Jacobi [2]

[124] Jacobi, 1) Johann Georg, Dichter, geb. 2. Sept. 1740 in Düsseldorf als Sohn eines begüterten Kaufmanns, gest. 4. Jan. 1814 zu Freiburg i. Br., widmete sich in Göttingen dem Studium der Theologie und Philologie, insbes. auch der Lektüre englischer, italienischer und spanischer Schriftsteller, wurde 1766 als Professor der Philosophie und Beredsamkeit nach Halle berufen. Mit Gleim, den er im Bade Lauchstädt kennen lernte, trat er in ein inniges Freundschaftsverhältnis. Seit 1768 lebte er in Halberstadt, wo er durch Gleims Vermittelung eine Stiftspräbende erhielt. In Düsseldorf gab er später unter Gleims Mitwirkung seine »Iris« (1774–76, 8 Bde.), eine Zeitschrift für das schöne Geschlecht (mit Beiträgen von Goethe, F. H. Jacobi, Lenz, Heinse, Sophie La Roche u. a.), heraus. 1784 folgte er einem Rufe Josephs II. als Professor der schönen Wissenschaften nach Freiburg i. Br. Eine von ihm selbst veranstaltete Ausgabe seiner sämtlichen Werke erschien Zürich 1807–13, 7 Bde. (neue Aufl. 1825, 4 Bde.), dazu als 8. Band: »Leben I. G. Jacobis, von einem seiner Freunde« (A. v. Ittner, das. 1822). I. hatte sich nach französischen und englischen Mustern, vornehmlich Gresset, Chaulieu und Sterne, gebildet und durch seinen gezierten und süßlichen Ton öfters Anstoß erregt, namentlich nach dem Erscheinen seines halb poetischen, halb prosaischen Briefwechsels mit Gleim (1768). Er erhob sich erst in seinen spätern Jahren in seinen Gedichten zu selbständigerer, männlich kräftiger Haltung. »Ungedruckte Briefe von und an I. G. I.« veröffentlichte Martin (mit Biographie, Straßb. 1874). Vgl. Longo, Laurence Sterne und Johann Georg I. (Wien 1898).

2) Friedrich Heinrich, Philosoph und Schriftsteller, Bruder des vorigen, geb. 25. Jan. 1743 in Düsseldorf, gest. 10. März 1819 in München, widmete sich nach dem Willen seines Vaters dem Handelsstand. Von Kindheit an war er, wie er selbst an Merck schrieb, »Schwärmer, Phantast, Mystiker«. In Genf, wohin er später kam, für die Wissenschaft gewonnen, widmete er sich ihr seit seiner Ernennung zum Mitgliede der jülich-bergischen Hofkammer ausschließlich. Sein älterer Bruder machte ihn mit Wieland bekannt; auch kam er in freundschaftliche Berührung mit Hemsterhuis, Hamann, Herder, Lessing, vor allen mit Goethe. Sein Landsitz in Pempelfort bei Düsseldorf war vielfach Sammelpunkt von geistig bedeutenden Männern. Nach dem 1784 erfolgten Tode seiner geistreichen Frau Betty, einer gebornen v. Clermont aus Vaels bei Aachen, zog er sich von aller öffentlichen Tätigkeit zurück und lebte abwechselnd in Hamburg, Eutin und Wandsbek, folgte aber 1804 einem Ruf als Präsident der 1807 eröffneten Akademie der Wissenschaften nach München. Seine bedeutendsten Schriften sind: »Woldemar« (Flensb. 1779, 2 Bde.; Ausgabe letzter Hand, Leipz. 1826); »Eduard Alwills Briefsammlung« (Bresl. 1781; neue Aufl. 1792, Ausgabe letzter Hand 1826); »Über die Lehre des Spinoza, in Briefen an Mendelssohn« (das. 1785, 3. Aufl. 1789); »David Hume über den Glauben, oder Idealismus und Realismus« (das. 1787); »Über das Unternehmen des Kritizismus, die Vernunft zu Verstand zu bringen« (Hamb. 1801); »Von den göttlichen Dingen und ihrer Offenbarung« (Leipz. 1811, 2. Aufl. 1822). Jacobis Werke erschienen gesammelt Leipzig 1812–24, 6 Bde. Sein »Auserlesener Briefwechsel« wurde von Roth (Leipz. 1825–27, 2 Bde.), sein Briefwechsel mit Goethe von Max Jacobi (das. 1847), der mit Hamann von Gildemeister (im[124] 5. Band von »Hamanns Leben und Schriften«, Gotha 1868), seine »Briefe an Friedr. Bouterwek aus den Jahren 1800–1819« von W. Mejer (Götting. 1868) herausgegeben. Ferner veröffentlichte Zöppritz: »Aus F. H. Jacobis Nachlaß« (Leipz. 1869, 2 Bde.).

I. war ein geistreicher Mann und liebenswürdiger Charakter, neben dem Philosophen auch Weltmann und Dichter, daher in seinem Philosophieren ohne strenge logische Ordnung, ohne scharfen Gedankenausdruck. Er nennt sich einen Heiden mit dem Verstand und einen Christen mit dem Gemüt und sagt selbst von sich: »Nie war es mein Zweck, ein System für die Schule aufzustellen; meine Schriften gingen hervor aus meinem innersten Leben; ich machte sie gewissermaßen nicht selbst, nicht beliebig, sondern fortgezogen von einer höhern, mir unwiderstehlichen Gewalt.« Angeregt wurde er in Genf besonders durch die Schriften Bonnets und Rousseaus, später durch die Spinozas und Kants, wie auch durch den persönlichen Verkehr mit Hemsterhuis. Seiner ganzen Richtung nach ist I. Glaubensphilosoph, d. h. er erhebt sich über das Wissen, das der Verstand gibt, durch den Glauben an das Dasein Gottes, und zwar ist das Vermögen, das Übersinnliche unmittelbar zu vernehmen, die Vernunft. Es ist nicht zu verwundern, daß die Philosophie als eine demonstrative Wissenschaft nicht imstande ist, das Dasein Gottes zu beweisen, da wir, solange wir demonstrieren wollen, über jedem Gegenstand noch einen höhern, der ihn bedingt, annehmen müssen, so daß wir dabei nicht zu dem Unendlichen, sondern nur zu einem Bedingten kommen. Dem gegenüber tritt ein Fürwahrhalten, das nicht durch Beweise erzielt wird, d. h. der Glaube; von ihm geht nicht nur das Wissen des Übersinnlichen, sondern auch das des Sinnlichen als von der höchsten Instanz aus. Der Glaube besteht in der innern Nötigung, das Vorhandensein gewisser Dinge und Zustände außer sich anzunehmen; er beruht auf einer unmittelbaren Einwirkung jener Dinge auf unsern Geist. I. knüpft vielfach an Kant an, ohne doch dessen Vernunftglauben, der auf dem praktischen Bedürfnis beruht, anzunehmen; sein Glaube ist rein theoretisch, nur ohne beweisende Gründe. Er nimmt an, daß die Dinge auf uns einwirken, und weist auf den Widerspruch schon hin, der sich bei Kant geltend macht in der Subjektivität der Kategorie der Kausalität und der Notwendigkeit der Annahme einer Affektion von außen. Der Spinozismus ist für I. auf dem Gebiete der Demonstration das einzig konsequente System; wer sich mit ihm zufrieden gebe, dem könne nichts andres andemonstriert werden, aber es entspreche nicht den unabweisbaren Bedürfnissen des Gemüts, die auf etwas andres hinweisen, das zugleich das höchste in unserm Geiste sei. Nichts könne so ergreifen und dem menschlichen Gemüt sich unüberwindlicher dartun, als die absoluten Gegenstände: das Wahre, Gute und Schöne. Jacobis Schwäche bestand darin, daß er, statt mit dem Kopf, mit dem Herzen Metaphysik treiben wollte. Seine Philosophie ist einerseits empirischer, anderseits moralischer und ästhetischer Sensualismus; Quell der Erkenntnis des existierenden Sinnlichen ist die Sinnlichkeit, des Guten und Schönen die »schöne Seele« (Herz, Gemüt). Aber er irrte darin, daß er sich nicht begnügte, aus den Aussprüchen des Gemüts den unbedingten Wert des Guten und Schönen zu folgern, sondern dessen wirkliche Existenz in der Gestalt des Ideals von Güte und Schönheit, d. h. der Gottheit, erweisen zu können wähnte. Indessen hat ihm die Berufung auf die »schöne Seele« viele zu Freunden, auch solche gemacht, die in Kants Angriff auf die Beweise für das Dasein Gottes einen solchen auf dieses selbst sahen. Es haben sich ihm nicht nur vorzüglich Frauen (wie die Fürstin Galizyn u. a.), sondern auch ideal gestimmte Gemüter, wie z. B. Fries, Köppen, Weiller u. a., angeschlossen. Zu seinen Schülern gehören Salat, Ancillon, Bouterwek, Calker, im weitern Sinn selbst Krug u. a. Vgl. Kuhn, I. und die Philosophie seiner Zeit (Mainz 1834); Deycks, I. im Verhältnis zu seinen Zeitgenossen (Frankf. 1849); Zirngiebl, F. H. Jacobis Leben, Dichten und Denken (Wien 1867); Harms, Über die Lehre von F. H. I. (Berl. 1876); Lévy-Bruhl, La philosophie de J. (Par. 1894); Hassenkamp, Der Düsseldorfer Philosoph I. und sein Heim in Pempelfort (Düsseld. 1898).

3) Moritz Hermann von, Techniker und Physiker, geb. 21. Sept. 1801 in Potsdam, gest. 10. März 1874 in Petersburg, widmete sich dem Baufach, lebte als Baumeister in Königsberg, erhielt 1835 die Professur der Zivilbaukunst in Dorpat, ward 1837 nach Petersburg berufen und hier 1842 zum Mitgliede der Akademie der Wissenschaften und später zum Staatsrat und Mitgliede des Manufakturkonseils beim Finanzministerium ernannt; auch wurde ihm der Adel verliehen. I. ist Erfinder der Galvanoplastik (1837), er bemühte sich um die Anwendung des Elektromagnetismus zum Betrieb von Maschinen und stellte mit Augeraud 1850 im großen Maßstab Versuche mit dem elektrischen Licht an. Außer zahlreichen Abhandlungen in den Memoiren der Petersburger Akademie schrieb er: »Die Galvanoplastik« (Petersb. 1840); »Mémoire sur l'application de l'électromagnétisme an mouvement des machines« (Potsd. 1835). Vgl. Wild, Zum Gedächtnis an I. (Petersb. 1876).

4) Karl Gustav Jakob, Mathematiker, Bruder des vorigen, geb. 10. Dez. 1804 in Potsdam, gest. 18. Febr. 1851 in Berlin, studierte seit 1821 in Berlin und habilitierte sich daselbst 1825 als Privatdozent an der Universität, ging aber bald nach Königsberg und erhielt daselbst 1827 eine außerordentliche und 1829 die ordentliche Professur der Mathematik. 1836 wurde er Mitglied der Berliner Akademie. Nachdem er sein Amt 1842 niedergelegt hatte, lebte er in Berlin und hielt Vorlesungen an der dortigen Universität. Er entwickelte nahezu gleichzeitig mit Abel und unabhängig von diesem die Theorie der elliptischen Funktionen und eröffnete durch sein berühmtes »Umkehrproblem« den Weg zu den Abelschen Funktionen. Nicht minder wichtig sind seine Arbeiten über Zahlentheorie, analytische Mechanik, Differentialgleichungen und Variationsrechnung. Als selbständige Werke gab er heraus: »Fundamenta nova theoriae functionum ellipticarum« (Königsb. 1829); »Canon arithmeticus« (Berl. 1839). Aus seinem Nachlaß veröffentlichte Clebsch: »Vorlesungen über Dynamik« (Berl. 1866). Seine »Gesammelten Werke« sind in 7 Bänden und Supplement (2. Ausg. der genannten Vorlesungen) erschienen (Berl. 1881–91). Vgl. die Gedächtnisrede von Lejeune-Dirichlet (in den Abhandlungen der Berliner Akademie, 1852) und die ausführliche Biographie von Königsberger (Leipz. 1904).

5) Justus Ludwig, prot. Theolog, geb. 12. Aug. 1815 in Burg bei Magdeburg, gest. 31. Mai 1888 in Halle, wurde 1847 in Berlin außerordentlicher, 1851 in Königsberg ordentlicher Professor der Theologie und folgte 1855 einem Ruf nach Halle. Unter seinen Schriften nennen wir: »Die kirchliche Lehre von der Tradition und Heiligen Schrift in ihrer Entwickelung« (Berl. 1847, Abteil. 1); »Lehrbuch der [125] Kirchengeschichte« (das. 1850, Teil 1); »Die Lehre der Irvingiten« (das. 1853, 2. Aufl. 1868); »Die Jesuiten« (Halle 1862); »Erinnerungen an August Neander« (das. 1882); »Erinnerungen an den Baron Ernst von Kottwitz« (das. 1882); »Professor Schlottmann, die Hallesche Universität und die Zentrumspartei« (u. Aufl., das. 1882); »Streiflichter auf Religion, Politik und Universitäten der Zentrumspartei« (das. 1883). Vgl. I. Jacobi, Iust. Ludw. I. und die Vermittelungstheologie (Gotha 1889).

6) Karl Rudolf von, Staatsmann, geb. 8. Sept. 1828 in Jeggau bei Gardelegen, gest. 24. Juli 1903 in Zinnowitz, studierte die Rechte, ward 1856 Hilfsarbeiter im preußischen Handelsministerium, 1862 im Ministerium des Innern, 1864 wieder im Handelsministerium und 1866 Regierungsrat, 1867 Geheimer Regierungsrat, 1870 Geheimer Oberregierungsrat und 1873 stellvertretender Bundesratsbevollmächtigter. Als Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat und erster vortragender Rat in das Staatsministerium übertretend, ward er 1874 Ministerialdirektor im Handelsministerium, 1877 Präsident des deutschen Reichspatentamtes und 1879 Unterstaatssekretär im Handelsministerium. Nachdem er 1881–86 Präsident der Preußischen Zentralbodenkreditgesellschaft gewesen, trat er 1886 in sein Amt als Unterstaatssekretär zurück, war vom November 1886 bis 1. Okt. 1888 Staatssekretär des deutschen Reichsschatzamtes und wurde bei der Entlassung erblich geadelt. 1891 wurde er Mitglied des Kolonialrates, 1898 Mitglied des ordentlichen Beirats für das Auswanderungswesen; zuletzt war er auch zweiter Vorsitzender des Aufsichtsrats der Diskontogesellschaft.

7) Hermann, Sanskritist und Sprachforscher, geb. 11. Febr. 1850 in Köln, studierte in Bonn und Berlin Philologie, besonders orientalische, unternahm 1873–74 eine Studienreise nach Indien, kam 1876 als außerordentlicher Professor nach Münster, 1885 als ordentlicher Professor nach Kiel und wurde 1889 in gleiche Stellung nach Bonn berufen. Ein Teil seiner Publikationen beschäftigt sich mit der Literatur der Dschainasekte, so »The Kalpasūtra of Bhadrabāhu« (in den »Abhandlungen zur Kunde des Morgenlandes«, Leipz. 1879); »The Ayāramga Sutta of the Cvetāmbara Jains« (in der »Pali Text Society«, Lond. 1882); »Gaina Sūtras translated from the Prākrit« (in den »Sacred Books of the East«, Bd. 22 und 45, Oxf. 1884, 1895); »Ausgewählte Erzählungen in Mahārāshtrī« (Leipz. 1886). Außerdem wandte er besondere Aufmerksamkeit der indischen Astronomie zu und machte den von vielen lebhaft angefochtenen Versuch, aus dem Kalender des Veda ein wesentlich höheres Alter desselben, als angenommen zu werden pflegt, zu erweisen (im »Festgruß an Roth«, S. 68 ff., Stuttg. 1893). Noch sind zu erwähnen seine Schriften: »Das Râmâyana. Geschichte und Inhalt nebst Konkordanz der gedruckten Rezensionen« (Bonn 1893); »Kompositum und Nebensatz. Studien über die indogermanische Sprachentwickelung« (das. 1897); »Mahābhārata« (das. 1903).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 10. Leipzig 1907, S. 124-126.
Lizenz:
Faksimiles:
124 | 125 | 126
Kategorien:

Buchempfehlung

Mickiewicz, Adam

Pan Tadeusz oder Die letzte Fehde in Litauen

Pan Tadeusz oder Die letzte Fehde in Litauen

Pan Tadeusz erzählt die Geschichte des Dorfes Soplicowo im 1811 zwischen Russland, Preußen und Österreich geteilten Polen. Im Streit um ein Schloß verfeinden sich zwei Adelsgeschlechter und Pan Tadeusz verliebt sich in Zosia. Das Nationalepos von Pan Tadeusz ist Pflichtlektüre in Polens Schulen und gilt nach der Bibel noch heute als meistgelesenes Buch.

266 Seiten, 14.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon