Vlämische Sprache u. Literatur

[632] Vlämische Sprache u. Literatur (Flamändische, Flandrische S.u.L.). Die Sprache der ursprünglich in Belgien gesessenen u. noch an 2/3 der Landesbevölkerung ausmachenden Deutschen in Flandern, Nordbrabant (Antwerpen), Ostbrabant u.' einem Theil von Südbrabant, ferner in einzelnen Gemeinden der Districte Waremme u. Landen in der Provinz Lüttich, Enghien, Marcq, St. Pieters-Capelle, Bievene, Deux-Acres im Hennegau etc., ist ein Zweig des niederdeutschen Astes u. ursprünglich dieselbe mit der Holländischen Sprache, von welcher sie sich nur dadurch unterscheidet, daß sie seit dem Ende des 16. Jahrh. aufgehört hat Schriftsprache zu sein u. eine Literatur zu haben, während die Holländische sich fortbildete; wogegen die Vlämische den Vorzug hat, daß sie sich reiner von fremden, bes. französischen Elementen erhalten hat. Das erste Eindringen des Französischen datirt aus dem Ende des 14. Jahrh., wo (1384) Flandern an die Herzöge von Burgund kam u. die Französische Sprache Hof- u. Gerichtssprache wurde. Obschon nun nach kaum 100jähriger Dauer der fremden Herrschaft diese deutschen Lande (1477) wieder deutsche Herrscher an den Habsburgern erhielten, so brachte dies doch für die Landessprache keine Änderung hervor, namentlich da die Niederlande bald an die spanische Linie des Hauses Habsburg kamen. Aber Volkssprache blieb das Niederdeutsche, u. selbst 1568 verlangten die Stände von Brabant die von den spanischen Machthabern vorgelegten Actenstücke, so wie die Gesetze in der Landessprache. In Verruf kam die Niederdeutsche Sprache zur Zeit des Aufstandes der Niederlande bes. dadurch, daß sie von dem katholischen Clerus mit dem Protestantismus identificirt wurde u. daher aufhörte Trägerin der Literatur zu sein. Zu vorübergehender Ehre u. Würde kam die Vlämische Sprache wieder unter der Regierung der Kaiserin Maria Theresia, welche sie zu einem Gegenstande des Schulunterrichts machte, allein nachdem die österreichischen Einrichtungen im Lande bereits durch die Neuerungen des Kaisers Joseph II. an Beliebtheit verloren hatten, wurde dem Germanismus hier durch die französische Occupation zu Ende des 18. Jahrh. ein gesetzliches Ende gemacht. Nach dem Sturze der französischen Herrschaft kam Belgien (1814) an Holland, einen germanischen Staat, u. alsbald erließen nicht nur die Syndiken der Brüsseler Gemeinde einen Aufruf an das Vlämische Volt zur Festhaltung an ihrer Nationalsprache, sondern auch die neue Regierung trug derselben mehr Rechnung. Schon 1814 durften die Vlaminger (Flamänder, Flanderer) die Notariatsacte in ihrer Landessprache in die Registratur niederlegen; 1819 durften sich die Eingesessenen nach ihrer Wahl der Landessprache vor Gericht bedienen; 1823 erging die Verordnung, daß in den reinvlämischen Provinzen nur niederdeutsch amtliche Geltung haben sollte. Indessen hatte die Vlämische Sprachbewegung (Vlamismus) auch ein gelehrtes Haupt an dem Dichter u. Philologen Joh. Franz Willems (s.d.) bekommen, welcher in seinem Aufruf an die Belgen seine Volksgenossen aufforderte sich ihrer Sprache, gegenüber den immer fortdauernden Unterdrückungsversuchen von Seiten der Wallonen, anzunehmen u. sich dem verwandten Holländischen enger anzuschließen. Aber damals waren die politischen u. confessionellen Hindernisse noch zu groß, als daß Willems etwas Wesentliches hätte ausrichten können. Die Liberalen, dem Wallonen- u. Franzosenthum zugeneigt, wollten von der holländischen Despotie nichts wissen; die Clerisei schreckte die Vlaminger, gute Katholiken, mit den Holländern als Protestanten, so daß von dieser Seite sogar auf eine sprachliche Trennung für die verschiedenen Confessionen hingewirkt wurde, so