Klavier

[100] Klavier (Pianoforte, Fortepiano, franz. Piano), das allbekannte Musikinstrument, bei dem mittels einer Klaviatur (Tastatur) elastische Hämmerchen gegen die Saiten getrieben werden und dieselben zum Tönen bringen. Das K. wird in drei Hauptformen gebaut: der tafelförmigen (Tafelklavier), flügelförmigen (Flügel) und aufrecht stehenden (Pianino). Die Tafelform ist die älteste und wird jetzt nur noch selten gebaut. Der Flügel wird in verschiedenen Größen gebaut: als Konzertflügel, der die größte Länge hat, und als (kreuzsaitiger) Stutzflügel, der bedeutend kürzer als jener ist; eine Mittelgröße bildet der sogen. Salonflügel. Die ersten aufrechtstehenden Pianofortes oder Pianinos (franz. Piano droit, engl. Cottage) baute 1811 Robert Wornum in London, der 1826 ein Patent für seine Pianinotechnik nahm. Bald wurde wegen seiner Bequemlichkeit das Pianino sehr beliebt, wenngleich sein Klang an Fülle zu wünschen übrigläßt und besonders die Bässe der kleinern (billigern) Arten wegen zu kurzer Saiten undeutlich ausfallen. Auch hier ist die Saitenkreuzung ein treffliches Verbesserungsmittel, indem sie für die längsten Saiten die Diagonalen benutzt.

Wie bei allen Saiteninstrumenten, so ist auch beim K. der Resonanzboden (s. d.) der wichtigste Teil; er ist eine unter den Saiten liegende dünne, geradfaserige Tannenholzplatte, deren untere Seite in Zwischenräumen von ungefähr 5–6 cm mit Rippen (Berippung) besetzt ist, Holzleisten, welche, die Fasern rechtwinklig durchschneidend, den Zweck haben, die Bildung von Transversalschwingungen zu verhindern. Die Saiten sind jetzt durchweg von Gußstahl; Webster in Manchester (1834) war der erste, der sie daraus fertigte. Früher nahm man zu den Saiten gewöhnliches Eisen, noch früher Messing. Um bei gleicher Länge tiefere Töne zu erzeugen, überspinnt man die Saiten mit Eisen-, Messing- oder Kupferdraht. Behufs Erlangung eines kräftigern Klanges werden zu jedem Ton mehrere gleichgestimmte Saiten ausgezogen und zwar beim Tafelpianoforte zwei (zweichörig), beim Flügel und Pianino drei (dreichörig), während die tiefste Oktave nur einfachen Bezug erhält. Vorn, am nächsten der Klaviatur, sind die Saiten mittels angedrehter Schlingen um die im Stimmstock eingefügten Stimmnägel gewunden. Der klingende Teil wird durch eine gleich hinter den Stimmnägeln befestigte schmale Leiste, auf der die Schrägstifte sich befinden, abgegrenzt; bei neuern Instrumenten sind die Schräg- oder Schränkstifte auch durch einen festen Metallstock (capotasto) vertreten, der quer über die Saiten gelegt und am Stimmstock fest angeschraubt ist. Die Klangerregung der Saiten geschieht durch die Mechanik (Hammerwerk, Klaviatur), mit der die Dämpfung verbunden ist. Bei der sogen. deutschen Mechanik befindet sich der Hammer, der an die Saiten schlägt, am Tastenhebel und wird mittels einer seinen Stiel nahe am Ende durchkreuzenden Achse in einer auf dem Hebelende der Taste stehenden Messinggabel (Kapsel) bewegt. In das schnabelförmige Ende des Hammerstiels greift der Auslöser, ein knieartig ausgeschnittenes Hölzchen. Beim Druck auf die Taste hebt sich das Hebelende mit dem Hammer, dieser drückt gegen das Knie des Auslösers und schnellt den Hammerkopf gegen die Saite, worauf derselbe sofort in seine Ruhelage zurückfällt, soweit die noch gehobene Taste das gestattet. Gleichzeitig mit dem Hammer hebt sich ein auf jedem Saitenchor befindliches Polsterchen, die Dämpfung, das erst zurückfällt, wenn der Druck auf die Taste aufhört. Mittels des Hauptpedals (s. unten) kann man auch die Dämpfer von allen Saiten zugleich entfernen. Bei der englischen Mechanik befindet sich der Hammer unabhängig vom Tastenhebel an einer besondern Leiste (Hammerstuhl), in einer Achse sich bewegend; der Hammer wird durch eine auf dem Ende des Tastenhebels befindliche Stoßzunge, die zugleich Auslöser ist, in die Höhe an die Saite geschnellt. Im allgemeinen hat die englische Mechanik den Vorteil der größern Präzision vor der deutschen voraus, dagegen ist die deutsche Mechanik ihrer größern Einfachheit wegen dauerhafter und weit leichter zu reparieren. Ein wesentlicher Bestandteil der Hämmer ist die Belederung (Befilzung), die weder zu dick und weich, noch zu hart sein darf, weil in jenem Falle der Klang matt und dumpf, in diesem spitz und scharf wird. Die Klaviatur scheidet sich in Ober- und Untertasten; erstere sind jetzt durchweg schwarz (aus Ebenholz oder schwarz gebeizt), letztere weiß (mit Horn oder Elfenbein belegt), während man früher auch Instrumente mit schwarzen Untertasten und weißen Obertasten baute. Die Reihenfolge der Untertasten ist die der C dur-Tonleiter, während die Obertasten die chromatischen Zwischenstufen bringen. Der Umfang des Klaviers reichte zu Mozarts Zeit nur vom Kontra-E bis zum viergestrichenen f, während er sich jetzt vom Doppelkontra-A bis zum fünfgestrichenen c erstreckt. Die beiden Messing- oder Holztritte beim Flügel und Pianino, durch die man mit den Füßen die Dämpfung (Fortezug) und Verschiebung (wodurch die Klaviatur etwas beiseite geschoben wird, so daß der Hammer nur an eine oder zwei Saiten schlägt) regiert, nennt man Pedale. Verbesserungen der Fortepedale wurden unter andern versucht von E. Zachariä (Kunstpedal), Steinway und Söhne (Tonhaltungspedal) und Ehrbar (Prolongement), deren gemeinsames Ziel ist, die Dämpfung einzelner Töne oder[100] ganze Teile der Besaitung gehoben zu erhalten, während die übrigen gedämpft bleiben. Sie haben aber sämtlich nur vorübergehendes Interesse erweckt. Zu größerm Ansehen gelangten die Aliquotflügel von Blüthner (s. d.) in Leipzig, bei denen der Besaitung jedes Tones die höhere Oktave zur Verstärkung beigegeben ist; die Oktavsaiten werden aber nicht vom Hammer getroffen, sondern nur durch Mittönen erregt und haben besondere, mit der Hauptdämpfung zusammenhängende kleinere Dämpfer. Einer ähnlichen Idee entsprang die Doppelmensur von Steinway (1872), welche die toten Teile der Saiten (s. oben) auf Obertöne der ganzen Saiten stimmt. Die berühmtesten heutigen Pianofortefabriken sind die von Erard in Paris, Steinway u. Söhne in New York, Bechstein und Duysen in Berlin, Blüthner in Leipzig, Broadwood in London, Schiedmayr in Stuttgart, Rud. Ibach Sohn in Barmen, Kaps in Dresden, Bösendorfer und Ehrbar in Wien etc.

Neuerdings ist auf Anregung J. H. Vincents in Czernowitz die schon früher (z. B. von K. Henfling 1708, J. Rohleder 1792, K. B. Schumann 1859 u. a.) angewendete, aber wieder verschwundene chromatische Klaviatur wieder hier und da gebaut worden, die aus dem ununterbrochenen Wechsel von Ober- und Untertasten besteht. Eine geistreiche Weiterbildung derselben ist Paul v. Jánkos Terrassenklaviatur (1882), die einiges Aufsehen machte, aber auch schwerlich die alte Klaviatur verdrängen wird.

[Geschichtliches.] In seiner heutigen Gestalt, als Hammerklavier, ist das K. noch nicht 200 Jahre alt, aber auch in seinen Uranfängen als Saiteninstrument mit Tastatur reicht es nur bis ins Mittelalter zurück. Sehen wir von der Klaviatur ab, die freilich das K. erst zum K. macht (clavis = Taste), so müssen wir als Vorläufer desselben schließlich alle mit einem Plektron oder mit den Fingern gespielten Saiteninstrumente ansehen, d. h. sein Ursprung verliert sich dann in die ältesten Zeiten. Die Tradition führt das K. auf das Monochord zurück, jenes uralte der theoretischen Bestimmung der Tonverhältnisse dienende Instrument, das an einer einzigen Saite durch Verschiebung eines Steges die Saitenlängenverhältnisse der Töne der Skala demonstrierte. Auf die Idee der Klaviatur führte zuerst die Orgel (s. d.). Die Übertragung der Klaviatur auf das Monochord als ein System in ihren Abständen geregelter Stege, die einzeln durch Niederdruck der zugehörigen Taste sich so weit hoben, daß die Saite fest auf ihnen auflag, war nicht gerade ein naheliegender Gedanke; das Organistrum (s. Drehleier) beweist aber, daß man spätestens im 8.–9. Jahrh., d. h. in der Zeit ihn faßte, wo die Orgel anfing, sich als Lehrinstrument in den kirchlichen Sängerschulen einzubürgern. Zu einiger Vollkommenheit entwickelte sich das Instrument, wie es scheint, zuerst in England (vgl. K. Krebs, Die besaiteten Klavierinstrumente bis zu Anfang des 17. Jahrhunderts, in der »Vierteljahrsschrift für Musikwissenschaft«, 1892). Das Klavichord hatte noch bis zu seinem Verschwinden (zu Ende des 18. Jahrh.) in der Regel weniger Saiten als Tasten (war nicht »bundfrei«, sondern »gebunden«); im 16. Jahrh. (bei Virdung 1511) hatten sich die primitiven hölzernen Stege des Organistrums (und ältern Monochords) zu Metallzungen (Tangenten) fortentwickelt, die, auf den hintern Tastenenden befestigt, durch diese gehoben wurden und nicht nur als Stege die Saiten teilten, sondern sie auch zugleich zum Tönen brachten, wozu es beim alten Monochord erst noch des Reißens mit einem Plektron oder dem Finger bedurfte. Die Saiten waren alle von gleicher Länge, Stärke und Spannung, liefen quer wie beim heutigen Tafelklavier, der durch die Tangenten abgegrenzte klingende Teil derselben war der vom Spieler aus rechts gelegene; die Dämpfung des links liegenden Teils geschah vermutlich mit der linken Hand, oder man flocht schon damals Tuchstreifen ein. Ein vollstimmiges Spiel, das beide Hände erfordert hätte, war bei diesen primitiven Instrumenten schon darum unmöglich, weil mehrere Tasten dieselbe Saite regierten. Der Tonumfang war anfänglich wohl der der Guidonischen Hand, d. h. von G-e'' ohne andre Obertasten als b und b'; doch war bereits um 1500 die Klaviatur voll entwickelt mit fünf Obertasten und im Umfang von über drei Oktaven. Füße hatten diese Instrumente noch nicht, sondern sie wurden wie ein Kasten auf den Tisch gestellt.

Nicht viel später als das Klavichord hat sich das Klavicymbal (Clavicembalo, Cembalo) entwickelt. Virdung meint, daß dasselbe aus dem Psalterium (einer Art dreieckiger kleiner Harfe) hervorgegangen. Der Name Klavicymbal deutet aber darauf hin, daß man es als ein Cymbal (Hackbrett) mit Klaviatur ansah; der Kasten des Instruments war viereckig, der Saitenbezug wies aber die dreieckige Form auf wie bei allen unsern heutigen Klavieren. Der Hauptunterschied zwischen Klavichord und Klavicymbal war, daß letzteres für jede Taste eine besondere auf den betreffenden Ton gestimmte Saite hatte, also keines teilenden Stegs (Bundes) mehr bedurfte; das Klavicymbal, wie wir es bei Virdung zuerst abgebildet finden, ist also das älteste »bundfreie« K. Dasselbe erheischte natürlich eine ganz andre Art des Anschlags; statt der Tangenten des Klavichords führte man hölzerne Stäbchen (Döckchen) ein, die am obern Ende kleine, zugespitzte Stückchen harten Federkiels (Rabenkiel) trugen, mittels deren sie die Saiten rissen (daher der Name »Kielflügel«, ital. istrumento da penna, »befiedertes Instrument«). Das »Bekielen« war eine Arbeit, die jeder Cembalist verstehen mußte, da Reparaturen sehr oft nötig wurden. Klavichord und Klavicymbal hielten sich nebeneinander, bis zu Ende des 18. und im Anfang des 19. Jahrh. das Hammerklavier sie gänzlich verdrängte; sie entwickelten sich aber schon im 16. Jahrh. zu größern Dimensionen. Das Klavichord behielt seine viereckige Form, erhielt aber bald Füße und einen ähnlichen Saitenbezug wie das Klavicymbal, d. h. nach der Höhe hin kürzere und dünnere Saiten; auch reduzierte man die gemeinsame Benutzung der Saiten durch mehrere Tasten immer mehr.

In Deutschland nannte man das Klavichord kurzweg Klavier; synonyme Bezeichnungen sind Monocordo, Manicordo. Als Lehr- und Studieninstrument wurde das Klavichord besonders in Deutschland entschieden vorgezogen, weil es einigermaßen der Tonschattierung fähig war, während der Ton des Klavicymbals immer kurz abgerissen, hart und trocken war. Ein nur auf dem Klavichord möglicher Effekt war die Bebung, hervorgebracht durch ein leises Wiegen des Fingers auf der Taste, die ein sanftes Reiben der Saite durch die Tangente bewirkte. Man forderte die Bebung durch ⌢ über der Note. Mannigfaltiger entwickelte sich das Klavicymbal. Die kleinen in Tafelform hießen Spinett (franz. Épinette, nach dem venezianischen Klavierbauer Giovanni Spinetti, um 1500), Buonaccordo, Virginal (der Name kommt schon bei Virdung [1511] vor und bezeichnete wohl Instrumente höherer Tonlage, entsprechend[101] dem Jungfernregal der Orgel) etc.; die größern, in Gestalt eines an den spitzen Ecken abgekanteten rechtwinkligen Dreiecks gebauten (wie unsre heutigen Flügel) behielten den alten Namen Clavicembalo (oder kurz Cembalo, auch korrumpiert oder mit Rücksicht auf den Tonumfang nach der Tiefe Gravicembalo, franz. Clavessin, Clavecin) oder wurden Harpichord (Arpicordo, engl. Harpsichord), deutsch auch Flügel, Kielflügel, Steertstück und Schweinskopf genannt. Auch unser heutiges Pianino hatte schon zu Anfang des 16. Jahrh. einen Vorläufer in dem Klavicitherium (Harfenklavier), einem Klavicymbal mit vertikal laufenden (Darm-) Saiten (hinter der Klaviatur ein aufrechtstehender dreieckiger Kasten); das Klavicitherium hielt sich noch im 17. Jahrh., ihm ähnlich gestaltet war das spätere, zu Anfang des 19. Jahrh. nicht seltene Giraffenklavier.

Das ausgehende 16. Jahrh. brachte mit seinen Wiederbelebungsversuchen des chromatischen und enharmonischen Tongeschlechts der Griechen mehrfache Versuche, die Tastatur und den Bezug der »Instrumente« (so nannte man lange Zeit allgemein alle die verschiedenen Arten von Klavieren gemeinsam) zu erweitern, indem man für Gis und As, Dis und Es etc. besondere Tasten einfügte. Zu allgemeinerer Bedeutung sind dieselben nicht gelangt, haben aber schnell die Idee der gleichschwebenden Temperatur angeregt. Andre, zum Teil viel spätere Verbesserungsversuche sind die verschiedenen Arten der Bogenklaviere, Lautenklavicymbal, Theorbenflügel, die Verbindung abgestimmter Glöckchen mit dem K. etc. In allgemeinen Gebrauch kamen dagegen die Flügel mit doppelter Klaviatur nach Art der Orgeln, die für jede Klaviatur einen besondern Bezug hatten; in der Regel stand das Obermanual eine Oktave höher (vgl. das oben über Virginal Gesagte), und beide Klaviaturen konnten so verkoppelt werden, daß die untere die obere mitregierte. Die Verstärkung durch die Oktaven verlieh dann dem Instrument größere Stärke des Tones. Vorübergehend gelangten zu hohem Ansehen die Clavecins en peau de buffle von Pascal Taskin (Paris 1768), die neben der Bekielung auch Tangenten aus Büffelleder hatten; das »jeu de buffle« konnte separat oder in Verbindung mit den Kielen zur Anwendung kommen. Auch J. C Österlein in Berlin baute um 1773 Klaviere mit ledernen Tangenten. Berühmte Klavierbauer der ältern Zeit waren die Ruckers in Antwerpen im 16.–17. Jahrh.

