Strauß [3]

[913] Strauß, 1) Gerhard Friedrich Albrecht, geb. 24. Sept. 1786 in Iserlohn, studirte in Halle u. Heidelberg Theologie, wurde 1809 Prediger zu Ronsdorf im Bergschen, 1814 Prediger zu Elberfeld, 1822 Hof- u. Domprediger, auch Professor der Theologie an der Universität zu Berlin, 1836 Oberconsistorialrath u. Vortragender Rath im Ministerium der Geistlichen-, Unterrichts- u. der Medicinalangelegenheiten; er legte 1859 seine Stelle nieder. Er schr.: Helons Wallfahrt nach Jerusalem, Elberf. 1820–23, 4 Bde. (ins Englische u. Schwedische übersetzt); Glockentöne od. Erinnerungen aus dem Leben eines jungen Geistlichen, Elberf. 1812–19, 3 Bde., 7. Aufl. 1840 (auch ins Englische, Holländische u. Schwedische übersetzt); Die Taufe im Jordan, ebd. 1822; Predigten über die Rechtfertigung durch den Glauben, Berl. 1844; Predigten über die Lehre von dem Worte Gottes, ebd. 1846; Predigten, 1846; Das evangelische Kirchenjahr, ebd. 1850. 2) Joseph, geb. 1793 zu Brünn in Mähren, kam 1805 nach Wien u. wurde als Violinist hier am Theater an der Wien u. 1810 in Pesth angestellt, war 1813 Kapellmeister in Temeswar, übernahm 1814 die Leitung der Deutschen Oper in Siebenbürgen, wurde 1817 Kapellmeister in Brünn, machte eine Kunstreise durch Deutschland u. war 1821 in Manheim, wurde 1823 Musikdirector u. 1825 Hofkapellmeister in Karlsruhe, übernahm auch 1840 zeitweilig die Leitung der Deutschen Oper in London. S. componirte Mehres für die Kirche u. für sein Instrument, schrieb Sinfonien u. Ouverturen u. setzte die Opern: Armiodan, Zelide, Berthold der Zähringer, Der Wehrwolf, Feodora, Die Schlittenfahrt von Nowgorod (1862) u.a. 3) Johann, genannt der Walzerkönig, geb. 14. März 1804 in Wien, verließ aus Neigung zur Musik das Buchbinderhandwerk, wurde Hautboist bei einem zu Wien in Garnison stehenden Infanterieregimente, stieg, in das Lannersche Orchester aufgenommen, vom Gehülfen bis zum Theilnehmer des Unternehmens, emancipirte sich aber bald völlig u. gewann Lanner den Rang ab, machte mit seinem Chore 1833–1837 eine Kunstreise durch Deutschland, Frankreich u. England, so wie 1845 wieder nach Sachsen u. Berlin u. st. 25. Septbr. 1849 als Hofballmusikdirector in Wien. Bekannt ist er durch seine weit verbreiteten allgemein beliebten Tänze (bes. Walzer), welche oft die sonderbarsten Beinamen führen. 4) David Friedrich, geb. 27. Jan. 1808 in Ludwigsburg, studirte seit 1825 im Theologischen Stift zu Tübingen u. wurde 1831 Professoratsverweser am Seminar zu Maulbronn, gab jedoch diese Stelle alsbald auf u. ging nach Berlin, um Schleiermacher zu hören; nach seiner Rückkehr nach Tübingen 1832 wurde er Repetent am Theologischen Seminar u. las auch zugleich philosophische Collegia an der Universität. Hier gab er heraus: Das Leben Jesu, 1835, 2 Bde. 1. A. 1840; dieses Werk erregte großes Aufsehen, in dem er darin alles Ernstes darauf ausging das Historische von Christus im N. T. als Mythe darzustellen, d.h. als einen Begriff vom Messias, welcher durch Dichtung eine geschichtliche Einkleidung erhalten habe. Jener Begriff vom Messias sei von den christlichen Gemeinden bis 150 Jahre n. Chr. aus alttestamentlichen Angaben u. jüdischen Erwartungen zu einem Bilde von dem Ursprung, den Thaten u. Leiden des Messias construirt u. dies Bild auf Jesus von Nazareth angewendet worden, da derselbe für den Messias gehalten worden sei. Von der ganzen Geschichte Jesu in den Evangelien ließ er nichts übrig, als daß derselbe ein Rabbi aus Galiläa war, welcher von Johannes getauft wurde, sich für den Messias hielt u. ausgab, sich als weiser Lehrer großen Beifall erwarb, aber durch den Haß der von ihm gekränkten Pharisäer u. Schriftgelehrten aus Kreuz gebracht wurde. Anstatt des so negirten historischen Christus der Christlichen Kirche stellte er am Ende des Buches den, nach Hegelscher Philosophie, logisch nothwendigen Begriff des Gottmenschen als den durch sich selbst wahren Inhalt der Geschichte des N. T. (den idealen Christus) auf. Seine Antworten auf die über dieses Buch von mehrern Theologen geschriebenen Recensionen u. Gegenschriften, namentlich von Steudel, Ullmann, Hengstenberg, erschienen als Streitschriften, Tüb., 3 Hefte. In Folge des Erscheinens seines Lebens Jesu wurde er 1835 seiner Repetentenstelle entsetzt u. als Lehrer an das Lyceum zu Ludwigsburg versetzt. Doch gab er diese Stelle 1836 freiwillig wieder auf u. privatisirte in Stuttgart. Im Febr. 1839 erhielt er, durch den Betrieb des Bürgermeisters Huzel, einen Ruf als Professor der Dogmatik u. Kirchengeschichte nach Zürich, da jedoch diese Berufung im Canton Widerspruch erregte, so wurde er vor Antretung seiner Stelle mit 1000 Fr. Pension in Ruhestand versetzt (vgl. Schweiz S. 653). Bei der Bewegung des Jahres 1848 trat erauch in den Vordergrund u. stand auf der Candidatenliste der Vertreter Ludwigsburgs auf der Deutschen Nationalversammlung in Frankfurt, doch wurde seine Wahl durch seine theologischen Gegner hintertrieben, dafür wurde er aber als Landtagsabgeordneter nach Stuttgart gewählt, wo er sich sehr conservativ in der Politik zeigte. Er siedelte später nach Heilbronn über u. schrieb noch Zwei friedliche Blätter, Alt. 1838 (worin er, wie schon in der 2. u. 3. Aufl. des Lebens Jesu, letztere 1838 f.) sich zu manchen Ergänzungen u. Concessionen herbeiließ (welche er jedoch nachher wieder zurücknahm); Charakteristiken u. Kritiken, Lpz. 1839; Die christliche Glaubenslehre, Tüb. 1840 f., 2 Bde.; Der Romantiker auf dem Throne der Cäsaren od. Julian der Abtrünnige, Manh. 1847; Sechs theologisch-politische Volksreden, Stuttg. 1848 (seine bei Gelegenheit der Wahlen nach Frankfurt gehaltenen Vorträge); Der politische u. theologische Liberalismus, Halle 1848; Fr. Christ. Schubarts Leben in seinen Briefen, Verl. 1849, 2 Bde.; Christian Märklin, ein Lebens- u. Charakterbild, Manh. 1851; Leben u. Schriften des Dichters Nicodemus Frischlin, Frankf. 1855; Ulrich von Hutten (Biographie), Lpz. 1837, 2 Thle, 3. Thl. auch unter dem Titel: Gespräche von Ulrich von Hutten, übersetzt u. erläutert, ebd. 1860; Hermann Samuel Reimarus, seine Schutzschrift für vernünftige Verehrer Gottes, Lpz. 1862; Kleine Schriften biographischen, literatur- u. kunstgeschichtlichen Inhalts, ebd. 1862. 5) Victor Friedrich von S., geb. 18. Sept. 1809 in Bückeburg, studirte in Halle Theologie, dann in Erlangen, Bonn u. Göttingen die Rechte, trat 1832 in den Schaumburg-Lippeschen Staatsdienst, wurde[913] 1840 Archivrath in Bückeburg u. 1848 als Geheimer Cabinetsrath in das Cabinet seines Fürsten berufen, als dessen Bevollmächtigter beim Bundestage er 1850 nach Frankfurt ging; 1851 wurde er Schaumburg-Lippescher Bundestagsgesandter u. in den österreichischen Adelsstand erhoben. Er schr.: Theobald (Roman), Bielef. 1839, 3 Bde.; Gedichte, ebd. 1841; Lieder aus der Gemeinde für das christliche Kirchenjahr, Hamb. 1843; P. Gerhardts Leben, Bielef. 1844; Das Kirchenjahr im Hause (Religiöse Betrachtungen u. Gedichte), Heidelb. 1845, 2 Bde.; Fastnachtsspiel von der Demokratie u. Reaction, 1849; Das Erbe der Väter (Erzählung), 1850; Gottes Wort in den Zeitereignissen, Bielef. 1850; Briefe über Staatskunst, 1853; Lebensbilder, 1854; Weltliches u. Geistliches, 1856. Auch betheiligte er sich an den Kämpfen innerhalb der Evangelischen Kirche durch einige, vom kirchlichen Standpunkte aus geschriebene Schriften, z.B. Schrift od. Geist (gegen Wislicenus), Bielef. 1845; Das kirchliche Bekenntniß u. die lehramtliche Verpflichtung, Halle 1847; u. übersetzte die Antigone des Sophokles, 1842. 6) Friedrich Adolf, Sohn von S. 1), geb. 1. Juni 1817 in Elberfeld, studirte 183642 in Berlin Theologie u. wurde darauf Hülfsprediger an der Hof- u. Domkirche in Berlin; 1845 unternahm er eine Reise in den Orient u. nach Rom, wurde 1847 Divisionspredigen u. folgte dem Heere 1848 nach Schleswig; später wurde er Garnisonprediger von Berlin u. zugleich Professor der Theologie an der Universität. Er schrieb eine Erklärung des Propheten Zephanja, Berl. 1843; Sinai u. Golgatha (Reise in das Morgenland), Berl. 1847, 7. Aufl. 1859 (ins Englische, Schwedische u. Holländische übersetzt); Liturgische Andachten, ebd. 1850, 3. A. 1856; Kriegertreue, ebd. 1852; Die Liturgie des evangelischen Hauptgottesdienstes, ebd. 1853; Heerpredigten, ebd. 1858; u. gab heraus (mit Otto Strauß, Licentiat u. Divisionspredigerin Berlin), Die Länder u. Stätten der Heiligen Schrift, Stuttg. 1861 f., 34 Lief.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 16. Altenburg 1863, S. 913-914.
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