Siam

[411] Siam (wahrscheinlich = Schan, ferner Sayam Thai, Muong Thai, »Land der Freien«), Reich in Hinterindien (s. Karten »Französisch-Indochina« und »Hinterindien«), zwischen 4 und 203/4° nördl. Br. und 971/2-106° östl. L., begrenzt durch das britische Nieder- und Oberbirma im W. und N. (Schanstaaten), Französisch-Indochina im NO., O. und SO., den Meerbusen von S. und die unter britischem Schutz stehenden malaiischen Staaten im Süden, die Straße von Malakka im W., 634,000 qkm, einschließlich der zahlreichen der Küste vorgelagerten kleinen Inseln mit 4200 qkm Gesamtfläche, wovon 1400 qkm auf Tantalam, 2000 auf die Inseln an der Westküste der Halbinsel Malakka, 800 auf die im Golf von S. kommen. Nachdem im Vertrag vom 15. Jan. 1896 das Mekonggebiet als französische, das der malaiischen Halbinsel als englische Interessensphäre erklärt worden[411] ist, bleiben für S. nur 238,700 qkm als unabhängig garantiert (Pufferstaat). Das Land wird von mehreren von Norden nach Süd streichenden Gebirgsketten durchzogen, von denen die westlichste (höchster Gipfel Intanan 2576 m), in ihrem nördlichen Teil Tanelung Gji benannt, die Täler des Salwen und Menam trennt, während die das Gebiet des letztern Flusses von dem des Mekong scheidenden Ketten als Kao Donrek bis an diesen herantreten. Die Westgrenze wird vom Salwen berührt; der Menam fällt mit seinen Nebenflüssen ganz innerhalb des Landes; die Ostgrenze nach ihrer Festlegung von 1893 begleitet der Mekong, der hier den Nammun mit dem Namsi aufnimmt. Diese Flüsse haben bei dem Mangel an brauchbaren Straßen große Bedeutung für den Binnenverkehr, auch für die Landwirtschaft, da bei Hochwasser unzählige natürliche und künstliche Kanäle, namentlich des Menam, das Wasser mit seinem befruchtenden Schlamm auf die Felder verteilen. Außer der aus Flußschlamm bestehenden Küstenniederung ist das Land sehr gebirgig und setzt sich im N. wie auf der Halbinsel Malakka vorwiegend aus archäischen Gesteinen mit Granit und aus paläozoischen Tonschiefern, Sandsteinen und Kalksteinen zusammen. Die Mineralschätze des Landes sind reich und mannigfaltig. Bekannt sind Zinn in Alluvionen und im Granit, Waschgold in vielen Flüssen, Kupfer-, Antimon-, Zink-, Mangan- und Eisenerze, wahrscheinlich auch Quecksilber, ferner Kohle, auch Edelsteine an mehreren Orten. Die Goldmine von Kabin ist in englischem, die von Wattana in französischem Besitz. Zu ersterm gehören auch die Rubin- und Saphirminen von Tschantabun (Ausfuhr von Bangkok 1903 an Rubinen 198,160, an Saphiren 7320 Mk.). Außerdem besteht eine dänische Kupfermine in Tschantuk. Steinsalz findet sich südlich vom Mekong an der Nordgrenze; außerdem wird besonders das Salz der Steppe im Innern des Landes und aus dem Seewasser durch Verdunstung gewonnen, auch ausgeführt. Das Klima ist gekennzeichnet durch den Sommer-Südwestmonsun mit Regenzeit und den winterlichen Nordostmonsun mit allgemeiner Trockenheit. Bangkok: Jahrestemperatur 26,7°, kältester Monat Dezember 23,8°, wärmster April 28,6°, mittlere Jahresextreme 35,4° und 15,6°, jährliche Regenmenge 1490 mm, Maximum: September 380 mm, Minimum Dezember 20 mm. Die Fieber sind weniger gefährlich als in Bengalen und Java. S. hat namentlich im obern Teil dichte Wälder, die, zwar weniger reich an Palmen, doch wertvolle Bauhölzer liefern, wie den Tiekbaum (Tectona grandis, s. unten: Handel), und auch durch tropische Nutzpflanzen von hoher Bedeutung sind. Hier ist die Heimat des Pfeffers (Piper nigrum) und des Kardamom (Amomum), überraschend der Reichtum an Klusiazeen, darunter die Mangostane des Indischen Archipels (Garcinia Mangostana), deren Früchte für die schmackhaftesten aller Zonen gelten. Hauptkulturgewächs ist Reis in den Überschwemmungsgebieten des Menam. Als einem Teil der indochinesischen Subregion der orientalischen Region kommen S. alle Charaktertiere dieses Faunengebietes zu: Gibbons, Tiger, Bär, Binturong (Arctitis binturong), Wildschwein, Hirsche; besonders zu erwähnen ist der Nebelparder (Felis macroscelis), vor allem aber der Elefant, der sehr zahlreich und in weißlichen Individuen Gegenstand göttlicher Verehrung ist.