Die eigentliche Glanzperiode des Klaviers beginnt jedoch erst mit der Erfindung des Hammerklaviers oder, wie es anfänglich nur hieß, »Piano e forte« (Pianoforte, Fortepiano). Der Ton des Clavicembalo war kurz und spitz und immer von einerlei Stärke, zur Zusammenhaltung des Orchesters ausreichend, wobei es nur galt, scharf zu markieren (der Kapellmeister dirigierte nicht, sondern spielte am K. mit, als maestro al cembalo), aber für solistische Vorträge mangelhaft genug. Auf der andern Seite war das zarte Klavichord der Fortentwickelung zu stärkern Akzenten unfähig. Ein neues Prinzip der Tongebung mußte gefunden werden und wurde gefunden. Das Klavicymbal mußte noch einmal zum Cymbal (Hackbrett) werden, um als Pianoforte nen zu erstehen. Ohne Zweifel gab die vorübergehende Sensation, die das durch Pantaleon Hebenstreit verbesserte Hackbrett erregte (1705), den Anstoß zur Einführung des Hammeranschlags in die Klaviere. Jetzt steht wohl unwiderleglich fest, daß Bartolommeo Cristofori (s. d.), Instrumentenmacher in Florenz, der erste Erfinder war. Seine Hammermechanik ist durch Marchese Scipione Maffei angezeigt, beschrieben und durch Zeichnung anschaulich gemacht im »Giornale dei letterati d'Italia« von 1711; sie enthält alle wesentlichen Bestandteile der Mechanik unsrer heutigen Flügel: belederte Hämmerchen auf einer besondern Leiste, Auslösung vermittelst einer Feder, die den Hammer nach dem Anschlag zurückschnellt, Fänger (gekreuzte Seidenschnüre, später die heute üblichen Leistchen) und besondere Dämpfer für jede Taste. Ungleich primitiver und unvollkommener waren die ohnehin spätern Entwürfe von Marius in Paris (1716) und Ch. G. Schröter in Nordhausen (1763 veröffentlicht). Zu größerer Verbreitung gelangte das Pianoforte erst durch den sächsischen Orgelbauer Gottfried Silbermann (s. d.) in Freiberg. Die »deutsche« oder »Wiener« Mechanik (s. oben) ist die Erfindung Joh. Andr. Steins in Augsburg, der ein Schüler Silbermanns war. Die Instrumente Steins, wie nachher die seines Schwiegersohns Streicher in Wien, waren sehr geschätzt, und die Konstruktion derselben wurde lange in Deutschland überwiegend angewandt. Da die englischen Pianofortebauer, besonders Broadwood, die Cristofori-Silbermannsche Mechanik weiter im Detail vervollkommten, erhielt dieselbe den Namen »englische«. Eine bedeutende neue Erfindung im Pianofortebau machte 1823 Sebastian Erard, nämlich die doppelte Auslösung (double échappement), die es ermöglicht, den Hammer wiederholt gegen die Saiten zu treiben, ohne die Taste vorher ganz loszulassen (Repetitionsmechanik).

