Heidelberg [2]

[60] Heidelberg, 1) Stadt im gleichnamigen bad. Kreis und Amtsbezirk, 116 m ü. M., in reizender Gegend des Neckartals, da, wo der Fluß aus dem Gebirge in die Ebene tritt, am Fuß des 566 m hohen Königsstuhls, erstreckt sich am linken Neckarufer zwischen Fluß und Gebirge (s. den Lageplan auf Tafel »Landkartendarstellung«, Fig. 1) in einer einzigen Hauptstraße, 3 km lang, von O. nach W. Über den Neckar führen nach dem am rechten Neckarufer liegenden, seit 1891 mit H. vereinigten Ort Neuenheim und dem 1903 einverleibten Handschuchsheim zwei Brücken; die obere ist 210 m lang, 9 m breit und geschmückt mit den Statuen der Minerva und des Kurfürsten Karl Theodor, die untere, am westlichen Ende der Stadt, ist 243 m lang und 10 m breit. Unter den zahlreichen Plätzen sind bemerkenswert: der Ludwigsplatz mit dem Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. (modelliert von Donndorf), der Bismarckplatz mit dem Denkmal Bismarcks (ebenfalls von Donndorf), der Jubiläumsplatz mit der großartigen Stadthalle, der Wredeplatz, mit einem Denkmal des bayrischen Feldmarschalls Wrede (von Halbig). An öffentlichen Denkmälern besitzt die Stadt noch ein Denkmal des Pfälzer Dichters Nadler (von Volz). Unter den zu gottesdienstlichen Zwecken bestimmten Gebäuden (6 evangelische und 4 kath. Kirchen und eine Synagoge) verdienen Erwähnung. die Heilige Geist-Kirche, um 1400 erbaut, eins der imposantesten Denkmäler des spätgotischen Stils, mit dem Grabdenkmal ihres Stifters, Kaiser Ruprechts, und dessen Gemahlin (s. Tafel »Grabmäler«, Figur 9), ferner die restaurierte gotische Peterskirche, mit Grabmälern aus dem 16. und 17. Jahrh., darunter das der gelehrten Olympia Fulvia Morata, die restaurierte Providenzkirche und die geschmackvoll restaurierte Jesuitenkirche (kath. Pfarrkirche); ferner die neue evang. Christuskirche und die kath. Bonifatiuskirche.

Wappen von Heidelberg.
Wappen von Heidelberg.

Unter den Profanbauten sind bemerkenswert: das 1886 restaurierte Universitätsgebäude, das Rathaus mit schönem Saal, das Krematorium (zur fakultativen Feuerbestattung), das aus dem Jahre 1592 herrührende Gasthaus Zum Ritter, das neue Bibliothekgebäude u. a.

Die größte Sehenswürdigkeit Heidelbergs ist das Schloß, auf einem Vorhügel des Königsstuhls, unmittelbar über der Stadt und 101 m über dem Spiegel des Neckar, eine »deutsche Alhambra« (vgl. den Plan, S. 61). Zu Anfang des 13. Jahrh. begonnen, wurde der Bau besonders unter dem Kurfürsten Ruprecht, dem deutschen König, weiter fortgeführt und später noch durch den prachtvollen Otto Heinrich-Bau (seit 1556–59, s. Tafel »Architektur XI«, Fig. 1), ein Musterwerk edler Frührenaissance mit reichem plastischen Schmuck, und den im reichsten Spätrenaissancestil 1601–07 ausgeführten Friedrichsbau mit 16 Porträtstatuen erweitert. Diese Hauptgebäude bilden ein Viereck mit runden Ecktürmen: nach SW. stehen der Ruprechtsbau (1400–10 erbaut), der sogen. Alte Bau und das »Bandhaus«, der älteste Teil des Schlosses, nach der Nordwestseite der 1897 bis 1903 wiederhergestellte Friedrichsbau (mit den Standbildern pfälzischer Fürsten geschmückt), auf der Nordost- und Südostseite der Otto Heinrich-Bau (dessen Wiederherstellung ebenfalls in Aussicht steht), nebst dem sogen. Neuen Hof, aus Gotik und Renaissance gemischt, und der Ludwigsbau; auf der Westseite fügt sich noch als jüngster Bau der Elisabethenbau (1618) an. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde das Schloß erst durch die Franzosen 1689 und 1693 zum großen Teil zerstört, dann 1764 durch einen Blitzstrahl noch weiter verwüstet. Vorzüglich sehenswert sind: das Elisabethentor, die vier schönen Granitsäulen am Schloßbrunnen, die aus Karls d. Gr. Palast zu Ingelheim hierher gebracht sind, der Schloßgarten mit einer großen Terrasse, auf der das Erzstandbild Viktors v. Scheffel (modelliert von Heer) aufgestellt ist und von der man eine entzückende Aussicht auf das untere Neckartal und in die Rheinebene hat,[60] der gesprengte Turm, der schöne achteckige Turm, der vormalige Schloßgarten, die noch erhaltene Schloßkirche im Friedrichsbau, wo sich auch die für die Geschichte des Schlosses, der Pfalz und der Stadt interessante städtische Sammlung befindet. Endlich zeigt man in einem besondern Kellergewölbe das bekannte, 1751 gebaute große Faß, das beinahe 7 m im Durchmesser und über 10 m in der Länge hat und 236,000 Flaschen faßt. Gegen die geplante Wiederherstellung des Schlosses macht sich neuerdings eine lebhafte Agitation geltend.

Die Bevölkerung Heidelbergs beträgt (1900) mit der Garnison (ein Bataillon Grenadiere Nr. 110) 43,998 Seelen, davon 26,893 Evangelische, 15,246 Katholiken und 887 Juden. Die wesentlichsten Erwerbsquellen der Bewohner bilden die Universität und der bedeutende Fremdenbesuch. In industrieller Hinsicht sind Fabriken für Zigarren, Leder, Feuerspritzen, chirurgische Instrumente, Sanitätsapparate, Eisenbahnwagen, Zement und Mühlenprodukte sowie bedeutende Bierbrauereien zu nennen. Der Handel, besonders lebhaft in Büchern, Wein, Tabak und Hopfen, wird durch eine Handelskammer und neben mehreren öffentlichen Bankanstalten durch eine Reichsbanknebenstelle unterstützt. Für den Eisenbahnverkehr ist H. Knotenpunkt der badischen Staatsbahnlinien Mannheim-Konstanz, H.-Würzburg und H.-Speyer, der preußisch-hessischen Staatsbahnlinie Frankfurt a. M.-H. und andrer Linien; den Verkehr in der Stadt vermittelt eine elektrische Bahn. Eine Bergbahn führt nach dem Schloß u. der Molkenkur. Von den Bildungsanstalten steht obenan die Universität. Die Zahl der Studierenden belief sich im Sommersemester 1904 auf 1655, die Zahl der Dozenten auf 148. Die Bibliothek wurde nach dem Verlust der alten Bibliotheca Palatina (s. unten) 1703 durch Ankauf der Gräviusschen Sammlungen gegründet. Sie zählt 1/2 Mill. Bände, 2000 Handschriften, 2000 Pergamenturkunden etc. Mit der Universität sind außerdem verbunden: ein Hospital, Kinderkrankenhaus (Luisen-Heilanstalt), Entbindungsanstalt, eine Augen- und eine Irrenklinik, ein hygienisches und ein physiologisches Institut, chemisches Laboratorium, zoologisches und mineralogisches Museum, botanischer Garten, Sternwarte (auf dem Königsstuhl) etc. An sonstigen Bildungs- und andern Anstalten besitzt H. ein Gymnasium, Oberrealschule, Gewerbeschule, Theater, Vereine für Kunst und Wissenschaft, Altertumssammlung, Glasmalereianstalt, einen naturhistorisch-medizinischen Verein etc. H. ist Sitz einer Kreisverwaltung und eines Bezirksamts, Landgerichts, Hauptsteueramts und eines Forstamts. Die städtischen Behörden zählen 20 Magistratsmitglieder und 96 Stadtverordnete.

Grundriß des Heidelberger Schlosses.
Grundriß des Heidelberger Schlosses.

Die Umgebung Heidelbergs gehört zu den reizendsten Gegenden Deutschlands. Die ganze Landschaft mit ihren schön bewaldeten Bergen, malerischen Felsen und dem Neckar hat einen außerordentlich anmutigen Charakter. Zu den beliebtesten Aussichtspunkten nächst denen des Schloßgartens gehören die sogen. Molkenkur, über dem Schloß gelegen, wo einst die Burg Konrads von Hohenstaufen stand, und weiter hinauf der Königstuhl (s. d.). Auf der rechten Neckarseite liegt der aussichtsreiche Heiligenberg (445 m) mit Bismarckturm. Das Klima Heidelbergs gehört im Durchschnitt wie in den Extremen zu den mildesten Südwestdeutschlands. Zum Landgerichtsbezirk H. gehören die vier Amtsgerichte zu. Epp ingen, H., Sinsheim und Wiesloch.

Geschichte. Wahrscheinlich hatten schon die Römer an der Stelle des heutigen H. eine Niederlassung. Das Dorf H., mit einer an der Stelle der heutigen Molkenkur stehenden Burg, wurde 1225 vom Bischof von Worms dem Pfalzgrafen Ludwig I. zu Lehen gegeben und bald darauf zur Stadt erhoben. Die obere Burg wurde im 14. Jahrh. aufgegeben und die untere erbaut. H. wurde Residenz der Pfalzgrafen. 1384 fand hier die Heidelberger Einung statt, durch die der Nürnberger Landfriede von 1383 auch von den Städtebünden und diese dagegen von König Wenzel anerkannt wurden. Nach Einführung der Reformation daselbst (1556) und dem Erscheinen des Heidelberger Katechismus (1563) war H. ein Mittelpunkt des calvinischen Glaubensbekenntnisses. Im Dreißigjährigen Kriege ward H. 1622 von Tilly nach langer Belagerung erobert und geplündert, 1633 von den Schweden genommen und 1635 von den Kaiserlichen unter Gallas besetzt. Im Westfälischen Frieden[61] kam es wieder an Karl Ludwig, Friedrichs V. Sohn, welcher Schloß und Schloßgarten wieder prächtig einrichtete und auch die im Krieg aufgehobene Universität wieder herstellte. 1688 wurde es nach längerer Belagerung von den Franzosen genommen und 2. März 1689 von Melac zerstört, das Schloß zum Teil in die Luft gesprengt. Noch ärgere Verwüstungen erlitten Stadt und Schloß 1693 infolge der abermaligen Eroberung durch die Franzosen. Nachdem schon 1720 die Residenz von H. nach Mannheim verlegt worden war, kam H. 1803 an Baden. Hier fand 5. März 1848 die Heidelberger Versammlung statt, in der die Berufung eines deutschen Parlaments angebahnt wurde.

Die Universität zu H. wurde 1386 vom Kurfürsten Ruprecht 1. eröffnet, nachdem Papst Urban VI. durch die Bulle vom 23. Okt. 1385 dazu seine Zustimmung gegeben hatte. Ihr erster Rektor war Marsilius von Inghen. Sie war nach dem Vorbild der Pariser Akademie errichtet und besaß schon damals vier Fakultäten. Große Verdienste erwarb sich um die Anstalt Philipp der Aufrichtige, indem er ausgezeichnete Gelehrte, wie Reuchlin, Joh. Wessel, Wimpfeling u. a., berief. Otto Heinrich gründete die Bibliothek. Unter Kurfürst Friedrich III. lehrten hier Friedrich Sylburg, Xylander, Melissus und die beiden Theologen Ursinus und Olevianus, die den Heidelberger Katechismus (s. d.) entwarfen. Nachdem die Universität unter Friedrich V. während des Dreißigjährigen Krieges schon harte Schläge zu erleiden gehabt, kam sie seit 1685 unter den Einfluß der Jesuiten und verlor durch den Lüneviller Frieden noch ihre wichtigsten (nämlich die überrheinischen) Besitzungen, so daß sie 1802 ihrer Auflösung nahe war. Nachdem H. 1803 an Baden gekommen, hob sie sich indes bald zu neuem Glanz unter dem Großherzog Karl Friedrich, der ihr die jetzige Einrichtung und den Namen Ruperto-Carola gab. Im August 1886 hat sie ihr 500jähriges Bestehen festlich begangen. Die alte berühmte Bibliothek, die im Chor der Heilige Geist-Kirche aufbewahrt wurde und über 3500 Handschriften enthielt, wurde von Tilly nach Eroberung der Stadt 1623 nach Rom gesandt und daselbst im Vatikan als Bibliotheca Palatina aufgestellt. Von den Handschriften kamen 1815 infolge des Pariser Friedens 38 der besten, welche die Franzosen nach Paris geschleppt hatten, 1888 auch die Manessische Handschrift nach H. zurück; außerdem gab der Papst sämtliche altdeutsche Manuskripte (852 an der Zahl) heraus. Vgl. Oncken, Stadt, Schloß und Hochschule H.; Bilder aus ihrer Vergangenheit (3. Aufl., Heidelb. 1885); Pfaff, H. und Umgebung (2. Aufl., das. 1902); Lorentzen, H. und Umgebung (Stuttg. 1902); Durm, Das Heidelberger Schloß, eine Studie (Berl. 1884); Koch und Seitz, Das Heidelberger Schloß (Darmst. 1887–91, 60 Tafeln mit Text); Öchelhäuser, Das Heidelberger Schloß, bau- und kunstgeschichtlicher Führer (3. Aufl., Heidelb. 1902); Rosenberg, Quellen zur Geschichte des Heidelberger Schlosses (das. 1882); »Mitteilungen zur Geschichte des Heidelberger Schlosses« (hrsg. vom Heidelberger Schloßverein, das. 1885 ff.); Hautz, Geschichte der Universität H. (das. 1863–64, 2 Bde.); Thorbecke, Geschichte der Universität H. (1. Abt., bis 1449, Stuttg 1886);»Urkundenbuch der Universität H.« (hrsg. von Winkelmann, Heidelb. 1886, 2 Bde.); Wilken, Geschichte der Bildung, Beraubung und Vernichtung der alten Heidelberger Büchersammlungen (das. 1817); Bähr, Die Entführung der Heidelberger Bibliothek nach Rom (Leipz. 1845); Salzer, Zur Geschichte Heidelbergs in den Jahren 1688 und 1689 (Heidelb. 1878); G. Weber, Heidelberger Erinnerungen (Stuttg. 1886); »Heidelberger Professoren aus dem 19. Jahrhundert« (Festschrift, Heidelb. 1903); »Neues Archiv für die Geschichte der Stadt H. etc.« (das. 1890 ff.); »Chronik der Stadt H.« (das. 1895 ff., jährlich).

2) Dorf in der sachs. Kreish. Dresden, Amtsh. Freiberg, im Erzgebirge, nahe der böhmischen Grenze, 833 m ü. M., hat Holz- und Holzspielwarenfabrikation und (1900) 1798 Einw.

3) Ort in der Kapkolonie, Bezirk Swellendam, östlich vom Hauptort Swellendam, mit ca. 900 Einw., darunter 500 Europäer. – 4) Ort in der ehemaligen Südafrikanischen Republik, südöstlich von Johannesburg, am rechten Ufer des Rand River und an der Bahnlinie Durban-Ladysmith-Pretoria.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 9. Leipzig 1907, S. 60-62.
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