nämlich, daß das Holländische die protestantische, das Vlämische die katholische Sprache sein sollte. Der politische u. confessionelle Haß gegen Holland behielt im Lande die Oberhand, u. gegen die Vlämische Sprache u. gegen die in derselben verfaßten Schriften zeigte sich nicht nur Gleichgültigkeit, sondern sogar Mißachtung. Ja, nach der Revolution von 1830 kam die Französische Sprache in Belgien wieder zur ausschließlichen Herrschaft; die Vlämisch Redenden dagegen wurden nicht allein wegen ihrer Sprache als einer gemeinen verhöhnt, sondern auch als Orangisten politisch verdächtigt. So schien der Vlamismus unterdrückt. Aber als Willems 1834 einen neuen Aufruf an die Vlaminger zur Thätigkeit für ihre Sprache ergehen ließ, offenbarte sich ein hohes Interesse in der Nation. Mit ihm vereinigten sich gelehrte Vlaminger, wie Ledegank, Blommaert, Serrure, Van Duyse u.a., u. gaben periodische Schriften in Vlämischer Sprache heraus; zur Hebung der Sprache wurden in Gent u. Antwerpen Vereine u. nach deren Muster in anderen Städten Genossenschaften gebildet, denen sich bes. die vlämische Jugend anschloß; es erschienen Gedichte u. andere literarische Werke in Vlämischer Sprache; ja 1840 wurde eine Petition bei der Repräsentantenkammer eingereicht, um Gestattung der Verhandlung aller provinziellen u. örtlichen Geschäfte des Vlämischen Sprachgebietes in Niederdeutscher Sprache; um Anweisung für die dortigen Reichsamtshalter bei ihren Verhandlungen mit [632] Gemeinde, wie mit den Einzelnen sich der Sprache derselben zu bedienen; um Einführung des Vlämischen als Gerichtssprache; um Errichtung einer flamändischen Abtheilung bei der Brüsseler Akademie zur Ermunterung niederdeutscher Literatur; endlich um Gleichstellung des Vlämischen mit dem Französischen an der Universität in Gent u. in den anderen Lehranstalten aus Flamändischem Gebiet. Da die Kammern u. das Ministerium durch die Gleichstellung des Vlämischen eine Spaltung fürchteten, so wurde mit der Gewährung der Flamänder gezögert. Es kam dazu, daß unter den Vlamingen selbst ein Hader ausgebrochen war. Nämlich um einen schon lange geführten Streit über die vlämische Orthographie zu schlichten, war 1836 von dem Ministerium des Innern ein Preis ausgesetzt worden, u. die Preisrichtercommission entschied sich 1839 für eine Schreibweise, welche sich der des Holländischen sehr näherte. Aber die Eifrigen wollten davon nichts wissen. Zur Beilegung des Streites wurde im October 1841 der Sprachcongreß in Gent gehalten, dessen Mitglieder, vlämische Schriftsteller u. Abgeordnete der literarischen Gesellschaften, sich für die Anerkennung des Willemsschen Systems erklärten, worauf die Regierung dasselbe am 1. Januar 1844 als Norm für gewöhnliche Schriften feststellte. Eine neue Erklärung für dieses System wurde auf dem Vlämischen Verbindungsfest in Brüssel am 11. Februar 1844 abgegeben, wo die Städte von Antwerpen, Brabant, Flandern u. Limburg u. die meisten literarischen Gesellschaften vertreten waren. Nichts desto weniger dauerte die Uneinigkeit unter den Vlamingen fort, u. zu dem confessionellen u. politischen Grunde des Zwiespaltes kam auch noch der eifersüchtige Localgeist zwischen Gent u. Antwerpen, Brüssel u. Löwen. Dagegen trug die Regierung den Wünschen der Vlamingen Rechnung in dem Schulwesen; bei den Concursprüfungen an den Gymnasien wurde den Zöglingen erlaubt sich nach eigener Wahl des Vlämischen od. Französischen zu bedienen; 1843 wurde zu Lier eine flamändische Normalschule, 1844 in Gent ein Lehrstuhl für Flamändische Literatur errichtet u. seit mehren Jahren ertheilt die Regierung einen besonderen Preis für das innerhalb eines Trienniums hervorragendste literarische Talent.