Die Bevölkerung wurde vor der Abtretung des Gebietes auf dem linken Mekongufer an Frankreich auf 12 Mill. geschätzt. Jetzt geben die neuesten Schätzungen 6,070,000 Einw. an, davon 1,766,000 Siamesen, 1,400,000 Chinesen, 1,350,000 Laotier, 753,000 Malaien, 490,000 Kambodschaner und Ana miten, je 130,000 Mons und Karen, 46,000 Schau und Birmanen, 5000 Europäer u. a. Die chinesische Bevölkerung wächst durch Zuwanderung von Kulis (1901: 29,709, Abwanderung 19,266) sehr schnell. Die Siamesen gehören mit den Lao (s. Laos), denen man auch die Miaotse in Südchina, die Asom in Assam und die Schau im nördlichen S. und in Ostbirma zurechnet, zu den Tai- oder Schanvölkern, die aus Innerasien, etwa aus der Ecke, wo der Brahmaputra seine Biegung nach W. macht, nach Süden einwanderten, und bilden somit einen Stamm der großen mongolischen Völkerrasse. Doch verraten sie in ihrem flachen, eckigen Gesicht und der Form des Schädels malaiische Blutmischung. Sie sind klein (1,57 m), aber wohlgestaltet, mit kurzem Hals, ausgesprochen brachykephal (Breitenindex 84, Höhe 87), olivenfarbig, haben etwas vorspringende Lippen, grobes, schlichtes, schwarzes Haar, das bis auf einen starken Büschel in der Mitte des Kopfes abrasiert wird, während die Männer auch den spärlichen Bart ausreißen. Die Zähne werden geschwärzt. Von Charakter sind die Siamesen sanft und geduldig, sehr gastfrei und höflich, aber ohne Unternehmungsgeist, dabei auch unterwürfig und lügnerisch, die Folge jahrhundertelanger Knechtung unter einem Despotismus.

Die Sprache ist wie die übrigen indochinesischen Sprachen einsilbig und isolierend und hat zehn Tonakzente (s. Isolierende Sprachen). Neben der gewöhnlichen Umgangssprache existiert eine »Palastsprache«, die sich von jener durch Umschreibungen der einfachen Wörter und besonders durch reichlichen Gebrauch der Sanskrit- und Pali-Lehnwörter unterscheidet, die in der Sprache stark vertreten sind. Grammatiken lieferten Pallegoix (Bangkok 1850), Ewald (Leipz. 1881) und Frankfurter (Bangkok 1900), ein Wörterbuch Pallegoix (1854; neu hrsg. von Vey, das. 1896), französisch-siamesische Wörterbücher von Lunet de Lajonquière (Par. 1904) und Cuaz (das. 1905); eine Grammatik zum Selbstunterricht mit Wörterbuch Wershosen (Wien 1892). Vgl. Steinthal, Charakteristik der hauptsächlichsten Typen des Sprach baues (Berl. 1860; bearbeitet von Misteli, das. 1893); Bastian, Über die siamesischen Laut- und Tonakzente (Monatsbericht der Berliner Akademie, 1867); Conrady, Eine indochinesische Kausativ-Dinominativbildung (Leipz. 1896). Die Schrift der Siamesen stammt von einem südindischen Alphabet ab. Die ziemlich reiche und mannigfaltige Literatur reicht nur bis in das 14. Jahrh., stützt sich in der Hauptsache auf die altindische und begreift Geschichte, Gedichte, Romane, Fabeln. Die in allen Pagoden zu findende Sammlung der in der Palisprache geschriebenen heiligen Bücher umfaßt 402 Werke in 3683 Bänden, die wissenschaftlichen Werke (Rechte, Medizin, Astronomie und Astrologie, Philosophie etc.) 200 Bände, Fabeln, Romane, Dramen etc. 2000 Bände.

Die Kleidung ist meist malaiisch-indisch (weite Beinkleider, kurze Jacken, turbanartige Kopfbedeckung), doch ist die eigentliche Urbekleidung der Languti (Schambinde). Die Füße bleiben nackt, nur Wohlhabende tragen Sandalen, Vornehme einen Sonnenschirm, die übrigen einen breiten Hut aus Palmblättern. Die Reichen der Hauptstadt haben europäische Kleidung und Sitten angenommen. Die Häuser stehen im Überschwemmungsgebiet auf Pfählen und sind aus Holz, Bambus etc., die Städte nach chinesischer[412] Art durch Zitadellen geschützt. Auch in Kunst, Gewerbe und Architektur schließt man sich chinesischen Mustern an. Vielweiberei ist unter den Wohlhabenden allgemein, doch nimmt die Frau hier eine mehr geachtete Stellung ein als sonst in Ostasien. Die Leibeigenschaft, unter der ein Drittel des Volkes leidet, soll allmählich abgeschafft werden, indem durch königlichen Erlaß von 1900 alle nach dem 16. Dez. 1897 gebornen Kinder frei erklärt sind. Adlige und hohe Würdenträger genießen fast königliche Ehre und Unbeschränktheit; ein arbeitsscheues Heer von Beamten saugt das Volk aus durch Steuern und Staatsfronen. Als Religion beherrscht der Buddhismus den Hof und die höhern Stände, die sämtlich einige Zeit im Kloster zubrachten, sowie das Volk in außerordentlichem Grade. Für den Unterhalt von 60,000 Priestern und 5000 Tempeln werden jährlich über 80 Mill. Mk. verausgabt; von jenen erteilen 3336 den dürftigen Elementarunterricht an 23,189 Schüler. Die katholische wie die protestantische (amerikanische) Mission hat nur geringe Erfolge gehabt, am meisten neuerdings noch in Laos (Hauptstation Tschiengmai). Außerdem sind 3000 Nachkommen portugiesischer Katholiken vorhanden; ein katholischer Bischof residiert in Bangkok.

Die noch immer unbedeutende Industrie, die zur Ausfuhr nichts beiträgt, ist fast ganz in den Händen der Chinesen und Europäer, so der Bau von Flußschiffen (auch Dampfern), Baumwoll- und Seidenweberei, Kleider- und Schuhwarenfabrikation, Herstellung der bis 15 m hohen Metallfiguren für die Tempel, von schönen getriebenen Gold- und Silberwaren etc. Außer zwei großen Schiffswerften und einem Elektrizitätswerk gibt es (meist in Bangkok) 61 Reisschälmühlen (3 in deutschem, 6 in englischem, 12 in französischem, 22 in chinesischem, die übrigen in siamesischem Besitz) und 13 Dampfsägewerke. Die Lao brennen viel Branntwein; Seidenraupenzucht wird namentlich im Südosten betrieben, von wo man jährlich für 400,000 Mk. Kokons ausführt. Die Fischereien lieferten 1905 für 1,574,153 Tikals Fische, die auch neben Reis die Hauptnahrung der Eingebornen bilden, zur Ausfuhr, außerdem für 447,385 Tikals getrocknete Miesmuscheln. Der überseeische Handel geht meist über Bangkok; 1905 betrug die Einfuhr 68,769,329, die Ausfuhr 103,130,699 Tikals, beide bewegen sich vornehmlich von und nach Singapur und Hongkong. Hauptausfuhrartikel sind: Reis 79,1, Tiekholz 14,1, Fische 1,6, Vogelnester 0,2 und Pfeffer 1,3, Stocklack 0,5, Seide und Sei den stosse 0,8 Mill. Tikals. Eingeführt wurden 1905: Gold 6,6, Baumwolle und Baumwollwaren 16,8, Lebensmittel 4,8, Säcke 3,5, Metalle und Metallwaren 3,4, Maschinen 1,5, Zucker 3,3, Opium 2,6, Seide 2, Petroleum 2,1, Alkohol 1,8 Mill. Tikals. An der Einfuhr sind Großbritannien mit 17,4, Deutschland mit 4,6 Proz. beteiligt, doch geht von der deutschen Einfuhr auch viel über Singapur. Der Handelsverkehr zwischen Nordsiam und Birma wurde 1904 zu 3,179,600 Mk. in der Einfuhr, zu 4,696,400 Mk. in der Ausfuhr (Tiekholz, Elefanten, Vieh) bewertet. Auch findet ein beträchtlicher Handel mit den Schanstaaten und mit Yünnan statt. Die Schiffahrt hat in den letzten Jahren, wie der Fremdhandel, stetig zugenommen. In Bangkok liefen 1905 ein: 754 Schiffe mit 685,294 Ton. (15,185 T. Segelschiffe); davon entfielen auf Deutschland (Norddeutscher Lloyd) 390,685 T. (57 Proz.), auf Großbritannien 115,055 T., auf Norwegen 126,183 T.; europäische Segelschiffe und kleine Dampfer dienen dem Personenverkehr an der Küste; auf dem Menam ist eine englische Dampferlinie eingerichtet. Eine Eisenbahn von Bangkok über Ajuthia nach Korat (288 km) ist 1900 eröffnet worden; eine Linie im Menamtal, die dann nach Tschiengmai abzweigen soll, war 1906 bis Utaradit fertig; eröffnet wurden ferner die Eisenbahnen Bangkok-Petschabnri (154 km) 1903, Bangkok-Tatschin (32 km) 1905; eine Sekundärbahn führt von Bangkok nach Paknam (26 km); im Betrieb waren 1905 etwa 560 km Staats- und 40 km Privatbahnen. Die Telegraphen (von Bangkok nach Saigon, Maulmain, Tschiengmai, Penang u. a.) haben eine Länge von 4640 km; drahtlose Telegraphie besteht mit der Insel Kohai im Golf von S. Die Post verbindet alle Hauptplätze mit Bangkok und weiter durch Dampfer mit Singapur und beförderte 1902 durch 153 Ämter 1,581,017 Briefpostsendungen. Zum Weltpostverein gehört S. seit 1885. In den entlegenen Landesteilen bedient man sich noch buntfarbiger Glas-, Email- und runder Porzellanstücke sowie der chinesischen Käsch und der Schlangenkopfmuscheln (Bia) zu Zahlungen; seit 1875 in Europa geprägte Bronze- und Nickelmünzen haben jene Geldsurrogate und die Zinkmünzen von 1/2 Paï ersetzt. Die 1903 nen eingerichtete Münzstätte prägt hauptsächlich Silbermünzen mit Halbteilungen des Bat oder Tikal zu 64 Att = 15,1338 g Sollgewicht, die 60 Cents des mexikanischen Dollars gleich gerechnet wurden, bis die Regierung 1902 die freie Silberprägung aufhob und zunächst 20 Tikals = 1 Pfd. Sterl. setzte. Der Umwechselungsfuß ward allmählich verbessert und nähert den Tikal dem Rupienwert. Noten fremder Banken verdrängte das gegen Landesmünzen stets einlösbare Papiergeld zu 5,10,20,100 und 1000 Tikals. Aus Silber werden gefertigt: 1 Tikal, 1/4 (Salung), 1/8 (Fuang) aus Kupfer: 4 Att (Song Phai), 2 (Pahi, Pie, Sio), 1, 1/2 (Solot). Maße und Gewichte: 1 Wah zu 2 Ken von 2 Sok = 1,98 m. 1 Than oder Korb = 20 Khanan oder Inhalten einer Kokosnuß von reichlich 0,5 Lit. 1 Hap oder Haï hat 50 Tschang Tai (Xâng) von 1,21 kg, 1 Tschang = 20 Talyn oder Tömlöng (engl. tam-lung) von 4 Bat.

Die Staatsform ist die einer absoluten Monarchie unter der von Chakri 1782 gestifteten Dynastie. Dem König steht in der Regierung ein Kabinett (Senabodi) von Ministern, als welche meist Halbbrüder und Söhne des Königs fungieren, und in der Gesetzgebung seit 10. Jan. 1895 ein Gesetzgebender Rat von 51 Mitgliedern zur Seite, der im Fall vorübergehender Unfähigkeit der Krone Gesetze auch ohne deren Zustimmung veröffentlichen darf. Das Königtum ist in beschränkter Weise erblich, indem fast stets der älteste Sohn des Königs durch den Ministerrat und die alten Prinzen der vier höchsten Rangklassen zum Nachfolger gewählt wird. Das Reich wird in 41 Provinzen geteilt, die tributpflichtigen Staaten (Lao- und Malaienstaaten) werden aber von ihren eignen Fürsten (Radschas), meist unter Aussicht von Kommissionären, regiert. Die Europäer und Amerikaner genießen alle Privilegien der Exterritorialität bei voller Bewegungsfreiheit. Engländer, in neuester Zeit auch Deutsche, befinden sich in einflußreichen Stellungen. Eine Zeitung. der »Bangkok Recorder«, erscheint in englischer und siamesischer Sprache. Die Finanzen (unter einem englischen Berater) stehen außerordentlich günstig. Die Einkünfte sind vornehmlich Opiumsteuer (7 Mill. Tikals), Alkoholsteuer (3,7 Mill.), Lotterie- und Spielsteuer (4,5 Mill.), Land- und Fischereiabgaben (4,3[413] Mill.), Zölle (4,8 Mill.), Forsten und Minen (2 Mill.), Posten, Telegraphen und Eisenbahnen (1,6 Mill.), Kopfsteuer (4 Mill.) und betrugen 1905/06: 53 Mill., die Ausgaben 52,873,083 Tikals. 1905 wurde zum erstenmal eine Anleihe (von 20 Mill. Mk.), hauptsächlich zum Eisenbahnbau, aufgenommen. Die Armee zählt im Frieden 5000 Mann, doch beträgt die Dienstzeit nur 3 Monate. Im Kriegsfall sollen 10–12,000 von europäischen Offizieren eingeübte Truppen zur Verfügung stehen. Von der allgemeinen Wehrpflicht gibt es zahlreiche Ausnahmen. Vorhanden sind 90,000 Gewehre und eine Anzahl Geschütze. Die Gendarmerie ist von einem französischen Offizier organisiert worden. Die Flotte besteht aus zwei 1891/92 erbauten Kreuzern mit 19 Geschützen und 7 Kanonenbooten mit zusammen 10,000 Mann. Dazu kommen noch 40 kleine Fahrzeuge für den Küsten- und Flußdienst. Neuerdings ist eine Marineinfanterie von 15,000 Mann nebst Reserven gebildet worden. Über die Orden vgl. die »Übersicht sämtlicher Orden« (im 15. Bd.). Das Wappen (s. Tafel »Wappen IV«) zeigt einen Schild, der durch einen sogen. Deichselschnitt in drei Felder zerlegt ist; oben in Gelb ein dreiköpfiger weißer Elefant, rechts unten in Rot ein weißer aufgezäumter Elefant, links in Rosa zwei gekreuzte Dolche. Die Handelsflagge ist rot mit weißem Elefanten (s. Tafel »Flaggen I«), die Flagge der Kriegsschiffe aber mit aufgezäumtem, auf einem Postament fußenden Tiere. Haupt- und Residenzstadt ist Bangkok (s. d.).

[Geschichte.] Die Jahrbücher des Reiches datieren von 638 n. Chr., d. h. von der Einführung des Buddhismus als Staatsreligion und dem Beginn der Ära, wonach in S. die Zeiten bestimmt werden. Die Residenz lag damals am obern Menam im Laoland, ward aber vor den aus Nordwesten nachdrängenden Birmanen immer weiter nach Süden, 1350 nach Ajuthja (jetzt Krungkao, 100 km von der Mündung des Menam entfernt) verlegt. Mit China wurde ein freundschaftliches Tributverhältnis unterhalten; dagegen war S. vom 14.–17. Jahrh. in stetem Krieg mit Birma (Pegu), zeitweise mit Malakka begriffen. Im Innern folgte Revolution auf Revolution; von 1556–79 kam infolgedessen S. in die Gewalt von Birma. 1657 schwang sich Konstantin Phaulkon aus Kephallinia zum Leiter des Reiches empor und schuf viele gute Einrichtungen. Unter ihm empfing König Ludwig XIV. von S. 1684 eine Gesandtschaft; Frankreich erwiderte sie 1685–88 unter Entsendung von Jesuiten und einer Flotte mit 500 Mann Landungstruppen, denen 1687 der Hafen Bangkok übergeben wurde. Phaulkon und sein Anhang wurden aber 1689 ermordet, die Franzosen 1690 vertrieben. 1767 wurde S. vom König von Ava verwüstet, 1768 aber dessen Heer von dem Chinesen Phayatak vertrieben, der, ursprünglich Gouverneur der Nordprovinz, sich selbst auf den Thron setzte, Bangkok zur Residenz erhob und durch seinen General Tschakri ermordet wurde. Dieser ward 1782 Begründer der noch heute regierenden Dynastie. Eine Schreckensregierung führte Phendingkang 1809–24; Palastrevolutionen kennzeichnen die Regierung seines Nachfolgers Crom Tschiat. 1852 trat Maha Mongkut die Regierung an; er belebte den Verkehr und suchte den Bedrückungen des Volkes zu steuern. Handelsverträge kamen zustande: mit England 1855, mit Frankreich 1856, mit Deutschland 7. Febr. 1862, mit Österreich 1868. Am 1. Okt. 1868 bestieg Paramindr Maha Tschulalongkorn (s. Tschulalongkorn) den Thron; er zeichnet sich durch fleißige Anteilnahme an den Regierungsgeschäften aus und ist mit Erfolg bemüht, sein Land auf eine höhere Stufe der Kultur zu heben. 1893/94 veranstaltete er eine 39bändige Jubelausgabe des »Tipitaka« (der kanonischen Schriften des südlichen Buddhatums) und eröffnete im Oktober 1905 die 1881 begründete Bajirajan-Bibliothek in Bangkok der freien Forschung. Das Deutsche Reich unterhält in Bangkok einen Generalkonsul. Die traditionelle französische Freundschaft erhielt einen Riß, als 1890 Frankreich auf Grund seines Protektorats über Anam den Mittellauf des Mekong beanspruchte. Daß S. allmählich immer mehr in Abhängigkeit von Französisch-Indochina geriet, bewies schon der Vertrag vom 3. Okt. 1893 (Aufgabe des östlichen Mekongufers); daran änderte der englisch-französische Vertrag vom 15. Jan. 1896 (Verbürgung der Integrität von Mittelsiam) sehr wenig. S. fühlte sich übervorteilt und versuchte zäh, eine Revision des Vertrags von 1893 durchzusetzen; besonders drehte sich der Streit um das von Frankreich besetzte Tschantabun. Letzteres erlangte S. 7. Okt. 1902 durch Opferung der Provinzen Meluprei und Bassak sowie des Gebiets am Tonlésapsee. Doch die französische Kammer zögerte mit der Bestätigung des Vertrags, der auch von S. erst 19. Mai 1905 ratifiziert wurde. Ende März 1907 wurde zwischen S. und Frankreich ein weiterer Gebietsaustausch vereinbart, wonach letzteres gegen Landentschädigungen (Krat und Dansai) und Aufgabe französischer Gerichtsbarkeit die ehemaligen drei Kambodschaprovinzen Battambang, Siemreap und Sisophon erhielt. Vgl. de La Loubere, Description du royaume de S. (neue Ausg., Amsterd. 1713, 2 Bde.); Pallegoix, Description du royaume Thaï ou S. (Par. 1854); Bastian, Die Völker des östlichen Asien, Bd. 3 (Leipz. 1867); Rosny, Ethnographie du S. (Par. 1885); Chevillard, S. et les Siamois (das. 1889); Grindrod, Siam, a geographical summary (Lond. 1892); Conrady, Die! frühe! Geschichte der Siamesen (Beilage zur Allgemeinen Zeitung 20. und 21. Nov. 1893); Fournereau, Le S. ancien (Par. 1895); Young, The kingdom of the yellow robe (2. Aufl., Lond. 1900); Ehlers, Im Sattel durch Indochina (4. Aufl., Berl. 1896); H. W. Smyth, Fife years in S. (Lond. 1898, 2 Bde.); v. Hesse-Wartegg, S., das Reich des weißen Elefanten (Leipz. 1899); Emil Schmidt im 2. Bande von Helmolts »Weltgeschichte« (das. 1902); Campbell, S. in the XX. century (Lond. 1902); P. A. Thompson, Lotus land. Account of the country and the people of Southern S. (das. 1906). Über die alten Baudenkmäler s. Angkor.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 18. Leipzig 1909, S. 411-414.
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