Die Kunst des Klavierspiels hat eine förmliche Geschichte, die zwar einerseits mit der Entwickelung des Instruments, anderseits mit dem Aufblühen der Instrumentalmusik überhaupt zusammenhängt, aber doch, besonders in neuerer Zeit, auch unabhängig von jenen ihren eignen Weg genommen hat. Man kann die erste Periode des Klavierspiels etwa bis zu Seb. Bach rechnen, die Zeit umfassend, in der ein eigentlicher Unterschied zwischen Klavierstil und Orgelstil nicht existiert und die berühmtesten Orgelmeister zugleich die Haupt-Klavierkomponisten sind (Frescobaldi, Froberger, Sweelinck, Pechelbel); seine Hauptrolle spielt in dieser Zeit das K. als Begleitinstrument zur Ausführung des Continuo (Generalbaß). Die zweite (nicht an die erste anschließende, sondern in dieselbe zurückragende) Periode bringt den graziösen, mehr an den Lautenstil anlehnenden Stil der Franzosen d'Anglebert, Couperin etc. und den keck beweglichen, den italienischen Violinisten abgelauschten Domenico Scarlattis. J. S. Bach selbst tritt aus dem Rahmen seiner Zeit heraus, zugleich abschließend für die vorausgegangene und vorbildlich für nachfolgende Epochen. Auch Händel, der neben Bach in diese Zeit gehört, bildet doch ebenso wie dieser kein Übergangsglied in der Kette, die vielmehr mit Rameau, Friedemann Bach, Ph. Em. Bach, Joh. Christian Bach und minder bedeutenden Zeitgenossen Anschluß an die Neuklassiker Haydn, Mozart und Beethoven gewinnt. In diese Periode gehören: J. W. Häßler, J. Pleyel, J. Wölfl, D. Steibelt, M. Clementi, J. Field, J. L. Dussek, J. B. Cramer, Berger, Döhler, teilweise sich schon nach der Seite des virtuosen oder brillanten Stils abzweigend, der in der Folge in J. N. Hummel, K. M. v. Weber, K. Czerny, Kalkbrenner, H. Herz, Hünten, J. Moscheles, Franz Liszt, Ad. Henselt, Sigism. Thalberg, Anton Rubinstein seine Hauptvertreter findet, während, mit ihnen parallel gehend,[102] die romantische Schule auch dem Klaviersatz ihre Eigenart ausprägte: Schubert, Mendelssohn, Schumann, Chopin, St. Heller, Kirchner, Brahms, Raff, Reinecke, Hiller, Grieg, Saint-Saëns, Tschaikowsky. Von Virtuosen sind noch ganz besonders hervorzuheben: K. Tausig, H. v. Bülow und Eug. d'Albert, Frau Klara Schumann, Sophie Menter, Annette Essipow, Teresa Carreño. – Unter den zahlreichen Anleitungen, das Pianoforte zu spielen (Klavierschulen), sind hervorzuheben: die von D. G. Türk, A. Eberh. Müller, ClementiGradus ad Parnassum«), Cramer, K. Czerny, Hummel, Moscheles, Fr. Kalkbrenner; neuere von L. Köhler, Lebert und Stark (neu bearbeitet von M. Pauer, Stuttg. 1904). Das bedeutendste Unterrichtswerk für den Vortrag ist Phil. Em. Bachs »Versuch über die wahre Art das K. zu spielen«; von neuern vgl. H. Riemanns »Vergleichende Klavierschule« (Hamb. 1884), Werkenthins »Lehre vom Klavierspiel« (Berl. 1889, 3 Bde.).

Vgl. Welcker von Gontershausen, Der Klavierbau (Frankf. a. M. 1870); P. Erard, Perfectionnements apportés dans le mécanisme du piano par les Érard, etc. (Par. 1834); Blüthner und Gretschel, Lehrbuch des Pianofortebaus (2. Aufl., von Fischer, Weim. 1886); Münnich, Mechanik und Technik des Pianoforte (Berl. 1901); O. Paul, Geschichte des Klaviers (Leipz. 1868); Ponsicchi, Il Pianoforte, sua origine e sviluppo (Flor. 1876); Weitzmann, Geschichte des Klavierspiels (2. Aufl., Stuttg. 1879), in 3. Auflage von Max Seiffert: Geschichte der Klaviermusik (1. Bd., Leipz. 1899); Marmontel, Histoire du piano et de ses origines (Par. 1885); Ruthardt, Das K., geschichtlicher Abriß (Leipz. 1888); Ehrlich, Berühmte Klavierspieler (das. 1893); Pauer, The pianist's dictionary (Lond. 1895); L. Köhler, Der Klavierunterricht (6. Aufl. von Rich. Hofmann, Leipz. 1905); Alfred Richter, Das Klavierspiel (das. 1898); O. Brie, Das K. und seine Meister (Münch. 1898); A. Rubinstein, Die Meister des Klaviers (Berl. 1899); Rapin, Histoire du piano et des pianistes (Lausanne 1904); Köhler, Führer durch den Klavierunterricht (9. Aufl., Leipz. 1894), weitere »Wegweiser durch die Klavierliteratur« von Eschmann (6. Aufl., von Ruthardt, das. 1904); Löschhorn (2. Aufl., Berl. 1895) u. a. Anleitung zum Klavierstimmen (s. Stimmung) geben die Schriften von Armellino (6. Aufl., Leipz. 1902), Kuhn-Kelly (das. 1884), Amelung (2. Aufl., Langensalza 1897) und Hollmanns »Lehrbuch der Stimmkunst« (Hamb. 1902).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 11. Leipzig 1907, S. 100-103.
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