern auf dem Throne geschützt wurde. Seine Nachkommen besaßen das Land ruhig, aber auch sehr abhängig von den Römern bis auf Tigranes III. von Groß-A., von welchem Artanes, der letzte König aus dem Hause des Zadriades, in einem Treffen getödtet u. Klein-A. erobert wurde; allein nicht lange darauf wurde Tigranes von den Römern vertrieben u. A. dem Dejotar I. (s.d.), einem der Vierfürsten von Galatien, von Pompejus wegen der ihm im Mithridatischen Kriege geleisteten Dienste gegeben. Dejotar stand in freundschaftlichen Verhältnissen mit vielen vornehmen Römern, bes. mit Cicero, welchem er im Cilicischen Kriege sehr nützlich war; im Bürgerkriege stand er auf der Seite des Pompejus u. kämpfte persönlich bei Pharsalos. Während seiner Abwesenheit hatte der pontische König Pharnakes Klein-A. erobert, doch erhielt Dejotar von I. Cäsar Verzeihung u. einen Theil des Reiches wieder, den anderen bekam Ariobarzanes von Kappadocien; zugleich mußte Dejotar Galatien räumen, erhielt aber nach Cäsars Tode durch Antonius seine frühern Besitzungen alle wieder. Dennoch verließ er später den Antonius u. schlug sich zu Octavianus, für den er auch bei Actium kämpfte. Dejotar st. 36 v. Chr. Nach ihm regierte sein Sohn Dejotar II., u. da dieser ohne Erben st., so erhielt Klein-A. 33 v. Chr. der pontische König Polemon; darnach schenkte es Augustus dem Archelaos von Kappadocien, 39 n. Chr. Caligula dem Kotys von Bosporus, Nero aber dem Aristobulos, Urenkel Herodes d. Gr. Nach dessen Tode kam es an dessen Verwandten Tigranes, u. da dieser um 70 n. Chr. unbeerbt st., so machte es Vespasian zu einer römischen Provinz. b) Unter römischer u. byzantinischer Herrschaft, 70 n. Chr. bis 1189. Bei der Theilung des Römischen Reichs kam Klein-A. zum Morgenländischen Kaiserthum, der Name A. aber beschränkte sich nachher auf die Länder um den Taurus u. Cilicien, daher Cilicisches A. Die byzantinischen Kaiser hatten ihre Statthalter daselbst, unter Justinian Acacius, dann der Perser Sistas, Dorotheus, unter Mauritius, Johannes Nusteron. Unter Kaiser Phokas begannen die Einfälle der Perser u. unter Constantin II. die der Araber in A. Seit dem 7. Jahrh. waren fortwährend Kämpfe zwischen den Khalifen u. dem byzantinischen Kaiser über A.; u. nach dem Wechsel des Kriegsglücks besaßen A. bald die Khalifen, bald die Byzantiner. Nach der Wiedereroberung durch Kaiser Constantin Kopronymus hielt sich hier sein Statthalter Paulus. Die Statthalter versuchten auch später, sich von Constantinopel unabhängig zu machen. Als der erste Fürst wird Philaretos genannt, um 1080, der von Michael Dukas abfiel, aber sich dem Nikephoros Botoniates wieder unterwarf. Darauf waren Fürsten von A. Constantin u. sein Bruder Taphrok (Taphrug), die ihre Sitze in den Schluchten des Tauros hatten (daher sie gewöhnlich de Montanis genannt werden); neben den größeren waren auch viele kleinere Herren im Lande, deren Entstehen durch die Schwäche der griechischen Regierung begünstigt wurde. Bes. mächtig war Gabriel, Herr von Melitene; Ursin, der seine Besitzungen in dem Gebirge bis Antiochien hatte; Basilius, Herr der Pässe von A., der mehrere Schlösser eroberte u. 1118 st.; Theodor I. u. m. A. Der Bruder Constantins, Leo (Livon, Lebunys), nahm den Griechen im Anfang seiner Regierung Mopsueste u. mehrere Plätze ab u. drang bis Syrien vor. Auch in das Fürstenthum Antiochien fiel er mehrmals ein, schloß aber bald mit König Balduin von Jerusalem Frieden, um sich mit ihm gegen die Griechen zu verbinden; Leo wurde aber gefangen u. st. 1141 in Constantinopel in der Gefangenschaft. Sein Bruder u. Nachfolger Thoros od. Theodor II, nahm Cäsarea ein u. eroberte das unter seinem Vorgänger von den Griechen genommene Cilicien; dann versöhnte er sich mit dem byzantinischen Kaiser, gab Cilicien zurück