Chirurgie

[49] Chirurgie (Chirurgia), im strengen Sinne, als Wissenschaft die Kenntniß der in Krankheitszuständen (worunter bes. auch Körperverletzungen gehören) durch die Hand (manuelle Operationen) angemessen zu leistenden Hülfe, u. als [49] Kunst, die Geschicklichkeit u. Fertigkeit, solche wirklich zu unternehmen; im weitern Sinne, die Kenntniß der Krankheiten, welche vorzugsweise einer Handhülfsleistung bedürfen u. der bei äußeren Verletzungen erforderlichen Hülfe überhaupt, also auch durch innere Mittel, darunter begriffen. Im letzteren Sinne ist die Ch. integrirender Theil der Arzneikunde u. deren Unterscheidung von ihr immer nur relativ. Daher ist auch der Inbegriff von dem, was man im Gegensatz der manuellen (operativen Ch., Ch. manualis, Ch. operativa) als medicinische Ch. (Ch. medica) bezeichnet, sehr vag. Da Wunden nur ein Theil der äußeren körperlichen Verletzungen sind, so ist das Wort Wundarzneiknnst zur richtigen Bezeichnung der Ch. unausreichend. Ein anderer Unterschied der Ch. ist der in niedere u. höhere; erstere als Inbegriff gemeiner Verrichtungen, welche oft vorfallend, auch nur geringerer Vorkenntnisse, Fertigkeit u. Erfahrung bedürfen; letztere aber als die chirurgischen Kenntnisse u. Geschicklichkeiten, welche ein verbreitetes, tiefes Studium, lange Übung u. Erfahrung voraussetzen. Nach ihren bes. Zwecken unterscheidet man: Militär-Ch. (Feldwundarzneikunst) in ihrer Anwendung auf das Militär, gerichtliche Ch., in ihrer Anwendung auf die gerichtliche Medicin (s.d.). Ein eigener Zweig der Ch. ist die wiederherstellende (anaplastische) Ch. (Ch. curtorum), die sich mit der Verbesserung od. Wiederherstellung verstümmelter (Curta), od. auch ganz fehlender Theile des Körpers durch Übertragung organischer Substanz beschäftigt. Sie stützt sich auf die Erfahrung, daß theilweise, od. völlig getrennte, auf einer niedrigen Organisationsstufe stehende Theile als hornartige, Federn, Klauen, Haare, Zähne, Hautlappen, Theile der Nase u. Ohren, selbst kleinere Gliedmaßen, wie Finger u. Zehen, wieder anwachsen können, wenn sie bald nach geschehener Trennung künstlich an den Trennungsflächen vereinigt werden, ja selbst auf andere Thiergattungen von der einen übertragen werden können. Die wichtigsten Stellen u. Theile, wo man dieß versucht hat, sind: a) die Nase (Nasenbildung, Rhinoplastik), die hauptsächlichste dieser Operationen, schon im höchsten Alterthume in Indien geübt, in Europa zuerst (1442) durch die sicilianischen Chirurgen Branca, Vater u. Sohn, ausgeführt, dann im 16. Jahrh. durch Tagliacozzi wissenschaftlich begründet, aber doch nicht zu wirklichem Bürgerrecht gelangt, 1814 durch den englischen Chirurgen Carpue aus der Vergessenheit gezogen, am meisten dann durch Gräfe, später auch durch andere Chirurgen, vorzüglich Dieffenbach, der sich um alle Branchen dieses Zweigs großes Verdienst erwarb, gefördert; sie ist theils auf das Wiederaufbauen eingesunkener Nasen gerichtet, theils auf den Ersatz theilweiser od. gänzlicher Verluste derselben, durch Hautlappen aus der Nähe entweder aus der Stirnhaut (Indische Methode), od. aus der Scheitelhaut, od. der Armhaut, mit besonderer Vorbereitung derselben (Italienische Methode), od. ohne diese (Deutsche Methode); b) die Augenlider (Augenlidbildung, Blepharoplastik), durch Hautübertragung aus der Nähe; c) die Augenwimpern (Augenwimperbildung, Blepharidoplastik), durch Einsetzen neuer Haare; d) der Thränensack, Verschließung widernatürlicher Öffnungen desselben durch Hautübertragung; e) die Augenhöhle, Ausfüllung derselben mit neuer Substanz nach Ausrottung etc. des Auges; f) Hornhaut (Hornhautbildung, Keratoplastik), indem man die fehlerhafte verdunkelte etc. Hornhaut ausschnitt u. eine thierische (doch ohne Glück) einsetzte; g) die Lippen (Lippenbildung, Cheiloplastik); h) die Wangen (Wangenbildung, Meloplastik); i) die äußeren Ohren (Ohrbildung, Otoplastik), sämmtlich durch Hautübertragung aus der Nähe; k) der weiche Gaumen (Gaumenbildung, Uraniskoplastik), kaum auszuführen; i) die Zähne, durch Einsetzen frisch ausgezogener gesunder Zähne in die Höhlen herausgenommener kranker; m) ferner noch Öffnungen im Kehlkopfe, die Öffnung des Bauchrings bei Brüchen, der künstliche After, Öffnungen der Harnröhre, entblößte Hoden, die mangelnde Vorhaut, Hautmangelbei Geschwüren, Fingern. Zehen. Vgl. Guy de Cauliaco, Cyrurgia, mit mehreren, als: Bruni Theodorici, Rolandii, Lanfranci cyrurgia u.a., Ven. 1498, Fol., neuere Aufl., ebd. 1519; Chirurgia, h. e. de chirurgia scriptores optimi veteres et rec. (XXII) plerique in Germania antehac non editi, a C. Gesnero conjuncti, Zürich 1555, Fol.; P. Uffenbach, Thesaurus chirurgiae, Frkft. 1610, Fol.; Graecorum chirurgici libri (nur Soranus u. Oribasius) gab A. Cocchi, Flor. 1754, Fol., heraus; A. G. Richter, Anfangsgründe der Wundarzneikunst, Gött. 1782–1804, 3. Aufl., 1825–26, 7 Bde.; B. Bell, System der Ch., übersetzt von Hebenstreit, Lpz. 1804–10, 7 Bde.; Boyer, Chirurgische Krankheiten, aus dem Französischen von Textor, Würzb. 1818–27, 11 Bde. (neue Ausgabe nach der 5. Originalausg., ebd. 1834, ff., 10 Bde.); H. Callisen, Systema chirurgiae, Kopenh. 1815, 2 Thle., deutsch von A. C. P. Callisen, Hamb. 1822–24, 2 Bde.; v. Walther, System der Ch., Berl. 1833; Chelius, Handbuch der Ch., 4. Ausg., Heidelb. 1839–40. Ferner die lexikalischen Werke von Bernstein, S. Cooper, Jäger u. Radius u. Blasius; Gasp. Tagliacozzi, De curtorum chirurgia, herausgegeben von Troschel, Berl. 1831; C. F. Gräfe, Rhinoplastik, ebd. 1818; Dieffenbach Chirurgische Erfahrungen über die Wiederherstellung zerstörter Theile, ebd. 1829–30, 2 Thle.; Zeis, Handbuch der plastischen Ch., ebd. 1838; auch Chirurgische Operation. – Aus der Sagenzeit Griechenlands, in welcher die Geschichte der Ch. beginnt, ist das Andenken von Chiron erhalten, der als vorzüglich in Heilung von Wunden u. Geschwüren gerühmt wird. Seine Schüler Machaon u. Podalirios werden als den verwundeten Kriegern vor Troja, bei dessen Belagerung, wirksame Hülfe leistende Heroen in Homers Iliade genannt. Die erste, eigentlich bildende Pflege im historischen Griechenland erhielt die Ch. durch die Asklepiaden; ein fruchtbares Feld wurde ihr auch durch die Gymnasien eröffnet, wo die Kampflehrer selbst sich meist mit derselben beschäftigten. Hippokrates übte, wie die älteren griechischen Ärzte überhaupt, Ch. nebst der inneren Medicin aus; unter seinen Schriften sind schätzbare Werke zur Kenntniß der damals bereits gebildeten u. ihre erste Grundlage darstellenden chirurgischen Wissenschaft. Nach Celsus trat aber diese zur Zeit von Erasistratos[50] u. Herophilos eigen hervor, als die medicinische Wissenschaft in 3 Theile: Diätetik, Pharmaceutik u. Ch. zerfiel; zu letzter aber gehörte blos die Anwendung des chirurgischen Messers; Geschwüre, Wunden, Geschwülste waren zur Heilung den Pharmaceutikern (Klinikern) überwiesen. Rom nahm die griechische Ch. Anfangs mit Geringschätzung auf, wie das Schicksal des Archagathos beweist, wurde aber später der Sammelplatz einer großen Menge von Chirurgen. Antyllos (280 n. Chr.) erhob dieselbe zur wissenschaftlichen Ausbildung. Später theilte die Ch. den Verfall anderer Wissenschaften. Viele ihrer Denkmale rettete noch die Sammlung des Oribasios, u. nachdem ihre Wiege, die Schule von Alexandria, durch die Sarazenen (640 n. Chr.) zerstört war, trat nur noch Paul von Ägina als letzter hochverdienter Repräsentant der griechischen Ch. auf, der zugleich die Geburtshülse wieder herstellte. Die arabischen Ärzte schöpften ihre chirurgischen Kenntnisse aus den Griechen; die Ch., vorzüglich die eigentliche operative (männliche), fand unter ihnen wenige Pfleger, am meisten verdient machten sich noch Abulkasem u. Avenzoar. Als im christlichen Europa, seit Errichtung der Salernitanischen Schule, die Arzneikunst vorzugsweise von Geistlichen cultivirt wurde, stand der gleichzeitigen Ausbildung der Ch. das Verbot der Kirche (auf dem Concil in Tours 1163) entgegen, welches den Geistlichen jede blutige Operation untersagte. Sie wurde also meist den Laienärzten überlassen. Von hier hub die neuere Trennung der chirurgischen Praxis von der medicinischen an, die sich größtentheils noch bis jetzt erhalten hat. Der größere Theil der chirurgischen Hülfsleistung fiel nun Ungebildeten zu, die sie handwerksmäßig betrieben, u. als das Zunftwesen eingeführt wurde, meist als Bader u. Barbierer in Innungen zusammentraten. Andere, welche in Salerno, Bologna, Padua, Paris u. anderen medicinischen Anstalten die Ch. studirt hatten, zogen als Operateurs im Lande herum (der Ursprung der nachmaligen landfahrenden Steinschneider, Bruchschneider, Augen- u. Zahnärzte). Eine andere Klasse, meist mit sehr wenigen Vorkenntnissen, begleitete die Heere im Kriege (der Ursprung der nachmaligen Feldscherer). Doch traten auch schon im Mittelalter unter den Arabisten Mehrere, theils Geistliche, theils Laien, auf, die eine bessere Gestaltung der Ch. vorbereiteten u. durch Lehrschriften verbreiteten; besonders ist Roger aus Parma als Vater der italienischen Ch. anzusehen. Als größter Förderer der wissenschaftlichen Ch. in Frankreich in dieser Zeit muß Guy von Chauliac (1363) angesehen werden. Eine neue Epoche begann überhaupt in seinem Vaterlande Frankreich, als Jean Pitard 1271 sich mit Lanfranchi verband u., nebst verschiedenen Ärzten, eine Art von Brüderschaft (Collegium) errichtete, welche die Ch. als Wissenschaft u. Kunst zu heben sich bemühte u. unter den Schutz des St. Cosmas u. Damianus gestellt wurde. Die Statuten dieses Vereines wurden von Ludwig IX. bestätigt u. der erste Leibwundarzt des Königs zum Vorsteher dieses Collegiums erwählt. Seit 1545 erhielt sie die Befugniß, Doctoren, Licentiaten u. Baccalaureen der Ch. ernennen zu dürfen; auch wurden ihre Mitglieder, da sie die Erlaubniß bekamen, bei öffentlichen Feierlichkeiten, wie die Glieder der Universität, lange Kleider zu tragen, als Chirurgiens der robe longe bezeichnet, denen dann die gemeinen, handwerksmäßig ihre Kunst erlernenden u. übenden Chirurgen als Chirurgiens der robe courte zur Seite standen. Das Collegium erregte durch sein erlangtes Ansehen nicht wenig den Neid der Akademie der Medicin, u. es kam dadurch zu manchen Streitigkeiten, wobei sich die Chirurgiens de robe courte auf die Seite der Akademie schlugen. Nach u. nach erlangten auch die Chirurgen 2. Klasse theilweises Ansehen, bes. durch Ambrosius Paré, welcher, eigentlich nur ein Barbier, doch die Kunst bei erfahrenen Meistern gelernt hatte u. im 16. Jahrh., nachdem die Ch. in Verfall gekommen war, Wiederhersteller derselben in Frankreich wurde. Vorzüglich aber machte das Aufblühen der Anatomie, das in diese Zeit fiel, auch für die Ch. Epoche, u. auch bei anderen Nationen, wo wissenschaftliche Cultur vorwärts schritt, zeigte sich ein Streben, auch der Ch. eine höhere Ausbildung zu verleihen Doch behaupteten bis zur Mitte des 17. Jahrh. dit italienisch-chirurgischen Schulen zu Bologna, Padua, Neapel, Venedig, Ferrara ihren Ruf als vorzügliche Bildungsanstalten für die Ch. So erlangten dann auch in anderen Ländern einzelne Chirurgen durch ihre Kunst u. ihre Schriften ausgezeich neten Ruf: Franz de Arce in Spanien, H. Brunschwig, W. Fabriz in Deutschland u. Andere. Durch M. A. Severin erhielt die Ch. gegen die Mitte des 17. Jahrh. in so fern eine neue kräftige Anregung, als derselbe der erste war, welcher die fast ganz gesunkene männliche Ch. wieder in Aufnahme brachte. Die Zahl der, Ch. mit Erfolg cultivirenden Männer wurde nun immer größer. Cäsar Magati, Severins Zeitgenosse, zeichnete sich unter Andern in Italien, M. G. Purmann in Deutschland, C. van Soolingen in Holland aus. In Frankreich war das dem Aufschwunge aller Künste u. Wissenschaften so günstige Zeitalter Ludwigs XIV. der Ch. nur wenig förderlich, u. wenn auch Frankreich an berühmten Chirurgen (Belloste, le Clerc, P. Dionis u. Mehrere) nicht Mangel litt, so hebt die neuere Epoche der vervollkommneteren Ch. in diesem Lande doch erst von der Zeit an, als das frühere Chirurgische Collegium des St. Cosmas zu einer Akademie der Ch. erhoben wurde, welche bes. auf Anregung de la Peyronie's 1731 zu Stande kam. Fr. du Petit, J. L. Petit, Director der Chirurgischen Akademie, F. S. Morand, le Dran, de la Faye, Cl. Pouteau, A. Louis, Goulard u. viele Andere steigerten den Ruf der französischen Ch. aufs Höchste, mit denen aber nun bes. englische Chirurgen, begünstigt durch die liberalen Ausstattungen der öffentlichen Heilanstalten Großbritanniens, W. Cheselden, S. Sharp, Perc. Pott, W. Bromfield, B. Bell, E. Alanson, W. Hunter u. Mehrere, kräftig rivalisirten. In Deutschland eröffnete besonders Heister gleichsam eine neue Zeit; ihm folgten: I. Z. Platner, I. U. Bilguer, I. F. Henkel, C. von Siebold, A. G. Richter, I. Ch. A. Theden, Ch. L. Murinna, I. L. Schmucker u. viele Andere. Auf allen akademisch-ärztlichen Bildungsanstalten wurden auch eigene Professoren der Ch. angestellt u. meist[51] getragen. Besonders wurde in Berlin 1724 das Collegium med. chir. gestiftet, unter Friedrich II. erweitert u. 1795 das Medicinisch chirurgische Friedrich-Wilhelms-Institut (zuerst Medicinisch-chirurgische Pepinière) gegründet. Für die österreichischen Staaten wurde unter Joseph II. 1780 eine Medicinisch-chirurgische Akademie für das Militär errichtet, von welcher auch Doctores chirurgiae ausgingen, welche Würde in neuerer Zeit auch von medicinischen Facultäten mehrerer deutschen Akademien ertheilt wird. Unter den übrigen deutschen Bildungsanstalten, die vorzugsweise der Ch. bestimmt sind, zeichnet sich die in Dresden 1815 zur Chirurgisch-medicinischen Akademie erhobene (früher Collegium medico-chirurgicum) aus. Auch sind zweckmäßige Chirurgische Schulen in Breslau, Magdeburg, Münster, Hannover, in Prag, in Landshut u. Bamberg für Baiern, hier statt der früheren landärztlichen Schulen, in neuerer Zeit organisirt worden. Die Franzosen datiren die neueste Epoche ihrer Ch. von P. I. Desault (st. 1795); ausgezeichnete Chirurgen der neueren Zeit: französische: Dupuytren (st. 1835), Pelletan, Richerand, Larrey (st. 1843), Boyer, Roux, Blaudin, Malgaigne; englische: Ev. Home, W. Lawrence, C. Bell, Sam. Cooper u. Asthley Cooper; italienische: Flajani, Palletta, A. Scarpa, Assalini; deutsche: v. Loder, Görke, Brünninghausen, Hedenus, v. Klein, Dzondi, Ruft, Langenbeck, Weinhold, Gräfe, Textor, Dieffenbach, Stromeyer, Heyfelder, Chelius, Bruns, Günther, Roser, Schuh, Pitha. Die neueste Geschichte der Ch. nennt besonders zwei Namen, deren ausgezeichnete Leistungen der Ch., als Wissenschaft u. Kunst, nach manchen Richtungen hin eine ganz neue Gestaltung od. wenigstens einen neuen Aufschwung gaben, Malgaigne in Frankreich u. Dieffenbach in Deutschland. Malgaigne verlieh durch wissenschaftliche Untersuchung der normalen u. pathologischen anatomischen Verhältnisse des menschlichen Körpers den verschiedenen Operationsmethoden od. dem chirurgischen Verfahren überhaupt vielfach sicheren Grund u. Boden. Sein Lehrbuch der operativen Medicin, begründet auf normale u. pathologische Anatomie (deutsch von Ehrenberg, Lpz. 1843), zeichnet sich nicht blos durch den Reichthum der darin enthaltenen Thatsachen, sondern vorzüglich auch durch seinen kritischen Geist aus. Außerdem geschah in Frankreich vorzüglich viel für die Lithotritie (Zertrümmerung der Blasensteine), welche Kunst von dortigen Ärzten, wie Civiale, Heurteloup, Amussat, durch Erfindung u. Vervollkommnung von Instrumenten dazu u. wissenschaftliche Begründung des ganzen Verfahrens zu einer segensreichen Ausbildung gelangt. Zur Zeit wirken noch, außer den obengenannten, in Paris Velpeau, Lisfranc, Roux. An Dieffenbach in Berlin (st. 1847) knüpft sich die hohe Vervollkommnung der sogenannten plastischen Ch., d.h. der Neubildung verloren gegangener Theile des menschlichen Körpers, bes. des Gesichts, wie der Nase, der Lippen etc. Ein anderes Verdienst Dieffenbachs ist die Ausbildung einer eigenthümlichen Methode zur Heilung von Verkrümmungen der verschiedenen Glieder des menschlichen Körpers mittelst Durchschneidung der betreffenden verkürzten Muskeln u. Sehnen u. zwar auf solche Weise, daß kein Luftzutritt zu den inneren durchschnittenen Theilen stattfinden kann u. somit die bei Verwundung solcher Theile immer sehr gefürchtete Vereiterung vermieden wird. Die ganze Hautwunde dabei besteht in dem Einstich eines schmalen Messers, während die Durchschneidung der Sehnen u. Muskeln ohne sie bloßzulegen unter der Haut (subcutan) ausgeführt wird. Ferner brachte er die Operation des Schielens (Strabismus) zu einer besonderen Ausbildung. Seine Erfahrungen finden sich in seiner Operativen Ch., Lpz. 1844–48, 2 Bde., niedergelegt. In Deutschland wurde auch gleichzeitig mit dem Aufschwung der gesammten Medicin der Entwickelung u. Vereinfachung der Ch. durch Vincenz von Kern ein neuer Anstoß gegeben, der zugleich eine Befreiung von dem übergroßen Einflusse der französischen Schule herbeiführte. In dieser Schule wurden die besten deutschen Chirurgen dieses Jahrhunderts, wie Ruft in Berlin (st. 1840), v. Walther in München (st. 1849), Langenbeck in Göttingen (st. 1851), v. Gräfe in Berlin (st. 1840), Textor in Würzburg u. v. A. gebildet welche mit großer Gewandheit u. Unerschrockenheit im Operiren eine gründlichere u. wissenschaftlichere Bildung als sehr viele andere praktische Chirurgen des Auslandes vereinigten. Von den in der neuesten Zeit aufgetretenen Chirurgen Deutschlands sind vorzugsweise zu nennen Schuh in Wien, Roser in Marburg, Pitha in Prag, Heyfelder in Erlangen, Günther in Leipzig etc. In England steht Asthley Cooper immer noch an der Spitze einer ganzen Schule von würdigen Schülern. Einet hoben Aufschwung nahm die Ch. durch das Chloroformiren, s.d. Vgl. I. G. Bernstein, Geschichte der Ch., Lpz. 1822 u. 23.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 4. Altenburg 1858, S. 49-52.
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