Mosăik

[472] Mosăik (Musivische Arbeit, ital. Musaico, fr. Mosaique), 1) die Art von Malerei, welche durch Zusammenfügung von harten Körpern, bes. farbigen Steinen od. Glasflüssen, Marmorstücken, verschiedenfarbigen od. gebeizten Hölzern, mittelst eines Kittes hervorgebracht wird; 2) die auf diese Weise gefertigten Kunstwerke selbst. Die M. mag ihren Ursprung im Morgenlande haben, ihre Ausbildung fand sie jedoch erst bei den Griechen, von denen die Kunst schon zu Sulla's Zeit zu den Römern kam. Aus viereckigen, würfelartigen Stücken farbiger Steine, die oft nicht größer als vier Linien sind, wurden nicht bloß Fußböden, sondern auch Höfe, Terrassen etc. nach bestimmten Zeichnungen zusammengesetzt u. solche Flächen daher Pavimenta tesselata od. Pavimenta lithostrota (auch P. asarota, P. sectilia), die Arbeit selbst Opus tesselatum od. Opus quadratarium genannt. In der ersten Zeit blieb die M. auf Fußböden etc. beschränkt; zur alexandrinischen Zeit fing man bereits an, förmliche Gemälde auf diese Weise auszuführen. Als der Erste, welcher dies machte, wird Sosus von Pergamum genannt. Bei den Römern wurde, seit Sullas Zeiten, die M. so allgemein beliebt, daß beinahe in allen Wohnhäusern[472] der Reichen in großen Städten u. in den Villen blos solche Fußböden angelegt wurden; in Pompeji, Stabiä u. Herculanum ist jeder Hof M., u. viele werden fast überall in alten Römerbauten, bes. in Tempeln, Villen, Gräbern u. Bädern, aufgefunden. Der Grund dieser Fußböden besteht gemeiniglich aus weißen Marmorstiften, worein entweder Streifen von schwarzem Marmor, od. leichte Verzierungen von gefärbten Marmorstiften, od. ganze Bilder eingelegt sind. Zu den bekanntesten gehören: die bei Tivoli in Hadrians Villa entdeckte, jetzt im Capitolinischen Museum befindliche, schon von Plinius genau beschriebene, daher die Tauben des Plinius benannte M., eine mit Wasser gefüllte Vase vorstellend, an deren Rande vier Tauben sitzen; die Sullanische M. zu Präneste (von wo Sulla den Fußboden des Fortunatempels nach Rom brachte), nach Barthelemy (Explication de la Mosaique de Palestine, Par. 1760) eine Abbildung von Alexanders Zuge nach Ägypten; ein Medusenhaupt im Palast d'Otricoli zu Rom gefunden, jetzt im Clementinischen Museum; die Entführung der Europa im Palast Barberini; die sogenannte Alexanderschlacht, 1831 in der Casa del Fanno (od. dem Goethehause) zu Pompeji aufgefunden; außerdem mehrere andere zu Präneste entdeckte M-en. Vgl. J. Ciampini, Vetera monumenta, in quibus praecipue musiva opera illustrantur, Rom 1690–99, 2 Bde., Fol.; J. A. Furietti, De musivis, ebd. 1752; J. Gurlitt, Über die M., Magdeb. 1798. In der römischen Kaiserzeit wurde die M. auch zur Ausschmückung von Wänden u. gewölbten Decken angewendet, in welchem Falle man sie Opus museum (O. musium, O. musivum) nannte, welche Bezeichnung dann auf sämmtliche Arten eingelegter Arbeit übertragen wurde u. die noch jetzt üblichen Benennungen veranlaßte. Auch nach der Völkerwanderung erhielt sich diese Kunst sowohl im Byzantinischen Kaiserthum, als auch im Abendland, namentlich in Italien, u. wurde hier zum äußern u. innern Schmuck der Kirchen angewendet. Man schmückte mit Bildern in M. bes. die Chornischen, auch zuweilen die Kuppeln u. die Facaden, selbst die Seitenwände der Schiffe, so in Rom in alten Basiliken, desgleichen in Ravenna, die Sophienkirche in Constantinopel, die Marcuskirche in Venedig, das Baptisterium in Florenz etc. Auch in Frankreich hat man ähnliche M. in den Krypten der Basilica von St. Denis. Eine andere merkwürdige M. des Mittelalters ist das der Fredegonde von Chlotar II. Bei diesen allen besteht die M. aus kleinen Steinen, die mit einer Glasmasse überzogen ist. Der Grund derselben ist (nach dem Style jener Zeit) fast immer goldfarben. Mit dem neuen Aufschwung, welchen die in Verfall gerathene Kunst überhaupt zunächst in Italien in der zweiten