Zoroaster

[698] Zoroaster (Zerduscht, Zarathustra, d.i. größter Liederdichter), der Vervollkommner des Parsismus u. (nach der Ansicht der Griechen) das Haupt der Magier, lebte nach Eudoxos u. Aristoteles 6000 Jahre vor Plato; nach And. 5000 Jahre vor der Einnahme Trojas; nach Rhode gegen 2000 Jahre, nach Haug in der. zeit von 2000 bis 1500 v. Chr.; nach Xanthos 600 Jahre vor dem Zuge des Xerxes gegen Griechenland; nach And. 600–500 v. Chr. Auch das Vaterland des Z. ist unbestimmt; nach Ein. war er ein Baktrer, nach And. aus Assyrien, nach And. aus Pamphylien od. Prokonêsos; in den Zendbüchern wird sein Vaterland Hedan od. Hedin osch genannt, welches wohl im alten Baktrien lag. Sein Vater hieß Storoschasp (Oromasdes), seine Mutter Dogdo. Nach der Sage ließ der König seines Geburtslandes den Z. als neugeborenes Kind zu sich bringen, um ihn, da Großes u. dem Bestehenden Verderbliches von ihm geweissagt worden war, zu ermorden, aber da er das Schwert aufgehoben habe, sei ihm der Arm verdorrt. Darauf soll Z. den Himmel besucht u. dort das heilige Feuer u. das Wort des Lebens empfangen haben, dann in die Hölle gestiegen sein, sich endlich nach Erfüllung seiner Bestimmung auf das Elbursgebirg zurückgezogen u. sich daselbst ganz der Betrachtung u. Andacht gewidmet haben. Er soll drei Gemahlinnen gehabt haben, die beiden ersten gebaren ihm drei Söhne u. drei Töchter; die drei Söhne waren Içat-vaçtra, Hvare-cithra u. Urvatat-naro, von deren erstem die Priester, vom zweiten die Krieger, vom dritten die Ackerbauer abstammen sollten; seine dritte Gemahlin war Huo; mit ihr pflog er drei Mal Umgang, aber jedesmal entging ihm die Zeugungskraft, welche der Ized Anahid bis zur Erfüllung in dem See Kauçuga aufbewahrte; daraus ging dann der Sosiosch hervor, geboren von einer Jungfrau, welche beim Baden in jenem See befruchtet worden war. Nach den heiligen Liedern (Gathas) der Parsen war er ein Feuerpriester, welcher die väterliche Religion verbesserte u. den Zend-Avesta verfaßt haben soll, wenigstens ist in demselben von ihm stets die Rede, doch so, daß eine rein historische Betrachtung seiner Persönlichkeit sehr erschwert ist; er erscheint als Mittler zwischen Ormuzd, dem guten Gotte, u. den Menschen, er erhielt die Lehre Ormuzd's geoffenbaret u. verkündigte dieselbe seinem Volke, indem Ormuzd ihm bes. dazu die Gabe der Rede u. der Weissagung verlieh; dafür genoß er bei den Seinen eine fast göttliche Verehrung, galt als ein göttliches Wesen u. Haupt u. Herr der irdischen Welt, als welcher er der Hochheilige genannt wird. Sein eifrigster Verehrer unter den Sterblichen, Gehülfe bei seinem Werke u. Verbreiter seiner Lehre war Kai Guschtasp (Kava Vistaçpa, welcher nicht mit Darius Hystaspis zu identificiren ist); besondere Anhänger u. Freunde von ihm waren Freschoster u. die Haëcatacpa's u. Degamacpas. Sein Verdienst um die alte iranische Religion scheint gewesen zu sein, daß er die Vielheit der guten (Ahuras od. Mezdas) u. bösen Geister (Khaofester od. Daëvas, Dews) in der älteren Religion auf eine Einheit zu bringen suchte u. ihre Lehre mehr vergeistigte, namentlich scheint er den Gegensatz des Guten u. Bösen mehr in die Gesinnung verlegt zu haben.