u. zog (um 1160) mit gegen die Sarazenen. Als er darauf die Ermordung seines Bruders Heinrich von dem Kaiser Emanuel verschuldet glaubte, fiel er wieder von ihm ab u. eroberte in Cilicien viele Plätze, die er behielt. Als er 1170 kinderlos st., folgte ihm durch Wahl sein Neffe Thomas; da dieser aber ganz unfähig war, so warf sich Milon (Melich), sein Oheim, Bruder des Thoros, zum Herrn von A. auf. Er vertrieb die Tempelherren aus A., schlug mehrere kaiserliche Heere in Cilicien u. blieb Herr fast dieses ganzen Landes bis zu seinem Tode 1180. Sein Nachfolger Rupin (Rhupen) lockte Bohemund 1183 nach Antiochien, nahm denselben fest u. wollte von ihm die Unterwürfigkeit erzwingen, indeß er wurde von seinem Vetter befreit. Da Rupin 1189 ohne Söhne starb, so folgte ihm sein Vetter Leo II. als erster König von A. c) Klein-A. als Königreich bis zum Untergange des Reichs[728] Ägyptier, 1189–1391. Leo (Livon) II. (als König Leo I.), d. Gr., führte den Königstitel, weil ihm 1197 Kaiser Heinrich VI. u. Papst Cölestin III. eine Königskrone, königlichen Mantel u. Scepter übersendeten. Er erhob die Stadt Sis zur Residenz, führte glückliche Kriege gegen den Sultan von Iconium, leistete 1190 dem Kaiser Friedrich I. wichtige Dienste u. schlug 1201 die Sarazenen. Leo st. 1219, u. ihm folgte seine Tochter Zabelle (Isabelle), unter der Vormundschaft ihres Vetters Constantius. Diese Succession bestritt vergebens Rupin, Sohn Raimonds von Antiochien u. durch seine Gemahlin Alice Enkel des 1189 verstorbenen Fürsten Rupin. 1221 verheirathete Constantius seine Mündel an Philipp, Sohn Bohemunds IV. von Antiochien, u. nach dessen 1222 erfolgter Ermordung, 1224 an seinen eigenen Sohn Hayton (Hethum) I. Die Regierung führte Constantius selbst u. nach seinem Tode sein anderer Sohn Sembat. Unter ihm ward ein Versuch gemacht, die Streitigkeiten der Armenischen u. Römischen Kirche auszugleichen (1251), doch ohne Erfolg. Er hatte dadurch, daß er den Handel zwischen A. u. Ägypten verboten u. dem Sultan Bibars Tribut zu zahlen verweigert hatte, denselben beleidigt, deshalb schickte dieser 1266 eine Armee nach A., die das Land ausplünderte. Hayton übergab 1270 seinem Sohne Leo III. (II.) die Regierung, ward Mönch u. starb 1272. Auch unter Leo machte Bibars 1275 wieder einen Einfall in A. u. schleppte viel Menschen u. Vieh aus A. fort. Dagegen schloß Leo mit Abaga, Khan der Tataren, welche schon 1242 Züge gegen A. unternommen hatten, einen Vertrag. Als er 1289 starb, folgte ihm sein Sohn Hayton II.; dieser vereinigte die Armenische mit der Römischen Kirche, in der Hoffnung, durch den Papst einen Fürsprecher in Frankreich zur Hülfsleistung gegen die in A. immer weiter vordringenden Sarazenen zu erhalten; da aber Frankreich keine Hülfe schickte u. Hayton den Sarazenen nicht gewachsen war, so gab er 1294 seinem Bruder Theodor III. die Regierung u. ging in ein Kloster; doch kehrte er 1295 wieder auf den Thron zurück. Als Hayton u. Theodor 1296 eine Reise nach Constantinopel machten, verwaltete ihr Bruder Sembat (Saubat) unterdessen das Reich; dieser ließ Theodor tödten u. Hayton blenden u. behielt selbst die Regierung. Da aber die Ägyptier 1298 wieder einen verheerenden Zug nach A. unternahmen, so empörten sich die mit Sembat unzufriedenen Armenier, nöthigten ihn, nach Constantinopel zu fliehen, u. setzten seinen Bruder Constantin (Dandin) auf den Thron. Dieser mußte einen Theil des Reichs an den Sultan von Ägypten abtreten u. dann auch seinem geblendeten Bruder Hayton wieder weichen; dieser übergab jedoch 1299 seinem Neffen Leo IV. (III.), Theodors Sohne, die Regierung. Leo versuchte auf dem Concil von Sis 1307 eine Union der Armenischen Kirche mit der Römischen, begünstigte auch Schifffahrt, Handel u. Ackerbau; er wurde mit seinem Oheim Hayton 