Tunis [2]

[932] Tunis (Gesch.). Das Gebiet von T. ist das alte Gebiet von Carthago. Als die einst feste u. bedeutende, 10 Millien von Carthago an der Mündung des Flusses Katada gelegene Stadt Tunes nach dem dritten Punischen Kriege zerstört worden war, siedelte sich ein Theil der Bewohner etwa 2 Meilen westlich in dem jetzigen T. an. Seit der Eroberung Afrikas durch die Araber kam auch T. unter die Khalifen, die ihre Statthalter dort hatten, welche in fortwährendem Kampf mit den Mauren lagen. Unter den Almoraviten bemächtigte sich in der Mitte des 11. Jahrh. ein Sohn des Mauren Abelchit der Stadt T., u. da er sich dem Herrscher von Marokko, Yusuf Abu Tassin, unterwarf, so ließ ihm dieser den Bezirk von T., u. die Abelchiten regierten als Lehnsleute der Almoraviten bis zum Sturze dieser Dynastie; aber unter den Almohaden wurden sie zu Ende des 12. Jahrh. von Almansor vertrieben, u. wieder Statthalter in T. eingesetzt. Da die Macht der Almohaden immer mehr sank, so wurden die Statthalter in T. häufig von den Arabern bedrängt, bis 1206 Abi Hassi von Sevilla landete, T. nahm u. dadurch, daß er den Arabern einen Theil des Einkommens ließ, diese beruhigte. Seitdem behaupteten sich die Hafsiten in T. Abu's Nachfolger war sein Sohn Abu Zakarieh Vahia, welcher eine Citadelle in T. baute, sein Reich bis gegen Tripoli ausbreitete u. ins Innere des Landes Streifzüge machte. Ihm folgte 1249 sein Sohn Mostanser Billah. 1270 landete der König Ludwig der Heilige von Frankreich in Afrika u. schlug die tunesischen Truppen; allein nach Ludwigs Tod schloß Mostanser mit Philipp dem Kühnen Frieden, wies einen Versuch Abu Saith Ahmans, des letzten Sprößlings der Almohaden, T. wieder zu gewinnen zurück u. st. 1267. Seine Söhne wurden von seinem Bruder Abu Ischak ermordet, u. dieser folgte ihm. Der berühmteste aus dieser Dynastie war Abu Ferez. Die Zwistigkeiten zwischen den Mariniten in Fez u. Zianiten in Tlemezen benutzend, machte er sich Tlemezen tributbar u. Fez erkannte ihn als Oberherrn an; daher nannte er sich König von T. u. hielt einen prächtigen Hofstaat mit 11 Hofämtern gleich denen des marokkanischen Hofes. Die Kämpfe, welche seine Nachfolger mit dem immer mächtiger werdenden Fez hatten, schwächten die Macht der Hafsiten. Cardinal Ximenes that 1509 einen Kreuzzug nach Afrika, eroberte die vornehmsten Seehäfen u. festen Plätze u. machte die Könige von Algier u. von T. Spanien zinsbar. Nach dem Tode des letzten Königs stritten dessen beide Söhne Al-Raschid u. Mulei-Hassan um die Herrschaft u. der Letztere verdrängte den Erstern, ward aber von Haireddin Barbarossa vertrieben, welchen Al-Raschid um Hülfe gebeten hatte, doch Al-Raschid ließ er gefangen nach Constantinopel bringen. Barbarossa drückte die Christen, daher gewährte Kaiser Karl V., als Oberlehnsherr, die von dem vertriebenen Mulei-Hassan erbetene Hülfe, landete 1535 mit einer Flotte von 500 Segeln u. 30,000 Mann bei T., schlug Barbarossa in einer Schlacht, eroberte Goletta u. T., befreite 20,000 Christensklaven u. setzte Mulei-Hassan wieder ein, behielt aber Goletta u. die Lehnshoheit. 