Hälfte des 13. Jahrh. nahm, benutzten auch mehre der berühmtesten Maler (Mosaicisten) jener Zeit die Musivische Arbeit zu ihren bildlichen Darstellungen. Dahin gehörten bes. Gaddo Gaddi (Krönung Mariä im Dome zu Pisa) u. Giac. Turriti (Chornischen der Kirchen S. Giovanni im Laterano u. Sta. Maria maggiore in Rom). Durch das Aufblühen der Frescomalerei wurde jedoch die M. von den größern Wandflächen verdrängt; seit dem 15. Jahrh. beschränkte sie sich auf kleinere Prunkwerke u. kam nur noch ausnahmsweise im Großen zur Anwendung, z.B. in der innern Kuppel der Peterskirche, welche Papst Clemens VIII. um 1603 mit M. durch Zucchi u. B. Rosetti schmücken ließ. Giambattista Calandra, der übrigens die Technik der Kunst durch Erfindung eines neuen Kitts verbesserte, wandte nebst mehrern seiner Nachfolger die M. an, um die Originalgemälde berühmter Meister zu copiren, z.B. Guercinos Marter der Sta. Petronilla, Domenichino's Sterbesacrament des St. Hieronymus u.a.m. Nicht wenig für die Hebung der Kunst beigetragen hat Pietro Paulo Christophoris, der im Anfang des 18. Jahrh. zu Rom eine eigne Kunstschule für M. anlegte. Eins der größten Kunstwerke in M. ist das Abendmahl Leonardo's da Vinci, unter Napoleon begonnen, unter der österreichischen Herrschaft vollendet (gegenwärtig in Wien), in der Größe des Originals ausgeführt.

In Rom u. Florenz versuchte man in neuerer Zeit mit Erfolg, die Kunstwerke der antiken M. zu andern Zwecken nachzuahmen, in Rom befleißigte man sich der Thonarbeit (Opus figlinum), daher Römische M.; in Florenz der musivischen Arbeit (Opus sectile); daher Florentinische M. Der Florentinischen M. bedient man sich, um Tischplatten, Thürpfosten etc. mit Verzierungen, Blumen, Früchten, Vögeln, Prospecten auszulegen; der Römischen dagegen, zu der ganz kleine Stiftchen genommen werden, außer für größere Gemälde, vornehmlich zu Schmuck, zu Broschen, Arm- u. Halsbändern. In Rom selbst wurde von Seiten der Regierung eine große Mosaikfabrik (Fabbrica) im Vatican errichtet, aus welcher zahlreiche größere Kunstwerke für Kirchen hervorgingen. Das Verfahren, dessen man sich in Rom bei dieser Arbeit bedient, ist in den letzten 200 Jahren ganz dasselbe geblieben u. besteht in Folgendem: Eine Metallplatte von der Größe des zu copirenden Gemäldes wird mit einem 3/4 Zoll hohen Rande versehen, dann die Oberfläche mit einem 1/4 Zoll dicken Cement aus gepulverten Travertinostein, Kalk u. Leinöl überzogen u. nach dem Erhärten dieses Cements mit Gyps bis zur Höhe des Randes bedeckt. Auf diese Gypsschicht werden die Contouren des Gemäldes gezeichnet u. alsdann mit einem seinen Meißel von Zeit zu Zeit soviel davon entfernt, als nothwendig ist, die kleinen Stücken Mosaikglas (Schmelz, Email smalto) einzusetzen. Dieses Mosaikglas, von welchem man gegen 10,000 Farbennüancen hat, wird in runden Stücken 6–8 Zoll Durchmesser u. 1/2 Zoll Dicke gefertigt, von diesen die kleinen Täfelchen von der erforderlichen Gestalt mittelst eines scharfkantigen Hammers abgeschlagen u. an einem mit gepulvertem Schmirgel belegten Bleirad vollkommen geschlissen. Das so geformte Stück wird mit etwas Cement befeuchtet u. an die betreffende Stelle eingelegt. Ist das Bild auf diese Weise zusammengesetzt, so wird es glatt abgeschliffen u. polirt. Die Florentinische Mosaik besteht ganz aus Marmor, Achaten, Jaspisen u. Edelsteinen; der kostbareren Steine bedient man sich nur in dünnen Platten, welche auf Schiefer aufgelegt werden. Das Formen der einzelnen Stücken ist sehr mühsam, man muß für jedes eine Papierform haben u. es dann am Rade so lange abschleifen, bis es genau mit diesem Muster übereinstimmt. Auf diese Weise werden Gemälde von der größten Schönheit erzeugt, bes. berühmt sind die in der großherzoglichen Fabrik für den Hochaltar der Kapelle zu S. Lorenzo gefertigten. Wyatt erfand ein Verfahren,[473] Mosaikfußböden durch Einsetzen von Steinen in farbige Kitte nachzuahmen; diese Fußböden wurden aber wegen der ungleichen Härte des Materials leicht uneben, auch der gebrannte Thon (Terra cotta) bewährte sich nicht. Für Arbeiten, welche dem Wetter nicht ausgesetzt sind, gebrauchte Blashfield mit Metalloxyden gefärbte Kitte (Cemente), zu Fußböden außerhalb des Hauses war man genöthigt römischen Cement anzuwenden, auch mit Metalloxyden gefärbtes Erdharz wurde benutzt, aber beide Materialien erwiesen sich nicht als brauchbar. In der neueren Zeit hat man sich für Herstellung ornamentaler Fußböden wieder zu den enkaustischen Ziegelplatten gewendet. Diese bestanden aus viereckig geformten Thonstücken, in deren Oberfläche, während sie noch weich waren, Metallwürfel eingesetzt wurden, auf denen sich ein erhaben gearbeitetes Muster befand; die auf solche Weise in den Thon gebrachten Vertiefungen wurden mit verschieden gefärbten Thon ausgefüllt, die Platten alsdann gebrannt u. mit einer Glasur überzogen. Solche Ziegelplatten wurden im 14. bis zum 16. Jahrh. in England gemacht, seit 1830 kam die Kunst wieder auf u. wird seitdem in vielen Fabriken (bes. Minton u. Comp. in Stoke-upon-Trent) in großem Maßstab ausgeübt. Singer erfand zur Nachahmung des alten römischen Opus tesselatum 1829 eine Maschine, mittelst welcher er im Stande war, dazu nöthige Würfel (Tesserae) von gleicher Größe herzustellen. Die Tesserae sind von gepreßtem Thon, welcher gebrannt u. theilweis glasirt ist, u. die nach diesem Verfahren gefertigten Fußböden, wie sie z.B. in der Halle des Reformclubs u. in der Wiltonkirche in Salisbury sind, zeichnen sich durch große Dauerhaftigkeit u. Schönheit aus. Presser fand 1840, daß, wenn sein gepulvertes Porzellan einem sehr hohen Drucke ausgesetzt u. dann gebrannt wird, die Masse eine außerordentliche Härte u. Festigkeit erhält. Blashfield benutzte diese Entdeckung zur Herstellung von Pflasterstücken zur M. Diese Stücken können von jeder Form verfertigt werden, in Vierecken zu gewürfelten Böden, in Drei- u. Sechsecken zur Nachahmung des Opus alexandrinum etc., sowie auch von jeder Farbe; durch Emailliren der Oberfläche kann ein vortreffliches Surrogat der antiken Glasmosaik erzeugt werden. Diese Pflasterstücken werden, um eine M. daraus zu bilden, auf eine vollkommen ebene rechtwinkliche Platte dicht neben einandergestellt, daß sie das verlangte Muster bilden, dann mit einem Kitt überdeckt u. zuletzt wird auf diesen Kitt eine Lage starker Ziegel- od. Schieferplatten gelegt; nach dem Erhärten des Kittes kann der Fußboden aufgehoben u. an die betreffende Stelle gelegt werden. Die Oberfläche ist vollkommen eben, sehr hart u. unveränderlich.

Die Holzmosaik (ital. Tarsia, franz. Marqueterie) war auch schon im Alterthum bekannt u. in den ersten christlichen Jahrhunderten vielfach angewendet. Wieder hergestellt wurde dieselbe zu Anfang des 15. Jahrh. von Filippo Brunelleschi u. Giuliano da Majano; namentlich lieferte der Letztere mit Giusto u. Mincre, sowie seinen Schülern Guido del Servellino u. Dominico di Mariotto für verschiedene Kirchen Italiens zahlreiche Holzmosaiken. Das Vollendetste jedoch in diesem Genre leisteten Benedetto da Majano im 15. Jahrh. u. Giovanni da Verona (1469–1537), ein Schüler Brunelleschis. Auch im 17. Jahrh. wurden schöne Holzmosaiken ausgeführt, z.B. die Holztapeten für den Prinzen Karl von Lothringen zu Neuwied (der Raub der Sabinerinnen). In neuerer Zeit hat man den Namen M. od. Musivische Arbeit auch auf bildliche Darstellungen übertragen, welche aus ganz andern Stoffen, ähnlich den Römischen u. Florentinischen Mosaiken, zusammengesetzt sind, z.B. aus Moos, aus Haaren, aus Stuck (Gebrüder Catel) u. dgl. Die Arbeiten Fernbachs (s.d.) sind ebenfalls keine eigentliche M.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 11. Altenburg 1860, S. 472-474.
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