Spanisch-Marokkanischer Krieg

[466] Spanisch-Marokkanischer Krieg 1859–60. I. Die Veranlassung des Krieges. Nachdem Spanien seine ausgedehnten Länderbesitzungen in Afrika nach u. nach verloren hatte, beschränkte sich seine dortige Macht auf die Punkte Melilla, Peñon de Velez, Peñon de Alhucemgs u. Ceuta. Diese Ortschaften, die sogenannten Presidios, liegen längs der Nordküste in den Theilen des Marokkanischen Reiches, welche den Namen Amalat-el-Rif u. Amalat-el-Gharb führen. Wiederholt hatten die Marokkaner bis in die neuere Zeit die größten Anstrengungen gemacht die Spanier aus diesen Besitzungen zu verdrängen, u. den von Zeit zu Zeit ernenten Friedensverträgen war es nicht gelungen ein ruhiges Nebeneinanderleben der Nachbarn auf längere Daner zu bewirken, u. selbst wenn die marokkanische Regierung den Frieden zu erhalten geneigt gewesen wäre, würde sie doch gegen die kriegerischen u. raubsüchtigen Bewohner des Riflandes, welche Habsucht, Fanatismus u. alte Gewohnheit trotz den Verträgen u. Versprechungen der marokkanischen Regierung immer zu neuen Gewaltthätigkeiten treiben, machtlos gewesen sein. Eine durch die Riser verübte Gewaltthat wurde denn auch die Veranlassung zu dem Kriege, welcher Ende 1859 zwischen Spanien u. Marokko ausbrach. Durch eine Stipulation vom Jahre 1844 war die Grenze des Territoriums von Ceuta auf Kanonenschuß weite vom Platze festgesetzt worden. Während der Dauer einer Erweiterung u. Verbesserung der Festungswerke des Platzes sollte eine Strecke neutralen Gebietes zum Schutze der Arbeiter von marokkanischen Truppen besetzt werden, indeß hatte die Ausführung dieser Bestimmung im Jahr 1859 unter den Bewohnern des Rif eine derartige Aufregung hervorgebracht, daß sie in der Nacht vom 24. zum 25. Aug. 1859 in das neutrale Gebiet eindrangen u. dort, ohne von den Truppen des Sultans Widerstand zu finden, einen an der spanischen Grenze befindlichen Brunnen zertrümmerten, auf welchem das spanische Wappen angebracht war. Am folgenden Tage erschienen sie sogar in der unmittelbaren Nähe der Stadt, feuerten auf die Schildwachen, tödteten drei Mann u. verwundeten einen Offizier. Da die marokkanische Regierung auf die Beschwerden des Cabinets von Madrid nur durch vage Versprechungen antwortete, übersandte die Königin Isabella dem Vertreter der auswärtigen Angelegenheiten für Marokko, Sidi-Mohammedel-Khatib, ein energisches Ultimatum, welches unter Androhung einer bewaffneten Expedition verlangte, daß der Pascha der Provinz in eigener Person das zerstörte spanische Wappen wieder aufrichte u. mit seinen Soldaten demselben die gebührenden Ehrenbezeugungen erweise, daß an den Rädelsführern der Schuldigen unter den Mauern Ceuta's von den marokkanischen Truppen die verdiente Strafe vollzogen, endlich von Marokko zwei Ingenieure bestimmt würden, welche in Verbindung[466] mit spanischen Beamten die Grenzen in der Umgegegend von Ceuta festzusetzen hätten. Schon während dieser Verhandlungen, welche durch den Tod des Sultans Abd-ur-Rahman von Marokko eine Verzögerung erlitten, hatte Spanien bei Algeciras ein Observationscorps zusammengezogen. Als der marokkanische Bevollmächtigte auf dieses am 16. Oct. übergebene Ultimatum antwortete, daß er nicht bevollmächtigt sei solche Concessionen zu machen, u. um eine F. ist zur Vorlegung der gestellten Bedingungen an den Sultan bat, verließ der spanische Consul u. Geschäftsträger B. dell Valla om 19. Oct. Tanger u. es erfolgte sofort die Kriegserklärung. Bereits am 22. Oct. zeigte der Ministerpräsident O'Donnell dies den Cortes an; während der Sultan unterm 25. Oct. bei den fremden Regierungen gegen das Verhalten Spaniens protestirte, erließ der spanische Minister des Äußeren Calderon Collantes unterm 29. Oct. ein Rundschreiben an die spanischen Vertreter im Ausland zur Rechtfertigung der spanischen Politik, in welchem versprochen wurde die bestehenden Interessen u. Rechte aller Völker zu achten u. keinen Punkt auf der afrikanischen Küste dauernd besetzen zu wollen, dessen Besitz Spanien eine gefährliche Überlegenheit für die freie Beschiffung des Mittelmeeres geben würde. Die Erklärungen des spanischen Cabinets wurden von allen europäischen Nationen ohne Widerspruch aufgenommen, nur England blickte mit Besorgniß auf ein Unternehmen, welches leicht seine Stellung in Gibraltar u. seinen Einfluß im Mittelmeere gefährden konnte, u. machte dasselbe zum Gegenstand eines diplomatischen Notenwechsels, ohne jedoch eine Änderung in den Beschlüssen der spanischen Regierung zu erreichen.

II. Beginn u. Verlauf des Krieges. In Spanien rief der Entschluß der Regierung die Unbilden in Afrika blutig zu rächen u. ferneren Übergriffen der Marokkaner ein Ziel zu setzen allgemein die lebhafteste Begeisterung hervor. Die baskischen Provinzen allein brachten außer sehr bedeutenden Subsidien ein Contingent von 3000 Freiwilligen auf. Ähnliches geschah in Catalonien; der Patriarch von Indien u. die größere Zahl der Prälaten verzichteten für die ganze Dauer des Krieges auf den zehnten Theil ihrer Einkünfte, in allen größeren Städten boten sich die Einwohner zur unentgeltlichen Verrichtung militärischer Arbeiten an. Auf diese Weise wurde es möglich bereits gegen das Ende des October 23 Bataillone der Expeditionsarmee in Algeciras zu versammeln, an deren Spitze durch ein Decret vom 3. Nov. 1859 der Ministerpräsident Marschall O'Donnell mit den ausgedehntesten Vollmachten selbst trat. Die ganze zum Kriege gegen Marokko ausgewählte, aus 52 Bataillonen, 12 Escadrons u. 74 Kanonen bestehende Expeditionsarmee war folgendermaßen zusammengesetzt: 1. Armeecorps unter General Echague, 12 Bataillone, 1 Schwadron Husaren, 3 Compagnien Artillerie mit 18 Geschützen u. 1 Compagnie Genie; 2. Armeecorps unter General Zavala, 16 Bataillone, 4 Schwadronen, 3 Schwadronen reitende Artillerie mit 12 Geschützen, 1 Compagnie Gebirgsartillerie mit 6 Geschützen, 1 Compagnie Genie; 3. Armeecorps unter General Ros de Olano, 16 Bataillone, 1 Schwadron Cavallerie, 2 Schwadronen reitende Artillerie mit 8 Geschützen, 1 Compagnie Gebirgsartillerie mit 6 Geschützen. Die Reservedivision unter General Prim Grafen von Reus mit 8 Bataillonen u. 3 Schwadronen reitender Artillerie mit 12 Geschützen; endlich die Cavalleriedivision des Generalmajors Galiano aus 9 Schwadronen Kürassieren u. Husaren u. 3 Schwadronen reitender Artillerie mit 12 Geschützen. Inmittelst wurden aber auch in Marokko Vorbereitungen getroffen, um den erwarteten Feind mit Nachdruck zu empfangen. Allenthalben wurde der heilige Krieg verkündet u. nichts unterlassen, um den Fanatismus des Volkes zu wecken. Schaarenweis eilte dieses zu den Waffen, u. mit der zunehmenden Aufregung mehrten sich die Angriffe gegen Melilla u. Ceuta. Jeder waffenfähige Mann rüstete sich für den Krieg, die Heerden wurden in das Innere des Landes getrieben, die Küstenstädte, namentlich Tanger, befestigt; sämmtliche Juden u. Europäer flüchteten sich nach Spanien. An die Spitze des marokkanischen Heeres trat der Bruder des Kaisers, Sidi-Mulai-el-Abbas; er besetzte Anfangs mit nur 15,000 Mann eine starke Position zwischen Tanger u. Tetuan, später stieg die Zahl der ihm wenigstens dem Namen nach untergebenen Mannschaften auf etwa 30,000 sogenannte Reguläre u. 70–80,000 Irreguläre.

In einem am 11. Novbr. 1859 von Öl Donnell zu Cadiz versammelten Kriegsrath nurde Ceuta zum Landungsplatz gewählt; doch verzögerten widrige Winde die Eröffnung der Operationen bis zum 17. Novbr., an welchem Tage die ersten Truppen vom Corps Echague in Algeciras eingeschifft wurden. Bereits am nächstfolgenden Tage konnte Echague das alte Maurenschloß El-Serallobesetzen u. ließ sofort zur Sicherung des Höhenzugs vor diesem Schloß u. des am Serallo befindlichen Lagers drei starke Redouten anlegen, welche die Namen Isabella II., Francisco de Assis u. Infant Alfonso erhielten. Bereits am 22. u. 23. Novbr. brachen die Marokkaner aus der Boqueta Anghera, einer schauerlichen, die Sierra-Bullones quer durchschneidenden Felsenschlucht, mit wildem Geschrei gegen die mit der Hauptfronte gegen diese Schlucht gerichtete Redoute Isabella vor; plan- u. regellos warfen sie sich auf die spanischen Linien, zogen sich zuweilen zurück, aber nur um sich zu neuem, ebenso regellosem, aber todesverachtendem Kampfe zusammeln. Bei dieser Art zu fechten waren die marokkanischen Verluste immer unverhältnißmäßig größer, als die spanischen. Mit mehr Erfolg als vorher fand am 25. Novbr. ein neuer Angriff von 4000 Mauren gegen die Redoute Isabella statt, wobei die Marokkaner sogar bis in das Innere des Werkes drangen u. etwa 80 Kanoniere an ihren Geschützen niedermachten. Doch gelang es der Umsicht u. Entschlossenheit Echague's noch einmal den Sieg zu erringen; seine Ernennung zum Generallieutenant war die erste Belohnung, welche die Königin in diesem Kriege ertheilte. Am 27. Novbr. endlich traf der Obergeneral mit dem größeren Theil des zweiten Armeecorps im Lager am Serallo ein. Am 30. Novbr. brachen die Marokkaner in einer Stärke von etwa 10,000 Mann wieder aus der labyrinthartigen Boqueta hervor u. unternahmen einen neuen Angriff gegen die Isabellaredoute; sie wurden erst nach einem längeren blutigen Kampfe, welcher die Spanier über 300 Todte u. Verwundete kostete, durch die Infanteriedivision des Generalmajors Gasset de Mercador in ihre Schlupfwinkel zurückgetrieben. Hierbei stürzten[467] sich etwa 2000 Marokkaner, von ihrer Rückzugslinie abgeschnitten, in das Meer u. fanden den Tod in den Fluthen. Aber auch die Spanier litten in schreckenerregender Weise, nicht blos durch die Kugeln der Feinde, sondern mehr noch durch die Strapazen eines unter den ungünstigsten Witterungsverhältnissen geführten Lagerlebens u. durch das Wüthen der Cholera. Nachdem die Reservedivision Prim bereits in den letzten Tagen des November in Afrika eingetroffen war, erhielt auch das dritte Armeecorps Befehl sich nach Ceuta einzuschiffen; außerdem wurde der General Rios beauftragt ein viertes Armeecorps von acht Infanterieregimentern u. vier freiwilligen Jägerbataillonen zu bilden, u. 10 Kriegsschiffe von der Flottenstation in der Havanna erhielten Ordre zur Blockade der am Ocean gelegenen marokkanischen Hafenplätze. Das dritte Armeecorps setzte in der Zeit vom 12._– 15. Decbr. nach Afrika über; eine in der Zwischenzeit von O' Donnell an die Mauren gerichtete, in Arabischer Sprache abgefaßte Proclamation war ohne allen Erfolg geblieben, vielmehr war am 10. Decbr. von 10,000 Mauren ein neuer Angriff auf die Redouten Isabella II. u. Francisco de Assis ausgeführt worden, welcher mit bedeutenden Verlusten auf beiden Seitenzurückgeschlagen wurde.

O' Donnell entschloß sich nach Eintreffen der Verstärkungen nun gegen Tetuan vorzurücken; es galt jedoch den Weg dahin, welcher am Meeresufer zunächst bis zu einem verfallenen maurischen Gebäude El-Castillejos führte, von Felsblöcken u. Gestrüpp zu reinigen u. passirbar zu machen. Zu diesem Behuf übernahm die Division Prim u. die gesammte Cavallerie die Avantgarde in der Art, daß die Arbeitercolonnen unter ihrem Schutz u. in ihrem Rücken den Wegebau ausführten, während die Division Ros de Olano die rechte Flanke deckte, indem sie sich im Lager von El-Olero verschanzte. Kaum hatte man jedoch am 12. Decbr. mit dem Wegebau begonnen, als die Mauren, am 14. Dec. durch neue Zuzüge ansehnlich verstärkt, am 15. Dec. von Neuem einen Angriff auf die Redoute Alfonso nuternahmen; doch entschied sich der Kampf bald zu ihrem Nachtheil u. artete, als die marokkanischen Truppen in das Bereich der an der Küste ankernden Schiffe kamen, in wilde Flucht aus. Die Spanier schätzten den Verlust ihrer Feinde auf 1500 Mann u. gaben ihre eigene Einbuße mit nur 30 Todten u. 126 Verwundeten an. Trotzdem wiederholten sich die maurischen Angriffe mit vermehrtem Ungestüm am 17., 29. u. 21. Decbr., ohne daß jedoch die Wegearbeiten anders als vorübergehend gestört worden wären u. gegen Ende December waren dieselben soweit gediehen, daß die Operationen wieder aufgenomen werden konnten. Bei El-Castillejos hatten sich die Feinde am Neujahrstag 1860 in beträchtlicher Stärke aufgestellt u. bekämpften das weitere Vordringen der Spanier mit außerordentlicher Hartnäckigkeit. Doch gelang es nach heißem blutigem Kampfe der Division Prim u. einigen Bataillonen des Corps Zavala die Mauren zurückzuwerfen u. die Höhen, welche das Terrain beherrschten, zu nehmen; der Verlust der Spanier betrug 500 Todte u. Verwundete, der der Feinde angeblich dreimal so viel. Aber das weitere Vorrücken ging wegen der Schwierigkeiten des Terrains nur sehr langsam von Statten, zumal es, behufs Beschaffung der Lebensmittel, nöthig war die Verbindung mit den Schiffen fortwährend aufrecht zu erhalten. Erst am 4. Jan. 1860 konnte die Expedition den Fuß des Cap Negro erreichen u. erst am 7. Jan., nachdem ein neuer Angriff glücklich zurückgeschlagen worden war, lagertesiejenseits des Engpasses, welchen hier das steil zum Meer abfallende Küstengebirge bildet. Dann unterbrachen wieder heftige Stürme die Verbindung mit den Schiffen. Am 14. Jan. aber trat O' Donnell mit der ganzen Armee den Vormarsch gegen Tetuan an u. vertrieb die Mauren nach anstrengendem Kampfe aus allen Positionen, durch welche sie den Thalkessel von Tetuan beherrschten. Am Abend des 15. Jan. erblickte man von der Höhe des spanischen Lagers das langersehnte Tetuan, welches nur 2 Stunden vom Meere entfernt an den Ufern des Tetuan od. Martin-Flusses gelegen ist. Am 17. Jan. wurde unter dem Feuer des spanischen Geschwaders die Division Rios an der Mündung des Martin an das Land gesetzt u. bemächtigte sich fast ohne Schwertstreich des dort gelegenen Forts Fuerta de la Marina mit 7 Geschützen u. bedeutenden Munitionsvorräthen. Noch an demselben Tage erfolgte an der Mündung des El-Combara in den Martin die Vereinigung beider Heereskörper u. die Eröffnung eines weitläufigen Schanzenbaues als Basis für die Operationen gegen Tetuan. Erst am 23 u. dann wieder am 21. Jan. unternahmen die Mauren Angriffe auf die neu entstandenen Linien; sie wurden aber auf das Nachdrücklichste zurückgewiesen u. namentlich im letzteren Gefecht, in welchem der Marschall in Person befehligte, in die Berge zurückgedrängt. Der hierbei erlittene Verlust von gegen 500 Todten u. Verwundeten wurde durch eine gleiche Zahl von Freiwilligen ausgeglichen, welche als die ersten kampfbereiten Truppen von einem unter General Pavia zu Malaga u. Cadiz gebildeten fünften Armeecorps sofort nach Afrika eingeschifft worden waren. Aber auch die Marokkaner erhielten unter dem Commando eines zweiten Bruders des Kaisers, Mulei-Ahmet, bedeutende Zuzüge, so daß sie 40–50,000 Mann zählten, welche um Tetuan u. auf den anstoßenden Höhen hinter einer dreifachen Schanzenlinie lagerten. Am 4. Febr. rückten die spanischen Truppen zum Angriff vor; sie überschritten den Cantara, avancirten in der großen vor ihnen befindlichen Ebene u. eröffneten. hierauf gegen das feindliche Lager ein heftiges Geschützfeuer, welchem ein vom General Prim geführter Bayonnetangriff folgte. An der Spitze des Jägerbataillons Alba de Tormes drang Graf Reus durch eine Schießscharte in das Lager der Mauren, u. trotz der hartnäckigsten Vertheidigung wehte nach Verlauf von 35 Minuten die spanische Fahne auf den eroberten Zelten. Artillerie, Munition u. zwei Fahnen, 800 Zelte, eine große Zahl Kanonen u. viele andere Beute fiel den Siegern in die Hände. Während dieses ganzen Kampfes standen die Truppen von Mulei-Abbas unthätig u. zogen sich nach der Flucht Mulei-Ahmets, als der General Heinrich O' Donnell, des Marschalls Sohn, mit der zweiten Division vom zweiten Corps u. das Reservecorps Rios gegen sie vorrückten, hinter Tetuan zurück. Am Tage nach der Schlacht, welche die Spanier 10 Offiziere u. 57 Mann an Todten u. 53 Offiziere u. 966 Soldaten an Verwundeten gekostet hatte, ließ Mulei-Abbas den Anführern der Stämme, welche zuerst die Fluche ergriffen hatten, die Köpfe abschlagen. Ein Theil der marokkanischen Truppen hatte sich unmittelbar[468] nach der Schlacht nach Tetuan geflüchtet u. hier zu morden u. zu plündern begonnen. Als daher O'Donnell die Stadt aufgefordert hatte sich zu ergeben, erschien sofort eine Deputation der Einwohnerschaft u. flehte um Gnade. In Folge dessen rückten am 6. Febr. die ersten Truppen der Division Rios in die schrecklich verwüstete Stadt ein, verjagten die plündernden Mauren u. Kabylen, u. am nächsten Tage folgte der Rest des spanischen Heeres nach; unter anderer werthvoller Beute fand man dort 73 Kanonen. Die Einnahme von Tetuan verschaffte der spanischen Armee einen festen Stützpunkt für die weiteren Operationen u. wurde deshalb in ganz Spanien mit großem Jubel begrüßt. O'Donnell wurde durch Ernennung zum Herzog von Tetuan u. zum Granden erste Klasse von Spanien belohnt.

Die Hauptmacht des marokkanischen Heeres war jedoch keineswegs gebrochen u. hatte an dem 5 Stunden entfernten Scheidungspunkte der Fez u. Tanger mit Tetuan verbindenden Straße eine feste Stellung genommen, um die zerstreuten Abtheilungen zu sammeln. Doch entsandte Mulei-Abbas am 25. Februar Unterhändler in das spanische Lager, um sich nach den Bedingungen für Abschließung eines Friedens zu erkundigen. O'Donnell verwies sie an die Königin, da er zum Abschluß eines Friedens nicht ermächtigt sei. Mit den spanischen Forderungen konnte sich aber Mulei-Abbas nicht einverstanden erklären u. rüstete sich zu neuem Widerstand, worin er noch durch einen für die Spanier unglücklichen Zwischenfall bestärkt wurde. Ein Theil der vor Tetuan geschlagenen Truppen hatte sich nämlich vor Mobilla gezeigt u. den Commandeur dieser Stadt, General Bucola, zu einem Ausfall bewogen. Von bestem Glück gekrönt befand er sich bereits mit ansehnlicher Beute auf dem Rückzug nach der Stadt, als er plötzlich von allen Seiten angegriffen wurde u. einen Verlust von 58 Todten, 146 Verwundeten u. 126 Vermißten erlitt. Bucola wurde, da ihm jeder Angriff gegen die umwohnenden Stämme von O'Donnell ausdrücklich untersagt worden war, seines Postens enthoben u. vor ein Kriegsgericht gestellt. Um den übeln Eindruck dieser Niederlage zu verwis en, wurden von dem inzwischen eingetroffenen Geschwader von Cuba zwei Städte am Atlantischen Ocean bombardirt u. die übrigen entgingen demselben Schicksal nur in Folge eines Sturmes, welcher das Geschwader zur Rückkehr nach Spanien nöthigte Auch General Pavia traf mit dem 7000 N. starken 5. Armeecorps am 29. Februar in Afrika ein, u. General Echague, welcher bis letzt in Ceuta gestanden hatte, vereinigte sich an der Spitze von 10 Bataillonen mit dem Heere des Marschaus, so daß dieser jetzt über etwa 50,000 M. verfügte, von denen etwa 10,000 M. als Besatzung in Tetuan bleiben sollten, während die übrigen Truppen für den weiteren Vormarsch in das Innere des Landes bestimmt waren. Am 11. März stiegen die Marokkaner zum ersten Mal wieder in dichteren Haufen von den Bergen u. griffen die Vorhut der Spanier an. Diese trieben zwar die Angreifer bis zur höchsten Stelle des zunächst vorliegenden Gebirgszugs rückwärts u. kehrten erst nach Einbruch der Dunkelheit in ihr Lager zurück, doch hatte dieses nach dem kleinen Flusse Samsa benannte Gefecht ebenso wie ein abermaliges am 21. März keinen besondern Vortheil für die Spanier. Am 23. März Morgens 4 Uhr setzte sich die spanische Armee in einer Stärke von etwa 25,000 Streitern auf der sogenannten Karavanenstraße in Marsch u. stieß bald auf den Feind, welcher die ganze Linie von der Sierra-Bermeja bis weit über den Fluß Geln hinaus besetzt hatte. Ein bei dem Dorfe Saddina stattfindender Kampf endigte endlich mit dem Rückzuge des Feindes nach dem von der Bucaja durchströmten Thale Vad-Ras, aus welchem er jedoch bald in ansehnlich verstärkter Masse vorrückte, um abermals den Versuch zu machen die spanische Armee in Flanke u. Rücken zu umgehen. Das Centrum der letzteren setzte sich in Bewegung die Höhen in Sturm zu nehmen. Als die Bataillone mit gefälltem Bayonnet schon bis nahe an die Spitze des Berges vorgedrungen waren, sprang plötzlich ein großer Marokkaner, nur mit seinem Yatagan bewaffnet, über den Rand des Berges hervor u. stürzte sich mit wenigen Sätzen gegen das vorderste Bataillon, ihm nach eine große Zahl seiner Genossen. Das erste Bataillon wich zurück, die andern geriethen ins Stocken od. standen still; vergebens wurde ein zweiter Angriff mit neuen Bataillonen versucht, auch dieser scheiterte an dem Heldenmuth der Vertheidiger, u. erst als die Generale sich selbst an die Spitze stellten, wurde nach schweren Verlusten der Sieg errungen. Ein inmittelst auf der linken Flauke von dem General Prim versuchter, durch lang andauerndes Artilleriefeuer vorbereiteter Cavallerieangriff brachte gleichfalls schwere Verluste, u. erst als General Ros de Olano von Neuem mit Granaten u. endlich mit Raketen feuern ließ, zogen die Mauren sich langsam zurück. Rios hatte inzwischen auf dem rechten Flügel eine Position der Sierra-Bermeja nach der andern genommen u. gelangte schließlich an einen Abhang, welcher zu einem Arme des Gelu abfiel. Um ein hier liegendes, bald in Flammen aufgehendes Dorf entspann sich ein hartnäckiger Kampf, welcher 300 Todte kostete, ehe Rios sich der Position bemächtigte. Die spanische Armee, nunmehr Herr des Thales, sammelte sich an der auf der Hauptstraße befindlichen Brücke El-Cantara u. rückte nach kurzer Ruhe gegen die Höhen jenseits des Flusses vor, auf deren Gipfeln das maurische Lager vor den Augen der Spanier lag. Aber ein vor der Frome des General Prim gelegenes Dorf wurde von den Mauren so lebhaft vertheidigt, daß Prim dreimal zum Angriff vorgehen mußte u. erst nach zweistündigem Kampfe u. Verlust von 700 M. die Position gewann. Die ansehnlichen Verluste, welche sich im Ganzen auf 1700 M. beliefen, u. die Ermüdung der Truppen nöthigten O'Donnell den weiteren Vormarsch bis auf den nächsten Tag zu verschieben.

III. Abschluß u. Ausführung des Friedens. Noch ebe der Kampf am 24. März wieder eröffnet wurde, erschienen im spanischen Hauptquartier zwei Abgesandte des marokkanischen Oberfeldherren, um den Marschall O'Donnell zu einer persönlichen Zusammenkunft mit Mulei-Abbas zu bewegen. In Hinblick auf die großen Schwierigkeiten, welche einem weiteren Vordringen sich entgegenstellten, willigte dieser ein u. beide Feldherren trafen am 25. März sich angesichts ihrer Heere u. einigten sich über folgende von Beiden unterzeichnete Friedenspräliminarien: Der König von Marokko tritt der Königin von Spanien das ganze Gebiet zwischen dem Meere u. der Schlucht von Anghora längs der Sierra-Bullones unweit Ceuta, auch an der Küste des Oceans bei Santa-Cruz-la-Poquenna[469] ein Gebiet zur Gründung einer Niederlassung ab; der König von Marokko wird inmöglichst kurzer Zeit die Übereinkunft vom 21. Aug. 1859 in Betreff der Plätze Malilla, Peñon de Velez u. de Alhucemas bestätigen; als Entschädigung für die Kriegskosten die Summe von 20 Mill. span. Thlrn. od. 400 Mill. Realen bezahlen; bis zur vollständigen Bezahlung dieser Summe bleibt die Stadt Tetuan mit dem alten Paschalik dieses Namens in der Gewalt Spaniens; es wird ein Handelsvertrag abgeschlossen, in welchem Spanien die Vortheile der meistbegünstigten Nationen zugestanden werden; ein spanischer Gesandter wird in Marokko, Fez od. jedem anderen ihm passend scheinenden Orte wohnen; Marokko gestattet die Errichtung eines Hauses spanischer Missionaren zu Fez; je zwei Bevollmächtigte beider Contrahenten sollen sich zur Aufsetzung des definitiven Friedensvertrags in Tetuan vereinigen u. ihre Arbeiten längstens in 30 Tagen beendigen. Auf Grund dieser Präliminarien wurde sofort ein Waffenstillstand abgeschlossen, die spanische Armee kehrte in ihr Lager nach Tetuan zurück u. die Blockade der Häfen wurde sistirt. Alle Feindseligkeiten wurden eingestellt, u. einzelne fanatische Kabylenstämme, welche sich am 13. April von Neuem auf die Spanier zu werfen beabsichtigten, wurden nach mehrstündigem blutigem Kampf durch die regulären marokkanischen Truppen davon abgehalten. Nach einer zweiten Conferenz der beiderseitigen Feldherren am 25. April wurden die in den Präliminarien aufgestellten Artikel am 26. April als Friedensvertrag ratificirt. Zur vorläufigen Besetzung von Tetuan blieb General Prim mit dem 3. Corps u. der baskischen Division in Afrika, der Rest der Armee aber, mit Ausnahme der 6 Bataillone starken Besatzung von Ceuta, kehrte nach Spanien zurück u. hielt am 11. Mai seinen Einzug in Madrid.

Die Kriegsentschädigung sollte nach dem Friedensvertrag in vier gleichen Raten von je 100 Mill. Realen am 1. Juli, 29. August, 29. October u. 28. December 1860 bezahlt werden. Da jedoch Marokko diese Zahlungen nicht rechtzeitig vollständig leisten konnte, so erfolgte die Absendung einer marokkanischen Gesandtschaft nach Madrid u. eine Reihe von Unterhandlungen, während deren die Spanier Tetuan besetzt hielten. Es kam zu einem neuen Vertrag, nach welchem die Räumung erfolgen sollte, wenn die Hälfte der Entschädigung gezahlt u. für den Rest Garantie geleistet worden wäre, Doch brach auch hierüber wieder ein Conflict aus, welcher sogar soweit führte, daß Spanien von Neuem ein Ultimatum stellte (s. Spanien, Gesch. S. 422), bis mit Muley-el-Abbas ein neuer Vertrag abgeschlossen u. im Jahr 1862 nach erfolgter vollständiger Bezahlung der Entschädigungssumme Tetuan geräumt wurde.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 16. Altenburg 1863, S. 466-470.
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