Die Zoroastrische Lehre ist nach den heiligen Liedern des Zend-Avesta folgende: Ursprünglich waren zwei Geister, ein in Gedanken, Worten u. Thaten guter, u. ein ebenso böser; diese zusammen schufen als Erstes das Dasein u. die Vernichtung des Daseins. Jeder von beiden hat seine Lehren u. Gesetze (Urvatas), welche sie offenbaren. Je nachdem die Menschen Einem von Beiden zu folgen wählen, darnach sind sie fromm od. böse. Der gute Geist, Ormuzd (Ormazd, eigentlich Ahuramazda, d.i. lebendiger Weisheitsspender), ist der heiligste Geist, der Allwissende, Schöpfer, Wahrhaftige, Allmächtige, unter dessen Herrschaft die ganze Welt steht; er schuf die Sterne u. weist ihnen ihre Bahnen, läßt die Stürme wehen, schuf Wärme u. Kälte, Morgen, Mittag u. Nacht; bereitete die Erde (daher sie seine Tochter heißt) mit allein Guten, was darauf ist, u. regiert sie; erzeugt das Leben, u. wie er selbst Weisheit u. Verstand ist, so ist er auch der Vater der guten Gesinnung, Reinheit u. Wahrheit sind sein Werk; er verleiht irdische Macht, Gesundheit u. Unsterblichkeit; er beschützt die Frommen u. kennt alle Sünden, u. wenngleich die Gottlosen vernichtet werden sollen, so ist er ihnen doch auch gnädig, denn daß sie leben ist seine Gnade. Der böse Geist, eigentlich Atem-mano (d.i. schlechte Gesinnung) od. Bendvo (d.i. Peiniger), erst in späteren parsischen Büchern Ahriman (eigentlich Augro-mainjus, d.i. verderblicher Geist), ist der Urheber der Daëvas u. der Mörder des zeitlichen Lebens; sein ganzes Wesen ist Lüge u. sein Werk der Zweifel, aus Lüge u. Zweifel geht alles Böse hervor, was die Menschen thun; er gibt die bösen Lehren, welche der reinen Schöpfung schaden, macht die Felder unfruchtbar u. fügt den Reinen Übles zu. Nach anderen Lehren in den heiligen Liedern schuf Ormuzd beide Geister, der böse fiel aber ab, war aber dennoch dem Ormuzd unterthan; nach noch andern entstehen die Daëvas erst aus den bösen Gesinnungen u. Thaten der Menschen. Die sechs guten, dem Ormuzd beigeordneten Geister, Amschaspands (eigentlich Amescha's cpeñta's, d.i. unsterbliche Heilige) sind in der Zoroastrischen Lehre nur als Ideen vorhanden u. wurden erst später ausgebildet, personificirt u. zu Genien gemacht; sie heißen: Bahman (Vohu-mano, d.i. die gute Gesinnung), Sohn u. Freund Ormuzd's, ist Lehrer der wahren Wege des Heils für das irdische u. geistige Leben; Ardibehescht (Aschem-vahista, d.i. beste Reinheit), Lehrer der Wege des guten Geistes u. Schützer der einzelnen Güterstücke auf Erden; Schahrevar (Khschathra-vairja, d.i. vortreffliche Herrschaft), Personification der irdischen Macht u. Größe, des irdischen Glücks u. Segens; Spendarmat (Spenta-Armaiti, der Platz um den häuslichen Herd), Schutzgeist der Erde, auch der Genius des Glaubens u. der Andacht; Chordad (Haurvatat, d.i. Ganzheit, Gesundheit) u. Amerdad (Ameratat, d.i. Unsterblichkeit), gewöhnlich zusammengenannt, Schöpfungen Ormuzds, Personificationen der Lebenskraft der Natur u. Verleiher unaufhörlichen Gedeihens an diese gegenwärtige Welt. Auch Ahriman war von sechs bösen Geistern umgeben, den erst in spätern Büchern genannten Akoman, Andar, Caval, Naoghaithi, Tarisch u. Zarisch, die Gegensätze zu den Amschaspands. Der Wohnort Ormuzds mit seinen guten Geistern ist Gorotman (Garo-demâna, d.i. glückliche, heilige Wohnung), ein überirdischer Ort, wohin auch Alle kommen, welche sich in dem irdischen Leben nicht der Macht des Bösen übergeben[698] haben; sie gelangen dahin über die