Bülow [2]

[594] Bülow, 1) Friedrich Wilhelm, Freiherr von, Graf von Dennewitz, preuß. General, geb. 16. Febr. 1755 auf dem Familiengut Falkenberg in der Altmark, gest. 25. Febr. 1816 in Königsberg, trat 1768 in die preußische Armee, ward 1790 als Stabskapitän Gouverneur des Prinzen Ludwig Ferdinand von Preußen, den er auf den Rheinfeldzügen begleitete, einer der tonangebenden Kavaliere Berlins. Seit 1794 Major, nahm er am Kriege gegen Frankreich nur 1807 in Preußen teil und ward 1808 als Generalmajor dem Blücherschen Korps in Schwedisch-Pommern zugewiesen; doch konnte er sich mit Blücher nicht vertragen und kehrte als Brigadekommandeur nach Westpreußen zurück. 1812 vertrat er als Generalgouverneur von Ost- und Westpreußen die Stelle des Generals v. Yorck; im Frühjahr 1813 hatte er als Generalleutnant die Marken zu decken, focht 5. April glücklich bei Möckern, erstürmte 2. Mai Halle und deckte 4. Juni durch den Sieg bei Luckau Berlin gegen Oudinot. Nach dem Waffenstillstande dem Kronprinzen von Schweden unterstellt, lieferte er gegen dessen Willen die Schlachten bei Großbeeren gegen Oudinot und bei Dennewitz gegen Ney, die ihm das Großkreuz des Eisernen Kreuzes einbrachten. Nachdem er Wittenberg zerniert, kämpfte er mit der Nordarmee bei Leipzig, brach dann in Holland ein, rückte nach Belgien vor, siegte 11. Jan. 1814 bei Hoogstraten, nahm La Fère und Soissons, schloß sich Blücher an und befehligte bei Laon 9. und 10. März das Zentrum. Der König ernannte ihn zum General der Infanterie und verlieh ihm eine Dotation von Gütern in Ostpreußen im Werte von 200,000 Tlr. Noch zu Paris ward er in den erblichen Grafenstand (»B. von Dennewitz«) erhoben. Nach dem Frieden erhielt er das Generalgouvernement von West- und Ostpreußen und 1815 den Oberbefehl über das 4. preußische Armeekorps. Mit Blücher vereinigt, lieferte er 18. Juni das Gefecht von Planchenoit, das die Niederlage Napoleons bei Waterloo entschied. Zum Chef des 15. Linienregiments ernannt, kehrte er in sein Gouvernement zurück. Neben den militärischen Studien komponierte B. Motetten, eine Messe und den 51. und 100. Psalm. In Berlin wurde ihm 1822 eine von Rauch gefertigte Marmorstatue errichtet und 1889 das 15. Infanterieregiment nach ihm benannt. Sein Leben beschrieb Varnhagen von Ense (Berl. 1854).

2) Adam Heinrich Dietrich von, Bruder des vorigen, geb. 1757 in Falkenberg, gest. im Juli 1807 in Riga, wurde 1773 preußischer Offizier, trat beim niederländischen Aufstand in niederländischen Dienst, den er bald wieder verließ. Kurze Zeit Schauspieldirektor, reiste er 1791 und 1795 nach Amerika, wo er sein ganzes Vermögen verlor. Heimgekehrt, schrieb er: »Geist des neuern Kriegssystems« (Hamb. 1798, 3. Aufl. 1835). Mit einem Gesuch um Wiederanstellung in Berlin abgewiesen, ging er nach London und Paris, wo er ausgewiesen wurde, und kehrte 1804 nach Berlin zurück. Er schrieb noch: »Prinz Heinrich von Preußen. Kritische Geschichte seiner Feldzüge« (Berl. 1805, 2 Bde.); »Der Feldzug von 1805, militärisch und politisch beleuchtet« (Leipz. 1806). Wegen dieses Buches wurde er auf Verlangen Rußlands 1806 verhaftet, man brachte ihn nach Kolberg, dann nach Königsberg und, nachdem der Entsprungene in Kurland gefangen war, nach Riga. Seine »Militärischen und vermischten Schriften« gab Karl Ed. v. B. heraus (Leipz. 1853).

3) Frederik Henrik von, dän. General, geb. 4. Febr. 1791 in Nustrup (Nordschleswig), gest. 16. Juni 1858 auf Sandberg, seit 1804 dänischer Offizier, nahm 1807 an den Kämpfen gegen die Engländer teil, focht als Brigadegeneral 1848–49 gegen die Schleswig-Holsteiner und deutschen Bundestruppen und zwang 6. Juli 1849 durch seinen Ausfall aus Fredericia General Bonin (s.d. 1) zum Rückzug. Nach dem Kriege war er kommandierender General in Schleswig, dann (bis 1855) auf Seeland. Auf dem Kirchhofe von Düppel ward ihm 1861 ein Denkmal errichtet.

4) Hans Julius Adolf von, preuß. General, geb. 27. Febr. 1816 zu Ossecken im Kreise Lauenburg in Hinterpommern, gest. 9. Dez. 1897 in Berlin, trat 1833 ins Heer, zeichnete sich 1866 als Oberst und Kommandeur der Korpsartillerie des 7. Korps im böhmischen Feldzug und besonders in der Schlacht bei Königgrätz aus, wurde 1869 Generalmajor und Kommandeur der 3. Artilleriebrigade und tat sich im Kriege gegen Frankreich 1870/71 bei Spichern, Vionville, Gravelotte, Orléans und Le Mans hervor. B. ward darauf Kommandeur der Gardeartillerie, dann Inspekteur der 2. Artillerieinspektion und 1879 Generalinspekteur der Artillerie. 1882 nahm er als General der Infanterie seinen Abschied und wurde 1895 zum General der Artillerie ernannt. Vgl. Klaeber, Die Tätigkeit des Generals v. B. in der Schlacht bei Vionville (Dresd. 1899).

5) Adolf von, preuß. General, geb. 11. Jan. 1837 als Sohn des Geheimen Legationsrats v. Bülow, trat 1854 ins Heer, war 1860 zur Kriegsakademie, 1864 zur topographischen Abteilung des Großen Generalstabs kommandiert, machte den Krieg von[594] 1866 als Adjutant bei der Armee des Prinzen Friedrich Karl in Böhmen mit und stand während des französischen Krieges im Generalstabe des Oberkommandos der zweiten Armee. 1871 kam er zur deutschen Botschaft in Paris, wurde 1882 Kommandeur des 3. Garde-Ulanenregiments, 1885 Kommandeur der 13. Kavalleriebrigade, erhielt 1890 als Generalleutnant das Kommando der 25. Division und 1895 als General der Kavallerie das des 8. Armeekorps in Koblenz. Anfang 1896 wurde er kaiserlicher Generaladjutant und Kommandeur des 14. Armeekorps in Karlsruhe. Der Abschied ward ihm im November 1901 bewilligt.

6) Ernst, Freiherr von, preuß. General, geb. 1. Mai 1842 als Sohn eines Landdrosten in Stade, gest. 9. Mai 1901 in Ems, trat 1859 ins hannöversche Heer ein. nahm 1866 am Kriege gegen Preußen teil, trat 1867 zur preußischen Armee über, machte den Krieg gegen Frankreich mit und erwarb sich das Eiserne Kreuz 1. Klasse. 1890 ward er Oberst, 1893 Generalmajor, 1897 Generalleutnant und 1900 Kommandeur des 7. Armeekorps in Münster.

7) Karl von, preuß. General, geb. 21. März 1846 in Berlin, trat 1865 ins Heer, machte 1866 das Gefecht von Soor und die Schlacht bei Königgrätz, 1870/71 die Belagerungen von Straßburg und Paris mit, wurde 1876 zur Dienstleistung beim Großen Generalstabe befehligt, dem er mit längern Unterbrechungen durch Kommandierungen zu den Generalstäben verschiedener Truppenteile (1879–84,1885–87) und zur Front (1884–85) bis 1890 an gehörte, ward 1893 Oberst, 1897 Generalmajor und Direktor des Zentraldépartements im Kriegsministerium, erhielt, seit 1900 Generalleutnant, 1901 die 2. Garde Infanteriedivision, wurde 1902 zum Generalquartiermeister im Generalstab der Armee ernannt und 27. Jan. 1903 als Nachfolger des Generals v. Lignitz mit der Führung des 3. Armeekorps beauftragt.

Staatsmänner, Diplomaten.

8) Ludwig Friedrich Viktor Hans, Graf von, preuß. Minister, geb. 14. Juli 1774 in Essenrode bei Braunschweig, gest. 11. Aug. 1825, studierte die Rechte und trat auf Veranlassung seines Onkels Hardenberg beim Kammerkollegium zu Bayreuth in den preußischen Staatsdienst. 1801 wurde er Kriegs- und Domänenrat in Berlin, 1805 Präsident der Kriegs- und Domänenkammer in Magdeburg und 1808 westfälischer Finanzminister. König Jérôme machte ihn zum Grafen, und der König von Preußen bestätigte dies 1816. Bei Jérôme verdächtigt, wurde er 7. April 1811 entlassen und zog sich auf sein Gut Essenrode zurück. Hardenberg veranlaßte 1813 seine Ernennung zum preußischen Finanzminister; 1817 übernahm er das neuerrichtete Ministerium des Handels und der Gewerbe und half die freihändlerische Politik Preußens und seine neue Steuergesetzgebung begründen. 1825 entlassen, erhielt er das Oberpräsidium von Schlesien.

9) Heinrich, Freiherr von, preuß. Staatsmann, geb. 16. Sept. 1792 in Schwerin, gest. 6. Febr. 1846 in Berlin, studierte die Rechte, trat 1813 in das Walmodensche Korps und ward Adjutant des russischen Obersten v. Nostiz. Nach dem Frieden arbeitete er unter Wilhelm v. Humboldt, der zu Frankfurt a. M. die Grenzregulierung der deutschen Territorien leitete, folgte ihm 1817 als Gesandtschaftssekretär nach London und 1819 nach Berlin, wo er im Auswärtigen Amte den Vortrag über Handels- und Schifffahrtssachen übernahm. Hier vermählte er sich 1820 mit Humboldts jüngerer Tochter (vgl. »Gabriele von B., ein Lebensbild, 1791–1887«, 10. Aufl., Berl. 1902). B. war besonders für die Anbahnung des Zollvereins erfolgreich tätig, wirkte dafür auch als Gesandter in London seit 1827. Im Herbst 1841 wurde er Gesandter beim Bundestag zu Frankfurt a. M., aber schon 2. April 1842 zum Minister des Auswärtigen berufen, übte aber nur geringen Einfluß auf die allgemeine Politik, schied 1845 aus dem Ministerium und zog sich nach Tegel zurück.

10) Bernhard Ernst von, Staatsmann, geb. 2. Aug. 1815 zu Cismar in Holstein, Neffe des vorigen, gest. 20. Okt. 1879 in Frankfurt a. M., studierte die Rechte, trat 1839 in den dänischen Staatsdienst, schied 1848 aus, ward aber 1851 zum Gesandten für Holstein und Lauenburg beim Bundestag ernannt. 1862 trat er als Staatsminister an die Spitze der mecklenburg-strelitzschen Landesregierung und war an den Verhandlungen zur Begründung des Norddeutschen Bundes beteiligt, 1868 ging er als Gesandter der beiden Großherzogtümer Mecklenburg beim preußischen Hof nach Berlin und wurde Staatssekretär des Auswärtigen Amtes.

11) Otto von, deutscher Diplomat, geb. 28. Dez. 1827 in Frankfurt a. M., gest. 22. Nov. 1901 in Rom, studierte die Rechte und wurde als Einjährig-Freiwilliger 18. März 1848 beim Straßenkampf in Berlin verwundet. 1857 wurde er Hilfsarbeiter im Ministerium des Auswärtigen, 1867 vortragender Rat und begleitete 1872–87 den Kaiser Wilhelm auf seinen Reisen als Vertreter des Auswärtigen Amtes, auch nachdem er 1881 preußischer Gesandter in Stuttgart und 1882 deutscher Gesandter in Bern geworden war. 1892–98 war er preußischer Gesandter beim päpstlichen Stuhl.