1570 eroberten die Türken T. zurück. Nach der Seeschlacht bei Lepanto (1572) entriß es ihnen Juan von Österreich zwar wieder, doch schon 1574 eroberte es der türkische Admiral Sinan abermals, behielt es als Pascha u. Lehnsmann der Pforte unter der Beihülfe von 5000 Janitscharen u. herrschte unumschränkt, nur von einem Divan der angesehensten Offiziere, welchem ein Aga präsidirte, unterstützt. Nach Sinans Tode 1576 entriß der Aga seinem Nachfolger, Kilik-Ali, die höchste Gewalt. Die türkische Miliz wählte nun einen Dey als Inhaber der höchsten Gewalt, entthronte u. ermordete aber die mehrsten nach einer kurzen Regierung; so den ersten schon nach drei Jahren; der zweite, Ibrahim, dankte nach vier Jahren freiwillig ab; unter dem dritten, Kara-Osman, bemächtigte sich der Bey Morat der öffentlichen Gewalt, doch ohne den Dey gänzlich zu verdrängen. Nach einem Siege über die Algierer ließ sich Morat zum Pascha ausrufen u. lenkte nach dem Tode Kara-Osmans die Wahl des neuen Deys Jussuf ganz nach seinem Willen, behielt sich alle Gewalt vor u. machte dieselbe in seiner Familie erblich. Der erbliche Bey hielt nun den wählbaren Dey in gänzlicher Abhängigkeit. Morats I. Nachfolger, Amuda, regierte ruhig. Erst unter der gemeinschaftlichen Regierung der Beys Morat II. u. Mehmed-Lassy, der Enkel Morats I., setzte der Divan einen von den Brüdern ernannten Dey ab, u. ein innerlicher Krieg entstand, welcher bis zum Tode Morats II. 1675 währte. Seine Söhne, Mehmed u. Ali, stritten um die Stelle des Bey, versöhnten sich aber, als der Dey Achmed-Schelebi gegen beide sich wendete, u. zogen mit der Hülfe von Algier vor T., welches sich mit dem Dey nach siebenmonatlicher Belagerung am 30. Mai 1686 ergab. Die Algierer, welche sich als die Sieger betrachteten, bedrückten die Tuneser, u. es brach ein Aufstand aus, bei welchem Ali umkam. Der Dey Achmed-Schelebi bewog durch eine Geldsumme die Algierer ihn frei zu geben u. Algier zu verlassen, verübte aber darauf die härtesten Erpressungen gegen seine Unterthanen. Der deshalb von den Tunesern zu Hülfe gerufene Dey von Algier überwand Achmed 1694 in einer Schlacht u. vertrieb ihn, ließ dem Staate die bisherige Verfassung u. bestätigte 1707 die Erblichkeit der Beys in der Familie Morats, erzwang aber von T. die Anerkennung seiner Oberherrschaft u. einen jährlichen Tribut. Der blühende Zustand, in welchem T. nun kam, brachte die Seeräuberei immer mehr in Abgang, ja es wurden mit den meisten europäischen Staaten Friedensverträge geschlossen, welche dieselben gegen ein sogenanntes Geschenk an Geld gegen diese Gefahr sicherte, so mit England zu Anfang des 18. Jahrh. (öfters erneuert), mit Österreich 1725, mit Schweden 1736, durch Frankreichs Vermittelung 1756 selbst mit Malta. Dieser letztere Vertrag u. die Nachlässigkeit in Abtragung des Tributs zogen den Tunesern 1757 einen Krieg mit Algier zu, in welchem der Bey von T., Ali-Pascha, geschlagen u. die Stadt gestürmt u. geplündert u. dabei alle Waarenlager der Europäerzerstört wurden. Die Abhängigkeit von [932] Algier wurde nun noch strenger, doch blieb die Verfassung unverändert. Der Staat zahlte jährlich an den Sultan Geschenke u. an den Dey von Algier Tribut; Seeräubereien fanden nur dann Statt, wenn der Dey mit den europäischen Mächten wegen der gewöhnlichen Geschenke in Streit gerieth, so mit Venedig 1783, wo Venedig tunesische Schiffe aufbrachte u. Susa u. Difeart 1785 u. 1786 bombardirte. Erst 1792 wurde Frieden geschlossen u. der Dey erhielt einen Theil seiner Forderungen. Mit Spanien schloß T. 1791 durch Vermittlung der Pforte einen Vertrag, mit Frankreich erneuerte es 1795 die frühern Verträge; spätere mit dieser Macht ausgebrochene Zwistigkeiten wurden 1800 durch einen Waffenstillstand geendigt; 1800 fand auch eine kurze Feindseligkeit mit Dänemark Statt, welches mit Algier in Streit gerathen war, weshalb auch von T. aus dänische Schiffe gekapert wurden.

Einen bedeutenden Einfluß auf T. äußerte der erste Schrecken der Eroberung Algiers durch die Franzosen. Schon den 8. Aug. 1830 wurde T. zu einem Vertrag gezwungen, in welchem es eine Zahlung von 800,000 Fr. an Frankreich, die Abschaffung der Seeräuberei u. Sklaverei, so wie die Abtretung der ehemals Genua gehörigen Insel Tabarca versprach. 1831 suchte General Clauzel T. zu benutzen, um für Frankreich die Grenzprovinzen des algierschen Gebiets zu erobern; er schloß mit T. einen Tractat ab, welcher 30,000 Afrikaner unter seinen Oberfehl stellte. Allein der Plan scheiterte an dem Widerstand der Bevölkerung von T., auch erklärte die französische Regierung den Tractat für ungültig. Am 20. Mai 1835 starb der Bey von T., Sidi Hussein, u. sein Bruder Sidi Mustapha trat an seine Stelle. Er schloß sich, um vor den Franzosen sicher zu sein, mehr an die türkische Regierung an, starb aber schon 1837, u. ihm folgte sein Sohn Sidi Achmed, welcher große Bauten unternahm u. sein Heer auf 25,000 Mann brachte, wodurch es aber bald zwischen ihm u. der Pforte zu so ernstlichen Reibungen kam, daß bereits im Juli 1842 eine türkische Fregatte, begleitet von einer englischen Kriegscorvette, auf der Rhede von T. mit einem Abgesandten des Sultan erschien, welcher dem Bey das Ultimatum der Pforte überbrachte; darnach sollte er die in allen Theilen des Türkischen Reichs bestehenden Tractate in Wirksamkeit setzen, alle Handelsmonopolien abschaffen u. sein Heer auf 1500 Mann vermindern (wogegen ihm die Pforte im Fall eines Krieges die nöthige Verstärkung zu schicken versprach), jährlich einen genauen Rechenschaftsbericht über Einnahmen u. Ausgaben einschicken u. sogleich den Überschuß der Einnahmen übergeben. Der Bey verwarf zwar diese Bedingungen, sah sich aber doch endlich durch Intervention der Großmächte zur Nachgiebigkeit genöthigt. Ein 1844 zwischen T. u. Sardinien wegen Getreideausfuhr ausgebrochener Streit wurde durch die energischen Vorstellungen Englands u. Frankreichs beigelegt. Verdient machte sich namentlich Achmed Bey noch wegen seines entschiedenen Auftretens gegen den Sklavenhandel. Während schon seit 1843 jedes Kind eines Sklaven, welches künftig in der Regentschaft geboren werde, frei sein sollte, wurde Ansang Februar 1846 ein Edict erlassen, nach welchem die Schwarzen in der ganzen Ausdehnung des Tunesischen Staates für frei erklärt u. jeder fremde Sklave, welcher den Boden der Regentschaft betritt, ebenfalls frei werden sollte. Im October 1845 erhielt Achmed Bey von der Pforte die Investitur auf Lebenszeit, nur wenn der Bey kinderlos sterben würde, behielt sich der Großsultan das Recht vor einen Nachfolger zu ernennen. Um sich selbst unabhängiger von der Pforte zu machen u. T. der Türkei zu entfremden, suchte der Bey europäische Sitten u. Einrichtungen einzuführen u. hatte zu dem Ende sogar einen Italiener, Graf Rasso, zu seinem Minister gemacht. Auch besuchte er im Jahre 1846 den König von Frankreich, um sich seines Schutzes zu versichern (s.u. Türkisches Reich, Gesch.). Während des Orientalischen Krieges im Jahre 1854 stellte Achmed ein Hülfscorps von 10,000 Mann, welches jedoch nicht zur Action kam. Nach seinem Tode, 1./2. Juni 1855, übernahm Sidi Mohamed, sein ältester Sohn, die Regierung. Das Verhältniß zur Türkei blieb dasselbe. Durch eine Kundmachung vom Juni 1856 erklärte die Regierung, daß große Reformen im Steuerwesen eintreten u. die Steuern selbst herabgesetzt werden sollten; das Heer wurde vermindert, der Handelsverkehr, namentlich mit Österreich, war im Steigen, wodurch der Bey sich veranlaßt sah dem Münzwesen seine Aufmerksamkeit zuzuwenden, namentlich wurden die im Umlauf begriffenen Goldmünzen gesammelt u. in Stücke zu 5 tunesischen Piastern (3 Fr. 15 Cent. franz., 1 Piaster = 63 Cent. od. 5 Sgr.) umgeprägt. Die Bevölkerung aber war unzufrieden, theils wegen der den Strenggläubigen verhaßten Neuerungen, theils wegen des Steuerdruckes. Ein Beweis dessen war die zunehmende Auswanderung nach Algerien. Die maurische Bevölkerung zeichnete sich bes. durch Intoleranz aus, u. im Juni 1857 erfolgte eine Judenverfolgung. Die europäischen Consuln drangen gemeinschaftlich in den Bey die Verfassung u. Gesetzgebung in einer Weise zu ändern, daß dergleichen Barbareien nicht wiederkehren könnten, welcher denn auch die Hauptpunkte der Tansimat mit Gesetzeskraft bekannt machen ließ, nämlich Einsetzung von Criminal- u. Handelsgerichten mit christlichen u. muhammedanischen Richtern, Freiheit des Handels u. der Gewerbe, Sicherheit des Eigenthums u. der Person, Gleichheit vor dem Gesetze, gleiche Besteuerung, Freiheit der Religionsübung, Einführung der Conscription u. Bestimmung der Dienstzeit. Die Ruhestörer u. die, welche dieselben gegen Juden u. Europäer aufgehetzt hatten, ließ der Bey streng bestrafen. Während der Unruhen war eine Abtheilung französischer Kriegsschiffe unter dem Admiral Tréhouart vor T. erschienen, u. am 29. Aug. langte auch ein englisches Geschwader unter Admiral Lyons daselbst an, um mit österreichischer Beihülfe den französischen Einfluß zu überwachen. England u. Österreich hatten hier gleiches Interesse wahrzunehmen: England, weil durch Erwerbung des Tunesischen Staates von Seiten Frankreichs Tripolis u. Ägypten bald nachfolgen würden, wodurch Malta u. Gibraltar ihre Bedeutung verlören; Österreich, weil eine Menge italienischer, bes. neapolitanischer Flüchtlinge sich in T. aufhielten, welche, wenn es französisch geworden wäre, von da aus schnell nach Italien häten geworfen werden können, u. weil der lebhafte österreichische Handel mit dem unabhängigen T. aufhören müßte, sobald es das Schicksal Algiers theilte. Schon früher wurde in Folge der Einführung eines neuen Zoll- u. Besteuerungssystems ein Zehnt von Getreide u. Öl erhoben, auch auf die Fruchtbäume eine Steuer gelegt; 3 Piaster Kopfsteuer[933] sind monatlich in den Dörfern, ein etwas höherer Betrag in den Städten Tunis, Ifar, Susa, Kairwan u. Monastir zu entrichten. Eine besondere Blutsteuer ist bei vorkommenden Mordthaten zu bezahlen. Der Verkauf von Tabak u. Salz wurde Privaten gegen entsprechende Gebühr gestattet. Die mit dem Beistande des französischen u. englischen Generalconsuls zu Stande gekommene tunesische Verfassung, deren Bestimmungen nicht nur den Ausländern, sondern auch den Einheimischen zu Gute kam, enthielt eine höchst befriedigende Annäherung an den Geist europäischer Regierungsweise. Der Einfluß Frankreichs blieb in T. auch ferner vorherrschend; ihm war es jedenfalls zu danken, daß der Bey auf Betreiben seines Ministers, des Grafen Rasso, den Piemontesen im österreichischitalienischen Kriege (Juni 1859) eine Hülfsflotte schickte, welche jedoch, ohne am Kampfe mitgewirkt zu haben wieder abzog. Am 22. Sept. 1859 starb der Bey Sidi-Muhamed-Pascha, u. sein Nachfolger Sidi-Sadok folgte ihm ohne Ruhestörung u. wurde am 24. Septbr. anerkannt u. eingesetzt. Am 19. Aug. 1860 verkündete derselbe den großherrlichen Hattischerif vom 18. Febr. 1856 (s. Türkisches Reich) zum Schutz der Rechte u. Freiheiten der Nicht-Muhammedaner. Es scheint, daß der neue Bey nur widerwillig sich der in den Jahren 1856 u. 1857 neugeschaffenen Ordnung der Dinge fügte, doch beschwor er im April 1861 in einer feierlichen Sitzung, welcher die Vertreter der christlichen Mächte beiwohnten, der neuen Constitution getreu zu bleiben, u. die fünf hohen Staatsbeamten u. die Ulemas leisteten ihm sodann denselben Eid. Die Christen u. Israeliten erfreuen sich in Folge dessen des ungestörten Aufenthalts in T., welches sich immer mehr der europäischen Civilisation nähert.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 17. Altenburg 1863, S. 932-934.
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