Sozialismus

[638] Sozialismus (hierzu Tafel »Sozialisten I u. II«), im weitern Sinn alle Bestrebungen, die eine Beseitigung der in der Gesellschaft herrschenden Klassenunterschiede bezwecken, im engern modernen Sinne dasjenige volkswirtschaftliche System, welches das wirtschaftliche Leben unter Ersetzung des Privateigentums durch das Gemeineigentum einer gemeinsamen und planmäßigen Regelung unterwerfen will. Der moderne S. hat viel Verwandtschaft mit dem Kommunismus (s. d.). Beide Systeme bezwecken eine bessere Staats- und Gesellschaftsordnung, als die bestehende ist, beide führen die darin vorkommenden Mißstände auf verkehrte menschliche Einrichtungen zurück und fordern eine gänzliche Umgestaltung des Wirtschaftsorganismus, der Rechtsordnung und des Staatswesens der Kulturvölker, nach der unter Beseitigung der individuellen wirtschaftlichen Freiheit die Gesamtheit die Verantwortlichkeit und Sorge für die ökonomische und soziale Lage der einzelnen zu übernehmen habe. Auf dieser Grundlage erfinden beide neue Organisationen der wirtschaftlichen Tätigkeit, der Produktion und der Verteilung der Güter, welche die Forderungen einer angeblichen Gerechtigkeit verwirklichen sollen. Der Unterschied zwischen beiden besteht vornehmlich darin, daß der Kommunismus die Vergesellschaftung sowohl der Produktions- als der Konsumtionsartikel und eine auf alle Lebensverhältnisse sich beziehende zwangsweise Ordnung des Lebens der einzelnen durch die Gesellschaft verlangt, während der S. nur Gemeinsamkeit der Produktionsmittel fordert, dem einzelnen aber auf dem Gebiete des rein individuellen Lebens einige Freiheit gewährt.

Diese eben geschilderten Grundsätze des S. sind aber erst unter dem Einfluß moderner wirtschaftlicher Zustände und Vorgänge zu wissenschaftlichen Systemen ausgebildet worden. Allerdings fehlt es nicht an Vorläufern. Denn es hat von jeher, seit es Ungleichheit in der Welt gab und den Menschen zum Bewußtsein gelangt war, Richtungen und Bestrebungen gegen das Privateigentum und für das Gemeineigentum gegeben. Die Vermögensungleichheit in der hellenischen Welt erzeugte schon bei Phaleas von Chalcedon, einem Zeitgenossen Platons, namentlich aber bei Platon (s. d.) selbst, staatswissenschaftliche Lehren mit stark sozialistischer Färbung. In seinem »Staat« schildert dieser ein kommunistisches Gemeinwesen, in dem wenigstens für die Regierenden (die »Philosophen« und »Wächter«) das Privateigentum aufgehoben ist und Weibergemeinschaft und staatliche Kindererziehung herrscht. In dem nüchtern-praktischen, von privatwirtschaftlicher Erwerbslust erfüllten Sinne der Römer war kein Boden für sozialistische Theorien. Erst im Mittelalter leben sie unter dem Einfluß des Christentums wieder auf und führen unter dem Einfluß von extremem sittlichen Rigorismus zu kommunistischen Bildungen. So im Manichäismus, bei den Katharern (11. Jahrh.), der Sekte der »Apostel« (um 1300), den Homiliaten, den Begharden etc. Ein ganz andres Gesicht trug der S. von Morus (1478–1535); er war nicht eingegeben von weltflüchtiger Askese, sondern von dem Streben nach Verallgemeinerung des Lebensgenusses (s. More 1 und Kommunismus, S. 332). An die Utopie des Morus schlossen sich andre kommunistische Staatsromane und Schriftsteller, wie Campanella, Vairasse, Morelly, Mably, Brissot de Warville, Boissel u. a., an (s. Kommunismus); zu Ende der französischen Revolution versuchte Babeuf (s. d.) die kommunistischen Theorien zu verwirklichen. Im übrigen aber sind die während der Revolution und nach ihr auftretenden sozialistischen Theorien mächtig beeinflußt von den Lehren Jean Jacques Rousseaus (s. d., 1712–78), der in seiner Abhandlung »Über den Ursprung und die Gründe der Ungleichheit unter den Menschen, und ob sie durch Naturgesetze geheiligt sei« den Satz aufstellt, daß die Früchte der Erde allen gehören und die Erde niemand.

Aber alle diese Systeme hatten bestenfalls nur vorübergehenden Einfluß gewinnen können. Epochemachend wirkten erst die im ersten Drittel des 19. Jahrh. erscheinenden Arbeiten von Saint-Simon und Fourier. Erst bei ihnen ist der S. eine selbständige Wirtschaftstheorie. Saint-Simon (s. d. 2,1760–1825) selbst hat seine sozialistischen Anschauungen nicht zu einem geschlossenen System entwickelt. Das geschah erst durch seine Schüler (die Saint-Simonisten), besonders Bazard (s. d.) und Enfantin (s. d.), die ihr System nach ihrem Lehrer und Meister Saint-Simonismus nannten. Die soziale Frage betrachten sie nicht nur als eine ökonomische, sondern ebensosehr als eine moralische, religiöse und politische, da es sich in ihr um eine Reform aller Verhältnisse des Volkslebens handle. Von der Ansicht ausgehend, daß die körperliche Arbeit die Quelle aller Werte sei, sehen sie das Hauptunrecht in Staat und Gesellschaft darin, daß der Eigentümer die Arbeiter ausbeute, daß Zins und Rente eine von den Eigentümern auf Kosten der Arbeiter bezogene Prämie sei, daß der nützlichste Stand, der der Arbeiter (industriels), den letzten Rang einnehme, zum weitaus größten Teile mißachtet, in traurigster Lage und politisch ohne Einfluß sei. Es sei deshalb eine neue Organisation der Gesellschaft zu bilden, in der die Klasse der Besitzenden und der »légistes« (Beamten, Gelehrten, Advokaten) wie die militärische Gewalt dem arbeitenden Teile der Gesellschaft untergeordnet sei, so daß an die Stelle der bisherigen feudalen Organisation des Staates eine »industrielle« trete, die zugleich das ideale Ziel Saint-Simons erreiche, »allen Menschen die freieste Entfaltung ihrer Fähigkeiten zu sichern«. Erziehung und Ausbildung[638] sollen auf der Grundlage einer neuen Religion, eines neuen Christentums der Bruderliebe und werktätigen Moral, die wirtschaftliche Tätigkeit durch eine Änderung der Rechtsordnung umgestaltet werden. Um eine gerechte Güterverteilung herbeizuführen, müsse die Arbeit zum einzigen Eigentumstitel gemacht und eine Verteilung nach dem Prinzip organisiert werden: »Jedem nach seiner Fähigkeit, und jeder Fähigkeit nach ihren Werken.« Eine Zentralbank solle die Verfügung über den Boden und die Kapitalien erhalten, die gewerblichen und kaufmännischen Arbeiten verteilen, die Produktion leiten, die Produktionsmittel den Geeignetsten zuweisen. Vor allem sei das Erbrecht der Blutsverwandtschaft abzuschaffen und durch ein Erbrecht des Verdienstes zu ersetzen. Die Güter der einzelnen sollen nach ihrem Tode der Gesamtheit zufallen, der Staat der Erbe sein und die ihm anfallenden Güter denjenigen zuweisen, die sie am besten zum Wohl des Ganzen gebrauchen würden. Außerdem sollen Staatsbanken zur leichtern Gewährung eines billigen Kredits gegründet werden. Der Unterricht solle ein unentgeltlicher, öffentlicher und zwar der allgemeine theoretische ein gleicher für alle (mit besonderer Berücksichtigung der moralischen Ausbildung), der professionelle aber ein den individuellen Fähigkeiten entsprechender sein. Die Saint-Simonisten haben später die Bazardsche Erbrechtsreform auf die Forderung hoher progressiver Erbschaftssteuern und Aufhebung des Erbrechts in den weitern Verwandtschaftsgraden beschränkt.

