Hardenberg [2]

[802] Hardenberg, 1) Albert, eigentlich Rizäus, geb. 1510 (?) zu Hardenberg in Oberyssel, gest. 1574 in Emden, wurde durch Johannes a Lasco (s. Laski) für die Reformation gewonnen und 1544 auf Melanchthons Empfehlung von dem reformatorisch gesinnten Erzbischof Hermann von Wied in Köln als Hofprediger und Pastor zu Kempen angestellt. Nach dem Scheitern der Kölner Reform kam H. 1547 nach Bremen als Domprediger, von welcher Stelle ihn 1561 die strengen Lutheraner vertrieben. Seine freiere Anschauung brach sich jedoch in der Bürgerschaft Bahn, so daß Bremen die Annahme der Konkordienformel verweigerte. Seit 1567 war H. Pastor in Emden. Vgl. Spiegel, Dr. Albert Rizäus H. (Brem. 1869).

2) Friedrich August von, Minister, geb. 30. Okt. 1700 in Oberwieberstadt, gest. 15. Sept. 1768 in Hannover, studierte die Rechte, unternahm 1722 eine längere Reise nach Frankreich, England und Italien, wurde nach seiner Rückkehr erst braunschweigischer, dann württembergischer Kammerjunker, 1727 Regierungsrat, dann Kammerpräsident in Württemberg und bemühte sich mit Eifer und Erfolg um die Hebung des Handels und der Finanzen. Vom Herzog Karl Alexander zum Gesandten und Oberhofmarschall gemacht, aber durch die mächtige Süßsche Partei aus der Gunst des Herzogs verdrängt, zog sich H. 1734 auf sein Gut Schlöben zurück. Nach dem Sturz der Süßschen Partei 1741 wieder in den württembergischen Staatsdienst zurückgerufen, übte er auch unter Herzog Karl Eugen auf die innern wie auf die auswärtigen Verhältnisse einen großen Einfluß aus. 1755 Minister des Landgrafen Wilhelm VIII. von Hessen-Kassel geworden, wirkte er für eine protestantische, preußenfreundliche Politik. Sein Plan, während des Siebenjährigen Krieges eine Union aller evangelischen Fürsten zustande zu bringen, scheiterte zwar, aber auf seinen Rat schloß sich der Landgraf Friedrich d. Gr. an und blieb ihm auch trotz wiederholter Okkupation seines Landes und französischer Verlockungen treu. Nach Wilhelms VIII. Tode vom Landgrafen Friedrich 1761 entlassen, ward er Minister des Kurfürstentums Hannover. Vgl. »Ein kleinstaatlicher Minister des 18. Jahrhunderts. Leben und Wirken F. A. Freiherrn v. Hardenberg« (Leipz. 1877).

3) Karl August, Fürst von, preuß. Staatsmann, geb. 31. Mai 1750 zu Essenroda im Hannoverschen, gest. 26. Nov. 1822 in Genua, ward 1770 hannoverscher Kammerrat beim Reichskammergericht in Wetzlar, lebte dann in Regensburg, Wien und Berlin und besuchte zu seiner weitern Ausbildung Frankreich, Holland und England. Zurückgekehrt (1778), ward er als Geheimer Kammerrat und Graf Gesandter in Holland, schied infolge eines Privatzwistes mit dem Prinzen von Wales 1782 aus dem hannoverschen Dienst und trat in den des Herzogs von Braunschweig, der ihn zum Wirklichen Geheimen Rat, 1787 zum Präsidenten des Kammerkollegiums und 1789 zum Großvogt des Residenzamtes Wolfenbüttel ernannte. Nach Friedrichs II. Tod überbrachte er das in die Hände des Herzogs von Braunschweig niedergelegte Testament des verstorbenen Königs an Friedrich Wilhelm II., der ihn 1790 dem Markgrafen von Ansbach und Bayreuth als Minister für seine Länder empfahl. Als der Markgraf 1791 die Regierung niederlegte, trat H. unter Beibehaltung der erfolgreichen Verwaltung der fränkischen Fürstentümer in das preußische Staatsministerium ein. 1795 Unterhändler beim Baseler Frieden, vollendete er die Organisation der Fürstentümer Ansbach und Bayreuth und erhielt nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms III. (1797) im Ministerium die Leitung aller fränkischen, auswärtigen, Hoheits- und öffentlichen Angelegenheiten sowie die Lehnssachen, worauf er 1800 Chef des magdeburg-halberstädtischen und 1802 Chef des westfälischen Departements und des von Neuenburg sowie zugleich Kurator der Kunst- und Bauakademie ward. Als Graf Haugwitz, Minister des Auswärtigen, abdankte, trat H. 1803 provisorisch und 1804 definitiv an seine Stelle und beobachtete eine strenge Neutralität. Als sich Preußen durch die Verträge vom 15. Dez. 1805 und 15. Febr. 1806 ganz an Frankreich anschloß, wurde H., bei Napoleon verhaßt, 24. April auf unbestimmte Zeit beurlaubt, und Haugwitz trat wieder an seine Stelle. Nach der Schlacht bei Jena folgte er seinem König nach Königsberg, hatte vom April bis Juli 1807 an Stelle Zastrows wieder das Portefeuille des Auswärtigen, legte es aber nieder, da Napoleon seine Entlassung als Vorbedingung des Tilsiter Friedens forderte. Er lebte dann auf seinem Gute Tempelhof bei Berlin, wurde nach Altensteins Rücktritt 6. Juni 1810 zum Staatskanzler berufen und begann die glänzendste Periode seines staatsmännischen Wirkens. Notgedrungen schloß er sich anfangs in seiner äußern Politik möglichst eng an Frankreich an, führte aber im Innern trotz des Widerstandes der Junkerpartei die Reformen durch, die so segensreich für die spätere Neugestaltung der preußischen Monarchie wurden. Als endlich nach dem Rückzug Napoleons aus Rußland die Zeit für eine Erhebung Preußens kam, drängte er auf eine rasche Entscheidung und einen unbedingten Anschluß an Rußland und versäumte, nur die Hauptsache im Auge, die genauere Festsetzung der Bedingungen für Preußens Wiederherstellung. Während des ganzen Krieges von 1813 und 1814 leitete er die preußische Politik, unterzeichnete den Pariser Frieden, wurde 3. Juni 1814 in Paris gefürstet und erhielt dabei die aus der ehemaligen Komturei Lietzen und dem Amt Quilitz gestiftete Standesherrschaft Neuhardenberg. Er begleitete darauf die drei verbündeten Monarchen nach London, verteidigte auf dem Wiener Kongreß die Ansprüche Preußens gegen Österreich, England und Frankreich, obwohl nicht immer mit Erfolg, und nahm wesentlichen Anteil an den Verträgen zu Paris von 1815. Im J. 1817 organisierte er den Staatsrat und wurde dessen Präsident, wohnte dann den Kongressen zu Aachen (1818), Karlsbad und Wien (1819), Troppau (1820), Laibach (1821) und Verona (1822) bei, machte von hier aus zur Herstellung seiner Gesundheit eine Reise durch Norditalien, erkrankte aber in Pavia und starb in Genua.

Hardenbergs äußere Politik hatte Preußens Größe[802] und Deutschlands Wiederaufrichtung zum Ziel. Indessen sein auch im Privatleben hervortretender Leichtsinn und seine weltmännische Liebenswürdigkeit, die oft in allzu große Nachgiebigkeit ausartete, beeinträchtigten seine Erfolge und führten ihn unter dem Einfluß der Heiligen Allianz und Metternichs zuletzt auf Wege, die er selbst im Grunde mißbilligte. Im Innern verfolgte H. eine Politik des Wiederaufbauens und förderte durch Beseitigung vieler Schranken die wirtschaftliche Entwickelung des Landes. Schon auf dem Wiener Kongreß eifriger Verteidiger des konstitutionellen Systems, veranlaßte er das königliche Edikt vom 22. Mai 1815, worin eine Verfassung und eine Volksrepräsentation versprochen ward. Doch an die Durchführung ging H. nicht. Den Rheinlanden sicherte H. ihre Institutionen und förderte das Verwaltungswesen der östlichen Provinzen, veranlaßte auch den Zusammentritt einer Kommission zur Entwerfung der Verfassungsurkunde, doch ohne ihr eine Vorlage zu geben. H. konnte die reaktionären Strömungen im Rate des Königs nicht überwinden, blieb aber trotzdem, um Schlimmeres zu verhüten, im Amt. Vgl. Klose, Leben Karl Augusts, Fürsten von H. (Halle 1851); Ranke, Denkwürdigkeiten des Staatskanzlers Fürsten von H. (Leipz. 1877, 5 Bde.); E. Meier, Die Reform der Verwaltungsorganisation unter Stein und H. (das. 1881); Chr. Meyer, H. und seine Verwaltung der Fürstentümer Ansbach und Bayreuth (Bresl. 1892); Hausing, H. und die dritte Koalition (Berl. 1899); Brüll, Fürst H. und Kanonikus Wolf (Programm, Heiligenstadt 1901); Koser, Die Neuordnung des preußischen Archivwesens durch den Staatskanzler Fürsten v. H. (Leipz. 1904).

4) Friedrich von, Verwandter des vorigen, als Dichter unter dem Namen Novalis bekannt, geb. 2. Mai 1772 in Wiederstedt, dem Familiengut im Mansfeldischen, gest. 25. März 1801 in Weißenfels, erhielt im elterlichen Haus eine vortreffliche Erziehung, die durch ihren religiösen Grundcharakter (die Eltern gehörten der Brüdergemeinde an) von nachhaltigem Einfluß auf sein Gemütsleben war, besuchte seit 1789 das Gymnasium in Eisleben, studierte seit 1790 in Jena, wo er Schiller und Reinhold kennen lernte, seit Michaelis 1791 in Leipzig, wo er mit Friedrich Schlegel Freundschaft schloß, seit 1792 in Wittenberg Rechtswissenschaft und begab sich 1794 zur Übung in den praktischen Geschäften nach Tennstädt bei Langensalza. In dem nahegelegenen Grüningen lernte er die noch nicht 13jährige Sophie v. Kühn (geb. 17. März 1782) kennen, deren Bild lange Zeit im romantischen Heiligenschein erglänzte, aber im Lichte der modernen Forschung viel von seinem Glanz verliert. Mit ihr verlobte er sich bereits im März 1795 und wurde durch ihren frühen Tod, 19. März 1797, tief erschüttert. Nachdem er zuvor als Auditor bei den Salinen nach Weißenfels übergesiedelt war, widmete er sich 1797–99 in Freiberg unter Werner noch dem Studium der Bergwissenschaften und verlobte sich hier im Frühling 1800 zum zweitenmal, mit der Tochter des Berghauptmanns v. Charpentier. Bald darauf wurde er zum Amtshauptmann in Thüringen designiert, konnte aber sein Amt nicht antreten, da er, von Jugend auf kränklich, langsam hinsiechte. Schon als Auditor in Weißenfels war er mit dem Kreis der romantischen Dichter (Schlegel, Tieck etc.), die damals in Jena lebten, in engern Verkehr getreten und hatte besonders tiefgehende Anregungen durch das Studium der Fichteschen Philosophie gewonnen. Ein Mensch von seltener Begeisterungsfähigkeit, ein phantasiereicher und tiefsinniger Theosoph, der als der »Prophet der romantischen Schule« bezeichnet wird, hat es H. mit der Absicht, Leben und Poesie, Wissenschaft und Religion in eins zu schmelzen, so ernst genommen wie keiner der übrigen Romantiker. Sein Roman »Heinrich von Ofterdingen«, obschon unvollendet geblieben, legt davon Zeugnis ab. Er stellte sich darin die Aufgabe, »mit dem Geiste der Poesie alle Zeitalter, Stände, Gewerbe, Wissenschaften und Verhältnisse durchschreitend die Welt zu erobern«. Das Ganze sollte eine Apotheose der Poesie sein. Allein bei der Ausführung versagte ihm die darstellende Kraft und so, wie der Roman vorliegt (nur der erste Teil ist vollendet), treibt er bei schönen Einzelheiten (wir erinnern an die eingestreuten Lieder und die Schilderung von Heinrichs und Mathildens Liebe) ein unerquickliches Versteckspiel mit der »blauen Blume« der Poesie, ohne daß man ihren Farbenglanz und Duft jemals recht zu genießen bekommt. Bei H. ist alles in Dämmerlicht gehüllt; er wendet sich vom hellen und geräuschvollen Tag weg zur Nacht, die er in den mystisch-tiefen »Hymnen an die Nacht« so großartig besungen hat. Daneben spricht sich des Dichters Wesen und seine christliche, nicht kirchlich bedingte Richtung am reinsten in den »Geistlichen Liedern« aus. Seine »Sämtlichen Schriften« gaben L. Tieck und Fr. Schlegel (Berl 1802, 2 Bde.; 5. Aufl. 1838; Bd. 3, 1846), neuerdings K. Meißner (mit Einleitung von B. Wille, Flor. 1898, 3 Bde., Ergänzungsband [Bd. 4] 1901) und am besten, wenn auch nicht einwandfrei, E. Heilborn heraus (kritische Ausgabe auf Grund des handschriftlichen Nachlasses, Berl. 1901, 2 Tle. in 3 Bdn.); besonders erschienen die »Gedichte« das. 1857 und hrsg. von Beyschlag (3. Aufl., Leipz. 1885); eine Auswahl der Werke (mit Biographie, Anmerkungen etc.) besorgte J. Dohmke für Meyers Klassiker-Bibliothek (das. 1892). Vgl. »Friedrich v. H., genannt Novalis. Eine Nachlese aus den Quellen des Familienarchivs« (2. Aufl., Gotha 1883); »Novalis' Briefwechsel mit Friedrich und Aug. Wilh., Charlotte und Karoline Schlegel« (hrsg. von Raich, Mainz 1880); Schubart, Novalis' Leben, Dichten und Denken (Gütersloh 1887); J. Bing, Novalis (Hamb. 1893); K. Busse, Novalis' Lyrik (Oppeln 1898); E. Heilborn, Novalis, der Romantiker (Berl. 1901); Spenlé, Novalis, essai sur l'idéalisme romantiqueen Allemagne (Par. 1904).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 8. Leipzig 1907, S. 802-803.
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