Hamilton [4]

[695] Hamilton (spr. hämmilt'n), 1) Anthony, Graf von, von einem jüngern Zweig der Familie H. abstammend, geb. um 1646 in Irland, gest. 21. April 1720, folgte nach der Hinrichtung Karls I. mit seinen Eltern den königlichen Prinzen nach Frankreich und kehrte nach der Restauration nach England zurück. Nach dem Sturz Jakobs II. kämpfte er bis 1690 in Irland für dessen Sache und lebte dann am Hofe des Prätendenten zu St.-Germain-en-Laye. Seine »Mémoires du comte de Gramont« (seines Schwagers, 1713, oft herausgegeben, von Sainte-Beuve 1866; englische Übersetzung, mit Anmerkungen von W. Scott, neueste Ausg., Lond. 1902; deutsch, Leipz. 1853) sind eine reiche Fundgrube für die Sittengeschichte. Voll Geist und Witz sind auch seine anmutigen Märchen: »Contes de féerie« (Par. 1815, 3 Bde.; hrsg. von Lescure, 1873–74, 4 Bde.; engl., Lond. 1849; deutsch in der »Blauen Bibliothek«, Bd. 2, Gotha 1790). Seine sämtlichen Werke wurden zuletzt herausgegeben von Champagne (Par. 1825, 2 Bde.).

2) James, war unter Karl I. als Stilleben- und Früchtemaler tätig und wanderte unter Cromwell nach Brüssel aus, wo er, 80 Jahre alt, starb.

3) Philipp Ferdinand, Maler, Sohn des vorigen, geb. 1664 in Brüssel, gest. 1750 als kaiserlicher Kammermaler in Wien, malte Pferde, lebendes und totes Wild, Kampfszenen von Raubtieren und Raubvögeln u. dgl. Nach Wien berufen, war er dort meist für Kaiser Karl VI. tätig. Die Mehrzahl seiner Gemälde befindet sich in den Hofmuseen und in Privatsammlungen zu Wien.

4) Johann Georg, Maler, Sohn von H 1), geb. 1666 in Brüssel, gest. 1740 in Wien, wurde Spezialist in Pferdedarstellungen und als solcher vom König Friedrich I. von Preußen nach Berlin berufen, wo er bis zum Tode des Königs tätig war. Dann begab er sich nach Wien, wo er zu hohem Ansehen gelangte und Kammermaler des Kaisers Karl VI. und des Fürsten Schwarzenberg wurde. Seine Hauptwerke sind: das kaiserliche Gestüt in Lipizza (Hofmuseum) und die spanische Reitschule (beim Fürsten Liechtenstein).

5) William Gerard, geb. 28. Jan. 1729, gest. 16. Juli 1796, der schottischen Familie (s. oben) angehörig, ward 1755 in das Parlament gewählt und hielt hier 13. Nov. 1755 seine berühmte Jungfernrede, um derentwillen er den Spottnamen »Single-Speech-H.« (»Einzige-Rede-Hamilton«) erhielt, obwohl er später noch einigemal im englischen und irischen Parlament gesprochen hat. Er ward durch Fox in das Ministerium berufen und war viele Jahre Kanzler des irischen Schatzamtes. Nach seinem Tod erschien 1808 seine »Parliamentary logic« (deutsch, 2. Aufl., Tübing. 1872; franz. von I. Reinach, Par. 1886), die Regeln und Ratschläge der parlamentarischen Rhetorik und Taktik enthält.

6) Sir William, Altertumsforscher, geb. 1730, gest. 6. April 1803 in London, Sohn des Admirals Archibald H., ging 1764 als englischer Gesandter nach Neapel und trug hier viel zur Ausgrabung von Herculaneum und Pompeji bei. Die Resultate seiner Forschungen enthalten seine »Observations on mount Vesuvius etc.« (Lond. 1772), »Campi Phlegraei« (das. 1776–79) und »Account of the discoveries at Pompeji« (das. 1777). 1765 kaufte H. die große Sammlung griechischer Vasen aus dem Hause Porcinari, die er durch Kupferstich vervielfältigen ließ: »Antiquités étrusques, grecques et romaines« (Neapel 1766–67; 2. Ausg., Flor. 1801–08, 4 Bde.), welcher Sammlung sich die »Vases engraved in outline by Kirk« (Lond. 1814) und die Tischbeinschen Vasengemälde (das. 1791–95, 4 Bde.) anschlossen. 1791 vermählte er sich in zweiter Ehe mit der berüchtigten Lady Emma H. (s. unten: Hamilton 8), mit deren Beihilfe er 1793 den Allianzvertrag zwischen Neapel und England schloß. Beim Einrücken der Franzosen 1798 begleitete er den König nach Palermo und 1800 nach England zurück. Über seine Sammlungen vgl. Kirk, Outlines from the figures and compositions upon the greek, roman and etruscan vases of the late Sir William H. (Lond. 1804).

7) Alexander, amerikan. Staatsmann, geb. 11. Jan. 1757 auf der westindischen Insel Nevis, gest. 12. Juli 1804 in New York, erhielt seine wissenschaftliche Ausbildung im Columbia College zu New York, machte den Freiheitskrieg als Hauptmann der Artillerie mit und ward von Washington 1777 zu seinem Adjutanten ernannt. Nach dem Frieden widmete er sich dem Rechtsstudium. 1786 wurde er Mitglied der Gesetzgebenden und 1787 der Konstituierenden Versammlung in Philadelphia, wo er mit Jay und Madison an der Entwerfung des Staatsgrundgesetzes, unter anderm auch durch Veröffentlichung von Aufsätzen, die u. d. T.: »The Federalist« gesammelt erschienen, beteiligt war. Er stand an der Spitze der Föderalisten und ging in seinem Streben nach einer einheitlichen Gesamtregierung so weit, daß man ihn monarchistischer Neigungen beschuldigte. Bei Begründung der neuen Regierung 1789 ward er zum Sekretär des Schatzes ernannt, bewirkte zunächst zur Hebung des Kredits die Fundierung der innern Schuld, gründete die Bank, ordnete das Steuerwesen und ward überhaupt der Begründer des Finanzwesens der Union. Von den Demokraten heftig angefeindet, dankte er 1795 ab. Als 1798 der Krieg mit Frankreich drohte, ward er auf Washingtons Veranlassung zum zweiten Befehlshaber des Heeres ernannt und mußte nach dessen Tode (1799) auf kurze Zeit bis zum Friedensschluß den Oberbefehl übernehmen. Nach Entlassung der Armee kehrte er nach New York zurück und erlag einer im Duell mit dem Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, Obersten Burr, erhaltenen Wunde. Seine politischen Ideen wirken auch auf die Gegenwart noch nach. Hamiltons »Complete works« mit seinem Briefwechsel und dem »Federalist« wurden von Lodge herausgegeben (New York 1885–86, 9 Bde.); eine Sonderausgabe des »Federalist« erschien 1898. Vgl. seines Sohnes John Church Hamilton »History of the republic of the United States of America, as traced in the writings of Alexander H. and of his contemporaries« (4. Aufl., Boston 1879, 7 Bde.); Morse, Life of A. H. (das. 1877, 2 Bde.); Lodge, Alexander H. (das. 1882); Sumner, Alexander H. (New York 1890).

