Guinēa

[765] Guinēa, ein großer Theil der Westseite Afrikas, zu beiden Seiten des Äquator. Gewöhnlich versteht man aber unter G. den Küstenstrich zwischen dem Äquator u. 10° nördl. Br., welcher zum Unterschiede von dem südlich vom Äquator liegenden Küstenlande wohl auch Ober-G. genannt wird, während jenes die Bezeichnung Nieder-G. erhält. Der Name G. ist bei den einheimischen Bewohnern unbekannt u. ist dem Lande erst von den portugiesischen Entdeckern ertheilt worden, wahrscheinlich nach der zu jener Zeit bes. wichtigen Handelsstadt Jinnie (Dschinnie). A) Ober-G., das bei den Seefahrern in seinem nördlichen Theile bis Cap Palmas den Namen Küste über dem Wind (Windward Coast), u. in dem südlichen Theile den Namen Küste unter dem Wind (Leeward Coast) führt, nimmt eine Küstenstrecke von 420 Meilen ein, deren Begrenzung im N. Senegambien, im S. Nieder-G. bildet, deren Ausdehnung[765] nach dem Innern hin aber nicht festgestellt ist. Der ganze Küstenrand ist sehr einförmig, nur wenige Spitzen, wie die nördlichste derselben, Cap Verga, dann C. Sierra Leona (auch C. Tagrin genannt), C. Shilling, C. St. Anna, de Monte, Mesurado, Palmas, C. der drei Spitzen, Coast Castle, Formosa u.a. treten daraus hervor, doch sind auch diese meist nur niedrige Sanddünen u. nur die Caps de Monte, Mesurado u. Palmas sind felsig u. hoch. Von den Meeresbuchten u. großen Flußmündungen der Küste sind zu nennen: die zahlreichen Mündungen des Niger, die zu einer prächtigen Rhede erweiterte Mündung des Gabun, die Baien von Benin u. Biafra (Mündung des Königsflusses), der ansehnliche Meeresarm, welcher den Camerun u. den Dschamur aufnimmt, u. die Coriscobai. Von den wenigen Inseln, welche der Küste vorliegen, sind die namhaftesten: die Losinseln, die Matacong- u. Papagayeninsel, die Bananen-, Pisang-, Schildkröten- u. Coriscoinseln. Theilweise liegen der Küste große Sandbänke (St. Annen- u. Biafrabank) vor; die Schifffahrt an der Küste ist durch starke Meeresströmungen beeinflußt, welche vom November bis Mai südwärts, in der übrigen Zeit entgegengesetzt u. im Guineabusen gleichzeitig einander entgegenströmen. Während das eigentliche Küstenland flach u. zum Theil sumpfig ist, wird das Innere von dem Kong-Gebirge durchzogen. An Flüssen ist die Küste reich, doch sind die Mehrzahl derselben nur Küstenflüsse von kurzem Laufe od. in Folge der beständigen Meeresströmungen von Sandbänken gesperrt, so daß sie für die Binnenschifffahrt keine Bedeutung haben. Nur der Rokella, Mesurado, St. Andreas, Cavally, Bassam, Issiny, Gabun u. Niger sind schiffbar. Von den übrigen Flüssen, im unteren Laufe meist von ausgedehnten Sümpfen begleitet, sind die bedeutendsten: der Sangari, Bassia, Pongas, Kissey, Melacuri, Sherbro, Gallinas, Pissou, Junk, Groß Sestros, Bassa, Prah, Cobre, Volta, Lagos, Formosa u. die zahlreichen Abzweigungen des unteren Niger. See im Innern von G. kommen nur im Lande der Ashanti u. im Thale des Prah vor; außerdem bilden einige Flüsse in der niedrigen Küstenstufe Lagunen, so der Issinyfluß den Ahisee, der Lagos den Cradousee. Von Mineralquellen kennt man nur einige Stahlquellen im Konggebirge. Das Klima ist ein der geographischen Lage angemessen tropisches, an der Küste meist sehr ungesund, in den höher gelegenen Theilen des Innern jedoch auch Europäern sehr zusagend. Vor u. während der Regenzeit (April bis October) wehen Tornados, in der trockenen Jahreszeit meist der aus der Sahara kommende Harmattan. Die Producte sind außerordentlich mannigfaltig; die Vegetation wetteifert mit den fruchtbarsten Gegenden der Welt. Ungeheure Waldungen von Affenbrod- u. Wollbäumen bedecken die Niederungen; in großer Menge finden sich Gewächse mit eßbaren Früchten, wie die Öl-, Cocos- u. Weinpalme, der Papaya-, Mammiaapfel-, Negerpfirsichbaum, Bananenpisang, Yams, Ananas, Manioc, Sesam, Reis, Zuckerrohr; in den Bergwäldern findet sich der Kaffeebaum, überall Ricinus, die Erdnußpflanze, der Schihbaum, der Gurunußbaum, Ingwer u. Paradiesingwer, Indigo, Drachenblut- u. Sandelbaum, Rothholz, Ebenholz u. Mahagoni, Camholz, Tik-, Seifen- u. Heuschreckenbaum. Aus dem Thierreich finden sich nächst den Hausthieren, von denen die Schafe nicht Wolle, sondern Haare haben, zahlreich Elephanten, Flußpferde, Büffel, Affen in vielen Arten, darunter der Schimpanse, Löwen u. Leoparden, ungeheure Mengen von Vögeln mit dem prächtigsten Gefieder, Krokodile u. Schlangen in bedeutender Menge u. erstaunlicher Größe. Die Flüsse u. das Meer sind fischreich; Austern kommen überall an der Küste vor; von Mineralien sind bemerkenswerth Gold u. Eisen. Die Einwohner sind der Hauptmasse nach Neger (Ashantis, Dagumbas, Gungums, Timmanis, Kerrapis, Ardrahs, Kaylis, Bullams, Akkras). An der Küste haben sich schon seit Jahrhunderten Europäer angesiedelt, Portugiesen, Engländer, Holländer u. Dänen. Die Neger sind Fetischanbeter, treiben Jagd, Fischerei, Salzbereitung, etwas Landbau, Weberei, Korb- u. Mattenflechterei, in geringem Grade auch Metallarbeiten. Die Ausfuhr besteht hauptsächlich in Gold, Elfenbein, Paradiesingwer (Maighetta-Pfeffer), Palmöl u. Sklaven (wenn auch nur geheim), neuerer Zeit auch in Farbe- u. Nutzhölzern. Eingeführt werden bes. Woll-, Baumwoll- u. Linnenwaaren, Metallgeräthe, Waffen- u. Waffenbedarf, Holz- u. Glaswaaren, Tabak, Rum u. gebrannte Wasser, sowie Kauris, welche im Negerverkehr als Münze dienen. Trotz der theilweisen Unterdrückung des Sklavenhandels hat sich der Handelsverkehr ansehnlich vermehrt. Außer den europäischen Niederlassungen finden sich in G. eine Menge größerer u. kleinerer Negerstaaten. Die Regierungsform dieser Staaten ist meist despotisch, nicht selten sehr grausam, milder in den Staaten am Meere. Schon seit alten Zeiten hat man Ober-G. in sechs Küstenstriche abgetheilt u. diese mit zwei Ausnahmen nach den Hauptgegenständen der Ausfuhr benannt: a) die Sierra-Leona-Küste zwischen Cap Verga u. Mesurado; auf derselben die Negerstaaten Timmani, Kuranko u. Quoga, sowie die englische Colonie Sierra-Leona; b) die Pfeffer- od. Malghetta-Küste zwischen den Caps Mesurado u. Palmas; auf derselben die Negerstaaten Sanguin u. Kru, sowie die Negerrepubliken Liberia u. Maryland-in-Liberia; c) die Elfenbein- od. Zahn-Küste zwischen Cap Palmas u. der Mündung des Issinyflusses; auf derselben die Negerstaaten Kavally, Druin, Laho u. Issiny; d) die Goldküste, zwischen dem Issiny, Rio Volta u. Cap St. Paul, mit dem mächtigsten Staate G-s, dem Reiche der Ashantis, u. einigen Besitzungen der Engländer (die Hauptplätze sind Cape Coast Castle u. das 1840 von den Dänen verkaufte Christiansborg), der Niederländer (Hauptplatz Elmina) u. dem neuestens von den Franzosen in Assiny angelegten Handelscomptoir; e) die Sklavenküste, vom Cap St. Paul bis an die Nigermündungen, mit den Negerstaaten Dahomey, Ardra u. Badagri (die beiden letzten dem Reiche Yarriba zinspflichtig) u. Lagos, welches dem Reiche Benin unterworfen. Die Briten besitzen auf der Sklavenküste den bis 1849 dänischen Ort nebst Gebiet Prinsensteen, u. den Portugiesen gehören die Hafenplätze Whidah u. Porto Novo; f) die Beninküste, vom Niger bis zum Cap Lopez, mit dem Negerstaate Benin, den Landschaften Oru, Igbo, den kleinen Staaten Nsube, Ibadschi, Igara, den Landschaften Qua, Okoyong, Rorox, Tikar u. den Staaten Empunga u. Kayli.[766]

B) Nieder-G. (auch wohl Unter-G. od. die Congo-Küste genannt), liegt zwischen dem Äquator. u. 18°36' südl. Br., od. zwischen Cap Lopez u. Cap Frio. Diese Küstenlinie ist nur im S. bis zum Cap Negro flach u. niedrig, von hier an (16° südl. Br.) nordwärts treten überall hohe u. schroffe Felsmassen, zum Theil in malerischen Gestaltungen an das Meer, welches sich in gewaltigen Brandungen an ihnen bricht. Nur die sumpfigen Niederungen der Mündungen des Coanza u. Zaire unterbrechen die Felsenküste. Die heftigen Brandungen u. eine starke von S. kommende Strömung erschweren die Annäherung an die Küste ungemein. Die bemerkenswerthesten Vorgebirge sind: Cap Sierra (od. das Kreuzcap), Cap Frio, Negro, Albino, Martha, Maria, Ledo, das Palmencap, Cap Ambris, Yumba u. St. Katharina. An Baien u. Buchten ist die Küste reich: die Wallfisch-, die Große Fisch-, die Alexander-, Kleine Fisch-, Elephanten-, Camena-, Lobitobai, sowie die Baien von Loanda, Malemba, Mayumba, Loango u. die großen Buchten am Cap St. Katharina u. Cap Lopez. Landeinwärts erhebt sich fast überall ein hohes Hügel- u. auch Bergland mit gesundem Klima u. sehr fruchtbarem, wohlbewässertem Boden, der einestheils reiche Waldungen trägt, anderntheils durch eine zahlreiche, fleißige Bevölkerung angebaut ist. Die Erzeugnisse sind im Allgemeinen dieselben wie in Ober-G.; das Klima ist ebenfalls ein tropisches, in den Niederungen sehr heiß u. Europäern wenig zusagend. Die Zahl der Flüsse ist ungemein groß, die bedeutendsten sind der Coanza u. der Zaire (im Innern Congo genannt); außerdem sind zu nennen der Cunene, Cobale, Gubero, Gunza, Cupo, Longa, Kakongo, Loanga, Sette, Cama u.a. Die Eingeborenen sind Neger, welche durch geringere Schwärze u. weniger aufgeworfene Lippen sich von denen Ober-G-s unterscheiden. Größtentheils Fetischanbeter, hat das Christenthum doch auch theilweisen Eingang durch die Portugiesen gefunden. Außer den Negern gibt es auch zahlreiche Portugiesen, portugiesische Creolen u. Mulatten. Die Einwohner beschäftigen sich mit Landbau u. Viehzucht, zum Theil auch mit Bergbau u. einigen Gewerben, namentlich der Bearbeitung von Eisen, Salpetererzeugung u. Seildrehen. Die Ausfuhr besteht in Sklaven, Affen, Papageien, Elfenbein, Gold, Schwefel, Honig, Wachs u. Farbehölzern; die Einfuhr in Wollen-, Baumwollen- u. Leinenwaaren, Branntwein, Waffen u. Schießbedarf, Glaswaaren, Messer etc. Ein beträchtliches Gebiet von Nieder-G., den größeren Theil des südlichen Küstenlandes mit einem Flächengehalt von 5400 QM. u. 660,000 Ew., besitzen die Portugiesen, nämlich die beiden Vasallenkönigreiche Angola u. Benguela; an der Spitze der Verwaltung derselben steht ein Generalgouverneur, welcher in Loanda seinen Sitz hat; drei Untergouverneure sind zu Benguela, Mosamedas u. Ambriz; die Militärmacht besteht aus 6500 Mann u. außerdem stellen die eingeborenen Lehnsfürsten 2000 Neger als Hülfscorps. Ertrag hat die Besitzung der Portugiesen nicht gewährt, die Kosten für die Colonien waren, vielleicht in Folge schlechter Verwaltung, größer als deren Ertrag. Von den unabhängigen Staaten Nieder-G-s sind zu nennen auf der nördlichen Hälfte der Küstenländer das große Reich Loango (zu welchem die Vasallenstaaten Koma, Mayumba u. Kakongo gehören) u. das noch größre Reich Congo (mit den abhängigen Ländern Bamba, Sinda, Pango, Batta u. Pemba). Im Osten von Nieder-G. liegen die Staaten der Mathanyana, Bayaye, Ovampo u. Bawicko, die Reiche Makololo, Bihé, Kassandschi, Morupua u. das Reich des Kazembe. Über die einzelnen Staaten Ober- u. Nieder-G-s s. die betreffenden Artikel.

Man glaubt, daß schon Hanno bei seiner Umschiffung Afrikas im 6. Jahrh. v. Chr. auch nach G. gekommen sei. Unter den Europäern erhielten zuerst die Portugiesen zu Ende des 14. Jahrh. durch. Mittheilungen jüdischer Handelsleute dunkle Nachrichten von dem goldreichen Guinauha, d.i. Guinea. Mehr u. mehr drangen kühne portugiesische Seefahrer an der Westküste Afrikas nach S. vor, bis endlich 1492 Pedro de Ceitra bis zum Cap Sierra Leona u. Mesurado kam u. so der Entdecker des heutigen Ober-G-s wurde, obgleich die Franzosen beanspruchen, daß schon 1364 zwei Schiffe aus Dieppe bis nach G. vorgedrungen seien u. schon 1382 eine Befestigung auf der Goldküste angelegt hätten. Nachdem sich schon 1469 eine portugiesische Handelsgesellschaft für G. gebildet hatte, wurden unter Johann II. diese Entdeckungen weiter fortgesetzt, das Fort Georg el Mina wurde angelegt, 1492 setzten sich die Portugiesen in Congo fest, u. als darauf Franzosen sich ebenfalls in G. niederlassen wollten, wurden sie von den Portugiesen vielfach angefeindet u. beschränkt. Dagegen kamen die Holländer seit 1595 hierher, u. 1604 wurden die Portugiesen von diesen u. den Engländern fast ganz aus Ober-G. vertrieben u. auf Nieder-G. beschränkt. Nun legten auch die Engländer Forts u. Handelsplätze an, aber die Holländer neckten sie u. schadeten ihnen auf alle Weise. Um sich an ihnen zu rächen, nahm eine englische Flotte 1664 mitten im Frieden alle holländischen Forts in G. weg, doch eroberte sie Ruyter in Kurzem wieder. Auch Cap Coast Castle hatten 1661 die Engländer den Franzosen abgenommen u. ließen es von einer privilegirten Gesellschaft regieren. Als aber diese 1750 die Regierung um Geldunterstützung ansprach, wurden die Privilegien der Gesellschaft aufgehoben u. der Handel freigegeben; die politische Regierung blieb in den Händen der Afrikanischen Compagnie, welche von der Regierung einen Zuschuß zur Erhaltung der Forts u. Ortsregierung erhielt. Auch die Dänisch-westindische Compagnie hatte Besitzungen in G. erworben, welche sie 1754 an die dänische Regierung abtrat. Im Jahre 1787 gründeten sodann die Briten die Colonie Sierra Leona. In den Jahren 1618 u. 1924 erlitten die europäischen Besitzungen großen Schaden durch die Anfälle der Ashantis, doch behaupteten endlich die Engländer die Oberhand. Nordamerikanische Vereine haben inzwischen 1629 u. 1833 zur Colonisirung der freien Farbigen der Vereinigten Staaten die beiden Negerrepubliken Liberia u. Maryland-in-Liberia gegründet, welche seit 1849 die Anerkennung als selbständige Staaten erhalten haben. Die dänischen Besitzungen, zu welchen seit 1720 auch die vom Kurfürst von Brandenburg angelegte Colonie Großfriedrichsburg gehörte, gingen 1849 an die Engländer über u. es sind so in der Gegenwart außer den Engländern u. Holländern nur noch die Portugiesen- auf der Küste von G. mit zwei kleinen Plätzen seßhaft u.[767] die Franzosen in einer erst neuestens angelegten Colonie. Vgl. Duncan, Travels in Western Africa in 1845 and 1846, Lond. 1847, 2 Bde.; J. Smith, Trade and Travels in the Gulf of G., ebd. 1851; Karte: H. Kiepert, Westliches Mittelafrika, Weimar 1846.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 7. Altenburg 1859, S. 765-768.
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