Palermo [1]

[569] Palermo, 1) Provinz im nordwestlichen Theile der Insel Sicilien, aus Theilen des Val di Manzara u. Val des Demona bestehend, zwischen den Provinzen Messina, Catana, Caltanisetta, Girgenti, Trapani u. dem Tyrrhenischen Meere, welches hier die Vorgebirge Gallo, Gafrana, San Ambrosio, Rosigalbi u.a. hat; Flüsse: Fiume de Termini, F. torto, F. grande, F. Milizia; Producte: Weizen, viel Fische, Gemüse, Obst (Südfrüchte), Muschelkalk; vier Districte: P., Cefalu, Corleone u. Termini, sammt dem Eiland Ustica; 811/2 QM., 518,800 Ew.; 2) District darin; 3) Hauptstadt Siciliens, unweit des Flusses Oreto, welcher der[569] Stadt Trinkwasser gibt, u. am Fuße des Monte Pellegrino amphitheatralisch erbaut; Sitz des Statthalters, eines Erzbischofs, des obersten Gerichtshofes für Sicilien, eines Appellationsgerichtes etc. Die Stadt ist mit Mauern umgeben u. hat 2 Citadellen, 4 Haupt- u. 7 Nebenthore, zwei Häfen, Molo u. Leuchtthurm; auf der Piazzo Quatro Cantoni stehen die Statuen Karls V., Philipps II., III. u. IV.; auf dem Quai Marina längs des Hafens ergehen sich die Palermitaner Abends bei Musik, Gesang u. Improvisationen. Andere Plätze sind Piazzo reale, S. Domenico, mit der Statue Karls III., der Gemahlin desselben, Maria Amalia, u. Madonnensäule, P. Pretoriana mit großem Brunnen, Domplatz. Von den 10 Pfarr- u. 30 Filialkirchen zeichnen sich aus die Kathedrale der Sta. Rosalie, auf dem Grund einer arabischen Moschee 1185 unter Wilhelm II. erbaut, ursprünglich ganz im arabisch-normannischen Styl erhielt sie 1781 bis 1801 ihre jetzige Gestalt; die Kapelle der Sta. Rosalie mit Altar von gediegenem Silber u. silbernem Sarg der Heiligen. Porphyr-Sarkophage umschließen die Überreste des Königs Roger, Kaisers Heinrich VI., Friedrichs II. u. seiner Mutter, sowie seiner Gemahlin Constantia von Aragonien u. Peters II. von Aragonien; Chiesa de' P., P. della Congregazione dell' Oratorio; S. Domenico, S. Agostino, S. Cataldo, Sta. Caterina, S. Francesco d' Assisi, S. Giovanni degli Eremiti (deren Thurm das erste Glockenzeichen zur Sicilianischen Vesper gab), Sta. Maria Annunziata, Sta. Maria degli Angeli, Sta. Maria della Catena, Sta. Maria del Porto salvo, Sta. Maria del Spasimo, Monast. della Martorana mit arabischer, normännischer u. griechischer Architektur, Spedale grande u.a. Es gab vor 1860 etwa 60 Klöster u. 20–30,000 Geistliche, Mönche u. Nonnen. Oratorien 19, das prächtigste das S. Filippo. Paläste: der königliche Palast (Palazzo Reale), in arabisch-normännischer Bauart, im 12. Jahrh. Festung u. Residenz des Königs Roger, mit Colonnaden, der Capella Palatina od. Chiesa di S. Pietro del Palazzo reale (1129 von Roger im Spitzbogenstyl erbaut), der vom König Roger im 12. Jahrh. gestifteten u. bis jetzt erhaltenen Mosaikschule, Sternwarte, auf welcher Piazzi die Ceres entdeckte, Saal des Parlaments etc.; Justizpalast (Palazzo dei Tribunali, 1307 auf den Fundamenten einer arabischen Villa erbaut, später Inquisitionspalast); P. Caltanisetta, Palast des Senats, des Erzbischofs u.a. Wissenschaftliche Anstalten: Universität, 1394 gestiftet, 1805 von Ferdinand I. erneuert, damit verbunden sind die Akademie der Künste u. das Museum der Sculpturen, bes. mit Kunstschätzen aus Selinunt u. mit Gemäldegallerie, einer Sammlung Fossilien, Anatomisch-Pathologischem Cabinet, Botanischem Garten etc., Lyceum, Seminar, Adeliges Collegium, 9 Erziehungshäuser; Bibliotheken: die der Universität, die des Fürsten Trabia, die Bibliotheca reale, die des Senats, sämmtlich mit Manuscripten u. anderen Seltenheiten; Archive: das königliche, des Senats, des Erzbischofs, der Peterskapelle. Öffentliche Anstalten: 3 Waisenhäuser, 5 Hospitäler, 15 Versorgungshäuser für Weiber u. Mädchen, Findelhaus, Irrenhaus, Albergo dei Poveri mit Gelegenheit zur Erlernung von Handwerken u. Künsten, 2 Lombards, Quarantäneanstalt. Die Industrie u. der Handel P-s erstreckt sich auf seidene Zeuge, Leinwand, Baumwolle, Gold u. Silberwaaren, Wachs, Getreide, Öl, Manna, Safran, Soda, Schwefel, Seide, werthvolle Steine u. Marmor, Thunfische u. Sardellen. Hier auch eine Bank u. eine Messe (Christinenmesse), Dampfschiffverbindungen mit Neapel, Messina, Malta, Marseille. In P. bestehen 3 Theater (das königliche Carolina für die Opera seria, das Ferdinando u. das der Sta. Cäcilia), ein Concerthaus, eine Buchhandlung, eine Buchdruckerei, Spaziergänge: der Quai Marina mit der darüber liegenden Terrasse, Giardino Inglese, Villa Giulia od. la Flora, der Botanische Garten etc. Merkwürdig ist in P. das Rosalienfest, vom 11. bis 15 Juli, wo die Statue dieser Heiligen in Procession auf einem 70 Fuß langen, 30 Fuß breiten, 80 Fuß hohen, mit Blumen u. Bäumen geschmückten, zu einem Dom umgewandelten, mit einem Orchester versehenen, von 40 Stieren gezogenen Triumphwagen umhergezogen wird. Des Abends brennen 20,000 Wachskerzen im Dom u. die Stadt ist illuminirt. Die Stadt zählt 178,900 Ew., sie sind klein, die Frauen von besonderer Schönheit, außerdem freundlich u. gastfrei u. haben eine seine, selbst wissenschaftliche Bildung. Das Klima von P. ist angenehm, aber im Sommer bedeutend heiß, auch weht im Herbst u. Frühling oft der Sirocco; die Gegend ist fruchtbar, mit südlicher Vegetation, bes. vielen Cactus, deren Früchte ein Hauptnahrungsmittel des gemeinen Volkes bilden. Umgebungen: der Monte Pellegrino, 1963 Fuß über Meer, mit der zur Kirche umgewandelten Grotte der Sta. Rosalie mit der liegenden Statue der Heiligen u. mit kühnem Weg zu ihr über Felsen u. Klüfte weg; das Kapuzinerkloster mit Katakomben, worin die Begrabenen vertrocknet aufrecht in Nischen stehen u. jährlich am 2. Novbr. von ihren Freunden u. Verwandten besucht werden; das Kloster Jesus u. das zerstörte sarazenische Schloß Mare Dolen, die Villen Butera, Serra di Falco, Belmonte, La Favorita, Palast della Zisa mit dem herrlichsten Panorama von P. u. Umgegend auf seiner Plattform, La Cnba (jetzt Kaserne) etc.

P. ist das Panormos der Alten. Es wurde von den Phöniciern od. Phokäern an der Mündung des Orethus angelegt u. zeichnete sich durch seinen trefflichen u. geräumigen Landungsplatz, den besten der ganzen Insel, aus. Hier landeten die Carthager bei ihrem ersten Angriffe auf Sicilien u. blieben fortan Besitzer des Ortes. Schon Polybios unterscheidet die alte u. die neue Stadt. Hier befand sich die Hauptstation der Flotte der Carthager im ersten Punischen Kriege, u. ihre Armee hielt hier Winterlager. Doch eroberten die Römer 254 v. Chr. die Neustadt, erhielten die Altstadt durch Capitulation u. machten sie zur Colonie (Colonia Augusta Panormitanorum). P. kam bei der Theilung des Römischen Reiches an die Byzantinischen Kaiser, wurde 515 n. Chr. von den Gothen erobert u. von Belisar 529 wieder besetzt. Nach der Eroberung durch die Sarazenen, 831, wurde P. Sitz des arabischen Oberstatthalters, welcher sich bald unabhängig machte, doch brachte ihn der Prinz Abul-Abbas um 920 wieder zum Gehorsam. 1072 ergab sich P. an die Normannen, nachdem Robert Guiscard sie 11 Jahre belagert hatte. Die späteren Könige von Sicilien, Roger II., Wilhelm I. u. Wilhelm II. wurden stets in P. gesalbt, u. P. wurde nun Residenz u. kam durch Constanze, Tochter Wilhelms II., an den deutschen Kaiser Heinrich VI.; Kaiser Friedrich II. wurde hier erzogen, hatte hier seinen[570] Hauptaufenthalt u. wurde, wie sein Vater, hier begraben. Manfred, Friedrichs natürlicher Sohn, regierte von P. aus Sicilien erst als Reichsverweser, dann seit 1258 als König; 1266 bemächtigten sich die Franzosen mit der Insel auch P-s, wurden aber 1282 durch die Sicilianische Vesper, welche bei P. begann, vertrieben, worauf Peter von Aragonien sich in P. krönen ließ. P. blieb nun Sitz des Vicekönigs. 1676 wurde die spanische u. holländische Flotte bei P. von der französischen geschlagen. 1693 u. 1726 wurde P. durch Erdbeben sehr beschädigt. 1718 eroberten es die Spanier u. 1720 die Kaiserlichen, welche es bis 1734 behielten, wo es die Spanier wieder nahmen. Ferdinand IV. mußte 1799 vor den Franzosen von Neapel aus hierher fliehen u. residirte hier mit kurzer Unterbrechung bis 1815. 1820 hier ein Aufstand gegen die Constitution von Neapel, welcher bezweckte, Sicilien eine eigene Constitution zu geben; er wurde aber 1821 von den Neapolitanern unterdrückt u. P. später von den Österreichern besetzt. Am 12. Januar 1848 machten die Palermitaner einen Aufstand, worauf am 13. die Regierungstruppen aus dem Fort S. Elmo die Stadt bombardirten. Anfang Februar räumten die königlichen Truppen die Forts, welche vom Volke demolirt wurden. Am 15. Mai 1849 kehrten die königlichen Truppen nach P. zurück. Am 19. December 1850 wurde die Universität wieder eröffnet. Am 4. April 1860 brach in P. in Folge einer von der Regierung angeordneten Durchsuchung des Klosters Gancia nach verdächtigen Mönchen ein Volksaufstand aus, welcher nur mit außerordentlichen Anstrengungen von den Truppen unterdrückt werden konnte, worauf ein großer Theil der Bewohner ins Innere der Insel flüchtete. Am 20. Mai erschien Garibaldi vor P. u. nahm am 26. Mai, vom Volk unterstützt, die Stadt; nur die Citadelle hielt sich noch, von wo aus die Truppen vom 27. bis 31. Mai die Stadt bombardirten, worauf die königlichen Truppen einen Waffenstillstand schlossen u. bald darauf auch die Citadelle räumten, s.u. Neapel (Gesch.). Vgl. Oppermann, Palermo, Bresl. 1860.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 12. Altenburg 1861, S. 569-571.
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