Schnecke [1]

[339] Schnecke, 1) so v.w. Schalthier, mit einschaligem, bes. gewundenem Gehäus; 2) bes. die Schnirkelschnecke od. auch die 3) Erdschnecke. In naturhistorischen Systemen heißen 4) S-n (Cochleae), nach Linné alle einschaligen Weichthiere mit bestimmten Windungen, wodurch die in neuerer Zeit zu den S-n gerechneten Gattungen Limax (Erdschnecke), Aplysia (Seehase), Doris, Scyllaea (Seemoosschnecke), Glaucus (Strahlkieme), so wie auch Patella (Napfschnecke), u. e. a. ausgeschlossen werden; hingegen die Gattung Argonauta, welche Andere zu den Kopffüßlern rechnen, hinzugethan wird; 5) nach Cuvier die Weichthierklasse der Bauchfüßler (Gasteropoda), Thiere, welche sich durch eine sohlenartig ausgebreitete Bauchseite auszeichnen, so daß das Thier durch Zusammenziehen u. Ausdehnen derselben langsam fortkriechen, od. steht sie senkrecht empor, schwimmen kann. Der meist deutliche Kopf u. die Bauchscheibe werden nicht vom Mantel umhüllt, aber in demselben aufgenommen, wenn das Thier sich ins Gehäuse zurück- od. sich zusammenzieht. Der Kopf hat 2 od. 4 einziehbare Fühler (Tentacula), von denen die oberen stets am Ende, an der Seite od. Basis ein Auge tragen. Der Mantel bildet theils ein flaches Schild auf dem Rücken, theils einen langgestreckten, spiralig zusammengerollten Kegel. Im ersteren Falle bildet sich gewöhnlich nur unter dem Mantel ein Kalkschild, in letzterem Falle sondert erster nach Außen eine Kalkschale, nämlich das sogenannte Schneckenhaus (Testa), ab. Dieses Haus od. wenigstens den Anfang desselben bringt schon das Junge mit, wenn es aus dem elastisch aufspringenden Ei kriecht, u. wirst es nie ab, sondern vergrößert es vielmehr, indem es immer neuen Bildungsstoff an dem vorderen freien Rande der Schale (Mündung, Apertura) ansetzt, u. zwar so, daß jede folgende Windung (Anfractus) immer weiter wird als die vorhergehende, ja die letztere oft so weit ist, daß man die übrigen kaum bemerkt. Die Windungen gehen alle um eine Achse, welche theils ein freier Kanal ist, wo dann seine obere Windung, Nabel (Umbilicus), od. wenn sie offen ist, Nabelloch (Foramen) heißt, theils um eine durch die Berührungen der Windungen entstehende Säule (Spindel, Columella, Rhachis). Die beiden nach Außen u. gegen die Achse mit ihren beiden Enden gerichteten Ränder der Mündung heißen Lippen (Labia) u. die zuweilen aufgeworfene Wulst am Rande Mundsaum (Peristomium). Dieser besteht aus dem Spindel- od. Innenrand (Margo columellaris s. internus) u. dem Außenrande (Margo externus). Die Grenze beider ist nur bei den gekielten u. zwar durch den Kiel angegeben. Alle Schneckenhäuser sind mit einer dünnen Rinde od. Haut (Epidermis, Periosteum) überzogen, welche stets gefärbt ist, ihnen den Glanz u. mehr od. weniger auch die Farbe gibt; die Zeichnung ist dagegen in der Regel der Schalensubstanz selbst eingebeizt. Zuweilen ist diese Rinde auch mit Härchen od. Borsten besetzt. Naht (Commissura, Sutura) nennt man die von der Spitze bis zur Mündung herablaufende Spirallinie, welche durch das Aufsitzen der Umgänge gebildet wird. Da sich die Windungen aber oben u. unten berühren, so gibt es eine Ober- u. Unternaht (Commissura superior et inferior). Nacken (Cervix) nennt man das Wandstück des letzten Umganges, welches sich nach vorn in den Außenrand endigt, rückwärts sich etwa einen halben Umgang weit erstreckt; Schlund (Faux) ist der zunächst oberhalb der Mündung liegende Raum u. Gaumen (Palatum) ist die innen, hinter dem Außenrande liegende innere Seite des Nackens, der zuweilen mit Lamellen besetzt ist. Die Mündung kann bei manchen S-n mittels eines Deckels (Operculum) geschlossen werden, welcher einer Scheibe gleicht, mit dem Gehäuse wächst, am Ende des Rückens befestigt ist u. auf die Mündung genau paßt, wenn das Thier sich zurückzieht. Die S-n, welche keinen Deckel haben, können sich wenigstens im Winter einen Deckel (Winterdeckel, Epiphragma) bereiten, indem sie im Spätherbste, wenn sie sich[339] unter Moos u. dergleichen verkrochen u. in das Gehäuse zurückgezogen haben, so viel Kalk ausscheiden, daß dadurch ein fester Kalkdeckel entsteht. Ist übrigens die letzte Windung durch Größe u. Wölbung sehr ausgezeichnet, so heißt sie Bauch (Venter), u. die übrigen Windungen heißen dann im Gegensatze Gewinde od. Zopf (Spira); hält man das Gehäuse senkrecht, die Mündung von sich abgekehrt, dann geht die Richtung der Windung gewöhnlich von links nach rechts; doch kommt es auch umgekehrt vor, u. dann heißen sie links-, im ersteren Falle rechts gewunden. Das Thier ist bald nackt, d.h. ohne Gehäuse, od. mit so kleinem, daß dieses das Thier nicht aufnehmen kann, od. es ist umschlossen, d.h. es hat ein Gehäuse zur Aufnahme des Thieres. Fuß (Pes) nennt man den ganzen Theil des Körpers, welchen das Thier herausstecken kann, richtiger jedoch nur die Bauchsohle (Solea). Halskragen (Collare) ist der an der Mündung des Gehäuses sichtbare Rand des Mantels, welcher die kalkausscheidenden Organe enthält. Bei den umschlossenen S-n tritt der Mantel zum Theil aus dem Gehäuse hervor, bei den nackten bildet er ein Schild (Clypeus) auf dem Rücken. Die Eingeweide stecken alle im Mantelsacke u. zwar in dessen Spitze, die Leber, der Darm u. zuletzt die Athemhöhle, neben welcher auch das Herz u. die Niere (ein kalkhaltiger Sack) liegen. An der Seite steigt der Mastdarm herab, so daß After u. Athemöffnung in der unteren Ecke neben einander liegen. Im Munde befinden sich Kalkzähne u. eine mit zahlreichen seinen harten Spitzchen besetzte Zunge. Das Herz hat gewöhnlich nur eine, selten zwei Vorkammern u. erhält das Blut aus Kiemen od. Lungen. Die Kiemen sind freie od. in einer eigenen Kiemenhöhle eingeschlossene kammförmige Athemwerkzeuge, welche zum Athmen unter dem Wasser dienen. Auf den Bau dieser Schneckenhäuser sind mehre Systeme der Naturgeschichte der S-n gegründet (z.B. des Linné), u. durch die wehr cultivirte Petrefactenkunde sind diese Häuser neuerdings wichtiger geworden. Versteinert kommen S-n nämlich fast häufiger vor als andere Thiere. Dem Geschlecht nach sind sie entweder Zwitter (wo sie sich dann wechselseits, oft viele zusammenhängend, begatten), od. getrennt. Einige Landschnecken gebrauchen zum Reiz vor der Begattung den Liebespfeil, d.i. einen kalkigen, mit Knorpelschleim überzogenen, spitzigen, 3–4seitigen Körper, welchen sich die sich wechselseitig begattenden Gartenschnecken in die Brust stoßen, wo er dann aus der Höhle, worin er vorher lag, abfällt. Die meisten S-n haben ein sehr zähes Leben (gefrorne Ackerschnecken werden ohne Schaden auf dem heißen Ofen aufgethaut, Monate lang ohne Nahrung gebliebene u. vertrocknete behalten noch ihr Leben) u. eine große Reproductionskraft. Fraß: junges Gras, die Sprossen her Saat, Salat u. andere weiche Blattpflänzchen (wodurch die Landschnecken auf Feldern u. in Gärten so großen Schaden thun, s. Schneckenfraß), Schwämme. Die Vermehrung der S-n ist groß u. geschieht meistens durch Eier; wenige bringen lebendige Junge zur Welt.

Mehre S-n werden gegessen, z.B. die Weinbergsschnecke (Helix pomatia), das Midasohr (Auricula Midas), die große Kreiselschnecke (Trochus niloticus), der Goldmund (Turbo chrysostomus) u.a. Sie werden erst vom Juli an hierzu gut, u. die zwei- u. dreijährigen sind die besten. Das Alter kann man leicht am Häuschen erkennen. Man kann die S-n bes. ziehen u. mästen, indem man sie auf beraste, mit Moos belegte Plätze (Schneckengärten) bringt, um welche man einen Wassergraben od. ein Drahtgitter anbringt. Auch bringt man in solchen Gärten wohl kleine Berge von lockerer Erde u. Steinen an u. nennt die Gärten dann Schneckenberge, od. zieht sie in eigenen Schneckengruben. Das Futter besteht aus allerhand großblättrigen Kräutern, Eschen- u. Erlenlaub u. Kohl. Das Füttern geschieht nur zur Regenzeit. Im Oct. werden sie gesammelt. Ist das Haus glänzend u. der Deckel gewölbt, so sind sie sehr fett. Nach Nürnberg werden die S-n jährlich in großen Säcken u. nach Wien aus Schwaben zu Schiff gebracht, vorzüglich stark wird der Handel aus St. Gallen, Zürich u. Bündten nach Italien betrieben. Eingepackt werden die S-n in starke Fässer, deren jedes 1–11/2 Centner enthält. Auf der Reise vertragen sie eher Frost als Wärme u. Nässe. Ihre Bereitungsart ist folgende: die S-n werden Abends eingeweicht, damit man sie den andern Morgen aus den Häusern nehmen kann; dann nimmt man das Unreine aus den S-n, putzt sie ab, wäscht u. kocht auch die Häuser ab. Man macht dann einen Teig von Butter, geriebener Semmel, Majoran, Thymian, Muskatnuß u. Pfeffer. Wenn die gereinigten S-n wieder in ihre Häuser gesteckt sind, werden dieselben mit dem erwähnten Teige zugestrichen u. das Ganze in Fleischbrühe gekocht. Auch kann man die S-n rösten; sie werden zuerst in heißes Wasser geworfen u. gesotten, dann aus den Häusern gezogen, ausgenommen u. eben so wie die Häuser mit Salzwasser von Schleim gereiniget. Dann schmort man die S-n in Butter mit etwas Salz, Pfeffer u. Zwiebeln u. gießt etwas Erbsenbrühe hinzu. Sind sie kalt geworden, so werden sie mit Butter, Sardellen, Chalottenzwiebeln, Petersilie u. Pfeffer in die Häuser gesteckt u. diese kurze Zeit auf dem Roste gebraten. Auf eine ähnliche Art zugerichtet u. mit Erbsenbrühe gekocht, werden die S-n auch als eine Sauce genossen. Man gebraucht die S. größtentheils wegen ihres Eiweiß u. Gallertgehaltes als diätetisches) Mittel bei Auszehrungskrankheiten, nämlich als Schneckenbrühe (Schneckenbouillon), od. als Schneckenmilch, selbst auch roh. Das Schneckendecoct (Decoctum helicum), wird nach der hannöverischen Pharmakopöe so bereitet: 6 Stück Weinbergsschnecken, geraspeltes Hirschhorn, geperlte Gerste, Mannstreuwurzel, von jedem 1 Drachme, mit 2 Pfund Wasser bis auf 1 Pfund eingekocht, nach Durchseihen der Flüssigkeit wird 1 Unze Frauenhaarsyrup zugemischt. Jede Portion wird mit gleicher Quantität Milch vermischt. Die Weinbergsschnecke ist auch hier die gebräuchlichste. Außerdem wendet man die S-n äußerlich gegen Geschwüre etc. an, die schwarzen S-n empfiehlt man auch gegen Sommersprossen. Die Purpurschnecke (Purpura patula) lieferte den Alten den Purpur (s.d. 1); auch Cassidaria echinophora, Janthina u. Aplysia liefern Purpur. Mehre Porzellanschnecken (Cypraea) dienen als Münze od. zu den Denkschnüren (Wampums) der Irokesen, zu allerlei Kunstarbeiten, als Löffel, Dosen etc., große Sturmhauben (Cassis) zu Cameen, die große Streitmuschel (Strombus gigas) zum Einfassen der Blumenbeete; officinell war sonst der Deckel der aufgeblasenen Stachelschnecke (Murex infiatus) unter dem Namen Räucherklaue (Unguis odoratus) u. dient noch in Ostindien zum Räuchern, das Tritons- od. Kinkhorn[340] (Tritonium variegatus) endlich manchen Völkern als Trompete.

Die S-n werden eingetheilt in Lungenschnechen u. Kammkiemer. I. Lungenschnecken (Pulmorata): A) Landschnecken mit 4 Fühlern, deren 2 länger sind u. am Ende die Augen tragen; die Familie der Nacktschnecken (Limacina) u. Schnirkelschnecken (Helicina). B) Landschnecken mit 2 Fühlern, an deren Grunde die Augen sind; die Familie der Deckellandschnecken (Operculata): C) Süßwasserschnecken mit 2 Fühlern, an deren Grunde die Augen: die Familie der Süßwasserlungenschnecken (Limnaeacea). II. Kammkiemer (Pectinibranchia s. Ctenobranchia); A) keine Athemröhre, nur eine zur Kiemenhöhle führende Hautfalte; Mündung ohne Kanal od. Ausschnitt: die Familie der Flußkiemenschnecken (Potamophila), der Schwimmschnecken (Neritocca), der Kreiselschnecken (Trochoïdea). B) Der Rand des Mantels in einen Kanal verlängert, welcher in einem Ausschnitte od. Halbkanäle der Schale liegt: die Familie der Ampullarien (Ampullariae), Kegelschnecken (Conoidea), Aufgerollten (Involuta), Faltenschnecken (Volutacea), Flügelschnecken (Alata), Purpurschnecken (Purpurifera). C) Dachkiemer (Pomatobranchia), Kiemen am Rücken, rechts, vom Mantel bedeckt, der gewöhnlich eine kalkige od. hornartige Schale bedeckt, selten ein Schneckenhaus bildet; die Gattungen Seehase (Aplysia), Blasenschnecke (Bulla) etc. D) Nacktkiemer (Gymnobranchia), Kopf wenig deutlich, kein Gehäuse, Kiemen frei am Rücken; die Gattungen Doris, Tritonia, Thetis, Scyllaea, Tergipes u.a. E) Seitenkiemer (Hypobranchia), Sohle breit, Kiemen blattartig in einer Reihe längs der rechten Seite od. auf dem Rücken, meist nackt; die Gattungen Pleurobranchus, Ancylus etc. F) Schildkiemer (Aspidobranchia), den Dachkiemern ähnlich, die Kiemenhöhle mitten am Rücken od. links, an ihr 2 kammförmige Kiemen, Rücken mit schildförmiger od. schwachgewundener Schale: die Gattungen Seeohr (Haliotis), Ritzschnecke (Fissurella), Spaltschnecke (Emarginula). G) Kreiskiemer (Cyclobranchia), den Seitenkiemern ähnlich, aber die blattförmigen Kiemen sitzen ringsum unter dem Rande des Mantels; die Gattungen Käferschnecke (Chiton), Napfschnecke (Patella) u.a. H) Röhrenschnecken (Tubicolae), Mantel länglich, wurmförmig, eine allmälig sich erweiternde, gebogene, mit ihren Windungen sich nicht berührende Kalkschale absondernd: die Gattungen Meerzahn (Dentalium), Wurmröhre (Vermetus), Schotenmuschel (Siliquaria), Magilus u.a.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 15. Altenburg 1862, S. 339-341.
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