Weil das Vlämische als erneute Schriftsprache noch sehr jung ist, ist auch die neue Vlämische Literatur noch nicht von großer Ausdehnung. Ausgaben alter Vlämischer Dichtungen gibt es von Blommaert (Oude vlaemsche gedichten, 1838 ff., u. Teophilus, 1836), von Snellaert (Oude vlaemsche liederen, 1848), von Willems (Reineke Vos, 2. A. 1850), von David u. Bormans (Maerlants Werke. 1858 ff.). Gedichte schrieben Ledegank, Prudens Van Duyse, De Laet, Dautzenberg, Van Beers, der Volksdichter Theodor van Ryswijk; vlämische Dichterinnen sind Frau Courtmanns, Fräulein d'Huygehelaere, Maria Doolaeghe u. bes. die beiden Schwestern Loveling. Unter Nolets de Brauwere Gedichten ist auch ein Epos (Ambiorix). In der erzählenden Poesie, dem Roman u. der Novelle, steht oben an Henr. Conscience (s.d.), einer der Gründer der neuen Vlämischen Literatur, welcher den Namen der Vlämischen Literatur auch ins Ausland getragen hat; neben ihm schrieben historische Romane De Laet (Das Haus von Wesembeke), Baron de St. Genois, Ronsse, Ecrevisse, Sleecks, Renier u. Snieders; Novellen bes. Felix Bogaerts (Die alte Zeit in Belgien). Im dramatischen Fache versuchten sich Van Duyse, Roelants Van Peene u. Ondereet, Vorsteher einer flamändischen Schauspielergesellschaft in Gent, wo das Théâtre Minard als Nationaltheater besteht; auch in Brüssel ist jetzt ein ständiges vlämisches Schauspiel. Die reichste Ernte der Vlämischen Literatur findet sich in den Zeitungen u. Zeitschriften, welche von den literarischen Gesellschaften ausgehen. Fast jede vlämische Stadt hat ein od. mehre Zeitungen od. Anzeigeblätter. Die bedeutendste Zeitschrift war das von Willems von 1837 bis 1846 geleitete Belgische Museum für niederdeutsche Sprachkunde, Alterthumswissenschaft u. Geschichte; gleichfalls nur kurze Dauer hatten das von Snellaert herausgegebene Kunst- u. Literaturblatt für Kunst u. Wissenschaft der Gegenwart u. der katholische 1840 von David gegründete Middelaer, für Sprachkunde, Geschichte u. Unterrichtswesen; die Zeitschriften Vlämisch Belgien, redigirt von De Laet u. bestanden bis 1846, u. die Bruderhand, herausgegeben von Wolf, erstrebten Anschluß an Deutschland, gingen aber bald nach ihrer Gründung wieder unter. Auch Serrure's Vaderlandsch Museum hielt sich nur drei Jahre (1855–58) u. auch die 1862 aufgetauchte Nederduitsche Maendschrift, fristet nur ein kümmerliches Dasein. Es fehlt nicht an Talenten, wohl aber am geneigten Publicum. Wenn auch die Sprachrechte der vlämischen Bevölkerung in den officiellen Kreisen immer zu größerer Anerkennung gelangen, ist doch von einem eigentlich literarischen Aufschwung nur wenig sichtbar. Von gelehrten Schriften der Vlamingen sind bes. historische Arbeiten von Blommaert, Van Duyse, Canaerts Beiträge zur Kenntniß des alten Strafrechts in Belgien, Snellaerts Abriß einer Geschichte der deutschen Literatur u. die philologischen Abhandlungen u. Erläuterungsschriften vom Lütticher Professor Bormans zu nennen. Vgl. Willems, Sur la langue Flamande, Brüssel 1819; De la langue Belgique, ebd. 1829; De Westreenen de Tiellandt, Recherches sur la langue nationale de la majeure partie du royaume des Pays-Bas, Haag 1830; Vandenhoven, La langue Flamande, Brüssel 1844; Lebrocquy, Du Flamand dans ses rapports avec les autres idiomes d'origine teuton., ebd. 1845 ff. An neueren Schulgrammatiken fehlt es nicht (die beste ist die von Van Beers), aber streng wissenschaftliche Bedeutung ist keiner zuzusprechen. Dasselbe gilt von den lexikalischen Arbeiten, das Publicum bedient sich vorzüglich der Wörterbücher von Olinger (4, A. 1852–53) u. von Sleecks u. Van de Velde (1860). Die genaueste Kenntniß der neuesten vlämischen Literaturgeschichte bietet Ida von Düringsfeld, Von der Scheide bis zur Maas. Lpz. 1861, 3 Bde.

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Pierer's Universal-Lexikon, Band 18. Altenburg 1864, S. 632-633.
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