Algier [1]

[308] Algier (spr. Alschir, Geogr.). 1) Land u. franz. Provinz (Regentschaft), jetzt gewöhnlich Algerien genannt, in NAfrika, grenzt an das Mittelmeer, Marokko, Sahara u. Tunis, geht vom 16–26° östl. Länge u. 32 bis 37° nördl. Breite u. umfaßt gegen 6500 QM. Gebirge: Kleiner u. Großer Atlas, mit seinen an manchen Stellen 7000 Fuß hohen Zweigen, Dschurdschura u. Wenengeh südöstlich, Trara, Wanaschris, Säkkar westlich, Amner, Lowat, Merejeh südlich, u. an dessen Fuße außer Sandwüsten die fruchtbare, gut bewässerte Ebene Melidschah, einige Meilen südlich der Stadt A., 35 Stunden lang, 6 Stunden breit, auf welcher regelmäßige Wochenmärkte gehalten werden, sich ausbreitet. Die Ausläufer der nördlichen Gebirge erstrecken sich bis ans Mittelmeer u. bilden die zahlreichen Vorgebirge an den Küsten A-s. Flüsse: Tafna, Schelif (Selef, aus vielen Quellen entspringend, bildet den See Titteri, läuft 40 Meilen), Massafran (gelblich, zwischen Tlemcen u. Titteri), Buberak (früher Nissa, nimmt den Bugdurah auf), Budschia (früher Aduse, Zowah, Summum), mit Winterüberschwemmungen, Budwowe, Hamaese, Wad-el-Kibir (mit dem Rummel [Sufeymar], der sich einigemale unter der Erde verliert), Zaine (Grenzfluß gegen Tunis), alle zum Mittelmeere fließend; der Wad-Iddi (W. Dschiddi) fließt nach S. in den Salzsee Malgig in Sahara. Seen: Titteri, Schatt (Schott). Mehrere Mineralwässer (zu Hammam Maskontin, Hamum Sekut). Klima: heiß, aber durch Seewinde u. durch die Gebirge oft gemäßigt, doch weht der Samum nicht selten, durch Austrocknen der Sümpfe ist das Klima gesünder geworden. Boden: zum Theil sandig, auch bei guter (seither mangelnder) Bearbeitung sehr fruchtbar. Producte: Getreide, bes. Waizen, Mais, Reis, Baumwolle, Südfrüchte, Obst, Sennesblätter, Krapp, Tabak, Öl, Wein; Wild, Kameele, Pferde, fettschwänzige Schafe, Bienen, viel Fische, Kupfer, Eisen, Zinn, Blei, an den Küsten Korallen. Einwohner: annähernd 1,800,000 bis 2,500,000, Türken, Berbern (Kabylen), Mauren, Araber (Beduinen), Juden, Neger u., nach der Eroberung von A. durch die Franzosen 1830, auch Europäer, die Zahl derselben war im Jan. 1856 155,607 Seelen (1832 betrug sie 5919 Seelen), darunter 86,969 Franzosen, 42,569 Spanier, 9082 Italiener, 6536 Malteser, 6040 Deutsche, 2105 Schweizer, 2306 verschiedener Nationen, u. hatten im Laufe des Jahres 1855 um 12,220 Seelen zugenommen. Die Beschäftigung der Einw. besteht in Verfertigung von Seiden-. u. Wollenzeugen, Gewehren, Leder, irdenen Gefäßen, Metall-, bes. Eisenwaaren, Pferde- u. Kameelzucht, Handel (dieser meist in den Händen der Juden); die neuen Colonisten betreiben größtentheils Ackerbau u. Viehzucht auf der Melidschah. Sprache: türkisch, arabisch u. kabylisch; Religion: der Islam; früher wurde die christliche u. jüdische nur geduldet. Die Herrschaft ist jetzt in den Händen der Franzosen, diese halten das Land mit 40,000 bis 50,000 Mann besetzt u. haben dasselbe in Civil-, gemischte u. arabische Territorien eingetheilt. Bezirke bilden mehrere in einem Kreise zusammenstehende Zelte, einen Duar, die kleinste politische Gemeinschaft der Araber; mehrere Duars eine Ferka unter der Leitung eines Scheik; mehrere kleine Ferkas od. auch eine einzige große einen Stamm mit einem Kaïd an der Spitze; mehrere Stämme unter einem Agha ein Aghalik u. mehrere Aghaliks unter einem Kalifa od. Baschagha einen größeren Verwaltungsbezirk. Diese Eintheilung dient zur Steuererhebung u. zur Aushebung der Mannschaften. In jedem Verwaltungsbezirk besteht außerdem ein sogenanntes arabisches Bureau, ein Begutachtungsrath aus Franzosen, die mit Sprachen u. Sitten der Araber vertraut sind, u. Arabern gebildet, welcher über Verwaltungsfragen sein Gutachten abgiebt. Eine Verbesserung der Rechtspflege trat 1854 durch Trennung der arabischen Gerichte von den europäischen ein, wodurch die Araber arabische Gerichtsbeamten (Kadis) erhielten, welche jedoch von den Militärbehörden ernannt werden. Die oberste Behörde eines jeden Bezirkes ist ein französischer Offizier; dieser steht unter dem Generallieutenant der Provinz, u. an der Spitze des Ganzen der Generalgouverneur. In Bezirken mit europäischer Bevölkerung bestehen Gemeindeverwaltungen mit Maires, Adjuncten u. Gemeinderäthen, ähnlich denen in Frankreich; in Bezirken mit gemischter Bevölkerung sind die höchsten Beamten Militärs. Sie haben Verwaltung u. Justiz unter sich, jedoch können nach Bedürfniß auch Friedensrichter od. ein Untergericht ihnen zur Seite stehen. In rein europäischen u. gemischten Bezirken versammelt sich jährlich nach Art der französischen Landräthe (Conseifs, généraux) ein Bezirksrath, um seine Ansicht über Gemeinnütziges abzugeben. Zu Gunsten der arabischen Bureau's wurde im Jahre 1852 dem Generalgouverneur Vollmacht ertheilt, aus den Truppen, die A. verlassen, je einen Offizier vom Bataillon zurückzubehalten, wenn ein solcher für den Dienst in den arabischen Bureau's besonders brauchbar ist Nach den französischen Verfassungen von 1851 u. 1852 verlor A. wieder das Recht, einen Vertreter in die gesetzgebende Versammlung Frankreichs zu wählen. Ein Zollgesetz vom Januar 1851 hatte den Zweck, den Verkehr mit dem Mutterlande zu erleichtern u. zu befördern; ein anderes vom Juni desselben Jahres, durch Schutz die Vermehrung des Grundeigenthums u. die Herbeiziehung von Einwanderern zu bewirken, war ohne den gewünschten Erfolg, weil dem Ermessen der Behörden noch zu viel eingeräumt war, u. die Selbstthätigkeit des Einwanderers überall auf Hindernisse stieß. Nach dem Staatsstreiche von 1851 wurde eine Strafcolonie in A. gegründet. Ein Decret vom 3. Mai 1852 vermehrte den Bestand der aus Einheimischen gebildeten Truppen, um die französischen an anderen Orten verwenden zu können. In mehreren[308] Städten bestehen Leihhäuser, Waisenhäuser Vorschußkassen. Die Zahl der Schulen hatte bedeutend zugenommen; für Europäer bestanden 1855: 178 Knaben- u. 119 Mädchenschulen u. 67 Kinderbewahranstalten mit 10,672 Knaben u. 8986 Mädchen, ein Lyceum in der Stadt A. mit 333 Schülern u. in vier Städten sechs Secundärschulen mit 120 Schülern. Die Zahl der Secundärschulen hatte sich 1856 verdoppelt. 4 Städte hatten arabisch-französische Schulen mit 400 Schülern u. 5 Städte französische Judenschulen mit 474 Knaben u. Mädchen. Durch Gesetz vom 29. Juli 1851 wurden der in der Stadt A. errichteten Bank neue Vortheile gewährt, so daß später eine Zweigbank in Oran dazu kam. Die öffentlichen Einnahmen A-s sind in den letzten Jahren nicht gestiegen, wohl aber die Ausgaben; es betrugen die ersteren 1853: 20,108,000 Frcs., 1854: 19,074,995 Frcs., 1855: 17,100,000 Frcs.; die Ausgaben (ohne die Erhaltung der Truppen u. der Zollbeamten), 1853: 17,036,435 Frcs., 1854: 23,722,195 Frcs., 1855: 23,815,257 Frcs. Das Heer in A. hatte 1853 gekostet 56,144,000 Frcs. Die Einnahme aus der Besteuerung der Araber betrug durchschnittlich 61/2 Mill. Frcs. Es hat nämlich jeder Stamm die Größe des von demselben bebauten Landes u. die Zahl seiner Schafe, Rinder u. Kameele anzugeben. Von jeder Dschebda (ein Stück Feld von ungefähr 10 französischen Hectaren) sollen 2 Maß Getreide entrichtet werden, was jedoch in Geld umgewandelt wird u. in der Provinz Constantine 25 Frcs. beträgt. Die Araber haben ferner abzugeben 1 von 100 Schafen, 7 von 200 Kameelen u. 10 von 300 Rindern, wofür jedoch ebenfalls nach einem von der Regierung festgesetzten Durchschnittspreis Geld bezahlt wird. Man sucht die Araber, größtentheils noch Nomaden, an die Bewohnung von Häusern u. an feste Wohnsitze zu gewöhnen, u. es ist dies auch in den Provinzen A., Constantine u. Oran in vielen Fällen gelungen, wenn die Regierung zum Häuserbau Geldunterstützung gegeben hat; die Araber haben dann auf eigene Kosten Caravanserais, Brücken, Bazars, Niederlaghäuser u. Bäder gebaut. In Bezug auf Pferde- u. Schafzucht haben sie bereits Manches von den Europäern gelernt, u. ihre Wolle für die Fabriken u. ihre Pferde für die Truppen sind sehr gesucht. Die Ackerbaucolonien, welche zur Zeit der Republik ins Leben gerufen wurden, schritten nur langsam fort. Die französische Regierung suchte bes. Deutsche u. Schweizer dafür zu gewinnen, u. am 26. April 1853 überließ die Regierung einer genfer Gesellschaft ein Stück Land von 2000 Hectaren in der Nähe von Setif, wogegen diese sich verbindlich machte, 10 Dörfer mit je 50 Häusern zu bauen, wonach auf jede Wirthschaft 40 Hectaren kämen. Im Jahre 1854 waren bereits 5 davon fertig, u. außerdem hatte die Regierung deren 5 in der Provinz A. u. 1 in der Provinz Constantine bauen lassen. Im Juni 1854 wurden in den Städten Constantine, Medeah, Milianah, Scherschel, Tenes, Maskara, Tlemcen, Budschia, Setif u. Guelma an der Stelle der bisherigen Militärbehörden Gemeindeverwaltungen eingesetzt. Die Regierung versäumte dabei nicht, Land- u. Forstwirthschaft u. Gewerbfleiß zu unterstützen. Der Feldbau hat so zugenommen, daß schon 1853 eine Million Hectaliter Getreide nach Frankreich ausgeführt werden konnte. Die Baumwollencultur (1845 in A. eingeführt) machte bedeutende Fortschritte; 1855 wurde 4000 Hectaren dazu verwendet). In der pariser Ausstellung von 1855 hatten sich 542 Aussteller mit Erzeugnissen A-s betheiligt. Die Forsten umfaßten 1,200,000 Hectaren; davon sind 1/100 mit Korkeichen bestanden, welche von verschiedenen Gesellschaften ausgebeutet werden. Der Handel ist im Steigen begriffen. Der Werth der Einfuhr betrug 1854 8,123,447 Frcs., darunter gewebte Stoffe mit 29 Mill., Zucker mit 4 Mill., Wein u. Branntwein 5 Mill., Kaffee 2 Mill., Leder 3 Mill.; Ausfuhr: 42,176,068 Frcs., darunter Getreide mit 25 Mill. Öl 21/2 Mill., Taback 2 Mill., Wolle, Rohhäut Mineralien, Korallen. Im Jahre 1855 betrug die Einfuhr 105 Mill. Frcs., die Ausfuhr gegen 50 Mill. Frcs. Die Rhederei an den Küsten von A. ist ganz freigegeben, während die Verbindung zwischen A. u. Frankreich nur durch französische Schiffe unterhalten werden darf. Im Jahre 1855 waren 7344 Schiffe mit 543,000 Tonnengehalt ein- u. 7369 mit 540,936 Tonnengehalt ausgelaufen, meist nicht französische, obwohl die französischen Hafenplätze des Atlantischen Meeres anfingen unmittelbar mit A. zu verkehren. Der Bau des neuen Kriegs- u. Handelshafens der Stadt A. hatte bereits 26 Mill. Frcs. gekostet u. sollte in 8 bis 9 Jahren fertig werden. Die Verbesserung der übrigen, zahlreichen, aber schlechteren Häfen an der Küste waren zu wenigstens 80 Millionen veranschlagt worden. Man war mit der Ausführung eines Netzes macadamisirter Straßen beschäftigt, aus einer Hauptstraße längs des Meeres, mehreren rechtwinklich darauf gerichteten Straßen u. einigen Verbindungsstraßen zwischen den Handelsplätzen bestehend; der Bau war zu 40 Mill. Frcs. veranschlagt. Die Truppen wurden zu den öffentlichen Arbeiten benutzt. Die Telegraphenanstalten sind nach Kräften vermehrt worden. Münzen waren sonst die türkischen, in Gold: die Zechine od. der Sultanin (. – 21/2 Thlr.), halbe Zechinen, Mahabubs (1/2 Zechinen); in Silber: Piaster (spanische u. algierische – 1 Thlr.), halbe u. Viertelpiaster; in Kupfer: der Mesoun, à 29 Asper od. 71/2 Pf. 2) Bezirk um die Hauptstadt, 70 QM. 3) Hauptstadt der vorigen, Festung, durch eine 20 Fuß hohe Mauer mit Graben, mehrere Forts u. Castelle gedeckt, von den Franzosen sehr verstärkt; gegen die Seeseite liegen mehrere starke Batterien, indem die Türken bes. gegen dort sich in möglichsten Vertheidigungsstand setzten. Eine Reihe von Blockhäusern umgibt A. u. deckt einen Raum von etwa 11/2 QM. A. bildet ein, sich an dem gleich vom Ufer aus aufsteigenden Berg erhebendes Dreieck, dessen Basis am Meere, die Spitze am höchsten liegt. In der Spitze die Kasauba (Kasbah) od. das mit Mauern u. Thürmen befestigte Schloß des Deys, wo er zuletzt residirte, wo seine Schätze verwahrt wurden u. vor welchem zu muhammedanischen Zeiten jeder Europäer vom Pferde steigen u. den Hut abnehmen mußte. A. hat einen besuchten Hafen, Leuchtthurm, Arsenal u. Schiffswerfte, ehemaligen Residenzpalast (Paschali), viele enge Straßen, mehrere Bazars, viele große u. kleine Moscheen, Kathedrale, 2 katholische u. 1 protestantische Kirche, Kloster der Barmherzigen Schwestern, Synagoge, viele Lehranstalten, Bankgebäude, Theater, öffentliche Brunnen u. Bäder, 5 Bagnos (ehedem Sklavenbehälter),[309] mehrere Fabriken, auf europäische Sitte eingerichtete Gasthäuser etc. A. hat nur 2 Thore, vor denselben befinden sich viele Villen von Privaten. Die Zahl der Einwohner 1853: 103,600 worunter gegen 69,000 Europäer). Die Stadt ist jetzt viel verschönert u. hat seit 1838 einen katholischen Bischof. Die Einwohner fertigen Gewehre, Seidenzeuge, Goldarbeiten, Leder, Mützen etc.; seit 1852 wird ein 10tägiger Jahrmarkt (20.–30. Sept.) gehalten.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 1. Altenburg 1857, S. 308-310.
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