12) Bernhard, Graf von, deutscher Reichskanzler, Sohn von B. 10), geb. 3. Mai 1849 in Klein-Flottbeck (Holstein), studierte in Lausanne, Leipzig und Berlin die Rechte, trat 1870 als Avantageur in das Bonner Königshusarenregiment, wurde nach dem Krieg Offizier, kehrte aber zur Justiz zurück und ging nach längerer Tätigkeit beim Landgericht und Bezirks präsidium in Metz in den diplomatischen Dienst über. Er wurde 1876 der deutschen Botschaft in Rom als Attaché beigegeben, dann im Auswärtigen Amt beschäftigt, 1880 Sekretär bei der deutschen Botschaft in Paris, 1883 Botschaftsrat in Petersburg, 1888 Gesandter in Bukarest und 1893 Botschafter beim Quirinal. Im Sommer 1897 mit der Stellvertretung des Freiherrn v. Marschall beauftragt, wurde er im Oktober 1897 zum Staatssekretär ernannt, nach dem Abschluß des Vertrags mit Spanien über die Abtretung der Marianen und Karolinen 22. Juni 1899 in den Grafenstand versetzt und 17. Okt. 1900 nach dem Rücktritt Hohenlohes zum Reichskanzler, preußischen Ministerpräsidenten und Minister des Auswärtigen ernannt. B. ist mit einer Prinzessin Camporeale, Stieftochter des italienischen Ministers Minghetti, vermählt. Die Universität Königsberg ernannte ihn 18. Jan. 1901 mm Ehrendoktor der Rechte. »Graf Bülows Reden nebst urkundlichen Beiträgen zu seiner Politik« veröffentlichte I. Penzler (Leipz. 1903).

Schriftsteller, Musiker.

13) Karl Eduard von, Schriftsteller, geb. 17. Nov. 1803 auf dem Gute Berg vor Eilenburg (Provinz Sachsen), gest. 16. Sept. 1853, studierte in Leipzig hauptsächlich die alten Sprachen, lebte seit 1828 in Dresden, seit 1842 meist auf Reisen in Italien, auch in Stuttgart und Berlin, bis ihn die politische [595] Wendung der deutschen Angelegenheiten 1849 bestimmte, nach dem von ihm angekauften alten Schloß Ötlishausen im Kanton Thurgau überzusiedeln, wo er starb. Seinen literarischen Ruf begründete er durch das wertvolle »Novellenbuch« (Leipz. 1834–36, 4 Bde.), das hundert Novellen, nach alten ausländischen und deutschen Mustern bearbeitet, enthält, und dem das »Neue Novellenbuch« (Braunschw. 1841, Bd. 1) nachfolgte. Von eignen Produktionen, in denen er besonders Tieck mit Glück nacheiferte, veröffentlichte er: »Eine Frühlingswanderung durch das Harzgebirge« (Leipz. 1836); »Jahrbuch der Novellen und Erzählungen« (Braunschw. 1840), worin die interessante Erzählung »Die Jugend des armen Mannes in Tockenburg« (U. Bräker, nach der Selbstbiographie desselben bearbeitet, die er später im Original herausgab, Leipz. 1852); »Novellen« (Stuttg. 1846 bis 1848, 3 Bde.); »Eine allerneueste Melusine« (Frankf. 1849) und andre zerstreute novellistische Arbeiten. Auch gab er eine Bearbeitung von Grimmelshausens »Simplicissimus« (Leipz. 1836), eine Übersetzung von Manzonis »Promessi sposi« (2. Aufl., Leipz. 1837, 2 Bde.), Schröders »Dramatische Werke« (Berl. 1831, 4 Bde.), im Verein mit Tieck den dritten Teil von Novalis' Schriften (das. 1848), ferner allein »Heinrich v. Kleists Leben und Briefe« (das. 1848), Schillers »Anthologie auf das Jahr 1782« (Heidelb. 1850) und Heinr. Dietrich v. Bülows »Militärische und vermischte Schriften« (mit W. Rüstow, Leipz. 1853) heraus. Die deutsche Memoirenliteratur bereicherte er durch die Herausgabe der Denkwürdigkeiten des Pfalzgrafen-Kurfürsten Friedrich II. beim Rhein (»Ein Fürstenspiegel«, Bresl. 1849, 2 Bde.).

14) Hans Guido von, Klavierspieler und Komponist, Sohn des vorigen, geb. 8. Jan. 1830 in Dresden, gest. 12. Febr. 1894 in Kairo, erhielt den ersten Unterricht im Klavierspiel durch F. Wieck, in der Komposition durch M. Eberwein und trat zuerst in Stuttgart, wo er seit 1846 das Gymnasium besuchte, öffentlich als Klavierspieler auf. 1848 bezog er die Universität Leipzig, um die Rechte zu studieren, setzte aber dabei unter Hauptmanns Leitung seine Musikstudien eifrig fort. In Berlin schloß er sich 1849 als Mitarbeiter der »Abendpost« den reformatorischen Ideen Wagners an, sprang definitiv zur Musik über und genoß 1850–51 in Zürich Wagners Unterweisungen im Dirigieren. Von hier aus begab er sich zu seiner letzten Ausbildung 1851 nach Weimar zu Liszt, dessen Schwiegersohn er später ward. Nach mehrfachen Kunstreisen, die seinen Ruf begründeten und befestigten, ließ er sich 1854 in Berlin nieder, wo er als Klavierlehrer am Sternschen Konservatorium wirkte und 1858 zum königlichen Hofpianisten ernannt wurde. Ende 1864 zog ihn Richard Wagner nach München, zuerst als Hofpianisten, 1867 aber, nachdem er inzwischen vorübergehend als Lehrer in Basel gelebt, als Leiter der zu reorganisierenden königlichen Musikschule und Hofkapellmeister. Unter Bülows Direktion fand 1865 die erste Ausführung von »Tristan und Isolde« und 1868 die erste Ausführung der »Meistersinger« statt. Seine hochbedeutsame Tätigkeit fand ein jähes Ende, als sich 1869 seine Gattin von ihm trennte, um sich mit Wagner zu vereinigen. B. siedelte nun nach Florenz über, wo er 2 Jahre hindurch in stiller Zurückgezogenheit dem Studium lebte. Dann begann er seine Ruhmeszüge als Pianist, die ihm bald die erste Stelle unter den klassischen Interpreten zuwiesen und um unter anderm auch (1876) nach Amerika führten. 1877 übernahm er die Stelle eines Hofkapellmeisters in Hannover und 1880 die eines Intendanten der herzoglichen Hofmusik in Meiningen, gab aber auch letztere bereits 1885 wieder auf, nachdem er durch Konzertreisen mit der Meininger Hofkapelle dieser schnell einen beispiellosen Ruf verschafft hatte. Er siedelte nun zunächst nach Berlin über, 1888 aber nach Hamburg und brachte in beiden Städten die unter seiner Leitung ins Leben gerufenen Konzertinstitute (Direktion Hermann Wolff) zu hoher Blüte. Der Pianist B. imponierte weniger durch seine jeden Vergleich aushaltende Fertigkeit als durch seine in ihrer Art einzig dastehende geistige Durchdringung der vorzutragenden Tonwerke, deren Aufbau er bis ins kleinste klarzulegen verstand. Ganz erstaunlich war seine Gedächtniskraft (das Auswendigspielen wurde durch ihn allgemein gebräuchlich). Aber auch der Orchesterdirigent B. entfaltete dieselbe in hohem Grade belehrende, ganz neue Probleme stellende und lösende Gestaltungskraft. Die Universalität seines Kunstverständnisses machte seine Konzerte zu akademischen Vorträgen über Stilrichtungen und Künstlerindividualitäten. Besondere Verdienste erwarb er sich um die Verbreitung des Verständnisses für die Musik Brahms'. Trotz des Zerwürfnisses mit Wagner fuhr B. fort, für dessen Musik, wie diejenige Liszts und Berlioz' Propaganda zu machen und hat auch für Dvořak, Tschaikowsky, Saint-Saëns u. a. freie Bahn gemacht. Obenan standen aber doch in seiner Schätzung die großen klassischen Meister, deren Werke er zu vollendetster Darstellung brachte. Als Komponist trat er nur mit wenigen Orchestersachen, die der Programmmusik angehören, und einigen Klavierstücken und Liedern auf. Sehr bedeutend ist seine Tätigkeit als Herausgeber klassischer Klavierwerke; als solcher eröffnet er die Ära der kommentierten Ausgaben. Besonders enthält seine Ausgabe der Beethovenschen Sonaten von Op. 53 ab (Stuttgart, Cottas Verlag) einen Schatz feinsinniger Beobachtungen und belehrender Winke. Für eine künftige Beurteilung des Musiklebens seiner Zeit sind auch die wenigen schriftstellerischen Arbeiten (in der »Neuen Zeitschrift für Musik« u. a.), besonders aber seine Briefe von hohem Werte, da sein Urteil von einer seltenen Schärfe und Sicherheit war. Bülows »Briefe und Schriften« wurden von seiner Witwe (Marie, geborne Schlanzer, 1882 mit B. vermählt) herausgegeben (Leipz. 1895–1900, 5 Bde.). Den »Briefwechsel zwischen Franz Liszt und Hans v. B.« veröffentlichte La Mara (Leipz. 1898, franz. Ausg. 1899). Vgl. Zabel, Hans v. B., Gedenkblätter (Hamb. 1894); Th. Pfeiffer, Studien bei Hans v. B. (1.–5. Aufl., Berl. 1894; Nachtrag dazu von V. da Motta, Leipz. 1895); Rösch, Musik-ästhetische Streitfragen. Streiflichter und Schlagschatten zu den ausgewählten Schriften von H. v. B. (das. 1897).

15) Babette von (Pseudonym Hans Arnold), Schriftstellerin, geb. 30. Sept. 1850 zu Warmbrunn in Schlesien als Tochter des Professors Felix Eberty, wurde in Breslau erzogen, heiratete früh den Oberleutnant v. Bülow und lebt jetzt in Erfurt. Ihre Novellen erfreuen sich wegen ihrer Frische und Heiterkeit großer Beliebtheit. Von ihr erschienen: »Novellen« (3. Aufl., Berl. 1895); »Neue Novellen« (6. Aufl., Stuttg. 1898); »Lustige Geschichten« (4. Aufl., das. 1898); »Einst im Mai und andre Novellen« (4. Aufl. 1897); »Der Umzug und andre Novellen« (5. Aufl., das. 1901); »Sonnenstäubchen« (2. Aufl., das. 1897); »Maskiert und andre Novellen« (das. 1899); »Christel und andre Novellen« (das. 1899); »Zwei Affen[596] und andre Novellen« (das. 1902); die Humoresken »Berlin-Ostende« (Dresd. 1899) u. a. Auch im Lustspiel: »Geburtstagsfreuden« (Berl. 1884), »Zwei Friedfertige« (das. 1892), »Theorie und Praxis« (Leipz. 1890), hat sie Gutes geleistet.

16) Margarete von, Schriftstellerin, geb. 23. Febr. 1860 in Berlin, gest. daselbst 2. Jan. 1885, verbrachte die Kinderjahre in Smyrna, wo ihr Vater preußischer Generalkonsul war, lebte nach seinem frühen Tode mit Mutter und Geschwistern auf dem Gut Ingersleben bei Neudietendorf, später zu ihrer Ausbildung ein Jahr in England und siedelte dann nach Berlin über. Sie ertrank im Rummelsburger See bei der Net tung eines Knaben. Von ihr erschienen: »Novellen« (mit einem Vorwort von Julian Schmidt, Berl. 1885); »Jonas Briccius«, Roman (Leipz. 1886); »Aus der Chronik derer von Riffelshausen« (das. 1887); »Neue Novellen« (Berl. 1890, mit einer Biographie von Fritz Mauthner), sämtlich Zeugnisse eines entschiedenen Talents. Auch ihre Schwester Frida, geb. 12. Okt. 1857 in Berlin und daselbst lebend, machte sich durch Novellen, Romane und ostafrikanische Reiseskizzen bekannt.

17) Gabriele von, s. Bülow 9).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 3. Leipzig 1905, S. 594-597.
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