8) Emma Harte, nachher Lady H., zweite Gattin von H. 6), berühmt und berüchtigt durch ihre [695] Schönheit und ihre politische Tätigkeit, geb. um 1761 zu Neffe in Cheshire, gest. 15. Jan. 1815, hieß eigentlich Amy Lyon und war die Tochter armer Eltern. Nach dem Tod ihres Vaters soll sie verschiedene Dienstbotenstellungen in London eingenommen haben und dann Geliebte des Kapitäns John Willet Payne sowie Darstellerin der Göttin Hygiea in einer indezenten Schaustellung des medizinischen Scharlatans John Graham gewesen sein. Gewiß ist, daß sie Anfang 1780 eine Tochter gebar, dann bis Ende 1781 Geliebte des Sir Harry Featherstonhaugh und darauf Mätresse des Lord Charles Greville war. Damals führte sie den Namen Harte und bildete ihre musikalischen und mimischen Talente regelmäßig aus. Ihre Schönheit wurde allgemein bewundert, und der Maler Romney malte viele Bilder von ihr. In Grevilles Haus lernte sie 1784 dessen Oheim Sir William Hamilton, britischen Gesandten in Neapel, kennen, der sie nach Neapel einlud, sie 1786 zu seiner Mätresse machte und sich 6. Sept. 1791 in London mit ihr vermählte. Sie wurde dem neapolitanischen Hofe vorgestellt und bald die Vertraute der Königin Karoline. Daß sie diese Stellung im Interesse der englischen Politik ausgenutzt hat, ist bestimmt anzunehmen, wenngleich ihre eigne spätere Darstellung von ihren politischen Verdiensten vielfach übertrieben ist. Daß Nelson ihre Darstellung bestätigt, ist nur ein Beweis seiner leidenschaftlichen Liebe zu der H., die er 1798 nach seiner Rückkehr von Ägypten genauer kennen lernte. Sie vermittelte den Verkehr des Admirals mit der Königin, begleitete 1798 die königliche Familie auf der Flucht nach Palermo und war 1799 bei der Wiedereroberung Neapels eifrig tätig. Als Hamilton 1800 nach England zurückgerufen wurde, begleitete Nelson die Geliebte. Hier gebar sie 1801 eine Tochter, die nach Nelson Horatia genannt wurde, und bezog nach dem Tod ihres Gemahls (1803) ein Landhaus, das Nelson für sie gekauft hatte. Nach ihres Geliebten Tode (1805) geriet sie in große Bedrängnis, da die englische Regierung die auf die angeblichen politischen Verdienste der Lady begründete Bitte Nelsons, für sie zu sorgen, nicht beachtete, und da sie allzu verschwenderisch mit ihrem Vermögen umging. 1813 wurde sie Schulden halber verhaftet, entfloh aber im nächsten Jahre nach Calais, wo sie starb. Als Künstlerin ist sie als eine Wiedererweckerin der antiken plastischen Mimik und Orchestik zu betrachten. Zu ihren Vorführungen wählte sie besonders die Darstellung antiker Statuen; berühmt war namentlich ihre Niobe in fünf Darstellungen, worin die Hendel-Schütz sie glücklich nachahmte (vgl. Attitüde). Quellen für ihre Geschichte sind unter andern die Briefe Nelsons an sie (Lond. 1814, 2 Bde.) und ihre »Memoirs« (1815, neue Ausg., das. 1892), die auch ins Französische übersetzt wurden; der Roman von A. Dumas Nater: »Die Favorite«, ist danach gearbeitet. Vgl. Palumbo, Maria Carolina, regina delle due Sicilie: suo carteggio con Lady Emma H. (Neap. 1877); Jeaffreson, Lady H. and Lord Nelson (Lond 1887, 2 Bde.; neue vermehrte Ausg. 1897) und The queen of Naples and Lord Nelson, letters etc. (das. 1889, 2 Bde.); Laughton, Nelson's last codicil (im »United Service Magazine«, 1889).

9) James, Erfinder der nach ihm benannten Methode, fremde Sprachen zu erlernen, geb. 1769 (1775?) in London, gest. 31. Okt. 1831 in Dublin, ließ sich 1798 in Hamburg nieder, wo er vom französischen Emigranten General d'Angely nach eigentümlicher Methode die französische Sprache erlernte. Diese Methode übte er seit 1815 in Nordamerika selbst aus und bildete sie weiter fort. Nach ihr wird der Lernende mittels wortgetreuer Linearübersetzung sofort und ohne grammatische Vorbereitung in die fremdsprachliche Lektüre eingeführt. Seine letzten Lebensjahre verbrachte H. wieder in Europa. Seine Lehrmethode fand in der Geschäftswelt vielfachen Anklang, in philologischen Kreisen ebensoviel Widerspruch. Auf ihr beruhen wesentlich die Toussaint-Langenscheidtschen Unterrichtsbriefe (s. Langenscheidt). Vgl. Wurm, H. und Jacotot (Hamb. 1831); Schwarz, Kurze Kritik der Hamiltonschen Sprachlehrmethode (Stuttg. 1837); Tafel, Die analytische Sprachlehrmethode (das. 1845).

10) Sir William, engl. Philosoph, geb. 1788 in Glasgow, gest. 6. Mai 1856 in Edinburg, widmete sich in Oxford philosophischen und rechtswissenschaftlichen Studien, ward 1821 Professor der Geschichte an der Universität Edinburg, 1836 daselbst Professor der Logik und Metaphysik. H. gehört der sogen. schottischen Schule (s. Schottische Literatur) an, der er wieder Ansehen zu verschaffen wußte, indem er mit ihrem Empirismus vielfach Kantsche Ansichten verband. Von dem Unendlichen, d. h. von Gott, haben wir kein Wissen, nicht einmal eine deutliche Vorstellung. Außer einer Ausgabe der Werke seines Lehrers Reid, der er ein paar selbständige Abhandlungen beigefügt hat, und zahlreichen Essays für die »Edinburgh Review« erschienen bei seinen Lebzeiten: »Discussions on philosophy and litterature, education and university reform« (Lond. u. Edinb. 1852, 3. Aufl. 1866). Nach seinem Tode gaben seine Schüler Mansel und Veitch seine »Lectures on metaphysics and logics« (Lond. 1859, 4 Bde.; 2. Aufl. 1866) heraus. Hauptsächlich gegen ihn richtete sich die Polemik der sogen. induktiven Logik John Stuart Mills (s. d.). Vgl. Veitch, Memoir of Sir W. H. (Lond. 1869) und dessen Biographie von H. in den »Philosophical classics« (das. 1882); J. St. Mill, Examination of Sir W. Hamilton's philosophy (5. Aufl. 1878); Monk, Sir W. H. (1881).

11) Sir William Rowan, Mathematiker und Astronom, geb. 4. Aug. 1805 in Dublin, gest. 2. Sept 1865 in Dunsink, war seit 1827 Professor der Astronomie in Dublin und seit 1837 Präsident der Royal Irish Academy. Er bewies rein theoretisch, daß in zweiachsigen Kristallen eine sogen. konische Refraktion des Lichtes möglich ist, was später durch Versuche bestätigt wurde. Noch bekannter ist er durch das von ihm aufgestellte »Hamiltonsche Prinzip«, das in alle Lehrbücher der analytischen Mechanik übergegangen ist. und durch seinen Kalkül der Quaternionen (s. d.), eine Rechnung mit höhern »komplexen Zahlen« (s. d.), über die er zwei Werke: »Lectures on quaternions« (Dubl. 1853) und »Elements of quaternions« (Lond. 1866, aus seinem Nachlaß; 2. Aufl. von Joly, 1899–1901, 2 Bde.; deutsch von Glan, Leipz. 1881–84, 2 Bde.), veröffentlicht hat. Vgl. R. Graves, Life of Sir W. S. H., mit Auswahl seiner Gedichte, Briefe etc. (Dubl. 1882–89, 3 Bde.).

12) Henning, Graf, schwed. Staatsmann und Militärschriftsteller, geb. 16. Jan. 1814 in Stockholm, gest. 15. Jan. 1886 in Südfrankreich, war anfangs Offizier, wurde 1852 Landeshauptmann von Östergötland, 1858 Minister ohne Portefeuille, 1859 Kultusminister, 1861 Gesandter in Kopenhagen, trat aber 1864 zurück, da er Schwedens Neutralität beim deutsch-dänischen Kriege mißbilligte. Seit 1866 Mitglied der Ersten Kammer, wo er, wie schon vorher im Ständereichstag, eine einflußreiche Rolle spielte, seit 1872 [696] Kanzler der Universitäten, seit 1874 ständiger Sekretär der schwedischen Akademie, der er seit 1856 angehörte, mußte er 1881, der Unterschlagung verdächtig, alle Ämter und Ehren niederlegen und Schweden verlassen. Seine Hauptschriften sind: »Tankar rörande militärundervisningen« (1842); »Afhandling om krigsmaktens och krigskonstens tillstånd i Sverige under Konung Gustaf II. Adolfs regering« (preisgekrönt, 1846); »Kriget i Tyskland år 1866« (1869); »Några betraktelser i anledning af kriget mellan Frankrike och Tyskland 1870« (1871); »Frankrike och Tyskland åren 1866–1874« (1877).

13) Jan Standish Monteith, engl. General, geb. 16. Jan. 1853 auf Korfu, trat 1873 in das Heer, nahm 1878–80 am afghanischen, 1881 am Burenkrieg, 1884–85 an der Nilexpedition (Major) und 1886–87 am Kriege gegen Barma (Oberstleutnant) teil und wurde 1891 Oberst. 1895 in Tschitral tätig, befehligte er danach bis 1899 zu Hythe und zeichnete sich 1900 im Südafrikanischen Kriege, zunächst beim Stabe der Natalarmee, vor vielen andern mehrfach aus. Im Frühjahr 1901 wurde er Militärsekretär im Kriegsamte zu London. Er schrieb: »Icarus; a jaunt in a junk; Fighting of the future« (1885); »A ballad of Hadji, and other poems« (1887).

14) W., Botaniker, s. Ham.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 8. Leipzig 1907, S. 695-697.
Lizenz:
Faksimiles:
695 | 696 | 697
Kategorien:

Buchempfehlung

Weiße, Christian Felix

Atreus und Thyest. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen

Atreus und Thyest. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen

Die Brüder Atreus und Thyest töten ihren Halbbruder Chrysippos und lassen im Streit um den Thron von Mykene keine Intrige aus. Weißes Trauerspiel aus der griechischen Mythologie ist 1765 neben der Tragödie »Die Befreiung von Theben« das erste deutschsprachige Drama in fünfhebigen Jamben.

74 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon