Wolf [5]

[721] Wolf, 1) Friedrich August, der geniale Begründer der neuern Altertumswissenschaft, geb. 15. Febr. 1759 in Haynrode bei Nordhausen, gest. 8. Aug. 1824 in Marseille, studierte seit 1777 in Göttingen Philologie, wurde 1779 Lehrer am Pädagogium in Ilfeld und begründete hier seinen Ruf durch Herausgabe von Platons »Gastmahl«, mit Anmerkungen und Einleitung in deutscher Sprache (Leipz. 1782; neue Aufl. von Stallbaum, 1828). Nachdem er 1782 nach Osterode am Harz als Rektor der Stadtschule gegangen war, wurde er 1783 Professor der Philosophie und Pädagogik in Halle, 1784 auch der Beredsamkeit. Hier entfaltete er eine wahrhaft großartige Wirksamkeit. Seine Hauptaufgabe fand er darin, den vaterländischen Schulen tüchtige und gründlich gebildete Lehrer heranzuziehen, von vornherein das Lehramt von dem des Geistlichen sondernd, und doch fällt in diese Zeit auch sein wissenschaftliches Hauptwerk, die »Prolegomena ad Homerum sive de operum Homericorum prisca et genuina forma variisque mutationibus et probabili ratione emendandi« (Bd. 1, Halle 1795; neue Ausg., das. 1859; mit Noten Beckers, Berl. 1872, 2. Aufl. 1876), die Ilias und Odyssee als das Werk mehrerer Rhapsoden nachzuweisen versuchten und den Ausgangspunkt für die moderne kritische Richtung in der Literaturforschung überhaupt (s. Homeros, S. 519,1. Spalte) bildeten. Die Äußerung mehrerer Gelehrten, unter andern Heynes, daß ihnen längst gleiche Gedanken vorgeschwebt hätten, veranlaßte die geistreichen »Briefe an Heyne, eine Beilage[721] zu den neuesten Untersuchungen über Homer« (Berl. 1797). Nach Aufhebung der Halleschen Universität durch Napoleon ging er 1807 als Mitglied der Akademie der Wissenschaften nach Berlin, war 1809 kurze Zeit Mitglied der Sektion für den öffentlichen Unterricht im Ministerium des Innern und nahm dort an der Einrichtung der neuen Universität wesentlichen Anteil. Doch trat er in dieselbe nicht als ordentlicher Professor ein, sondern behielt sich als Akademiker nur das Recht zu freien Vorlesungen vor. Nach manchen Richtungen unzufrieden, erreichte er in Berlin seine Hallesche Wirksamkeit nicht wieder. Zur Wiederherstellung seiner angegriffenen Gesundheit unternahm er im April 1824 eine Reise nach dem südlichen Frankreich. Seine zahlreichen Schriften umfassen fast alle Zweige der Altertumswissenschaft. Von griechischen Schriften edierte er außer Platons »Symposion«: Hesiods »Theogonie« (Halle 1783), Homer (das. 1784–85, 4 Bde.; neue Rezension, das. 1804–07, 4 Bde.; 2. Aufl. 1817; die »Ilias« auch das. 1794, 2 Bde., und als Anhang dazu die »Prolegomena ad Homerum«, das. 1795), von Lukian »Scripta selecta« (das. 1786) und »Libelli quidam selecti« (das. 1791), »Tetralogia dramatum graecorum« (das. 1787), Demosthenes' »Adversus Leptinem« (das. 1789; neue Ausg. von Bremi, Zürich 1831), Platons »Phädon« (das. 1790; vgl. »Zu Platons Phädon«, Berl. 18!2) und »Dialogorum delectus« (mit klassischer lat. Übersetzung, das. 1812, ohne diese 1820 u. 1827), endlich Herodians »Historiae« (Halle 1792). Von Lateinern bearbeitete er Ciceros »Tuskulanen« (Leipz. 1792, 3. Aufl. 1825), »Orationes IV: Post reditum in senatu, Ad Quirites post reditum, Pro domo sua, De haruspicum responsis« (Berl. 1801) und »Pro Marcello« (das. 1802, die er ebenso wie die vier genannten für unecht erklärte) sowie den Sueton (Leipz. 1802, 4 Bde.). Als trefflicher Übersetzer bewährte er sich in der Ausgabe von Aristophanes' »Wolken« (Berl. 1812) und dem Anfang der »Acharner« (1–324, das. 1812) sowie von Horaz' erster Satire (das. 1813). Sonst veröffentlichte er: »Geschichte der römischen Literatur als Grundriß« (Halle 1787), »Antiquitäten von Griechenland« (das. 1787) und an Sammelwerken: »Vermischte Schriften und Aufsätze« (das. 1802), »Museum der Altertumswissenschaft« (mit Buttmann, Berl. 1807–10, 2 Bde.), »Museum antiquitatis studiorum« (das. 1808–11, 2 Tle.), »Literarische Analekten« (das. 1817–20,4 Hefte). Auch gab er Murets »Variae lectiones« (Bd. 1, Halle 1791; Bd. 2 von Fäsi, 1828) und Reiz' »De prosodiae graecae accentus inclinatione« (Leipz. 1791) heraus. Nach seinem Tod erschienen, meist aus Kollegienheften entnommen, seine »Vorlesungen über die vier ersten Gesänge von Homers Ilias« (von Usteri, Bern 1830–31, 2 Bde.), seine Anmerkungen zu Ciceros »Quaestiones Tusculanae« (in der Ausgabe von Orelli, Zürich 1829) und zu Hesiods »Scutum Herculis« (in der Ausgabe von Ranke, Quedlinb. 1840); ferner die »Enzyklopädie der Philologie« (von Stockmann und Bergk, Leipz. 1830; 2. Ausg. 1845), die »Vorlesungen über die Enzyklopädie der Altertumswissenschaft« (von Gürtler, das. 1831), die »Darstellung der Altertums wissenschaft« (von Hoffmann, das. 1833), »Consilia scholastica« (von Föhlisch, Wertheim 1829 f., 2 Hefte) und »Ideen über Erziehung, Schule und Universität« (von Körte, Quedlinb. 1835). »Kleine Schriften« sammelte Bernhardy (Halle 1869, 2 Bde.); »Goethes Briefe an W.« gab M. Bernays heraus (Berl. 1868). Vgl. Körte, Leben und Studien F. A. Wolfs (Essen 1833, 2 Bde.); Arnoldt, F. A. W. in seinem Verhältnis zum Schulwesen (Braunschw. 1861–62, 2 Bde.); Varnhagen von Ense, Zum Andenken an F. A. W. (»Vermischte Schriften«, Bd. 1, das. 1875); Volkmann, Geschichte und Kritik der Wolfschen Prolegomena zu Homer (Leipz. 1874).

2) Ferdinand, Romanist, geb. 8. Dez. 1796 in Wien, gest. daselbst 18. Febr. 1866, trieb bis 1819 in Graz philosophische und juristisch-politische Studien, wurde später zum Kustos an der kaiserlichen Hofbibliothek und bei Begründung der Akademie der Wissenschaften in Wien zu ihrem Mitglied und Sekretär ernannt. Er beschäftigte sich vorzüglich mit spanischer und portugiesischer Literaturgeschichte. Von seinen selbständigen Werken sind hervorzuheben: »Über die neuesten Leistungen der Franzosen für die Herausgabe ihrer National-Heldengedichte« (Wien 1833); »Die Sage vom Bruder Rausch« (mit Endlicher hrsg., das. 1835); »Floresta de rimas modernas castellanas« (Par. 1837, 2 Bde.); »Über die Lais, Sequenzen und Leiche« (Heidelb. 1841); »Rosa de romances« (Leipz. 1846; auch als 3. Teil von Deppings »Romancero«); »Über eine Sammlung spanischer Romanzen in fliegenden Blättern auf der Universitätsbibliothek zu Prag« (Wien 1850); »Studien zur Geschichte der spanischen und portugiesischen Nationalliteratur« (Berl. 1859; ins Spanische übersetzt von Unamuno und Menéndez Pelayo, Madr. 1896) und »Histoire de la littérature brésilienne« (Berl. 1863). Mit C. Hoffmann gab er eine Sammlung der ältesten spanischen Romanzen heraus: »Primavera y flor de romances« (Berl. 1856, 2 Bde.; spanisch von Menéndez y Pelayo, 1899–1902). Außerdem lieferte er zahlreiche vortreffliche Abhandlungen in die Wiener »Jahrbücher der Literatur«, wovon die meisten auch in Separatabdrücken erschienen, wie: »Beiträge zur Geschichte der kastilischen Nationalliteratur« (Wien 1832); »Über altfranzösische Romanzen und Hofpoesie« (das. 1834); »Über die Romanzenpoesie der Spanier« (das. 1847) etc. Zur deutschen Übersetzung von Ticknors »Geschichte der spanischen Literatur« (Leipz. 1852) lieferte er Berichtigungen und Zusätze. Ein Supplement von ihm zu diesem Werk erschien nach seinem Tode (Leipz. 1867), herausgegeben von seinem Sohn und Nachfolger an der Hofbibliothek, Adolf W. (gest. 1875), der auch eine Blütenlese aus der Gelehrtenkorrespondenz seines Vaters veröffentlichte. »Kleinere Schriften« gab Ed. Stengel (Marburg 1890) heraus. Vgl. Mussafia, Reihenfolge der Schriften F. Wolfs (Wien 1866).

3) Rudolf, Astronom, geb. 7. Juli 1816 in Fällanden bei Zürich, gest. 6. Dez. 1893 in Zürich, war 1839–55 Lehrer an der Realschule und seit 1847 Direktor der Sternwarte in Bern. 1850 wurde er Professor und Direktor der Sternwarte in Zürich. Er lieferte wichtige mathematisch-historische Arbeiten und Untersuchungen über die Periodizität der Sonnenflecke und den Zusammenhang mit dem Erdmagnetismus. Auch beteiligte er sich an geodätischen Arbeiten. Er schrieb: »Biographien zur Kulturgeschichte der Schweiz« (Zürich 1858–61, 4 Bde.); »Taschenbuch für Mathematik, Physik, Geodäsie und Astronomie« (Bern 1852; 6. Aufl., hrsg. von Wolfer, 1895); »Die Sonne und ihre Flecken« (Zürich 1861); »Handbuch der Mathematik, Physik, Geodäsie und Astronomie« (das. 1869–72, 2 Bde.); »Geschichte der Astronomie« (Münch. 1877); »Geschichte der Vermessungen in der Schweiz« (Zürich 1879); »Handbuch der Astronomie,[722] ihrer Geschichte u. Literatur« (das. 1890–93, 2 Bde.); »Astronomische Mitteilungen« (das. 1856–93).

4) Adam, österreich. Historiker, geb. 12. Juli 1822 in Eger, gest. 25. Okt. 1883 in Graz, studierte in Prag und Wien die Rechte, wurde 1850 Dozent der Geschichte an der Universität in Wien, 1852 Professor der Geschichte an der Universität in Pest, 1865 in Graz. Er schrieb unter anderm: »Österreich unter Maria Theresia« (Wien 1855); »Aus dem Hofleben Maria Theresias« (2. Aufl. 1859); »Marie Christine, Erzherzogin von Österreich« (1863, 2 Bde.); »Kaiser Franz I. 1804 bis 1811« (1866); »Fürst Wenzel Lobkowitz« (1869); »Graf Karl Chotek« (1869); »Die Aufhebung der Klöster in Innerösterreich 1781–1790« (1871); »Fürstin Eleonore Liechtenstein« (1875); »Geschichtliche Bilder aus Österreich« (1878–80, 2 Bde.) und »Österreich unter Maria Theresia und Joseph II.« (Berl. 1883, in Onckens Geschichtswerk). Außerdem gab er den Briefwechsel Leopolds II. mit Marie Christine (Wien 1867), die Selbstbiographien von Lukas Geizkofler (das. 1873) und des Malers Karl Blaas (das. 1876) heraus.

5) Karl, Historiker, geb. 14. März 1838 in Langensalza, studierte deutsche Philologie und Geschichte in Jena, Halle und Leipzig, wirkte dann an verschiedenen Lehranstalten, zuletzt seit 1872 als Oberlehrer an der Oberrealschule in Hildesheim, und privatisierte seit 1882 zuerst in Leipzig, jetzt in Eisenach. Er veröffentlichte unter anderm: »Die unmittelbaren Teile des ehemaligen römisch-deutschen Kaiserreichs« (Berl. 1873); »Lehrbuch der allgemeinen Geschichte« (5. Aufl., das. 1889, 3 Bde.); »Karte der mitteleuropäischen Staaten nach ihren geschichtlichen Bestandteilen« (das. 1872); »Karte des ehemaligen Königreichs Polen« (Hamb. 1873); »Historischer Atlas« (19 Karten zur mittlern und neuern Geschichte mit erläuterndem Text, das. 1877); eine Neubearbeitung von Kieperts »Atlas der alten Geographie« (Weim. 1884); »Wandkarten zur mittlern und neuern Geschichte« (Wien 1887 ff.), im Verein mit Kiepert »Historischer Schulatlas zur alten, mittlern und neuern Geschichte« (36 Karten, 8. Aufl., Berl. 1901).

6) August, Maler, geb. 22. April 1842 zu Weinheim in Baden, kam mit 22 Jahren als Goldschmiedgeselle nach Nürnberg, wurde hier Schüler von Kreling und besuchte dann die Kunstschule in Karlsruhe, wo er sich jedoch mehr auf eigne Hand durch Kopieren nach alten Gemälden weiterbildete und der Maler Canon sich seiner annahm. 1868 ging er mit einem Stipendium von Karlsruhe nach Dresden und kopierte dort eine Madonna mit Heiligen nach Tizian und das Porträt Karls I. nach van Dyck. Diese Kopien fanden besondern Beifall in München, wo Lenbach die letztere und Graf Schack die erstere ankaufte, in dessen Auftrag W. dann in Venedig einige Hauptwerke der venezianischen Schule kopierte. Diese Tätigkeit nahm W. fast zehn Jahre in Anspruch, und ihr verdankt die Schacksche Sammlung 41 Kopien nach Gemälden, die an ihrem Standort teils schwer zu sehen sind, teils langsam dem Verderben entgegengehen. Später malte er auch selbständig, zumeist venezianische Szenen in Kostüm früherer Jahrhunderte. Seine Hauptbilder sind: Festgelage auf Murano im 16. Jahrh., Apollon unter den Musen, die drei Parzen, der altvenezianische Hochzeitszug und der auferstandene Christus in der Schackschen Grabkapelle bei Schwerin. W. lebt in Venedig.

7) Eugen, Reisender, geb. 24. Jan. 1850 in Kirchheimbolanden (Rheinpfalz), machte in Paris und Heidelberg technische Studien und bereiste 1873 Südamerika, 1884 Westafrika, 1887 Nordamerika. Als Quartiermacher der Wissmannschen Schutztruppe ging er 1889 nach Sansibar, um für Hospitäler, Verpflegung und Unterkunft der angeworbenen Soldaten zu sorgen, bereiste dann 1890 mit Wissmann die Ostküste und zog mit ihm zur Bekämpfung der aufständischen Eingebornen zum Kilimandscharo. Darauf besuchte er Transvaal und Natal und unterrichtete sich in Uganda über die Streitigkeiten der Christen untereinander. Nach einer Bereisung won Madagaskar und den Seychellen machte er 1894/95 im Hauptquartier des Generals Duchesne den französischen Feldzug gegen die Hovas mit und untersuchte 1896–98 die wirtschaftlichen Verhältnisse von Ostasien. Er veröffentlichte außer Reiseberichten in Tagesblättern: »Meine Wanderungen im Innern Chinas« (Stuttg. 1900); »Vom Fürsten Bismarck und seinem Haus. Tagebuchblätter« (Berl. 1904) u. a.

8) Ludwig, Afrikareisender, geb. 30. Jan. 1850 in Hagen bei Osnabrück, gest. 26. Juni 1889 in Ndali (Dahome), studierte in Würzburg u. Greifswald Medizin, machte 1876–78 als Schiffsarzt des Norddeutschen Lloyd mehrere Reisen nach Nord- und Südamerika, trat dann als Militärarzt in die sächsische Armee und nahm 1883–86 an der Kassai-Expedition unter Wissmann (s. d.) teil. Selbständig führte er dabei 1884 eine Expedition in das Land der Bakuba und leitete nach der Erkrankung Wissmanns die Erforschung des Sankuru und Lomani. Im Auftrag der deutschen Reichsregierung ging er 1887 nach dem Togogebiet, gründete hier die Station Bismarckburg, erlag aber auf einer Reise nach Dahomé im Land Bariba dem Fieber. Er veröffentlichte: »Im Innern Afrikas« (mit Wissmann, v. François und H. Müller, Leipz. 1888) und »Die Verwertung unsrer äquatorialen Kolonien in Westafrika« (Berl. 1889). Vgl. F. Ratzels Nekrolog in den »Mitteilungen des Vereins für Erdkunde zu Leipzig«, 1889.

9) Hugo, Komponist, geb. 13. März 1860 in Windischgrätz (Steiermark), gest. 22. Febr. 1903 in Wien (seit 1897 geistig gestört), machte sich durch eine Reihe bedeutender Vokalkompositionen bekannt, darunter eine einaktige komische Oper: »Der Corregidor« (Mannheim 1896); eine zweite, »Manuel Venegas«, blieb unbeendet. Seine durch innige Empfindung und gewählte Harmonieführung sehr bemerkenswerten Lieder erschienen in Bandausgaben als: »Goethelieder« (51), »Mörikelieder« (53), »Spanisches Liederbuch« (30 von Geibel und Heyse) und »Italienisches Liederbuch« (46 von Heyse, 2 Bde.), dazu viele kleinere Hefte (Texte von G. Keller, I. Kerner, Scheffel, Reinick), auch ein Chorwerk: »Christnacht«, Musik zu Ibsens »Fest auf Solhaug«, Ouvertüre zu »Penthesilea« (zu Ende instrumentiert von I. Hellmesberger). Leider setzte ein schweres Nervenleiden dem Schaffen Wolfs ein frühes Ziel. Vgl. Decsey, Hugo W., Biographie (Berl. 1903–06, 4 Bde.); E. Schmitz, Hugo W. (in Reclams Universal-Bibliothek); Haberlandt, Hugo W., Erinnerungen und Gedanken (Leipz. 1903); E. Newman, Hugo W. (Lond. 1907); durch den Hugo Wolf-Verein in Wien wurden veröffentlicht. Wolfs Briefe an Emil Kauffmann (hrsg. von Hellmer, Berl. 1902), an Hugo Feißt (hrsg. von Haberlandt, Stuttg. 1904) und an Oskar Grohe (hrsg. von H. Werner, Berl. 1905).

10) Karl, österreich. Politiker, geb. 28. Jan. 1862 in Trautenau, studierte in Prag Philosophie, war dann in Leipzig literarisch beschäftigt, übernahm 1886 die Redaktion der deutschnationalen »Deutschen Wacht«[723] in Cilli, dann die der »Deutschen Volkszeitung« in Reichenberg und gründete in Wien die »Ostdeutsche Rundschau«, ein national-antisemitisches Organ. Als Parteigänger Schönerers ward er 1897 in Trautenau in den Reichsrat gewählt und tat sich bei der Obstruktion der Deutschen gegen das Badenische System hervor. Wegen einer beleidigenden Äußerung von Badeni gefordert, verwundete er denselben 25. Sept. d. J. im Duell. Im November 1901 legte er aus persönlichen Rücksichten sein Mandat nieder, wurde aber 15. Jan. 1902 in seinem Wahlbezirke wiedergewählt und übernahm die Führerschaft der alldeutschen Partei, die in ihrer Mehrheit an ihm festhielt.

11) Julius, Nationalökonom, geb. 20. April 1862 zu Brünn in Mähren, studierte in Wien und Tübingen, war zwei Jahre in der Anglo-Österreichischen Bank in Wien tätig, habilitierte sich 1885 an der Universität Zürich und wurde dort 1889 ordentlicher Professor. Er war vielfach an gesetzgeberischen Arbeiten des Bundes beteiligt: das Branntweinmonopol, die Clearingeinrichtungen, die Reform des Notenbankwesens sind unter seiner Mitwirkung entstanden. Seine literarischen Arbeiten lagen zunächst auf dem Gebiete der indirekten Besteuerung, der Zuckersteuer (Schriften und Abhandlungen von 1880 u. 1882), der Branntweinsteuer (preisgekröntes Werk: »Die Branntweinsteuer«, Tübing. 1884), dann auf dem Gebiete des Geld-, Kredit-, Bank- und Börsenwesens. Seine 1897 erschienene Schrift über »Steuerreform im Kanton Zürich« gab Anregungen zu einer Reform der direkten Steuern im Kanton Zürich. 1892 erschien sein sozialtheoretisches Hauptwerk: »Sozialismus und kapitalistische Gesellschaftsordnung« (als 1. Band eines »Systems der Sozialpolitik«, Stuttg.), wo unter andern die Verelendungstheorie des Marx erfolgreiche Widerlegung fand. 1897 folgte er einem Ruf an die Universität Greifswald und noch im gleichen Jahr einem solchen nach Breslau. W. bringt als Sozialökonom den Standpunkt eines von ihm so genannten »ethischen Individualismus« zur Geltung, d. h. er betont in bewußter Verbindung mit den Klassikern der Nationalökonomie gegenüber dem Staats- und Kathedersozialismus und in Zurückweisung gleichzeitig der sozialistischen Theorie Wert und Leistungsfähigkeit der bürgerlichen Wirtschaftsordnung, verkennt dabei aber keineswegs die Notwendigkeit vielseitiger Korrekturen durch die Sozialreform. Eine größere Zahl einschlägiger Aufsätze findet sich in der »Zeitschrift für Sozialwissenschaft«, die W. seit 1898 herausgibt. 1904/05 rief W. den Mitteleuropäischen Wirtschaftsverein (s. d.) ins Leben. Im Zusammenhang damit veröffentlichte W. zuletzt »Der deutsch-amerikanische Handelsvertrag und die Zukunft der Zuckerindustrie« (Jena 1906). Sonstige Schriften Wolfs sind: »Tatsachen und Aussichten der ostindischen Konkurrenz im Weizenhandel« (Tübing. 1886); »Zur Reform des schweizerischen Notenbankwesens« (Zürich 1888); »Der Kathedersozialismus und die soziale Frage« (Berl. 1899); »Das Deutsche Reich und der Weltmarkt« (Jena 1901); »Nationalökonomie als exakte Wissenschaft« (Leipz. 1908).

12) Max, Astronom, geb. 21. Juni 1863 in Heidelberg, studierte in Straßburg, errichtete 1885 in Heidelberg eine Privatsternwarte, auf der er astrophotographische Untersuchungen über die Gestalt der Milchstraße, Nebelflecke etc. ausführte. 1884 entdeckte er einen periodischen Kometen mit einer Umlaufszeit von sieben Jahren. Seit 1891 wandte er die Photographie zur Auffindung der kleinen Planeten an und entdeckte über 200 derselben. 1893 wurde er Professor der Universität und Direktor des von ihm auf dem Königstuhl bei Heidelberg erbauten astrophysikalischen Observatoriums. Er schrieb: »Les termes élémentaires dans l'expression du rayon vecteur« (Stockh. 1890); »Die Außen-Nebel der Plejaden« (Münch. 1900); »Über die Bestimmung der Lage des Zodiakallichtes und der Gegenschein« (das. 1900); »Die Entdeckung und Katalogisierung von kleinern Nebelflecken durch die Photographie« (das. 1901); »Die Photographie des Sternhimmels« (Düsseld. 1904) und veröffentlichte »Publikationen des astrophysikalischen Instituts in Heidelberg« (Heidelb. 1902–07, 3 Bde.).

13) Christian, Freiherr von, Philosoph, s. Wolff 1).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 20. Leipzig 1909, S. 721-724.
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