Brücke Tschinewad (Csehinvat, d.i. Richterbrücke). Der Wohnort Ahrimans u. seiner bösen Geister ist Drugodemana (d.i. Lügenort) od. in den späteren Zendbüchern Duzaka (Dusakh), wohin die kommen, welche einen schlechten Glauben haben u. böse denken, reden u. thun. Verehrungswürdig sind bes. das Feuer u. die Erde. Das Feuer gilt als die sichtbare Macht des Lichtes u. durch das Anzünden des Lichtes wird Ormuzd verehrt u. erfreut; dazu waren Tempel u. Altäre errichtet u. die Magier (s.d.) als Priester hatten diesen Dienst zu besorgen. Die Erde, welche als Armaiti zu einem Amschaspand geworden ist, ist in einzelne Güterstücke (Gaëthas) getheilt, welche Ormuzd geschaffen hat u. welche rein erhalten u. von den Frommen bebaut werden sollen. Die Seele der Erde (Goschurun) ist der Lebensgeist, welcher alle Wesen durchdringt. Die Verehrer Ormuzds (Ashava's, d.i. Reine) u. Ahrimans (Dregvao's, d.i. Lügner) bekämpfen sich unaufhörlich. Ein gleicher Kampf findet zwischen der guten u. bösen Geisterwelt statt, welcher von verschiedenem Erfolg ist, bis endlich Abriman mit seinem Reiche vernichtet wird, worauf das Reich Ormuzds ungestört ewig fortdauert. Später bemächtigte sich auch die metaphysische Speculation der Zoroastrischen Lehre u. bildete namentlich das Dogma von Zervane Akerene, der endlosen Zeit, aus, um unter diese als eine höhere Einheit den alten Dualismus zu bringen, indem hier Ormuzd u. Ahriman als Söhne von Zervane genannt werden.

Der Parsismus als Religionssystem, wie er im Persischen Reiche zur Zeit der Achämeniden u. Sassaniden galt, hatte sich erst später auf Grund der Zoroastrischen Lehre ausgebildet A) Kosmologie u. Anthropologie. Die Weltdauer ist auf 12,000 Jahre angenommen, welche sich in vier Perioden zu 3000 Jahren theilen. Im Anfang war Ormuzd im Lichte, Ahriman in der Finsterniß, Beide getrennt von einander durch einen leeren Raum. Als Ahriman die Existenz Ormuzd's gewahrte, zog er gegen denselben, um ihn zu vernichten. Um sich aber gegen ihn zu halten, schuf Ormuzd Wesen, welche ihn in diesem Kampfe unterstützen sollten; gleiche schuf auch Ahriman. Darüber vergingen 3000 Jahre; dann machte Ormuzd mit Ahriman einen Vertrag, daß der Beginn des Kampfes noch 9000 Jahre hinausgeschoben werden sollte, u. als Ahriman alsbald merkte, daß dadurch seine einstige Niederlage entschieden sei, zog er sich 3000 Jahre in die Finsterniß zurück. Während dieser Zeit brachte Ormuzd nun die sichtbare Schöpfung hervor, wobei ihn die Amschaspands (s. oben) unterstützten, wogegen Ahriman seine die Ormuzdischen Schöpfungen verneinenden u. verhindernden bösen Genien schuf. Unter den Ormuzdischen Schöpfungen waren auch die 486,000 Sterne mit ihren Bewohnern (Fravaschis); diese in Heere getheilt beschützten den Himmel u. standen nach den Himmelsgegenden unter besonderen großen Sternen als Führern, die in Osten unter Tistar, die in Westen unter Catvec, die in Süden unter Vanant, die im Norden unter Haploirang; in der Mitte stand Mesgah; gegen diese schuf Ahriman: Tir, Anahid, Ormuzd (Jupiter), Behram (Mars) u. Kevan (Saturn); gegen Sonne u. Mond aber Duschdum-Muspar. Die schon früher geschaffene Erde, welche im Reiche Ormuzd's war, wurde jetzt in den leeren, Ormuzd u. Ahriman trennenden Raum herabgelassen u. an die Grenze gegen das Ahrimanische Reich gestellt. Nach dem Verlauf dieser 3000 Jahre beschloß Ahriman in der dritten Weltperiode den Kampf gegen Ormuzd anzufangen, um nicht endlich sicher besiegt zu werden; sein Angriff gegen den Himmel mißlang, aber die Erde konnte ihm nicht widerstehen; durch ein in dieselbe gebohrtes Loch kam er auf ihre Oberfläche u. fand hier. als lebende Wesen den Urstier u. den Urmenschen (Gayomard); der Erstere fiel sogleich durch Ahriman, der Letztere nach dreißigjähriger Gegenwehr. Aus dem Leibe des Urstieres schuf Ormuzd das Vieh u. die nützlichen Getreidearten; der Same des Urmenschen wurde, von der Sonne gereinigt, von Spendarmat u. dem Ized Neriosengh aufbewahrt, an die Stelle des Urmenschen selbst traten Meschia u. Meschiane, das erste Menschenpaar u. die Stammeltern des ganzen Menschengeschlechtes. Von Ormuzd geschaffen blieben sie jedoch diesem nicht treu, sondern ließen sich von Ahriman verführen, worauf dieser allerhand Übel u. Plagen über sie verhängte, welche in ihrem Geschlecht erblich blieben. Entgegen den Ormuzdischen Schöpfungen auf der Erde, welche der eigentliche Kampfplatz zwischen beiden Principien wurde, schuf nun auch Ahriman körperliche u. geistige Gegensätze seiner Art. Diese dritte Weltperiode, welche wieder 3000 Jahre dauerte, ist die Zeit der Mythen u. Sagen, in welche die Heldensage der Perser gehört; so schuf Ahriman die großen u. mächtigen Menschen u. Tyrannen Dahak (Zohak) u. Afrasiab, gegen welche Ormuzd die edeln Männer Dschemschid, Feridun, Kaikobad etc. schickte. In der vierten Weltperiode sendete Ormuzd den Z., mit welchem die menschliche Cultur begann (durch seine Söhne, s. oben) u. welcher Ormuzd's Wort u. Gesetz erhielt. Dasselbe besteht in positiven Geboten für das Verhalten eines Frommen u. Offenbarungslehren über den Zustand nach dem Tode, Belohnungen u. Strafen u. über den endlichen Ausgang des Kampfes zwischen Ormuzd u. Ahriman, u., hatte die Macht einmal, daß die Dews in ihrer Leiblichkeit von der Erde verschwanden u. nur noch unsichtbar wirkten, dann, daß es denen, welche es beobachteten, Führer zur Seligkeit wurde. In dieser letzten Weltperiode macht Ahriman alle Anstrengungen, um in dem bevorstehenden Kampfe zu siegen, daher die Frommen viel von Kriegen, Fremdherrschaft, Tyrannei Andersgläubiger zu leiden u. mit ihrer Treue gegen Ormuzd eine schwere Probe auszuhalten haben; ja die Erde wird in dieser Zeit so entvölkert werden, daß der in den Himmel entrückte Yima wieder auf die Erde kommen u. mit seinen Genossen dieselbe bevölkern muß. Um diese Trübsal zu erleichtern, erschien in jedem der drei Jahrtausende ein Prophet; sie waren: Oschedar, Oscheda-mahr- u. Sosiosch (Çaoshyanç, d.i. der Nützliche, Rettende). Mit dem Erscheinen des Sosiosch, aus dem Stamme S.-s geboren (s. oben), werden die Plagen Ahrimans aufhören u. er selbst mit ausgezeichneten Männern aus allen Zeiten, welche von den Todten auferstanden sind, eine Zeit von 1000 glücklichen Jahren bringen. Nach dem Verlauf dieser letzten 1000 Jahre der vierten Weltperiode findet die Auferstehung der Gestorbenen statt, welche innerhalb 57 Jahren vollendet sein wird, worauf das Weltgericht folgt u. der große Weltbrand beginnt, wobei die Berge einstürzen u. Alles ein Meer von geschmolzenen [699] Metallen wird, durch welches alle Bösen zur Reinigung von ihren Sünden mit großer Pein hindurchgehen müssen, während nur die Frommen ohne Schmerz hindurchkommen. Dies ist die letzte Strafe der Bösen, nach dieser Läuterung werden auch sie rein u. selig. Durch den Verlust der Seinen ist Ahriman besiegt, er u. seine Hölle verschwinden u. es bleibt blos Ormuzd mit der Gemeinde der Seligen.

