Martin [3]

[365] Martin, 1) Nincente M. y Soler, gewöhnlich Marlini lo Spagnuolo genannt, Komponist, geb. 5. März 1754 in Valencia, gest. 11. Febr. 1810 in Petersburg, erlangte in Italien einen Ruf als Opernkomponist. 1785 ging er nach Wien und hatte hier mit »La cosa rara« großen Erfolg (Mozart verwendete eine Melodie dieser Oper in der Bankettmusik des »Don Juan«). Drei Jahre später folgte er einem Ruf als Operndirektor nach Petersburg und blieb, als die italienische Oper durch die französische verdrängt wurde, daselbst als Musiklehrer. Seine einst gefeierten 17 Opern sind vergessen.

2) Eduard, Mediziner (Gynäkolog), geb. 22. April 1809 in Heidelberg, gest. 5. Dez. 1875 in Berlin, studierte in Jena, Heidelberg, Göttingen und Berlin, habilitierte sich 1835 in Jena als Privatdozent für Gynäkologie und ward 1837 außerordentlicher, 1846 ordentlicher Professor der Geburtshilfe und der Frauenkrankheiten und Direktor der Entbindungsanstalt daselbst. 1858 ging er in gleicher Eigenschaft nach Berlin, wo er die Begründung einer gynäkologischen Abteilung in der Charité bewirkte und Mitglied der Wissenschaftlichen Deputation für das Medizinalwesen wurde. Auf dem Gebiete der physiologischen und pathologischen Lagen- und Gestaltverhältnisse der Gebärmutter, der Beckenlehre, des Geburtslaufs, der künstlichen Frühgeburt, der Erkrankungen im Wochenbett, der Transfusion etc. waren seine Arbeiten grundlegend, auch war er einer der ersten Operateure bei Krankheiten des Eierstocks. Er schrieb: »Lehrbuch der Geburtshilfe für Hebammen« (Erlang. 1854; 4. Aufl., Stuttg. 1880); »Die Nei gun gen und Beugungen der Gebärmutter« (Berl. 1866, 2. Aufl. 1870) und gab einen »Handatlas der Gynäkologie und Geburtshilfe« (das. 1862; 2. Aufl., hrsg. von seinem Sohn August M., das. 1878).

3) Konrad, Bischof von Paderborn, geb. 18. Mai 1812 zu Geismar im Eichsfeld, gest. 16. Juli 1879 in Belgien, studierte in Halle orientalische Sprachen, in München und Würzburg katholische Theologie und ward 27. Febr. 1836 in Köln Priester. Er wirkte als Rektor des Progymnasiums in Wipperfürth, Religionslehrer am katholischen Gymnasium in Köln und wurde 1844 Professor der Theologie und Inspektor des Konvikts in Bonn. 1856 zum Bischof von Paderborn erwählt, suchte er unermüdlich den kirchlichen Geist namentlich in der seiner Diözese zugeteilten Diaspora in Sachsen und Thüringen zu heben; er errichtete in Paderborn ein Konvikt, in Heiligenstadt ein Knabenseminar und bewirkte die Stiftung zahlreicher neuer Pfarreien, auch den Bau vieler katholischer Kirchen in protestantischen Orten. In seinen Schriften: »Ein bischöfliches Wort an die Protestanten Deutschlands« (1864) und »Zweites Wort etc.« (1866) behandelte er die Protestanten seiner Diözese als seine Untergebenen, wie er die Bekehrung von Protestanten zum Katholizismus sowie die katholische Taufe aller Kinder gemischter Ehen nicht ohne Erfolg betrieb; ja, er knüpfte auch mit orthodoxen lutherischen Pastoren Verhandlungen über ihre »Rückkehr« zur katholischen Kirche an. Die Ansiedelung von Jesuiten begünstigte er besonders. 1869 wurde er nach Rom berufen, um an den Vorarbeiten für das vatikanische Konzil teilzunehmen, war dann Mitglied der dogmatischen Kongregation und kämpfte für die Infallibilität, die er auch schriftstellerisch verteidigte (»Die Arbeiten des vatikanischen Konzils«, 3. Aufl., Paderb. 1873; »Vaticani concilii documentorum collectio«). Den Kulturkampf verglich M. mit der Diokletianischen Verfolgung. Er wurde in dessen Verlauf wiederholt zu hohen Geldstrafen, endlich 1874 zu Festungshaft verurteilt und im Januar 1875 abgesetzt, in Wesel interniert, floh aber im Sommer 1875 nach Belgien. Er schrieb ferner: »Lehrbuch der katholischen Religion für höhere Lehranstalten« (15.[365] Aufl., Mainz 1873, 2 Bde.); »Lehrbuch der katholischen Moral« (5. Aufl., das. 1865); »Die Wissenschaft von den göttlichen Dingen« (3. Aufl., das. 1869); »Drei Gewissensfragen über die Maigesetze« (anonym, das. 1874), dessen erste Auflage wegen einer der Kurie anstößigen Stelle auf den Index gesetzt wurde; »Katechismus des römisch-katholischen Kirchenrechts« (Münst. 1875); »Drei Jahre aus meinem Leben« (Mainz 1877, 3. Aufl. 1878); »Blicke ins Jenseits« (das. 1878) u. a. Seine »Kanzelvorträge« erschienen gesammelt in 7 Bänden (Paderb. 1882–90). Vgl. Stamm, Dr. Konrad M. (Paderb. 1892; dazu »Urkundensammlung«); »Aus der Briefmappe des Bischofs Dr. K. M.« (das. 1902).

4) Sir Theodore, engl. Schriftsteller, geb. 16. Sept. 1816 in Edinburg, siedelte 1846 nach London über als schottischer Anwalt. Er schrieb zuerst unter dem Namen Bon Gaultier in Zeitschriften, gab dann mit Aytoun (s. d.) das »Book of ballads« (14. Aufl. 1884) und Übersetzungen von Goethes Liedern und Balladen (1858) heraus. Ebenso übersetzte er aus dem Dänischen das Drama »König Renés Tochter« von H. Hertz (1850) sowie Öhlenschlägers »Correggio« (1854) u. »Aladdin« (1857). Später folgten metrische Übersetzungen der Oden des Horaz (1860), des Catull (1861), der »Vita nuova« von Dante (1861), von Heines Gedichten (1878), von Goethes »Faust« (1. Teil 1866, 2. Teil 1886) u. a. Ein Band »Poems, original and translated« erschien 1862. Sein Hauptwerk ist das im Auftrag der Königin Viktoria verfaßte »Life of his Royal Highness the Prince Consort« (1874–80, 5 Bde.; deutsch, Gotha 1876–81). Auch gab er das »Memoir of W. E. Aytoun« (1867), »Life of Lord Lyndhurst« (1883) und »Sketch of the life of Princess Alice« (1885) heraus. Seine »Essays on the Drama« erschienen in 2 Bänden als Manuskript gedruckt.

5) Ernst, Germanist und Romanist, Sohn von M. 2), geb. 5. Mai 1841 in Jena, war 1863 Gymnasiallehrer in Berlin, habilitierte sich 1866 als Privatdozent in Heidelberg. wurde 1868 in Freiburg außerordentlicher, 1872 ordentlicher Professor, 1874 Professor in Prag, 1877 in Straßburg. Er veröffentlichte: »Mittelhochdeutsche Grammatik« (Berl. 1865, 12. Aufl. 1896); »Alpharts Tod, Dietrichs Flucht, Rabenschlacht« (das. 1866); »Examen critique des manuscrits du roman de Renard« (Basel 1872); »Kudrun, herausgegeben und erklärt« (Halle 1872, 2. Aufl. 1901); »Gudrun, die echten Teile des Gedichtes übersetzt« (Straßb. 1903); »Reinaert« (Paderb. 1874); »Das Volksbuch Reynaert de Vos« (das. 1877); »Hermann von Sachsenheim« (1879); »Zur Gralsage« (Straßb. 1880); »Le roman de Renart« (das. 1882, Suppl. 1887); Wimpfelings »Germania, übersetzt und erläutert« (das. 1885); »Ausgewählte Dichtungen von Wolfhart Spangenberg« (das. 1887); »Wolframs von Eschenbach Parzival und Titurel herausgegeben und erklärt« (Halle 1900–03, 2 Bde.). M. ist auch Herausgeber der »Bibliothek der mittelhochdeutschen Literatur in Böhmen« (Prag 1876–1880, 3 Bde.), der »Elsässischen Literaturdenkmäler des 14. bis 17. Jahrhunderts« (Straßb. 1878–87, 5 Bde.), der »Straßburger Studien; Zeitschrift für Geschichte, Sprache und Literatur des Elsasses« (mit Wiegand, das. 1882–88, 3 Bde.). Ferner gab er von Wackernagels »Geschichte der deutschen Literatur« die 2., erheblich erweiterte Auflage heraus (Basel 1879–1894, 2 Bde.) und mit H. Lienhart das »Wörterbuch der elsässischen Mundarten« (Straßb. 1899 ff.).

6) Luis, Jesuitengeneral, geb. 19. Aug. 1846 in Melgar bei Burgos, trat 1864 in den Jesuitenorden, wurde 1868 aus Spanien vertrieben, kehrte aber 1874 zurück und leitete in Bilbao die Zeitschrift »Das heilige Herz«. Bald darauf wurde er Rektor der Universität Salamanca, 1885 Provinzial von Kastilien und 1891 Generalvikar in Rom. 1892 wurde er zum General des Ordens erwählt und nahm seinen Sitz in Fiesole bei Florenz.

7) August, Mediziner, Sohn von M. 2), geb. 14. Juli 1847 in Jena, studierte seit 1866 daselbst und in Berlin, wurde hier Assistent von Schröder, 1872 an der Berliner Frauenklinik, habilitierte sich 1876 als Privatdozent für Geburtshilfe und Gynäkologie in Berlin, gründete 1877 eine Privatklinik für Frauenkrankheiten, die er später durch eine geburtshilfliche Poliklinik erweiterte, wurde 1893 zum Professor ernannt und ging 1899 als Professor der Gynäkologie nach Greifswald. M. lieferte zu sehr vielen Hauptstücken der Frauenheilkunde, insbes. nach der operativen Seite hin, namhafte Beiträge. Seit 1878 trat er für die Operation der Tubenerkrankungen ein, deren pathologische Anatomie und Diagnose er in vielen Arbeiten erläuterte, ferner arbe itete er über die Operation der Myome und Karzinome, über perverse Eiinsertion, über den vordern Scheiden schnitt etc. Er schrieb: »Pathologie und Therapie der Frauenkrankheiten« (Wien 1885, 3. Aufl. 1893); »Lehrbuch der Geburtshilfe« (das. 1891); »Die Krankheiten der Eileiter« (mit andern, das. 1895); »Die Krankheiten der Eierstöcke« (das. 1899); »Diagnostik der Bauchgeschwülste« (in der »Deutschen Chirurgie«, Stuttg. 1903); »Hygiene des Wochenbettes und dei Neugebornen« (Berl. 1902). Auch gibt er die »Monatsschrift für Geburtshilfe und Gynäkologie« (mit Sänger, 1895 ff.; seit 1903 mit A. v. Rosthorn) heraus.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 13. Leipzig 1908, S. 365-366.
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