Gleichzeitig mit Saint-Simon, aber völlig unabhängig von ihm, entwickelte Ch. Fourier (s. d. 2,1772–1837) ein sozialistisches System, das durch seine Schüler, besonders durch V. Considérant (s. d.), um die Mitte der 1830er Jahre in Frankreich allgemeiner bekannt wurde. Im Gegensatz zu Saint-Simon konstruierte er seine neue sozialistische Gesellschaftsordnung bis ins einzelne. Er stützt dieselbe auf eine eigentümliche, wissenschaftlich unhaltbare Psychologie und auf eine eingehende Kritik der ökonomischen Zustände seiner Zeit, die sich namentlich gegen den Handel wendet und neben vielem Falschen wertvolle Wahrheiten enthält. Die gegebenen Zustände erscheinen ihm von Grund aus schlecht, weil die große Masse des Volkes, durch eine kleine Zahl ausgebeutet, eine elende Existenz führe und keine Freude an der Arbeit und am Dasein haben könne. Er findet es völlig verkehrt, daß die Produktion eine individualistische (in Einzelunternehmungen) mit freier Konkurrenz sei. Durch die Existenz der vielen kleinen Unternehmungen finde eine ungeheure Verschwendung in der Benutzung der Arbeitsmittel und -Kräfte statt; würde nur in großen genossenschaftlichen Unternehmungen produziert, so könnte mit gleichem Aufwand viel mehr produziert und bei gerechter Verteilung ein höheres Genußleben für die Arbeiter herbeigeführt werden. Sie bewirke weiter eine solche Ausdehnung der Arbeitsteilung, daß die meisten Menschen keine Abwechselung bei der Arbeit hätten und diese dadurch, statt zu einer Freude, zu einer unerträglichen Last werde. Sie veranlasse endlich auch die Existenz einer großen Zahl an sich völlig überflüssiger Kaufleute und dadurch eine unnötige Verteurung der Produkte. Fourier findet ebenso die bestehende Art der Konsumtion in den Einzelwirtschaften völlig unwirtschaftlich. Er fordert deshalb eine genossenschaftliche Produktion und Konsumtion in großen Verbänden, die, etwa 300–400 Familien umfassend, möglichst alle Genußmittel für die Mitglieder herstellen, jedenfalls Landwirtschaft und Gewerbe betreiben, in einem großen Gebäude (Phalanstère) alle ihre Wohnungen und Arbeitsräume einrichten, in wenigen Küchen die Speisen für alle bereiten und zugleich für Vergnügungen und Unterricht sorgen. Er entwirft den Plan dieser sozialen Wirtschaftsorganismen, von ihm Phalangen genannt, im einzelnen und sucht nachzuweisen, daß sie, richtig organisiert, eine Garantie dafür bieten, daß jeder durch seine Arbeit die Mittel erlange, ein behagliches Genußleben zu führen, dabei an derselben Freude habe und für alle aus der freien naturgesetzlichen Entfaltung der Triebe die Harmonie der Triebe sich ergebe, die nach Fouriers Philosophie die Glückseligkeit der Menschen sei. Die Gründung der Phalangen soll aber nicht durch staatlichen Zwang, sondern durch den freien Willen der einzelnen erfolgen. Fourier trug sich mit der überspannten Hoffnung, daß, wenn nur erst eine Phalange gebildet worden, die Phalangen sich allmählich über die ganze Welt verbreiten würden. Fourier stellte zuerst die Abschaffung der Lohnarbeit und Gründung großer Produktiv- und Konsumgenossenschaften als die Panazee für die soziale Frage auf.

Eine neue Ausbildung nach der Seite der Sozialdemokratie (s. d.) hin erfuhr der S. durch Louis Blanc (s. d. 2,1811–82), zuerst in dessen kleiner Schrift über »Die Organisation der Arbeit« (1839). Auch er will die Lohnarbeit durch Produktivgenossenschaften beseitigen. Aber seine Produktivgenossenschaften sind wesentlich andrer Art als die Fourierschen Phalangen, und ihre Gründung fordert er vom Staate. Wie bei dem bisherigen Wirtschaftssystem der große Unternehmer den kleinen, das große Kapital das kleine unterdrücke, so könne der Staat, als der größte Kapitalist, durch die Gründung von größern Unternehmungen, als die bestehenden, in der Form von Produktivgenossenschaften alle, auch die größten Unternehmer allmählich konkurrenzunfähig machen und so ohne Zwang und Gewalt der höchste Ordner und Herr der Produktion werden. Wenn dies geschehen, habe er es in der Hand, durch die Regelung der innern Organisation dieser Genossenschaften und der Art der Ertragsverteilung den arbeitenden Klassen die genügende materielle Existenz zu sichern. Louis Blanc denkt sich dann die Entwickelung für die gewerbliche Produktion in drei Stadien. In dem ersten gründe der Staat die Ateliers sociaux für die verschiedenen Industriezweige, zunächst als Staatsunternehmungen; nach einiger Zeit aber wandle er sie um in reine Produktivgenossenschaften, überlasse die Verwaltung den Mitgliedern und beschränke sich nur auf die gesetzliche Regelung der Organisation und der Gewinnverteilung. Diese Genossenschaften würden sofort die bessern Arbeitskräfte an sich ziehen und mit geringern Kosten produzieren, zumal wenn sie mit großen Konsumgenossenschaften verbunden wären. Die bestehenden Unternehmungen würden gezwungen werden, entweder den Betrieb einzustellen, oder sich in solche Genossenschaften umzuwandeln. In dem zweiten Stadium sollen dann, damit keine Konkurrenz unter den Genossenschaften entstehe, die Genossenschaften gleichartiger Produktionszweige sich zu größern Genossenschaften assoziieren, bis in jedem nur eine Landesgenossenschaft existiere. Im dritten assoziieren sich auch diese, so daß schließlich eine große Produktivgenossenschaft produziere, deren Organisation und Gewinnverteilung das Staatsgesetz regele. Eine Reform der Erziehung (mit obligatorischem und unentgeltlichem Unterricht) würde diese Entwickelung sichern. Um auch die Landwirtschaft zu reformieren, soll das Erbrecht der[639] Seitenverwandten fortfallen, an ihrer Stelle soll die Gemeinde erben und mit dem ihr so anfallenden Vermögen ähnlich verwaltete landwirtschaftliche Produktivgenossenschaften gründen. Da von der herrschenden Gesellschaft mit monarchischer Staatsform eine Lösung dieser Aufgaben nicht zu erwarten sei, so müsse zunächst der Staat in eine sozialdemokratische Republik umgewandelt werden, in der die untern Klassen, einmal im Besitz der Herrschaft, auf dem vorgezeichneten Wege vorgehen könnten. Diese Ideen wurden in den 1840er Jahren das Programm der französischen Sozialisten, an deren Spitze Louis Blanc stand. Er ist der Gründer der Sozialdemokratie. Modifiziert wurde sein Programm durch die Beschlüsse des Arbeiterparlaments, das 1848 nach der Februarrevolution, von der provisorischen Regierung einberufen, im Palais Luxembourg unter dem Vorsitz von Louis Blanc tagte. Nach diesen sollte ein eignes Ministerium (ministère du progrès) die sozialistische Reform herbeiführen: zunächst die Bergwerke und Eisenbahnen für den Staat ankaufen, das Versicherungswesen in Staatsanstalten zentralisieren, große Warenhallen und Vorratshäuser zu entgeltlicher Benutzung errichten, die französische Bank in eine Staatsbank umwandeln und mit dem Reinertrag aus diesen Geschäften industrielle und landwirtschaftliche Genossenschaften nach dem Plane Louis Blancs gründen. Zur Beseitigung einer verderblichen Konkurrenz sollte für alle Produkte durch gesetzliche Feststellung des auf die Kosten zu schlagenden Gewinnes ein Normalpreis vorgeschrieben werden. Der Versuch zur Realisierung der Produktivgenossenschaften, der auf Louis Blancs Anregung durch ein Dekret der Konstituierenden Versammlung vom 3. Juli 1848 gemacht wurde, indem zur Gründung von Arbeiterassoziationen aus Staatsmitteln 3 Mill. Fr. verwendet wurden, scheiterte. Die Assoziationen gingen fast alle in kurzer Zeit vorwiegend infolge von Uneinigkeit unter den Mitgliedern wieder zugrunde.

Eine wesentlich andre Stellung nimmt P. J. Proudhon (s. d., 1809–65) ein; er will nicht die Abschaffung des Privateigentums und der freien Konkurrenz, wohl aber sollen Geld und Zins, die nach Proudhon die Hauptübel der bestehenden Gesellschaft sind, beseitigt werden. Die Beseitigung dachte er sich so, daß mit Hilfe einer Bank die Produzenten ihre Waren gegenseitig austauschten; die Waren sollten nach Maßgabe der auf sie verwendeten Arbeit bewertet und der Umtausch durch Tauschwertzeichen (Bons d'échange) vollzogen werden. Die in einer Bank vereinigten Produzenten sollten sich auch gegenseitig unentgeltlich Kredit gewähren, und damit sollte der Zins allmählich aus der wirtschaftlichen Welt verschwinden. Proudhon gilt übrigens auch als der erste Vertreter des Anarchismus, freilich nicht im modernen radikal-revolutionären Sinne, sondern auf dem Gebiete der Politik. Proudhon ist infolge seines Ideenreichtums, seiner Rücksichtslosigkeit des Denkens, seiner geistvollen Darstellung ein Sozialschriftsteller ersten Ranges, und seine Kritik bildet den Ausgangspunkt des Denkens für viele spätere Vertreter des S.

Während in England nur Robert Owen (s. d. 2,1771–1858) als sozialistischer Denker in Betracht kommt, ist die Führung in der Theorie des S. seit den 1840er Jahren auf Deutschland übergegangen. Schon vorher hatte Weitling (1808–71, s. Kommunismus, S. 334) eine kommunistische Agitation in Schriftwerken und durch Gründung eines Kommunistenbundes ins Leben gerufen, der aber bald zerfiel. Als erste größere wissenschaftliche Leistung der sozialistischen Doktrin auf deutschem Boden verdient Winkelblech (s. d., 1810–65), bekannt unter dem Pseudonym Marlo, besondere Beachtung. In seinem »System der Weltökonomie« gibt er eine Darstellung und Kritik der verschiedenen ökonomischen Systeme unter scharfen Angriffen gegen die Plutokratie. Anknüpfend an französisch-sozialistische Ideen, insbes. an Fourier und Louis Blanc, zeigt er sich entschieden sozialistisch, wenn es sich um das Aussprechen allgemeiner Prinzipien und die pessimistische Schilderung des Fabrikarbeiterelends und andrer sozialer Auswüchse der neuesten Zeit handelt; seine positiven Forderungen dagegen unterscheiden sich nicht wesentlich von den sozialen Zielen des vorgeschrittenen Liberalismus. Weit entschiedener in seinen positiven Forderungen ist Karl Rodbertus (s. d., 1805–75). Allerdings hat er, da er seine sozialistischen Ideen nur in rein wissenschaftlichen Werken ausgesprochen hat, auf die sozialistische Bewegung selbst keinen oder nur mittelbaren Einfluß geübt; dagegen ist sein Einfluß auf die sogen. Kathedersozialisten (s. d.) und den Staatssozialismus sehr bedeutend gewesen. Nach der Auffassung Rodbertus', in der übrigens der Einfluß des Saint-Simonismus und Proudhons unverkennbar ist, ist die Ursache des modernen Arbeiterelends die Grundrente und der Kapitalzins, die so erhebliche Teile des Volkseinkommens beanspruchen, daß den Arbeitern nur ein kleiner Teil des Wertes ihrer Arbeit in der Form des Lohnes vergolten werde. Auch die Handelskrisen seien dadurch bedingt; denn infolge des niedrigen Lohnes fehlten den Arbeitern die Mittel zum Ankauf der immer massenhafter produzierten Waren. Es müsse das Ziel der sozialen Entwickelung sein, das Gemeineigentum am Boden und an den Kapitalien allmählich zu verwirklichen. Da aber das sich erst nach Jahrhunderten werde erreichen lassen, so müsse einstweilen auf dem Boden der bestehenden Gesellschaftsordnung nach Abhilfe gesucht werden. Und zwar fordert Rodbertus in der Hauptsache: Regelung der Löhne und Warenpreise durch staatliche Taxen, wobei aber die Preise, ähnlich wie bei Proudhon, nicht in Metallgeld, sondern in Arbeitsgeld, d. h. nach dem Maße der geleisteten Arbeit, einschließlich einer Abnutzungsquote für die Werkzeuge, ausgedrückt werden sollten; Ausgabe des Arbeitsgeldes durch den Staat und Errichtung von Staatsmagazinen, in denen die Waren aufbewahrt und gegen Arbeitsgeld verabfolgt werden. Auf diese Weise würde den Arbeitern ein breiterer Anteil am Volkseinkommen gesichert werden u. an die Stelle des Besitzeinkommens das Arbeitseinkommen treten.

Wirkte Rodbertus nur auf eine verhältnismäßig kleine Zahl von Gelehrten, so tritt in Lassalle (1825 bis 1864, s. d. und »Sozialdemokratie«) der erste deutsche Agitator auf, der seine ökonomischen Theorien sofort ins Leben umzusetzen bereit ist. Er betrachtet die soziale Frage als Einkommensfrage, hervorgerufen durch die ungerechte Verteilung des Ertrags der Unternehmungen infolge des »ehernen Lohngesetzes« der freien Konkurrenz, nach dem der Lohn stets um einen Punkt oszilliere, bei dem er den Arbeitern nur die notdürftige Befriedigung der Existenzbedürfnisse gestatte. Die Lösung sieht er wie Louis Blanc in der Beseitigung dieser Lohnregulierung und Abschaffung der Lohnarbeit durch Produktivassoziationen mit Hilfe des Staates Aber dieser soll nicht, wie Louis Blanc will, dieselben gründen und ihre Organisation wie die Art der Gewinnverteilung bestimmen, sondern der Staat soll nur freiwillig sich bildende mit seinem Kredit unterstützen, wobei er zur Wahrung seines [640] Interesses sich die Genehmigung der Statuten und eine Kontrolle der Geschäftsführung vorbehalten könne. Darin stimmt Lassalle wieder mit Louis Blanc überein, daß, um diese Staatsunterstützung zu erreichen, der Arbeiterstand sich zum herrschenden im Staate machen müsse. Er wähnte, daß die Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts mit geheimer Abstimmung ihm in Deutschland zu dieser Herrschaft verhelfen würde, und forderte deshalb die deutschen Arbeiter auf, ihre ganze Agitation zunächst nur auf dieses Ziel zu richten.

Derjenige, der in neuerer Zeit den S. eigentlich allein in umfassender Weise und wirklich wissenschaftlich zu begründen versucht, ihm zugleich die radikalste Ausbildung gegeben hat, ist Karl Marx (s. d. 2,1818–1883). In seinem Hauptwerk: »Das Kapital«, sucht er nachzuweisen, daß die Verteilung in der bisherigen Volkswirtschaft eine durchaus ungerechte sei, denn das Kapital entstehe und vermehre sich nur dadurch, daß es einen möglichst großen Teil des Arbeitsprodukts in sich aufsauge; die Arbeit, nicht das Kapital setze dem Produkt Wert zu, der Arbeiter leiste stets mehr, als ihm im Lohn vergolten werde, der ihm nicht bezahlte Mehrwert seiner Leistung aber falle dem Eigentümer der Produktionsmittel zu und vermehre das Kapital. Marx folgert daraus die Ungerechtigkeit des Einkommens aus Kapital- und Grundbesitz. Weiter sucht er zu erweisen. daß aus der gegenwärtigen kapitalistischen Produktionsweise die sozialistisch-kooperative notwendig entstehen müsse. Zunächst würden in dem freien Konkurrenzkampf die Produktionsmittel sich in den Händen einer immer kleinern Anzahl konzentrieren, dadurch aber der Zustand für die Arbeiter endlich so unerträglich werden, daß diese, ihre Macht benutzend, die wenigen Expropriateure einfach expropriieren und, geschult und organisiert durch den bisherigen kapitalistischen Produktionsprozeß, auf der Grundlage gemeinsamen Eigentums an den Produktionsmitteln in den schon bestehenden großen Unternehmungen weiter produzieren, den Ertrag derselben, entsprechend seiner ökonomischen Natur als Arbeitsertrag, aber fortan nur nach Maßgabe der Arbeitsleistungen verteilen würden. Besser indes sei es, diesen Expropriations- und Produktionsumwandlungsprozeß zu beschleunigen. Scharf wendete sich Marx gegen die auf dem Boden der Nationalität sich bewegende Richtung Lassalles, gegen dessen ehernes Lohngesetz, dessen Produktivassoziationen. Seiner Agitation ist es auch gelungen, die Lassalleschen Theorien völlig aus der deutschen Sozialdemokratie zu verbannen, deren Programm nunmehr nur den Stempel des Marxismus (s. Sozialdemokratie, S. 635) trägt.

In Deutschland entstand Mitte der 1870er Jahre neben der Sozialdemokratie vorübergehend eine konservative sozialistische Richtung, der sogen. Staatssozialismus, deren politischer Grundgedanke ein Bündnis der Monarchie mit dem vierten Stande war, um die vermeintliche Herrschaft der Bourgeoisie und des Kapitals zu brechen, die berechtigten Forderungen der Arbeiterklasse durch eine sozialistische Organisation der Volkswirtschaft zu befriedigen uno damit zugleich die Machtstellung der Monarchie zu befestigen. Es sollte mit der Manchesterschule (s. d.), dem Grundsatz des Laissez aller (s. d.) gebrochen, der Staat zur Lösung der sozialen Frage, insbes. zum Schutze der Arbeiter herangezogen werden. Das unklare sozialistische Proqramm (s. dasselbe in Nr. 23 des »Staatssozialist« vom 1. Juni 1878) dieser Richtung, die wenige Anhänger fand, und deren Hauptvertreter unter andern Pastor R. Todt (»Der radikale deutsche S. und die christliche Gesellschaft«, 2. Aufl., Wittenb. 1878) und der Schriftsteller Rudolf Meyer (s. d. 7) waren (Organ: »Der Staatssozialist, Wochenschrift für Sozialreform«, Berl. 1877–82), stützt sich auf die sozialistischen Anschauungen von J. K. Rodbertus. – Über den Agrarsozialismus, der auf die Beseitigung des privaten Grundeigentums, bez. des privaten Grundrenteneinkommens abzielt, s. Bodenbesitzreform.

In der Geschichte der sozialistischen Agitation ist die Phase des friedlichen, doktrinären S. und die des gewaltsamen, praktischen S. zu unterscheiden. In jener, der die Tätigkeit Saint-Simons und Fouriers und ihrer Schüler angehört, war die Bewegung eine wesentlich theoretische und friedliche. Jene Sozialisten erhofften auf friedlichem Wege die allmähliche Verwirklichung ihrer Ansichten. Sie wandten sich deshalb nur an die Gebildeten, nicht an diejenigen Klassen, deren Besserung sie wollten, und wenn auch ihre Äußerungen nicht frei waren von Anklagen gegen die bestehenden Einrichtungen und Zustände, so enthielten sie doch nur selten Anklagen gegen Personen und gegen die besitzenden Klassen. Diesen friedlichen Charakter verliert aber die sozialistische Agitation seit Louis Blanc und im Verlauf der Zeit mehr und mehr. Neue sozialistische Systeme und Forderungen werden aufgestellt nicht mehr als wissenschaftliche Theorien, sondern als Programme praktischer Agitationsparteien. Ihre Vertreter wenden sich nun mit ihren Lehren direkt an die untern Volksklassen, um sie zum S. zu bekehren und für dessen Durchführung zu gewinnen; sie werden Arbeiteragitatoren. Ein Hauptmittel ihrer Agitation wird es, bei den untern Klassen die Gefühle der Erbitterung und des Hasses nicht bloß gegen die bestehenden Zustände des öffentlichen Lebens, sondern auch gegen die Träger der Staatsgewalt und gegen die besitzenden Klassen zu erzeugen. Das ökonomische sozialistische Programm wurde hiermit ein radikaleres, und da es durch den Staat verwirklicht werden sollte, wurde die Bewegung eine politische. Da man sich sagen mußte, daß die bestehenden Staaten die sozialistischen Wünsche nicht erfüllen würden, wurde die Erlangung der Herrschaft im Staate für die Lohnarbeiterklasse in das Programm aufgenommen und das praktische Ziel. Die sozialistische Partei wurde eine sozialdemokratische. Naturgemäß gesellten sich nun weitere politische Forderungen (betreffend die Verfassung des Staates, das Wahlrecht, das Gerichts-, Schul- und Militärwesen etc.) hinzu, und wie das ökonomische wurde auch das politische Programm, namentlich seit der Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation, immer radikaler. So entstand nun eine Art der Agitation, die nur die Vorbereitung zur Revolution war, die allein zum Sieg verhelfen könne. Und deshalb ist diese Partei auch die Gegnerin einer starken, mächtigen Staatsgewalt in den bestehenden Staaten, deshalb bekämpft sie vor allem das stehende Heer, deshalb ihre ausgesprochene Feindschaft gegen die Religion, nicht bloß gegen die Kirche. In neuester Zeit ist aus der Sozialdemokratie eine noch radikalere Richtung in den Anarchisten hervorgegangen, die, ohne ein neues sozialistisches Programm aufzustellen, den sofortigen Umsturz alles Bestehenden mit allen nur möglichen Mitteln will, inzwischen aber die Beseitigung der Gegner durch Mord empfiehlt (s. Anarchismus). – Die Bildnisse hervorragender Vertreter des S. enthalten beifolgende Tafeln.

Literatur. Vgl. außer den in den Artikeln Kommunismus und Sozialdemokratie angegebenen[641] Werken von Stein, Sudre, Hildebrand, Marlo, Schäffle, Meyer, Mehring, Scheel, Laveleye: L. Reybaud, Études sur les reformateurs (6. Aufl., Par. 1849, 2 Bde.); Zacher, Die rote Internationale (Berl. 1884); Kleinwächter, Die Grundlagen und Ziele des sogen. wissenschaftlichen S. (Innsbr. 1885); Adler, Geschichte der ersten sozialpolitischen Arbeiterbewegung in Deutschland (Bresl. 1885); W. H. Dawson, German socialism and Ferd. Lassalle (Lond. 1888); Haushofer, Der moderne S. (Leipz. 1896); v. Scheel, S. und Kommunismus, in Schönbergs »Handbuch der politischen Ökonomie« (4. Aufl., Tübing. 1896, Bd. 1); J. Wolf, System der Sozialpolitik (Bd. 1, Stuttg. 1892); Stegmann und Hugo, Handbuch des S. (Zürich 1897); G. Adler, S. und Kommunismus, im »Handwörterbuch der Staatswissenschaften« (2. Aufl., Jena 1901); Sombart, S. und soziale Bewegung im 19. Jahrhundert (5. Aufl., das. 1905); Friedländer, Die vier Hauptrichtungen der modernen sozialen Bewegung (Berl. 1901, 2 Bde.); L. Stein, Die soziale Frage im Lichte der Philosophie (2. Aufl., Stuttg. 1903); Bourguin, Les systèmes socialistes et l'évolution économique (2. Aufl., Par. 1907; deutsch, Tübing. 1906); Nitti, Le socialisme catholique (Par. 1905); Diehl, Über S., Kommunismus und Anarchismus (Jena 1906); G. Maier, Soziale Bewegungen und Theorien bis zur modernen Arbeiterbewegung (3. Aufl., Leipz. 1906); Malon, Histoire du socialisme (Par. 1880–85, 5 Bde.); »Geschichte des S. in Einzeldarstellungen« (von Bernstein, Hugo, Kautsky u. a., Stuttg. 1895–98, 3 Bde.); Lichtenberger, Le socialisme an XVIII. siécle (Par. 1895); Warschauer, Geschichte des S. und Kommunismus im 19. Jahrhundert (Einzelbiographien von Saint-Simon, Fourier, L. Blanc; Berl. 1891–96, 3 Bde.); Kirkup, History of socialism (Lond. 1900); Den is, Histoire des systèmes économiques et socialistes (Par. 1904–07, 2 Bde.); Weill, Histoire du mouvement socialen France 1852–1902 (das. 1904); Isambert, Les idées socialistesen France de 1815 à 1848 (das. 1905); Semler, Geschichte des S. und Kommunismus in Nordamerika (Leipz. 1880); Sartorius v. Waltershausen, Der moderne S. in den Vereinigten Staaten (Berl. 1890); Hilquitt, Geschichte des S. in den Vereinigten Staaten (deutsch, Stuttg. 1906); Webb, Der S. in England, geschildert von englischen Sozialisten (deutsch, Götting. 1897); Leger, Les cooperatives et l'organisation socialiste en Belgique (Par. 1903); »Sozialistische Monatshefte« (Berl.); »Dokumente des S.« (das. 1902 ff., dann Stuttg.); Stammhammer, Bibliographie des S. und Kommunismus (Jena 1893–99, 2 Bde.); »Bibliographie der Sozialwissenschaften« (hrsg. von Back, Dresd. 1906 ff.).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 18. Leipzig 1909, S. 638-642.
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