B) Theologie. Ormuzd (s. oben), der gute od. Lichtgott, bewohnt die eine Abtheilung der jenseitigen Welt, welche mit der diesseitigen durch die Brücke Tschinewad verbunden ist; um dieselbe zieht sich erst der sichtbare Himmel als eine steinerne Mauer herum, welche von den Sternen bewacht wird (s. oben A); innerhalb derselben kommen drei od., nach der Ansicht anderer Parteien, acht Himmel u. dann die Wohnung Ormuzds (Gorotman). In jenen Himmel wohnen auch die Frommen u. die Genien, unter ihnen nehmen die Amschaspands (s. oben S. 698) die erste Stelle ein; statt sechs werden in dem späteren System sieben derselben genannt u. der siebente ist entweder Ormuzd selbst od. Serosch (Çraoscha), welcher die Schöpfung in der Nacht zu schützen hat, wo die bösen Geister am mächtigsten sind. Nach diesen kommen die 28 Izeds (Yazatas), unter ihnen Mithra, welcher über Recht u. Gerechtigkeit, so wie über das Halten der Verträge zu wachen hat u. einer der Todtenrichter (s. unten D) ist; Anahita (Anaitis), der Genius der Fruchtbarkeit u. des Wassers; Neriosengh, der Bote Ormuzd's etc.; außerdem viele Genien, welche als bloße Abstractionen erscheinen, so Raschnu u. Arstat, die Genien des Wahrsprechens, Rameschne qarom, Genius des Geschmackes; endlich die Fravaschis (gewöhnlich Fervers genannt), die Geister der abgeschiedenen Frommen. Unter den Gestirnen verehren die Parsen bes. den Sirius (Tistrya) als den Regengeber. Ahriman (s. oben), der böse od. Finsternißgott, bewohnt die andere Abtheilung der jenseitigen Welt, den Höllenschlund (Dusakh), zu ihr führt von der diesseitigen kein Verbindungsweg. Die Hölle ist auch in drei Abtheilungen getheilt, welche sich durch die Grade der Finsterniß unterscheiden; in der äußersten wohnt Ahriman selbst. Seine Hauptgehülfen, die Daevas (s. oben), sind ebenfalls sieben, der siebente ist Arschma (Khaschm), der Gegner des Serosch. Den Izeds des Ormuzd entsprechen die bösen Drujas, unter ihnen Dschahi, die Gottheit der Unzucht, Mithokht, die der Lüge, Azi, die der Begierde, Zygo, die des Winters, Apaoscha, die des Regenmangels u. der Dürre etc.

C) Religionspflichten. Jeder Mensch muß eine Partei wählen, entweder die des Ormuzd od. die des Ahriman. Daß er die des Ersteren wählt, ist das Natürliche, weil Ormuzd sein Schöpfer ist, doch ist er auf dieser Partei nicht vor den Trübsalen des Lebens geschützt, weil Ahriman mit seiner irdischen Macht auch den Ormuzd hindern kann seine Diener zu belohnen, während es wegen dieser Macht Ahrimans auch möglich ist, daß Böse mit irdischen Gütern gesegnet sind. Aber dennoch ist nöthig die Partei Ormuzds zu wählen, um sich ein glückliches Loos nach dem Tode zu sichern. Dazu gehört an Ormuzd zu glauben u. diesen Glauben durch gute Gedanken, Worte u. Werke zu bethätigen; dieses geschieht durch den Schutz u. die Vermehrung der Ormuzdischen u. Amschaspandischen Schöpfungen, namentlich durch den Schutz der lebendigen Wesen, des Feuers, der Erde, der Bäume u. Gewässer, sowie durch Bewahrung u. Reinerhaltung der Metalle. Verdienstliche Werke sind bes. Betreibung der Viehzucht u. ehrliche Erwerbung eines Vermögens. Dagegen muß man die Absichten u. Werke Ahrimans u. seiner Geister hindern, stören, vertilgen u. sich vor Verunreinigungen durch Berührung Ahrimanischer Geschöpfe od. Werke hüten. Die stärkste