Hansen [2]

[793] Hansen, 1) Maurits, norweg. Dichter, geb. 5. Juli 1794 in Modum, gest. 16. Mai 1842 in Kongsberg als Rektor der kommunalen Mittelschule, ist der erste Romantiker, der erste Novellist und zu gleicher Zeit der produktivste Schriftsteller Norwegens. Seine unzähligen Dichtungen aller Art verraten vor allem den Einfluß Fouqués. Seine Novellen, mit Stoffen aus dem Alltagsleben, die ersten ihrer Art in Norwegen, sind die Hauptträger seines Ruhmes. Bedauerlicherweise nötigten ihn dürftige Lebensverhältnisse, sein Talent in Massenproduktion zu vergeuden. Seine »Novellen og Fortællinger« wurden von Schwach (1855–58), in Auswahl von Henrik Jaeger (1882) herausgegeben. Seine Biographie gibt Chr. Monsen in »Mærkelige Nordmænd«, Bd. 2.

2) Peter Andreas, Astronom, geb. 8. Dez. 1795 zu Tondern in Schleswig, gest. 28. März 1874 in Gotha, war anfangs Uhrmacher, wurde dann 1821 Assistent von Schumacher bei der dänischen Gradmessung in Holstein und bei der Sternwarte in Altona, 1825 Direktor der Sternwarte Seeberg bei Gotha. Auf seine Veranlassung ward 1857 die neue Sternwarte in Gotha erbaut. Hansens Tätigkeit war auf allen Gebieten der Astronomie und Geodäsie außerordentlich fruchtbringend. Die Theorie der Instrumente förderte er wesentlich durch seine Abhandlungen: »Methode, mit dem Fraunhoferschen Heliometer Beobachtungen anzustellen« (Gotha 1827); »Theorie des Äquatoreals« (Leipz. 1855). Er veröffentlichte ferner: »Theorie der Pendelbewegung mit Rücksicht auf die Gestalt und Bewegung der Erde« (gekrönte Preisschrift, Danz. 1858); »Geodätische Untersuchungen« (Leipz. 1865,1868,1869); »Von der Methode der kleinsten Quadrate und ihrer Anwendung auf Geodäsie« (das. 1868); »Theorie der Sonnenfinsternisse« (das. 1858). Die Hauptbedeutung Hansens liegt in seiner Theorie der Störungen der Planeten, der Kometen und des Mondes, für deren Berechnung er ganz neue Methoden schuf. Seine hauptsächlichen diesbezüglichen Arbeiten sind: »Untersuchungen über die gegenseitigen Störungen des Jupiters und Saturns« (Berl. 1831); »Fundamenta nova investigationis orbitae verae, quam luna perlustrat« (Gotha 1838), auf Grund deren die »Tables de la lune construites d'après le principe newtonien de la gravitation universelle« (Lond. 1857) entworfen wurden, die den Lauf des Mondes mit großer Genauigkeit darstellen und noch jetzt die Grundlage der astronomischen Ephemeriden bilden; »Ermittelung der absoluten Störungen in Ellipsen von beliebiger Exzentrizität und Neigung« (Gotha 1843); »Auseinandersetzung einer zweckmäßigen Methode zur Berechnung der absoluten Störungen der kleinen Planeten« (drei Abhandlungen, das. 1856–59); »Darlegung der theoretischen Berechnung der in den Mondtafeln angewandten Störungen« (Leipz. 1862 u. 1864, 2 Tle.); »Über die Störungen der großen Planeten, besonders des Jupiter« (aus dem Nachlaß, das. 1875). Mit Olufsen in Kopenhagen bearbeitete er die »Tables du soleil« (Kopenh. 1854, Supplem. 1857).

3) Konstantin, dän. Maler, geb. 3. Nov. 1804 in Rom, wo sich sein Vater, der Porträtmaler Hans H., damals aufhielt, gest. 27. März 1880 in Kopenhagen, war anfangs zum Architekten bestimmt, widmete sich aber bald der Malerei an der Kopenhagener Akademie bei Eckersberg. Er malte zunächst ausschließlich Stoffe aus dem täglichen Leben und Porträte. 1835 ging er nach Rom, wo er neun Jahre blieb und italienische Genre- und Architekturbilder malte. Nach seiner Heimkehr nach Kopenhagen begann er die Ausführung der in Italien entworfenen Skizzen zur Dekoration der Vorhalle der Universität, woran er zehn Jahre arbeitete. Bei dem Umbau des königlichen Theaters teilte er sich mit Jensen in die Dekoration des Zuschauerraums. Ein Hauptbild ist sein gesetzgebender Reichstag mit mehreren hundert Porträten. Vgl. Hannover, Maleren Const. H. (Kopenh. 1902).

4) Jens Andersen, dän. Politiker, geb. 7. Jan. 1806 in Odense, gest. 1. Juni 1877, erlernte bei seinem Pater das Schuhmacherhandwerk, wurde 1834 Organist in Rudkjöbing, 1835 Schuhmachermeister daselbst, ging aber 1842 nach Kopenhagen, wo er sein Handwerk aufgab, das Blatt »Almuevennen« (»Volksfreund«) gründete, vorübergehend auch Redakteur des »Fädrelandet« war und sich an der politischen Bewegung der 1840er Jahre in demokratischem Sinn eifrig beteiligte. Seit 1848 fast ununterbrochen Mitglied der Volksvertretung, spielte er als Führer der liberalen Bauernpartei eine große Rolle, bekämpfte erfolgreich die »Eiderdänen« (s. d.) und wirkte für die geistige und materielle Hebung des dänischen Bauernstandes. 1870 gehörte er zu den Stiftern der Vereinigten Linken. Kurz vor seinem Tode wurde er wegen bedeutender Unterschlagungen, die er als Vorsitzender zweier Versicherungsgesellschaften zu eignem Vorteil und zu Parteizwecken begangen, in Untersuchungshaft genommen. Er veröffentlichte: »Vor Forfatnings Historie 1848–1866« (Kopenh. 1868–1872, 4 Bde.) und ein Memoirenfragment »Mit Livs Historie og Gjerning« (1875). 1878–79 erschien ein Teil seiner »Efterladte Papirer«. Vgl. Rugaard, Bondevennen J. A. Hansens Liv og Levned (1863).

5) Theophil, Architekt, geb. 13. Juli 1813 in Kopenhagen, gest. 17. Febr. 1891 in Wien, erhielt seine Ausbildung auf der Kunstakademie seiner Vaterstadt, besuchte mit einem Reisestipendium der dänischen Regierung 1838 Italien und Griechenland, wo sich sein Bruder Christian (1803–83, Mitherausgeber des Werkes über die Akropolis von Roß und Schaubert) aufhielt, verweilte acht Jahre in Athen und wurde hier Lehrer an der technischen Anstalt. Von den daselbst ausgeführten Bauten sind die Baron Sinasche Sternwarte und das Privathaus eines reichen Griechen, Demetrios, zu nennen. 1846 siedelte er auf Einladung des Architekten Ludwig Förster nach Wien über. Mit diesem wirkte H. eine lange Zeit vereint, so an dem Bau der 1849 vollendeten evangelischen Kirche in Gumpendorf und der 1853–58 im byzantinisch-maurischen Stil erbauten Synagoge in der Leopoldstadt. Selbständig trat H. zuerst auf bei dem Bau des in demselben Stil ausgeführten Waffenmuseums des Arsenals in Wien. Diese Periode seiner Tätigkeit kennzeichnet sich durch eine Vorliebe für frühmittelalterliche Stile und Anwendung farbigen Materials. Andre Bauwerke byzantinischen Stils von ihm sind der Friedhof der Wiener evangelischen Gemeinde mit[793] seiner Kapelle, der Neubau des am Fleischmarkt gelegenen Pfarr- und Schulgebäudes und die Kuppelkirche der nichtunierten Griechen in Wien (1858). In den Jahren 1860 und 1861 hielt er sich wieder in Athen auf, wo ihm Baron Sina den Bau der griechischen Akademie der Wissenschaften übertragen hatte. Nach seinen Plänen entstanden in Wien seit 1860 das evangelische Schulhaus, der Heinrichshof, ein kolossales, palastartiges Mietshaus, der durch glänzende Ausführung ausgezeichnete Palast des Erzherzogs Wilhelm und das Gebäude der Gesellschaft österreichischer Musikfreunde. Diese Werke zeigen einen eigentümlichen, der Renaissance am nächsten verwandten Stil, der in studierter Strenge eine Anpassung der griechischen Formen an das moderne Bedürfnis des nordischen Lebens versucht. Dadurch erscheint H. als Fortsetzer von Schinkels Wirksamkeit. Eine neue Periode seiner Tätigkeit beginnt mit den 1870er Jahren, in die drei seiner Hauptwerke: die Börse (s. Tafel »Börsengebäude I«, Fig. 2), die Akademie der bildenden Künste (beide in italienischer Renaissance) und das Parlamentsgebäude (seine edelste und harmonievollste Schöpfung im Anschluß an hellenische Bauformen), fallen. Zuletzt hat er ein Restaurationsprojekt für das abgebrannte Schloß Christiansborg in Kopenhagen ausgearbeitet. Weniger glücklich ist H. im kunstgewerblichen Fache gewesen. Das Bedeutendste auf diesem Gebiet leistete er in der innern Dekoration und Ausstattung des Palastes des Bankiers Todesco. Bis 1884 war er Professor an der Wiener Kunstakademie. Vgl. Niemann und Feldegg, Theophilos H. und seine Werke (Wien 1893).

6) Heinrich, dän. Maler, geb. 23. Nov. 1821 in Hadersleben, gest. 11. Juni 1890 in Kopenhagen, trat 1842 in die Akademie zu Kopenhagen, um sich zum Dekorationsmaler auszubilden, und war als solcher bei den Malereien an der Außenseite des Thorwaldsen-Museums u. denen der Kapelle Christians IV. im Dom zu Roeskilde beschäftigt. Nachdem er 1847 die bedeutendsten Kunststädte Deutschlands besucht hatte, wurde er Lehrer der Perspektive und begann die Architekturmalerei, machte aber, um seine Kenntnis malerischer Gebäude zu erweitern, noch Reisen durch das westliche Europa bis Spanien. Von seinen Bildern, die sich durch eine gute Führung des Lichtes auszeichnen, sind vier in der Galerie zu Kopenhagen, unter ihnen das Zimmer Christians IV. im Schloß Rosenborg. 1875 besuchte er Italien. 1878 brachte er auf die Pariser Ausstellung den Saal der vier Türen im Dogenpalast zu Venedig und das Fredenhagensche Zimmer in Lübeck, 1887 das Innere der Kirche im Schloß Fredensborg.

7) Karl Frederik Sundt, norweg. Maler, geb. 30. Jan. 1841 in Stavanger, bildete sich in Kopenhagen, Düsseldorf und Paris zum Genremaler aus und arbeitete eine Zeitlang mit Tidemand, in dessen Art er später meist Bilder aus dem norwegischen Volksleben malte. Seine hervorragendsten Werke sind: die Konfrontation (Nationalmuseum in Stockholm), im Gefängnis (Nationalgalerie in Christiania) und das Begräbnis auf dem Meere (1890, städtische Galerie in Danzig). H., der in Kopenhagen lebt, ist Mitglied der schwedischen und der dänischen Kunstakademie.

8) Gerhard Armauer, Mediziner, geb. 29. Juli 1841 in Bergen (Norwegen), studierte seit 1859 in Christiania, wurde 1869 Arzt am Pflegestift für Aussätzige in Bergen, ging 1870–71 nach Bonn und Wien hauptsächlich zu mikroskopisch-anatomischen Studien, trat 1872 wieder die Stelle am Pflegestift an und wurde 1875 Direktor des Hospitals. 1881 entdeckte er den Leprabazillus, und mit so großem Erfolg widmete er sich der Ausrottung der Krankheit, daß 1898 zwei Spitäler (in Bergen und Molde) geschlossen werden konnten, da die Zahl der Kranken auf den dritten Teil zurückgegangen war. Mit Ehlers, Koch und Lassar veranlaßte er 1897 die Einberufung der Leprakonferenz durch die deutsche Regierung. Auch als Zoolog hat er Bedeutendes geleistet, und seit 1894 ist er Präsident des Museums in Bergen. Er schrieb: »Lepra (Spedalskhed), klinisk og pathologisk-anatomisk fremstillet« (mit Looft, Bergen 1897; engl. von Walker, Lond. 1895). 1901 wurde ihm ein Denkmal in Bergen errichtet.

9) Emil Christian, Botaniker, geb. 8. Mai 1842 zu Ribe in Jütland, war zuerst Zimmermaler, besuchte in Kopenhagen die Kunstschule, wandte sich dann aber den Wissenschaften zu, ging 1862 als Hauslehrer nach Seeland, arbeitete ein Jahr in Kopenhagen, mußte dann wieder eine Hauslehrerstelle auf Fünen annehmen, studierte seit 1866 mit einem Stipendium des Kultusministeriums in Kopenhagen Mathematik und Naturwissenschaft und wurde dann Lehrer an einem Gymnasium daselbst. Seit 1871 studierte er in Kopenhagen Botanik und Chemie für die Zwecke der Pflanzenphysiologie. Bald beschränkte er sich hauptsächlich auf das Studium der niedern Pflanzen, publizierte eine Untersuchung über die Torfmoore und 1876 »Fungi funiculi danici«. Dann wendete er sich der Gärungsphysiologie zu, arbeitete seit 1878 im Physiologischen Laboratorium Carlsberg bei Kopenhagen, promovierte 1879 mit einer Arbeit über die Organismen im Bier und in der Bierwürze und wurde nun zum Direktor des Laboratoriums ernannt. Er lieferte epochemachende Untersuchungen, speziell über die Hefepilze (Saccharomyzeten), suchte den Artbegriff bei den Mikroorganismen festzustellen, bereicherte die Physiologie der Zelle und studierte die Bedingungen der Veränderlichkeit der Mikroorganismen. Zugleich wendete er seine Forschungsergebnisse auf die Praxis an und schuf für die Gärungsgewerbe durch den Nachweis der Wichtigkeit der Hefereinkultur eine neue rationelle Basis. Er konstruierte 1887 mit Kühle einen Apparat zur fabrikmäßigen Erzeugung von Reinhefe, der seitdem in vielen Brauereien mit bestem Erfolg angewendet worden ist. Auch für die Spiritusbrennerei, die Preßhefenfabrikation und die Weinbereitung ist die Hefereinzucht bedeutungsvoll geworden. 1892 wurde H. zum Professor ernannt. H. schrieb: »Recherches sur les microorganismes qui à différentes époques de l'année se trouvent dans l'air, à Carlsberg et aux alentours« (in den »Mitteilungen des Carlsberger Laboratoriums«, 1879–82); »Recherches sur la physiologie et la morphologie des ferments alcooliques« (das. 1881–1902); »Recherches sur les bactéries acétificantes« (das. 1879, 1894 u. 1900); »Untersuchungen aus der Praxis der Gärungsindustrie« (3. Aufl., Münch. 1895; Heft 2, das. 1892); »Experimental studies on the variation of yeast cells« (in den »Annals of botany«, 1895). Seit 1899 ist er Mitherausgeber des »Zentralblattes für Bakteriologie, Parasitenkunde und Infektionskrankheiten« und publizierte darin: »Untersuchungen über den Kreislauf der Hefenarten in der Natur« (1903).

10) Joseph, deutscher Geschichtsforscher, geb. 26. April 1862 in Aachen, studierte 1880–83 in Bonn, Berlin und Münster, wurde 1885 Mitarbeiter der Münchener Historischen Kommission für die Ausgabe der Städtechroniken, war 1886–89 Assistent an den[794] königlichen Staatsarchiven zu Koblenz und Münster, 1889–91 Assistent am königlich preußischen Historischen Institut in Rom und wurde 1891 Direktor des Historischen Archivs der Stadt Köln; seit 1893 ist er zugleich Vorsitzender der Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde. Seine Hauptstudien liegen auf dem Gebiete der Inquisition und Gegenreformation, zu deren Erforschung er öftere Studienreisen unternahm. H. veröffentlichte: »Chroniken der deutschen Städte: Dortmund, Soest« (Leipz. 1887 u. 1889); »Westfalen und Rheinland im 15. Jahrhundert«, Bd. 1: Die Soester Fehde; Bd. 2: Die Münstersche Stiftsfehde (das. 1888–90); »Nunziaturberichte aus Deutschland 1572–1585« (Berl. 1892–94, 2 Bde.); »Rheinische Akten zur Geschichte des Jesuitenordens 1542 bis 1582« (Bonn 1896); »Zauberwahn, Inquisition und Hexenprozeß im Mittelalter und die Entstehung der großen Hexenverfolgung« (Münch. 1900); »Quellen u. Untersuchungen zur Geschichte des Hexenwahns und der Hexenverfolgung im Mittelalter« (Bonn 1901). Seit 1892 gibt H. auch die »Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst« (bis 1903 gemeinsam mit Hettner) sowie die »Mitteilungen aus dem Stadtarchiv von Köln« heraus.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 8. Leipzig 1907, S. 793-795.
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