Paraguay

[663] Paraguay (spr. Paragu-a-i, in der Guaranisprache Para-qua-y, Quelle des Meers), 1) (Rio P.), einer der Hauptquellenflüsse des Rio de la Plata, entspringt in der brasilianischen Provinz Matto Grosso auf der Serra dos Parieys, bildet den See Xarayes, fließt durchgehends südlich, bildet in seinem mittleren u. unteren Laufe die Grenze zwischen der Republik Paraguay (östlich) u. Brasilien, sowie der Argentinischen Conföderation (westlich), u. fällt nach einem Laufe von 185 Meilen an der Südwestgrenze der Republik Paraguay mit dem Parana zusammen. Er ist weit hinauf schiffbar, bei Assuncion, mehre Meilen vor seinem Zusammenfluß, an 1400 Fuß breit, enthält viele Inseln u. verursacht regelmäßige Überschwemmungen; seine bedeutendsten Nebenflüsse sind: Lourenzo, Taguari, Pilcomayo u. Rio Vermejo. Er ist zuerst 1526 von Gabato beschifft worden; 2) früher eine allgemeine Bezeichnung des weiten Ländergebietes, welches die heutigen Staaten der Argentinischen Conföderation, die Republiken Uraguay u. Paraguay, die südlichen Provinzen von Brasilien u. den südwestlichen wüsten Theil von Bolivia umfaßt; erst durch die Bestimmungen der spanischen Regierung von 1620, respective der Verträge mit Portugal, deren letzter 1776 zum Abschluß kam, wurden die beiden Flüsse Paraguay (im Westen) u. Parana (im Osten) als Grenzen festgestellt; dieses Gebiet stand unter spanischer Hoheit u. gehörte zum Vicekönigreich La Plata; 3) gegenwärtig eine der südamerikanischen Republiken, ein vollständiges Binnenland, im Norden u. Osten von Brasilien im Südosten, Süden u. Westen von der Argentinischen Conföderation umschlossen; den nördlichsten Theil der Westgrenze bildet Bolivia, sowie die ganze Westgrenze überhaupt der Rio Paraguay, die Ost-, Südost- u. Südgrenze dagegen der Rio Parana. Der Flächengehalt ist noch nicht mit vollständiger Gewißheit ermittelt; im Lande selbst gibt man die Größe schwankend von 7200 bis zu 12,000 geographischen QM. an; die neueren besten Karten zu Grunde gelegt, erhält man durch planimetrische Berechnung jedoch nur 4132,20 geogr. QM.; bewohnt u. cultivirt sind höchstens 1200–1500 QM. Das ganze Land ist eine nach Süden u. Westen abhängige Ebene (Theile der großen Pampas), nur im Norden ziehen sich einige. Gebirge aus Brasilien herüber, welche nur selten die Höhe von 1000 Fuß erreichen; die bedeutendste dieser Kette ist die Sierra de S. Jose, welche die Wasserscheide zwischen dem Gebiete des Rio Parana u. Paraguay bildet. Die beiden Hauptflüsse sind der P, u. Parana, der bedeutendste See: Mataras. Klima halb tropisch u. der Vegetation höchst günstig; im Sommer (December, Januar, Februar) sehr heiß; im Winter (Juni, Juli, August) kühl, des Nachts oft 0° R. Producte: Mais, Baumwolle, Zucker, Tabak, Yerba Matté od. Paraguaythee (s.d.), große Heerden verwilderten Rindviehes u. Pferde, zahme Schafe, Unzen, Panther u. dgl. [663] Thiere, ausgezeichnet durch Farbenschmuck, Strauße, Klapper- u. Pythonsschlangen etc., doch keine edlen Metalle, wenigstens ist der Mineralreichthum bis jetzt noch nicht erforscht. Die Gesammteinwohnerzahl läßt sich bei der großen Anzahl noch unabhängiger Indianerstämme nicht mit Gewißheit angeben; man schätzt sie nach einigen Angaben auf 300,000, nach andern steigend bis selbst zu 800,000 Seelen. Der Mehrzahl nach sind sie Indianer (hauptsächlich vom Stamme der Guaranis, deren Sprache [die Guaranisprache] auch die herrschende in P. ist, u. die großentheils zum Christenthum übergetreten sind), die übrigen sind Mischlinge, Weiße (Creolen) u. Neger. Die Creolen sind schön u. kräftig, die Mulatten stolz u. treulos, die Neger zeigen Anhänglichkeit an ihren Herrn. Die Frauen erscheinen selten in Gesellschaften, zeigen aber dort mehr Anstand als die Männer, in den Städten europäische Frauentracht, auf dem Lande gehen sie barfuß in langen gestickten Hemden u. in einem Rock mit Gürtel. Knaben gehen fast nackt, höchstens mit Strohhut u. Weste. Die Schulen sind im Allgemeinen schlecht, für Mädchen nur wenige vorhanden, setzt bestehen einige Privaterziehungsinstitute. Die Bildung steht überhaupt trotz der Verdienste, die sich in neuerer Zeit der Präsident Lopez in dieser Beziehung erworben hat (s.u. Gesch.) noch auf einer sehr niedrigen Stufe. Beschäftigung: Acker- u. Plantagenbau, man gewinnt bes. Mais, welcher mit Fleischbrühe, Milch u. Eiern zu Kuchen bereitet, die Hauptnahrung der Einwohner u. auch Viehfutter ist, u. viel Maniok u. Bataten, Mani (eine Hülsenfrucht), Zuckerrohr, Baumwolle, Hirse, Weizen, Reis, Melonen, Tabak u. Indigo. Wichtig ist die Erzeugung des Paraguaythees (s.d.), Viehzucht, Handel mit Viehhäuten, Plantagen- u. Waldproducten; Industrie kaum erst im Beginnen. Verfassung: an der Spitze der Executive steht ein auf 7 Jahre gewählter Präsident (1857–64) Carlos Antonio Lopez; das Cabinet besteht aus vier Ministern (für das Äußere, Innere, den Krieg u. die Finanzen). Die Gesetzgebende Versammlung (Congreß) tritt alle 5 Jahre zusammen; in bes. wichtigen Fällen beruft der Präsident den Staatsrath ein, welcher aus zwei Oberrichtern, dem Bischof von Assuncion u. drei angesehenen Bürgern besteht. Für Rechtspflege ist ein Obergericht in Assunción, Unterrichter sind die Friedensrichter. Ein Polizeicommissär ist in Assuncion u. ein Advocat für Minderjährige u. Sklaven ebenda bestellt; Staatsreligion ist die Römisch-Katholische mit einem Bischof in Assuncion (Bischof von Corycium in part.); die Finanzen geben Überschuß, die Einnahmen werden auf 11/2 Million Pesos berechnet; Schulden hat P. nicht, wohl aber einen Staatsschatz; Handel 1859: Einfuhr 1,540,000 Pesos, Ausfuhr: 1,766,000 Pesos; die hauptsächlichsten Ausfuhrgegenstände waren Tabak, Häute, Paraguaythee u.a.; die Einfuhrgegenstände bestanden bes. in Leinwand, Tüchern, Seidenstoffen, Wollenwaaren, Salz u.a. Militär: 8000 Mann (jedoch nur zu einem geringen Theil unter den Waffen), außerdem 30,000 Mann Milizen; Marine: einige Flußfahrzeuge. Eintheilung in 85 Bezirke (Partidos). mit Befehlshabern an der Spitze. Hauptstadt: Nuestra-Señora-de-la-Assuncion (s. Assumption 6); andere Städte sind: Villa rica del Espiritu santo, Villareal (Villareal de la Conception), Curugúaty, Yaguaron (Yquamandiu, Villa de St. Pedro), Itapua; die Zahl der aus der Zeit der Jesuiten noch beibehaltenen Missionen (Pueblos) von Indianern ist 19 mit 400 bis zu 3000 Köpfen; die Zahl der Sklaven-Pueblos noch 7; zum Schutz der Einfälle gegen die Indianer aus dem jetzt zur Argentinischen Conföderation gehörigen Gebiet Chaco (s.d.) im W. ist eine Reihe Blockhäuser errichtet. Man rechnet in P. nach Pesos od. Piastern (Spanische Dollars = 1 Thlr. 121/2 Sgr.).; Maß u. Gewicht wie in der Argentinischen Conföderation (s.d.).

P. wurde durch die Spanier unter Diaz de Solis 1516 entdeckt; die ersten 1526 angelegten Ansiedelungen am Paraguay u. die Colonie Buenos Ayres wurden wegen Überfällen der Indianer bald wieder verlassen; 1533 ward Assuncion angelegt, welches 1543 fast ganz abbrannte. Von da wurden die Colonisten durch Juan Ortis de Zarate nach Buenos Ayres zurückgeführt u. P. in dem weiten Umfang, wie oben (unter 2) angegeben ist, als spanisches Vicekönigreich unter dem Namen La Plata aufgestellt. Zwar dauerten die Bekehrungsversuche unter den Indianern durch Missionare fort, allein die Indianer, durch die habsüchtigen Colonisten gemißhandelt, verschmäheten das Christenthum. Seit 1608 hatten die Jesuiten Besitzungen u. Niederlassungen darin u. erwarben sich das Vertrauen einzelner Indianer u. erhielten von der spanischen Regierung das Recht allein dort zu missioniren, wofür sie sich erboten, für jeden mannbaren Eingebornen eine Abgabe von 1 Peso zu zahlen u. gegen Portugal u. gegen die Indianer ein Hülfscorps zu stellen; sie unterrichteten auch die Eingebornen in Ackerbau u. Viehzucht, in Künsten u. Handwerken, hielten aber alle eindringende Europäer von der Einwanderung ab. Ihre Missionsbezirke (Doctrinae) wuchsen bis gegen 40 mit mehr als 100,000 in den Waffen wohl geübten Indianern heran, welche in festen Niederlassungen (Reductiones) wohnten, u. hatten eine ordentliche theokratische Staatsform. Den Mittelpunkt ihrer Verwaltung hatten sie in ihren Collegien zu Assuncion u. Cordova, in letzter Stadt residirte der dirigirende Provinzial mit seinen vier Consultadoren. In jeder Niederlassung war ein Priester, zugleich als höchste obrigkeitliche Person, mit einem Vicar, welcher die Geschäfte führte. Die Ortspolizei übte ein aus der Mitte der Indianer gewählter Cazike u. sorgte dafür, daß die Indianer die festgesetzten Arbeitengehörig verrichteten. Diese bestanden theils im Anbau von Getreide, Mais, Tabak u. Baumwolle u. in Einsammlung des Paraguaythees, theils in Wartung u. Hütung der Heerden, theils im Gewerbsbetrieb (als Zimmerleute, Schlosser, Weber, Silber- u. Goldarbeiter); die Frauen wurden mit dem Haushalt, Nähen, Stricken u. Sticken beschäftigt. Alle Arbeiten aber geschahen für das Allgemeine, ihr Ertrag kam in Magazine, von denen aus die Indianer mit allen Bedürfnissen versehen wurden, den Überrest verkauften die Jesuiten, u. dieser Handel war für sie so einträglich, daß sie davon nicht nur die Kosten der Verwaltung P-s u. die Abgaben an die Regierung bestreiten, sondern auch noch bedeutende Geldsummen nach Europa schicken konnten Dabei wurden die Indianer im Christenthum unterrichtet u. mußten schreiben u. lesen lernen. Die Tracht der Männer war Hemd u. Hosen, die der Frauen ein Rock u. Gürtel. Die einheimische Sprache, Guaranisprache, wurde beibehalten. Dagegen duldeten die Jesuiten keinen Spanier od. andern Europäer[664] in ihrem Staate, ja sie nährten auch unter den Indianern Haß gegen alle Europäer. So bestand der Staat der Jesuiten anderthalb Jahrhunderte. Einige Male zwar wollten die spanischen Statthalter, die seit 1620 hier residirten, sie beschränken, aber jedemal wußten sie vom spanischen Hofe wieder ihre früheren Vorrechte zu erlangen. Weder die Partei der Communeros, d.h. der spanischen Colonisten in P., welche den Jesuiten namentlich das Handelsmonopol entreißen wollten, richteten etwas gegen sie aus; noch konnten die Berichte des Erzbischofs Johann v. Palafox von Mexico, welcher die Habgier der Jesuiten, welche weder die Rechte der Krone, noch der angestellten Geistlichen achteten, nach Europa meldete, etwas ändern, da sie den Erzbischof zu verleumden wußten. Der wahre Zustand des Landes blieb verborgen, bis 1750 durch einen Vertrag Spaniens mit Portugal letzterem 7 Missionen, darunter Assuncion, abgetreten werden sollten. Die Jesuiten setzten der Vollziehung dieses Vertrages erst Ränke, dann seit 1754 offene Gewalt entgegen, wurden aber nach mehren Gefechten, 1758420,000 Mann stark) von den vereinigten Portugiesen u. Spaniern geschlagen, 1768 alle festgenommen u. vertrieben, die Indianer flohen entweder in die Wälder, Wüsten u. Gebirge od. wurden zu Sklaven gemacht, worauf Portugal u. Spanien das Land theilten u. die Missionen an Civilbehörden gaben, welche das Land wieder in die alte Barbarei versinken ließen. P. wurde 1778 zur spanischen Provinz La Plata geschlagen, einschließlich der Banda oriental mit Monte Video, u. seit 1801 wurde die Provinz der Missionen an Brasilien abgetreten. Zu Anfang der Revolutionen in Südamerika hielt P. treu bei Spanien, bis der spanische Gouverneur Velasco bei einem Angriff der Republik Buenos Ayres auf ihr Gebiet sie im Stiche ließ, worauf sie ihn absetzten u. 1811 eine Staatsjunta, aus einem Präsidenten, 2 Beisitzern u. einem Secretär bestehend, errichteten. Der Secretär war Dr. Jose Gaspar Rodriquez da Francia (s.d. 2). Bald wurde dieser die Seele der neuen Regierung, u. als die Junta aufgelöst, ein Congreß berufen u. von diesem zwei Consuln gewählt wurden, erhielt er die Stelle des ersten Consuls, sein Genosse war der Expräsident Fulgencio Yegros. Doch schon 1812 wurde Francia auf fünf Jahre zum Dictator u. 1817 zum lebenslänglichen Dictator erwählt. Er regierte mit eiserner Strenge, verbot den Verkehr mit den übrigen insurgirten spanischen Provinzen u. mit Brasilien bei Todesstrafe u. ließ auch Europäer, die von daher kamen, gefangen nehmen u. ihnen die Rückkehr wehren, brach die Macht der Kirche u. hob 1824 alle noch bestehenden Klöster auf. Dagegen beförderte er Ackerbau u. Gewerbe, baute Straßen u. an den Grenzen Festungen, gab gegen Diebstahl, Bettelei u. Müssiggang die strengsten Gesetze. Nur mit Brasilien, welches ihn 1827 anerkannte, erhielt er auf einigen Punkten eine Verbindung, die er jedoch später auch abbrach. 1830 milderte er das Sperren des Verkehrs mit dem Auslande, gab die Fremden frei u. st. 1840. Sein Tod hatte einige Zeit mehrfache Schwankungen der öffentlichen Verhältnisse u. mehre Usurpationsversuche zur Folge. Der zunächst erwählte Gouverneur Vidal setzte Francia's System im Allgemeinen, wenn auch etwas milder, fort; 1842 trat nach langer Zeit zum ersten Male wieder der Congreß zusammen u. erwählte zwei Neffen des Dictators Francia, Don Alonso u. Don Carlos Antonio Lopez, zu Consuln; am 13. März 1844 nahm der Congreß ein neues Staatsgrundgesetz an u. ernannte in Gemäßheit desselben am 14 März Carlos Antonio Lopez auf zehn Jahre zum Präsidenten. Nachdem dieser die neue Organisation des Staates P. dem Gouverneur der La Platastaaten, Rosas, officiell mitgetheilt hatte, eröffnete er durch Decret vom 20. Mai 1845 das Staatsgebiet den Fremden u. dem auswärtigen Verkehr unter der Bedingung, daß die Fahrzeuge unter der La Plata Flagge fahren mußten. Rosas erkannte jedoch die Selbständigkeit P-s nicht an u. verbot allen Verkehr mit demselben, worauf Lopez, welcher am 11. November mit dem, aus dem La Plataverband getretenen Staate Corrientes ein Bündniß geschlossen hatte, am 4. December an Rosas den Krieg erklärte; dieses Bündniß wurde 1847 erneuert, 1851 traten demselben auch Brasilien, Uruguay u. der ebenfalls aus dem La Plataverband ausgetretene Staat Entre Rios zum Sturze des Gouverneurs Rosas bei, welcher auch im Februar 1852 erfolgte (s. Argentinische Conföderation, Gesch. V.). Darauf erkannte die Argentinische Conföderation im Juli 1852 die Unabhängigkeit P-s an, ebenso Großbritannien durch den Vertrag von Assuncion vom 3. Jan. 1853 (bestätigt durch den Tractat vom 4. März 1853), nachdem die Selbständigkeit P-s schon seit 1845 zuerst von den Vereinigten Staaten, Brasilien, Uruguay, dann von Großbritannien, später von den Niederlanden, Portugal u. Rom formell anerkannt worden war. In Folge davon schloß nun der Präsident Lopez mit England, Frankreich, Nordamerika u. Sardinien Handels- u. Schifffahrtsverträge auf Grundlage der freien Schifffahrt auf den Gewässern P-s, wonach der Handelsverkehr geregelt u. von Seiten Englands auch freie Religionsübung für Fremde verlangt wurde. Alle öffentlichen Anstalten der Jesuiten waren schon unter der portugiesischen u. spanischen Herrschaft eingegangen, u. Francia vernachlässigte sie vollends, daher mußte Lopez fast alle neu schaffen, er regelte die Gerichtsverwaltung, bildete eine Polizeigewalt, gründete Volksschulen u. eine wissenschaftliche Gesellschaft, verbesserte das Loos der Geistlichen, sorgte für Straßen u. Wege u. legte ein Eisenwerk am Flusse Ibicuy an. Die Nordamerikaner waren die Ersten, die von der Freiheit der Schifffahrt Gebrauch machten; eins ihrer Dampfschiffe erschien im Nov. 1853 vor Assuncion. Allein zu schroff in ihrem Benehmen, geriethen sie mit dem Präsidenten bald in Zwist, in Folge dessen dem nordamerikanischen Consul das Exequatur entzogen wurde, u. bald darauf, am 3. Oct. 1854, wurde allen fremden Kriegsschiffen das Befahren der Flüsse P-s untersagt. Ein nordamerikanischer Kriegsdampfer, der am 1. Febr. 1855 dessenungeachtet nach Assuncion hinausfahren wollte, wurde mit Kanonenschüssen zurückgewiesen. Außerdem waren einige Streitpunkte mit Brasilien zu erledigen in Betreff von Grenzberichtigungen, der Beschiffung der Flüsse u. eines brasilischen Geschäftsträgers, welcher einige Jahre vorher ausgewiesen worden war, doch ward dieser letztere Punkt bald zur Zufriedenheit beider Theile beigelegt. Auch ein Handels- u. Schifffahrtsvertrag zwischen Brasilien wurde 1855 vereinbart, dessen Ausführung jedoch durch Lopez vereitelt. Auf Veranlassung seines Sohnes, Solano Lopez, welcher einige Zeit in England u. Frankreich[665] sich aufgehalten hatte, wurde auch in P. der Versuch gemacht, zur Vermehrung der Bevölkerung, Verbesserung der Landwirthschaft u. schnelleren Vervielfältigung der einheimischen Bodenerzeugnisse Einwanderer aus Europa herbeizuziehen. Eine Anzahl Franzosen, denen man unentgeltlich Land anwies u. versprach, ihnen im ersten Bahre der Ansiedelung die nöthigen Lebensbedürfnisse zu liefern, wanderten im Frühjahr 1855 ein u. gründeten Neu-Bordeaux. Die Überfahrtskosten u. die Kosten der Unterhaltung im ersten Jahre sollten durch den vierten Theil des Ertrages der Colonisten in den folgenden Jahren ersetzt werden. Allein die eingeräumten Ländereien waren schlecht, u. schon im August stellte die Regierung die Lieferung der Lebensmittel an die Colonisten ein, welche Mißhandlungen aller Art erdulden mußten. Nur der Einmischung der französischen Regierung gelang es endlich im folgenden Jahre, sie zu befreien u. die Erlaubniß für sie auszuwirken, auf Kosten Frankreichs P. wieder zu verlassen (welche jedoch 1857 der französischen Regierung wieder erstattet werden mußten). Auch Englands Unzufriedenheit erregte der Präsident durch eine Verordnung, wonach alle, auch von Fremden in P. erzeugten Kinder für Angehörige P-s erklärt wurden. Zu Ende des Jahres 1856 ließ sich Lopez von dem Congreß von Neuem auf sieben Jahre zum Präsidenten erwählen u. blieb nach wie vor unumschränkter Herrscher. Gegen Brasilien, welches ernste Zwangsmaßregeln vorbereitete, wurde der Präsident nachgiebiger u. hob die Reglements wieder auf, mit Hülfe deren er im Widerspruche zu seinen, gegen Brasilien eingegangenen Verpflichtungen die Schifffahrt auf dem Strome unmöglich gemacht hatte. Zu Anfange 1859 erschien ein nordamerikanisches Geschwader in den Gewässern P-s, um endlich für vielfach der Union zugefügte Beleidigungen u. Schäden Genugthuung zu fordern, welche der Präsident schnell zugestand, indem er den Vertrag von 1853 mit der nordamerikanischen Union erneuerte, eine zufriedenstellende Erklärung wegen der Beschießung des nordamerikanischen Schiffes abgab, verletzte nordamerikanische Angehörige entschädigte u. die Schifffahrt auf dem Paraguay zu wissenschaftlichen Forschungen ganz frei gab. Zur Vermittelung zwischen Buenos-Ayres u. den übrigen Staaten der Argentinischen Republik aufgerufen, sandte er seinen Sohn hin, dem es gelang, die Vereinigung beider auf Vertragswege wiederherzustellen. Vgl. Muratori, Christianesimo felice nelle missione nel P., Ven. 1713; Charlevoix, Geschichte von P., deutsch Nürnb. 1768, 2 Bde.; Neue Nachrichten von den Missionen der Jesuiten in P, aus dem Spanischen, Hamb. 1768; Ibagnez, Jesuitisches Reich in P., aus dem Ital. von Le Bret, Lpz. 1774; Azara, Voyage dans l'Amerique méridionale, Par. 1809, 4 Bde.; Denis, Buenos Ayres et le P., ebd. 1823, 3 Bde.; Pauke, Reise in die Missionen nach P., Wien 1829; Rengger u. Longchamp, Die Revolution von P. u. die Regierung Francia's, Stuttg. 1827; Rengger, Reise nach P. 1818–26, Aarau 1835; Robertson, Lettres on P., Lond. 1838, 2 Bde.; Rosenskiöld, O Par., suo passado, presend e futuro, Rio de Jan. 1848; Castelnau, Expedition dans les parties centrales de l'Amérique du Sud 1843–57, Par. 1850 f., 6 Bde.; Page, Le P. et les républiques de La Plata. Par. 1851.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 12. Altenburg 1861, S. 663-666.
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