Verunreinigung ist die durch Leichen, denn im Tod fällt der Leib dem Ahriman anheim, weil der Tod dessen Werk ist. Was durch Berührung von Leichen verunreinigt worden ist, muß gereinigt werden. Die Reinigungen bestehen in Waschungen, welche mit Gebeten verbunden sind; diese sind: Patiab, die Waschung des Gesichtes bis an die Ohren, der Hände bis an die Ellnbogen, der Füße bis an die Knöchel; Ucnaiti, das Reiben mit Sand, wenn man in der Einsamkeit auf einen Leichnam gestoßen ist; beide Arten kann der Verunreinigte selbst vornehmen; Baraschnom, welcher neun Nächte dauert u. nur von Priestern vollzogen werden kann; die letzte gehört bes. für die, denen ein Familienglied gestorben ist, u. besteht darin, daß der Priester den Verunreinigten mit Kuhharn u. Wasser übergießt, worauf sich dieser selbst damit reibt u. neun Nächte sich von aller Gesellschaft fern halten muß, wobei er sich öfter mit Wasser wäscht. Außer den Verunreinigen des Körpers hat der Parse auch die Befleckungen der Seele, die Sünden zu vermeiden, welche durch in die Seele von Ahriman gesetzte Drujas od. Gegen-Izeds bewirkt werden. Die Sünden werden gesühnt durch das Bekenntniß vor dem Priester, welcher dem Sünder materielle Bußen u. Gebete vorschreibt u. dann die Absolution ertheilt. Außer den Pflichten gegen die Gottheit u. gegen sich selbst hat der Parse auch Pflichten gegen seine Nebenmenschen. Die beiden Grundpflichten in dieser Beziehung sind nach dem Zoroastrischen Gesetz: Reden der Wahrheit u. Heilighalten der Verträge. Vertragsbruch kann durch nichts gesühnt werden als durch Schadloshalten des Beschädigten. (Diesem Pflichtgebot verdanken die Parsen jetzt noch das große Vertrauen in allen bürgerlichen Handlungen). Da Verträge durch Handschlag geschlossen u. so auch Ehen eingegangen werden, so ist bei den Parsen die Ehe heilig u. unauflöslich. Pflichten gegen seine Verstorbenen sind: die drei ersten Tage nach ihrem Tode für sie zu beten, am Monats- u. Jahrestage des Todes Seelenmessen durch die Priester lesen zu lassen, an den letzten zehn Tagen des Jahres, wo die Verstorbenen auf die Erde zurückkehren, für dieselben Opfer zu bringen u. Mahlzeiten auszurichten.

D) Eschatologie. Der Leib fällt nach dem Tode dem Ahriman anheim, er verfault u. verwest; das Loos der unsterblichen Seele hängt davon ab, ob sich Einer im Leben zu der Partei des Ormuzd od. zu der des Ahriman gehalten hat. Den Ausschlag dabei geben die Werke, welcher Einer gethan hat. Deshalb wird am dritten Tage nach dem Tode Gericht gehalten, u. jede Seele, ohne Unterschied ob sie gut od. böse ist, wird dazu an die Brücke Tschinewad beschieden, wo sich die Wege zum Himmel u. zur Hölle trennen. Hier sitzen die Todtenrichter u. wägen die Werke jeder Seele (auf einer großen Wage). Überwiegen die guten Werke, so geht die Seele über Tschinewad nach[700] dem Paradiese, wo sie von dem Amschaspand Bahman u. den Seligen bewillkommt wird u. in Seligkeit bis zum letzten Weltgericht lebt; wiegen gute u. böse Thaten gleich, so kommt die Seele in dem besonderen Raum Hamestegan in einen Zwischenzustand, wo sie weder Lohn noch Strafe empfängt; die Seelen der Bösen stürzen von Tschinewad hinab in die Tiefe Ahrimans u. werden dort bis zum Weltgericht mit ausgesuchten Martern gepeinigt, kommen aber dann auch in den Himmel, s. oben A).

E) Cultus. An der Spitze der Priester steht ein Oberpriester, Manbad-i-Maubadan; die Priester heißen im Verhältniß zu diesem Maubads od. Mobeds, im Verhältniß zu den Laien aber Destur. Zur Aufnahme in die. Priesterschaft muß ein Parse 15 Jahre alt sein, den Yaçna (s.u. Zend-Avesta) auswendig wissen u. den Vendidad (s. ebenda) fertig lesen können; er muß zunächst den Baraschnom von neun Nächten (s. oben C) mit sich vornehmen lassen u. verrichtet dann in Anwesenheit zweier Mobeds den liturgischen Gottesdienst, worauf er Priester, Herbad, ist. Die Pflichten eines Priesters sind sich beständig mit dem Worte Ormuzds zu beschäftigen, die Beichte seiner Gewissenskinder zu hören u. dieselben zu reinigen, die tägliche Liturgie zu halten u. die Opfer zu bringen. Beim ersten Theil der Liturgie werden dem Ormuzd kleine Brodchen mit Fleisch belegt (Darun) geopfert, den Genien Weihrauch ins Feuer geworfen u. der Haoma (Hom), der Saft einer unbekannten Pflanze, welcher als bes. gesund für Leib u. Seele gilt, dargebracht. Die Daruns u. der Hom werden vom Priester gegessen. Der zweite Theil der Liturgie besteht in der Absingung heiliger Gesänge (Gathas), zwischen welchen einzelne Abschnitte des Gesetzes abgelesen werden. Der dritte Theil enthält die Schlußgebete. Bei der Absingung der Liturgie sagt der eine Priester, Zaota, den Text her u. verrichtet die liturgischen Handlungen, während der andere, Raçpi, die Responsorien spricht u. die Handreichungen leistet. Außerdem sorgt er für die Reinigung der bei der Liturgie gebrauchten Geräthschaften u. consecrirt den Kuhharn u. das Wasser zu den Reinigungen. Das Einkommen der Priester besteht in dem Genuß des Zehnten von dem Einkommen ihrer Beichtbefohlenen; da dies aber gewöhnlich nicht hinreicht, so ist ihnen gestattet ein anderes Gewerbe zu treiben, sofern dasselbe den Gesetzen des Parsismus nicht widerstreitet. Die Priester mit den Laien bilden die Gemeinde; in dieselbe wird ein Parsenkind im 15. Lebensjahre, nach erhaltenem Unterricht in den Parsischen Lehren, aufgenommen; dieser Aufnahme vorausgeht eine Prüfung in der Lehre des Parsismus od. an dessen Stelle die mehrtägige Lesung des Avesta durch einen Priester für den Aufzunehmenden u. die Ceremonie des Baraschnom von neun Nächten; bei der Aufnahme erhält derselbe die heilige Schnur (Kosti), welche er um den Leib gürtet u. in seinem Leben nicht wieder ablegen darf.

Da der Parsismus aus dem Zend-Avesta (s.d.) geschöpft, dieser aber noch nicht gehörig erforscht ist, so ist die Darstellung dieser Religionsform noch lückenhaft u. mehrfach in Dunkel gehüllt, von Wichtigkeit aber auch deshalb, weil sie mehrfachen Einfluß auf die spätere jüdische Theologie, u. somit auf die christliche geübt hat. In dem alten Baktrien entsprungen, ging der Parsismus auf die Eroberer des Landes, die Meder, über u. dann auch auf die Perser u. blühete unter denselben bis zum Sturz des Persischen Reichs durch Alexander den Großen. Im 3. Jahrh. n.Chr. wurde er unter der Dynastie der Sassaniden wieder auf mehre Jahrhunderte zur Staatsreligion in Persien erhoben, bis er im 7. Jahrh. dem Islam weichen mußte; nur wenige Parsen erhielten sich im südöstlichen Theile des Persischen Reichs, bes. in Jesd (Yazd) u. einigen Orten in der Umgebung, andere wanderten seit 717 nach Indien aus, wo noch bei 50,000, davon 20,000 in Bombay, ihres alten Glaubens leben u. in bürgerlicher Hinsicht sich als Kaufleute, Bankiers u. Schiffsmakler auf dem Lande als Ackerbauer beschäftigen u. in sehr gutem Rufe stehen. Vgl. A. Gladisch, Heraklit u. Z., Lpz. 1859; M. Haug, Die fünf Gâthâs od. Sammlungen der Lieder u. Sprüche Z-s, ebd. 1858; Derselbe, Zendstudien, im 9. Bd. der Zeitschrift der Deutsch-Morgenländischen Gesellschaft S. 683 ff.; Spiegel, Einleitung in die traditionellen Schriften der Parsen, Lpz. 1860; Kissa-i-Sanjan (Sanjans Erzählung von der Übersiedlung der Perser nach Indien) 1599, englisch von Eastwick im Journal of the Bombay branch of the Royal Asiatic Society, 1842; Dosabhoi Framji, The Parsees in India, Lond. 1859.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 19. Altenburg 1865, S. 698-701.
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