1308 von den Tataren, mit denen verbunden er früher gegen die Ägyptier Krieg geführt hatte, ermordet. Ihm folgte durch Wahl sein Bruder Oschin (Oissim, Oyssim); von den Sarazenen lange u. schwer bedrängt, st. er 1320 u. ihm folgte sein 16jähriger Sohn Leo V. (IV.) unter der Vormundschaft seiner Mutter Johanna (Irene), einer Tochter des Fürsten Philipp von Tarent. Wegen ihrer Wiederverheirathung mit einem Herrn von Layasso entstanden Spaltungen unter den Armeniern, welche der Sultan von Ägypten benutzte u. 1322–1341 erneute Einfälle in A. machte. Leo zog sich durch seine Begünstigung ausländischer Sitten den Haß seiner Unterthanen zu u. wurde 1344 ermordet. Zu seinem Nachfolger wurde Guido von Lusignan, ein Sohn des Grafen Amalrich von Tyrus, erwählt; Guido war in A. erzogen worden u. hatte schon nach Oschins Tode sich gegen Leo V. empört, war aber, weil sein Plan mißglückte, nach Cypern u. dann nach Constantinopel gegangen; er st. schon nach 2 Jahren. Ihm folgte Constans, u. diesem um 1350 Constantin; unter ihm fielen die Cyprier (1362) u. Rhodieser ein, nahmen Satalie u. machten sich die kleinen Herren von Cilicien steuerbar; die Sarazenen trieb Constantin (1366) zurück. Seine Wittwe Marie führte nach seinem Tode die Regierung fort. Der Name des nachfolgenden Königs ist nicht bekannt (vielleicht hieß er Drago); er st. 1368, u. nun wurde König Peter I. von Cypern von den Armeniern gewählt; da dieser damals in Rom war, so kam sein Bruder Jakob u. nahm Besitz vom Reiche. Peter st. 1369; er selbst war nie nach A. gekommen. Sein Nachfolger u. letzter König von A. war Leo VI. (V.) aus dem Hause Lusignan; er führte lange Krieg mit den Ägyptiern; 1374 eroberten diese Sis, nahmen Leo gefangen u. führten ihn nach Ägypten; er erhielt nach siebenjähriger Gefangenschaft seine Freiheit wieder, ging nach Spanien u. st. zu Paris 1393. Mit ihm erlosch das Königsgeschlecht von A. In neuester Zeit suchte ein Abenteurer, der sich Prinz Leo (s.d.) von A. nannte, wieder seine Abstammung von den Lusignans u. Ansprüche auf A. geltend zu machen. Zwar führte König Jakob von Cypern den Titel als König von A. fort, ließ sich auch als solchen krönen, aber A. blieb ägyptisch. d) Klein-A. unter fremder Herrschaft, seit 1393. In Klein-A. regierten nun ägyptische Statthalter zu Sis. Seit 1403 waren die Turkomanen vom Schwarzen Schöps, seit 1468 die vom Weißen Schöps Herren von A.; 1508 kam mit dem Sturze dieser Dynastie A. an Persien u. nicht lange darauf ward es von den Türken erobert, unter deren Botmäßigkeit es noch steht. Vgl. die einheimischen Geschichtsschreiber, namentlich Moses von Chorene (s. u. Armenische Literatur II. u. III.); dann Galan, Histor. armena (bes. in kirchl. Hinsicht), Köln 1686; Dulaurier, Les Armeniens (in der Revue des deux mondes), 1854; Zur Urgeschichte der Armenier, Berl. 1855.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 1. Altenburg 1857, S. 726-729.
Lizenz:
Faksimiles:
726 | 727 | 728 | 729
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann von Fallersleben, August Heinrich

Deutsche Lieder aus der Schweiz

Deutsche Lieder aus der Schweiz

»In der jetzigen Zeit, nicht der Völkerwanderung nach Außen, sondern der Völkerregungen nach Innen, wo Welttheile einander bewegen und ein Land um das andre zum Vaterlande reift, wird auch der Dichter mit fortgezogen und wenigstens das Herz will mit schlagen helfen. Wahrlich! man kann nicht anders, und ich achte keinen Mann, der sich jetzo blos der Kunst zuwendet, ohne die Kunst selbst gegen die Zeit zu kehren.« schreibt Jean Paul in dem der Ausgabe vorangestellten Motto. Eines der rund einhundert Lieder, die Hoffmann von Fallersleben 1843 anonym herausgibt, wird zur deutschen Nationalhymne werden.

90 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon