New York [2]

[605] New York (spr. njū jórk: hierzu Karte »New York und Umgebung« und der Stadtplan), die größte, volkreichste und im Kultur- und Wirtschaftsleben bedeutendste Stadt der Vereinigten Staaten sowie der gesamten Neuen Welt, im gleichnamigen Staate (s. oben), nimmt an der zu einem ausgedehnten System von Buchten und Wasserstraßen erweiterten und verzweigten Mündung des Hudson (s. d.) 846 qkm ein und enthält (1905) 4,014,304 Einw., so daß es an Fläche ebenso wie an Bevölkerungszahl nur von London übertroffen wird. Ursprünglich auf die vom Hauptarm des Hudson (North River) u. vom Spuyten Duyvil Creek, Harlem River und East River umschlossene Insel Manhattan (s. d.) beschränkt, hat es sich mit seinen Vororten in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrh. mehr und mehr auch auf das anstoßende Festland der Grafschaft Westchester, auf Long Island, auf Staten Island und auf die kleinern Inseln Blackwell's Island, Ward's Island, Randall's Island u.a. ausgedehnt, wie die am Westufer des Hudson im Staat New Jersey gelegenen Städte Bayonne, Jersey City, Hoboken u.a. ihrem Wesen nach ebenfalls nichts andres als seine Vororte sind. Seit 1. Jan. 1898 bildet es mit der Mehrzahl der Vorstädte, unter denen Brooklyn, Long Island City, New Brighton, Morrisania, Tremont, Bronx besonders namhaft sind, ein einheitliches städtisches Gemeinwesen, das für die Zwecke der Verwaltung in die Stadtbezirke (boroughs) Manhattan, Bronx, Brooklyn, Queens (Long Island) und Richmond (Staten Island) eingeteilt wird. Im gewöhnlichen Verkehr werden die alten Bezeichnungen aber noch festgehalten, und im eigentlichen N. (Manhattan) namentlich auch die Unterstadt (down-town) von der Oberstadt (up-town) unterschieden. Die größte Längserstreckung des Stadtgebietes mißt 56 km, die größte Breitenerstreckung 30 km, das Stadthaus liegt unter 40°42´43´´ nördl. Br. und 74°0´3´´ westl. L. Der Baugrund erhebt sich an der Südspitze von Manhattan nur 1,5 m ü. M., am Stadthaus aber 11 m, am Hauptbahnhof der N.-Central-Eisenbahn 16 m, im Mount Morris 30 m, im Morningside Park 40 m, in den Washington Heights 75 m. Im allgemeinen besteht er aus jungen Anschwemmungen und quartärem Gletscherschutt, auf Long Island und Staten Island auch aus Tertiär- und Kreideschichten, selbst in der Unterstadt ist er aber in geringer Tiefe (10–50 m) von kristallinischen Felsarten unterlagert, und in der Oberstadt stehen letztere vielfach als steile Rücken zutage, besonders in den öffentlichen Parken ein wichtiges Schönheitsmoment bildend. Das Klima ist im Sommer heiß (23,1° Mitteltemperatur des Juli), öfters mit lange andauernden Hitzeperioden und zahlreichen Sonnenstichfällen, im Winter wechselvoll und teilweise sehr kalt (-1° Mitteltemperatur des Januar). Die mittlere Jahrestemperatur beträgt 10,4°, der durchschnittliche Jahresniederschlag 1136 mm.

Der wirtschaftliche Aufschwung von N. wurde vor allem durch die nach ihm benannte schöne Bai, die sich in eine Außenbai (Lower Bay) und eine Innenbai (Upper Bay) gliedert und die den besten Naturhafen an der Ostküste von Nordamerika bildet, begünstigt, demnächst[605] durch den 210 km landein (bis New Baltimore) für größere und 245 km (bis Troy) für kleine Seeschiffe fahrbaren Hudson und durch die vergleichsweise bequemen Übergänge über das Appalachische Gebirge, unter denen der Mohawk-Übergang sogar die Herstellung eines Schiffahrtskanals zwischen dem Hudson und den Lorenzseen ermöglichte (s. Eriekanal).

Der Außenbai sind zwar zwischen der Landspitze Sandy Hook und Coney Island ausgedehnte Bänke vorgelagert, dazwischen bieten sich aber der großen Seeschiffahrt gute Zugänge, namentlich der ursprünglich 300 m breite und 8 m tiefe Gedney Channel, der künstlich auf 10 m vertieft worden ist, und der 4,8 m tiefe Ambrose Channel, dessen Vertiefung auf 13 m im Werk ist. Die künstlichen Inseln Swinburne und Hoffman Island enthalten Quarantäneanstalten und Hospitäler, während Sandy Hook die verborgenen starken Festungsanlagen des Fort Hancock zur Verteidigung der Außenbai trägt. Die 2 km breiten und 10–20 m tiefen, von den Forts Tompkins, Wadsworth und Hamilton beherrschten NarrowsEngen«) zwischen Staten Island und Long Island und der schmale, auf 4,5 m ausgetiefte Staten Island-Sund oder Arthur Kill und Kill van Kull zwischen Staten Island und New Jersey führen in die Innenbai, die zusammen mit dem East River und Hudson als eigentlicher Hafen dient und ringsum von Lösch- und Ladeeinrichtungen und Landungs- und Lagerhallen eingefaßt ist. Die kleine Insel Governors Island trägt hier weitere Festungsbauten, Ellis Island die Ankunftshallen für Einwanderer, Bedloe Island die von Bartholdi entworfene, 46 m hohe Freiheitsstatue, ein Geschenk Frankreichs an die Union (1886), die im Verein mit ihrem Granitsockel den Meeresspiegel um 93 m überragt und deren elektrisch erleuchtete Fackel als Leuchtturm dient. Der East River (s. d.) ist durch die Felssprengungen des Hell Gate großen Seeschiffen zugänglich und wird durch das Fort Totten verteidigt.

Der untere (südliche) Teil des eigentlichen N. ist als ältester Stadtteil ziemlich unregelmäßig gebaut und hat verhältnismäßig enge Straßen. Als Hauptgeschäftsviertel, das entlang dem Hudson (West Street) und East River (South Street) von einer ununterbrochenen Reihe von Landungsbrücken und Docks (slips) umrahmt wird, enthält es vor allem zahlreiche Börsen- und Bankgebäude, darunter die mächtige Produktenbörse im italienischen Renaissancestil, mit 68 m hohem Turm, die aus weißem Marmor ausgeführte Effektenbörse, die Petroleumbörse, die Kohlen- und Eisenbörse, die Baumwollenbörse, die Metallbörse, die Grundbesitzbörse u.a. Viele Geschäftsgebäude erheben sich hier der möglichsten Ausnutzung des engen und kostbaren Raumes halber als sogenannte Wolkenkratzer (sky scrapers) mit 20–30 Stockwerken zu Turmhöhe, so das Park Row Building mit 29 Stockwerken 116 m, das Pulitzer Building mit 22 Stockwerken zu 114 m, das Manhattan Life Insurance Building mit 17 Stockwerken zu 106 m, das St. Paul Building mit 26 Stockwerken 94 m, das American Surety Co. Building mit 23 Stockwerken und der staatlichen Wetterwarte zu 93 m etc. (s. Hohe Häuser, mit Tafel). Nahe bei der Südspitze der Insel Manhattan steht das Aquarium, das früher unter dem Namen Castle Garden Building als Einwandererhalle benutzt wurde, sowie das Barge Office, das einen Teil des Zollamtes bildet, während das Zollhaus (Custom House) selbst als ein Granitbau mit einer Vorhalle aus riesigen ionischen Säulenmonolithen und einer weiten Rotunde im Innern einen ganzen Häuserblock an der Wall Street einnimmt und ein neues, viel größeres Zollgebäude im französischen Renaissancestil näher bei der Südspitze, an der Stelle des alten holländischen Fort Amsterdam 1902 begonnen wurde und im Bau begriffen ist. Von andern öffentlichen Bauten der Unterstadt ist noch das bundesstaatliche Unterschatzamt (United States Sub-Treasury) hervorzuheben, mit einer Vorhalle aus dorischen Marmorsäulen, einem Bronzestandbild George Washingtons an seiner Freitreppe und ungeheuern Edelmetallvorräten in seinen diebes- und feuersichern Gewölben; nahe dabei auch das Metallprüfungsamt (Assay Office), die Handelskammer (Chamber of Commerce) und am East River die große Fulton-Markthalle, am North River die Washington-Markthalle für die Lebensmittel-, insbes. auch für die Fischversorgung der Weltstadt. Südlich von dem City Hall Park, der den Kernpunkt des untern N. bildet, steht das riesige Postamt, ein Granitbau im Mischstil von Dorisch und Renaissance mit Mansardendach, in dem über 4000 Personen beschäftigt sind und im Jahresdurchschnitt 1400 Mill. Sendungen bewältigt werden, und nahe dabei die Hauptgebäude des Western Union-Telegraphen und Posttelegraphen, während die Südostseite des Parkes, die als Printing House Square bekannt und mit einer Bildsäule Benjamin Franklins geschmückt ist, von den stattlichen Palästen der großen Zeitungen »New York Times«, »N. Y. Tribune«, »World« (s. Tafel »Hohe Häuser«, Fig. 2) und »New Yorker Staatszeitung« eingerahmt wird. Die Mitte des Parkes nimmt die City Hall ein, ein schöner Bau aus weißem Marmor im italienischen Renaissancestil, mit Säulenvorhalle, den Amtsräumen des Mayors und der Stadtverwaltung und kuppelförmigem Uhr- und Glockenturm. Nördlich davon erhebt sich das Gerichtsgebäude (County Court House), ebenfalls aus weißem Marmor und mit korinthischer Säulenfassade, dessen Ausführung (1861–1867) durch die Betrügereien des Tweed-Ringes 12 Mill. Doll. gekostet hat; nördlich von ihm, den City Hall Park abschließend, das städtische Archivgebäude (Hall of Records) und das Stewart Building mit dem städtischen Schatzamt. Weiter nördlich liegt das ursprünglich im ägyptischen Stil ausgeführte, 1898 aber umgebaute Stadtgefängnis (die Tombs) und durch eine gedeckte Straßenüberbrückung damit verbunden das Kriminalgerichtsgebäude, und noch weiter nördlich das Polizeigebäude; ferner die von Johann Jakob Astor (s. d.) begründete und von seinen Nachkommen reich dotierte Astorbibliothek mit gegen 300,000 Bänden (s. unten: Bibliotheken), die Mercantile Library, das stattliche Braunsandsteingebäude des von Peter Cooper begründeten Volksbildungsinstituts Cooper Union, das Bibelhaus, das Gebäude der Historischen Gesellschaft und am Washington Square die ältern Baulichkeiten der N. University, während deren neuere Hauptgebäude die University Heights im nördlichsten Teil des Stadtgebietes einnehmen. Von kirchlichen Bauten sind in dem untern Stadtteil namentlich die gotische Trinity Church mit 86 m hohem Turm, einem interessanten Friedhof und den Gräbern Hamiltons und Fultons, die alte St. Paul Church, die Grace Church, die katholische St. Anns Church und St. Josephs Church und das baptistische Tabernacle bemerkenswert. Als die hervorragendsten Geschäftsstraßen der Unterstadt sind der Broadway, die Bowery und Wall Street, der Sitz der großen Bankhäuser, hervorzuheben.[606]

Der nördliche oder obere Stadtteil ist regelmäßig gebaut, mit von S. nach Norden laufenden breiten Hauptstraßen, die Avenuen (avenues) heißen, und mit Querstraßen (streets) von O. nach W., die den North River mit dem East River verbinden. Die daselbst vorhandenen Geschäftshäuser, darunter die riesenhaften Warenhäuser von Wanamaker, Sigel u. Cooper, Macy u.a., sind im allgemeinen mehr auf den Einzelumsatz berechnet und am zahlreichsten in der Dritten Avenue (der Fortsetzung der Bowery), der Sechsten Avenue, dem Broadway, der Vierzehnten Straße und der Dreiundzwanzigsten Straße. Die Fünfte Avenue ist die eleganteste Wohnstraße und die Hauptverkehrsstraße der Geldaristokratie, mit den vornehmsten Hotels und Restaurants (Waldorf Astoria, Holland House, Hofmann House, Delmonico etc.), den prächtigsten Klubhäusern, den Palästen der Vanderbilts, Stewarts etc., den schönsten Kirchen u. dgl. Hervorragende öffentliche Bauten sind hier das ungeheure Metropolitan Opera House, das Hippodrom, der Madison Square Garden (mit 12,000 Sitzplätzen und Theater), die Carnegie-Halle für Konzerte und Vorträge (mit 2752 Sitzplätzen), die Lenox-Bibliothek, die im Bau begriffene Öffentliche Bibliothek (N. Public Library), das städtische Kunstmuseum (Metropolitan Museum of Art) im Renaissancestil, die Kunstakademie (National Academy of Design), das großartige Naturhistorische Museum, die umfangreichen Bauten der Columbia-Universität, darunter die schöne Bibliothek mit ionischer Säulenvorhalle und großem Lesesaal; ferner das College of the City of N., das Normal College (Lehrerinnenseminar), die Zeughäuser des 7. und 8. Regiments, das prächtige Mausoleum des Generals U. Grant, mit dorischem Unterbau und von ionischen Säulen getragener Kuppel, das große Bellevue-Hospital, das St. Luke's-Hospital, das Mount Sinai-Hospital, das Kloster des heiligen Herzens und der gewaltige Hauptbahnhof der N. Central-Bahn. Unter den Kirchen ist die weitaus stattlichste und schönste die katholische St. Patricks-Kathedrale, 1850 bis 1879 in gotischem Stil aus weißem Marmor erbaut, demnächst die unvollendete anglikanische Johannes-Kathedrale, die St. Thomas-Kirche, die Fifth Avenue Presbyterian Church, die Dutch Reformed Church, die Emanuel-Synagoge und Bethel-Synagoge etc. Im ganzen zählt man im eigentlichen N. an 650 Kirchen und Bethäuser, worunter 118 katholische, 94 episkopale, 72 methodistische, 49 baptistische, 42 lutherische, 39 reformierte, 37 mosaische etc. Den mittlern Teil der Oberstadt nimmt der 4 km lange und 0,8 km breite, 335 Hektar enthaltende Zentralpark ein, mit seinen schattigen Baumanlagen, weiten Rasenflächen, malerischen Felsgruppen, Seen und Teichen, reizvollen Fahr-, Reit- und Promenadenwegen und schönen Sitzplätzen der Haupttummelplatz der Erholungsbedürftigen. Unter den Denkmälern, die den Park schmücken, sind hervorzuheben ein 21 m hoher ägyptischer Obelisk, Standbilder von Kolumbus, Shakespeare, Scott, Webster, Hamilton, Morse, Büsten von Humboldt, Schiller, Beethoven u.a. Nördlich davon liegt der kleine Morris Park (8 Hektar), nordwestlich der Morningside Park (13 Hektar) und unmittelbar am Hudson der Riverside Park (70 Hektar), mit prächtiger Aussicht auf den Strom und die Palisaden. Weiter abwärts in der Stadt befinden sich der Dewitt Clinton Park (3 Hektar) am Hudson, der Bryant Park (2 Hektar), bei der Öffentlichen Bibliothek an Stelle des frühern Croton-Wasserleitungsbeckens, der Madison Square (2,7 Hektar), mit Bronzestandbildern Sewards, Conklings, Arthurs und Farraguts, der Union Square (1,4 Hektar), mit Statuen Washingtons, Lincolns und Lafayettes, der Stuyvesant Square, der Tompkins Square (4 Hektar), der Washington Square (3,6 Hektar), mit einem Standbild Garibaldis und dem Washington Memorial Arch, einem bei der hundertjährigen Jubelfeier der Einsetzung des ersten Unionspräsidenten errichteten Triumphbogen, endlich am äußersten Südende der Stadt der Battery Park (8,4 Hektar), mit einer Statue J. Ericsons und herrlichem Blick auf die N.-Bai und ihr großartiges Wasserleben. Im äußersten Norden dagegen liegt noch der 342 Hektar große Bronx Park, der den Botanischen Garten (120 Hektar) und den Zoologischen Garten (104 Hektar) umschließt, sowie der 428 Hektar große Cortlandt Park.

Die Trink- und Nutzwasserversorgung der Stadt erfolgt aus dem 64 km von N. gelegenen Quellgebiete des Crotonflusses, durch den 1883–90 mit 25 Mill. Doll. Kostenaufwand hergestellten neuen Crotonaquädukt, der eine Leitungsfähigkeit von 1,5 Mill. cbm am Tage hat, und durch den 1836–42 erbauten alten Crotonaquädukt mit einer täglichen Leitungsfähigkeit von 455,000 cbm, sowie vermittelst eines Hauptsammelbeckens inmitten des Zentralparkes, das 4,5 Mill. cbm faßt.

Über den Harlem River führen 12 Brücken, darunter die 426 m lange und 35 m hohe High Bridge und die 730 m lange und 41 m hohe Washington Bridge, letztere 1890 für 2,7 Mill. Doll. erbaut. Mit Brooklyn ist das eigentliche N. durch zwei gewaltige Brücken sowie durch 18 große Dampffähren verbunden, während zwei andre Brücken im Bau begriffen sind. Die 1869–83 von Johann Röbling und seinem Sohne Washington Röbling mit einem Kostenaufwand von 15 Mill. Doll. erbaute East River-Brücke, eine Hängebrücke, ist 1827 m lang, 26 m breit und 41 m über dem Flutstande des East River erhoben, mit 487 m Abstand zwischen den riesigen Steinpfeilern, die in 13,7 und 24 m tief verankerten Senkkasten ruhen, 83 m hoch sind und die Brückenbahn vermittelst vier 16zölliger, an jedem Ende in 26,000 cbm Mauerwerk befestigter Drahtseile tragen. Die Brücke bietet Raum für zwei Bahngleise, zwei Fahrstraßen mit elektrischen Bahnen und einen breiten Fußweg und wird im Tagesdurchschnitt von 115,000 Menschen überschritten. Die 1896–1903 mit 11 Mill. Doll. Kostenaufwand erbaute Williamsburg-Brücke ist 2200 m lang, 36 m breit, 41 m hoch, mit 488 m Abstand zwischen den 101 m hohen Pfeilern und ganz aus Stahl, sie trägt zwei Hochbahn- und vier Straßenbahngleise, zwei Fahrstraßen, zwei Radfahr- und zwei Fußgängerwege.

In Brooklyn ist die belebteste Geschäftsstraße Fulton Street, die die Stadt in der ungefähren Fortsetzung der East River-Brücke durchschneidet, während Clinton Street, auf den 20–30 m hohen Brooklyn Heights, und Clinton Avenue als die schönsten Wohnstraßen gelten. Wichtige öffentliche Gebäude sind das Stadthaus (Borough Hall) aus weißem Marmor, mit ionischem Säulenvorbau, davor ein Standbild des berühmten Kanzelredners Henry Ward Beecher, das Gerichtshaus (County Court House) im korinthischen Stil, das stattliche Bundesgebäude (Federal Building) mit dem Postamt und Bundesgerichtshof, das Gebäude der Historischen Gesellschaft von Long Island, das reich ausgestattete Pratt Institute (im Technikum) und das bedeutende Brooklyn Institute of Arts and [607] Sciences im Renaissancestil. Im NW. nehmen die Anlagen und Wersten des vereinsstaatlichen Seearsenals und Kriegshafens (Navy Yard) gegen 60 Hektar ein. Von den 517 Kirchen sind 92 katholisch, 72 methodistisch, 55 episkopal, 53 lutherisch, 48 presbyterianisch, 45 baptistisch, 30 mosaisch, darunter am namhaftesten die kongregationalistische Plymouth Church als die Kirche Henry Ward Beechers, die Holy Trinity Church und die katholische Kathedrale. Berühmt ist der ausgedehnte Prospect Park (220 Hektar) mit einem Memorial Arch (Gedenkbogen) für die im Bürgerkriege Gefallenen und mit herrlichen Ausblicken auf die N.-Bai, das Häusermeer der Weltstadt und das offene Meer. Seinem Namen Dormitory (»Schlafsaal«) New Yorks entspricht Brooklyn nicht bloß als Wohnstadt der New Yorker Geschäftsleute, sondern auch als Kirchhofsstadt, besonders durch den schönen Greenwood Cemetery, den 190 Hektar großen Hauptfriedhof von N.

[Bevölkerung.] Die Bevölkerung von N. betrug 1700 nur 6000 Einw., 1776 gegen 22,000, 1790 bei der ersten Volkszählung 33,131, 1800: 60,515, 1840: 312,710, 1890: 1,515,301 u. 1900: 3,437,202 Einw., unter letztern 1,705,705 männliche, 1,731,497 weibliche, 60,666 Neger, 6321 Chinesen und 1,270,080 im Ausland Geborne (324,224 in Deutschland, 275,102 in Irland, 180,432 in Rußland und Russisch-Polen, 145,433 in Italien, 121,993 in Österreich-Ungarn, 72,692 in England und Wales, 19,836 in Schottland). Die Deutschen, die namentlich in der Gegend der A-Avenue (»Kleindeutschland«) zahlreich sind, haben nicht nur ihre Kirchen, Schulen und Hospitäler, sondern auch zahlreiche Klubs, Gesang- und Turnvereine. Die Italiener, die zwischen Bowery und Broadway wohnen, sind Obstverkäufer, Tagelöhner, Schuhputzer, Leierkastenmänner u.a., die Chinesen haben ebendort ihr Joßhaus (Tempel), ihre Opiumstuben, Wäschereien etc. Sehr stark sind die Irländer vertreten, die wie im öffentlichen Leben, so auch in den Gefängnissen eine bedenklich hervorragende Rolle spielen. Die 505 öffentlichen Schulen zählten 1903: 12,337 Lehrer und 461,292 eingetragene Elementarschüler. Daneben gab es 26 Korporationsschulen mit 560 Lehrern und 18,730 Schülern, 258 Privat-, Fach- und höhere Schulen und 10 Universitäten und Colleges, darunter die Columbia University, die N. University, das katholische Manhattan College u.a. (s. oben und den Artikel »New York«, Staat). Unter den 56 öffentlichen Bibliotheken (mit gegen 350 Ausgabestellen) sind die bedeutendsten die Astor Library (300,000 Bände), Mercantile Library (260,000), Lenox Library (150,000), N. Historical Society (75,000), Law Institute Library (50,000), N. Society Library (100,000) und die Bibliothek der Columbia-Universität (360,000 Bände), während die noch in der Organisation begriffene Public Library 1,250,000 Bände enthalten wird. Von den 25 Kunstsammlungen sind die bedeutendsten das Metropolitan Museum of Art mit den vom Konsul Di Cesnola auf Cypern gesammelten phönikischen und frühgriechischen Altertümern, einer historischen Glassammlung und einer sehr wertvollen Gemäldegalerie. Das American Museum of Natural History enthält sehr umfangreiche Sammlungen. Von gelehrten Gesellschaften sind zu nennen: die Historische Gesellschaft, die Geographische Gesellschaft, die Akademie der Wissenschaften, die Naturwissenschaftliche Gesellschaft u.a. Unter den musikalischen Vereinen sind besonders hervorzuheben die Philharmonic Society, Symphony Society, Oratorio Society und die Vereine Liederkranz und Arion. Für das Vergnügen sorgen 76 Theater und Konzerthallen sowie sehr zahlreiche Biergärten. Größere Klubs werden 123 gezählt, darunter verschiedene deutsche und zahlreiche Renn-, Ruder-, Kanoe-, Radfahrer-, Lawn-Tennis-, Turnvereine etc. Vorzüglich organisiert ist der städtische Feuerwehrdienst, der (1904) aus 163 Stationen und 3287 Mann besteht. Die Polizei zählt 83 Stationen und 8240 Mann. In N. erscheinen 56 Tagesblätter (darunter die deutsche »New Yorker Staatszeitung«, »The Sun«, »New York American«, »New York Herald«, »New York Times«, »New York Tribune« [s. unten], »World«), 220 wöchentliche und 390 monatliche Zeitschriften. Ein katholischer Erzbischof und zwei protestantische Bischöfe residieren in N. Von wohltätigen Anstalten besitzt die Stadt 132 Hospitäler und ärztliche Hilfsstationen, gegen 250 Waisenhäuser und Asyle jeder Art, 16 große Freibäder. Die drei Inseln im East River (Blackwell's, Ward's und Randall's) sind ausschließlich den öffentlichen Anstalten der Stadt gewidmet. Auf ihnen liegen 8 Krankenhäuser, 4 Arbeitshäuser, ein Versorgungshaus, 2 Irrenanstalten, ein Zuchthaus, ein Asyl für verwahrloste Kinder, eine Anstalt für Blödsinnige, ein Asyl für Trunkenbolde. Sämtliche Gebäude sind durch Sträflinge in Granit ausgeführt worden. Die Stadt hat 48 Friedhöfe.

[Industrie, Handel, Verkehr.] Hinsichtlich der Gewerbtätigkeit und des Handels nimmt die Stadt weitaus den ersten Rang unter den Städten der Union ein. 1900 wurden in 39,776 Industriebetrieben mit 462,763 Arbeitern für 1,371,358,468 Doll. Waren hergestellt. 1889 Männerkleiderfabriken lieferten mit 30,406 Arbeitern für 103,220,201 Doll., 1607 Frauenkleiderfabriken mit 44,715 Arbeitern für 102,711,604 Doll., 12 große Zuckerraffinerien (besonders in Brooklyn) mit 3075 Arbeitern für 88,598,113 Doll., 413 Druckereien mit 9888 Arbeitern für 51,397,304 Doll., 52 Großschlächtereien mit 1932 Arbeitern für 42,879,218 Doll., 589 Gießereien und Maschinenfabriken mit 19,560 Arbeitern für 41,089,475 Doll., 89 Brauereien mit 4824 Arbeitern für 39,105,837 Doll., 1841 Zigarren- und Zigarettenfabriken mit 20,519 Arbeitern 37,998,261 Doll., 56 Kaffeeröstereien mit 1427 Arbeitern für 21,346,195 Doll., 383 Putzmachereien mit 11,213 Arbeitern für 20,983,956 Doll., 512 Kürschnereien für 15,238,840 Doll., 187 Möbelfabriken für 13,246,405 Doll., 95 Pianofortefabriken für 12,650,905 Doll., 229 Juwelierwerkstätten für 9,712,179 Doll., 68 Seidenfabriken für 9,521,354 Doll. etc. Die Einfuhr bewertete sich 1904/05 auf 679,629,256, die Ausfuhr auf 524,726,005 Doll. und macht in ersterer Hinsicht 57,6 Proz., in letzterer 32,3 Proz. von dem gesamten Außenhandel der Union aus, so daß Boston, der zweite Einfuhrhafen, fast siebenmal von N. übertroffen wird und New Orleans, der zweite Ausfuhrhafen, ungefähr dreiundeinhalbmal. Die ausländischen Industrieartikel gehen zum allergrößten Teil durch N. im Lande ein, ebenso aber auch Kaffee (1904: 55,7 Mill. Doll.), Zucker (45 Mill. Doll.), Kautschuk (39,1 Mill. Doll.), Chemikalien (16 Mill. Doll.), Früchte (11,2 Mill. Doll.), Seide (9,8 Mill. Doll.), Tee (9,5 Mill. Doll.), Häute und Felle etc. Als Ausfuhrhafen ist N. der erste besonders in Brotstoffen (1904: 31,2 Mill. Doll.), Viehzuchtprodukten (89,3 Mill. Doll.), Vieh (12,1 Mill. Doll.), Petroleum (44,3 Mill. Doll.), Kupfer (38,4 Mill. Doll.) und Tabak (13,8 Mill. Doll.), während es mit seiner Baumwollausfuhr (28,5 Mill. Doll.)[608] hinter New Orleans, Galveston und Savannah zurücksteht. Zur Handelsflotte der Union stellt N. (1904) 23 Proz., nämlich 4209 Schiffe von 1,460,694 Ton. In seinem überseeischen Verkehr sind 67 regelmäßige Dampferlinien beschäftigt. 1904 liefen 17,9 Mill. Reg. – Ton. ein und aus (davon 14 Proz. aus Deutsch land), außerdem 16,8 Mill. Ton. im Küstenverkehr. Ein reger Schiffsverkehr besteht mit dem Innern auf dem Hudson und auf Kanälen, namentlich dem Eriekanal. In dem Hafen von N. landet die größte Zahl aller Einwanderer in die Union (1904: 718.423 Personen von insgesamt 812,870). Dampffähren (ferries) verkehren auf gegen 50 Linien und befördern im Jahresdurchschnitt über 200 Mill. Menschen. Dem Landverkehr dienen außer der N. Central- und der N.-Newhaven-Hartford-Bahn mit dem Grand Central-Bahnhof auch alle von Jersey City ausgehenden Linien. Elektrische Bahnen durchkreuzen die Stadt in allen Richtungen und haben Omnibusse und Droschken fast vollständig verdrängt. Aber noch wichtiger ist die auf eisernen Säulen gebaute und von einer riesigen Kraftstation mit 100,000 Pferdestärken betriebene Hochbahn (Elevated Railway), die 1904: 476,9 Mill. Personen be forderte und die Battery mit den entferntesten Stadtteilen verbindet, und die neue Untergrundbahn im jüdlichen Stadtteil sowie nach Brooklyn (Interborough Rapid Transit Railway), 1905 mit einem Verkehr von 339,1 Mill. Personen. Dem gewaltigen Geldverkehr dienen 52 National-, 62 Staats- und 52 Sparbanken, die durch das Clearinghouse ausgeglichenen Geschäfte betrugen 1905: 91,879,318,369 Doll., weit über die Hälfte sämtlicher Bank-Clearings der Union. N. ist Sitz vieler Konsuln, Deutschland ist durch einen Generalkonsul, einen Konsul und zwei Vizekonsuln vertreten. Die Stadtverwaltung untersteht einem auf vier Jahre gewählten Bürgermeister (mayor), 5 Bezirksvorstehern (borough presidents) und einem Stadtrat (Board of Aldermen) aus 73 Mitgliedern. Das steuerbare Eigentum der Stadt betrug 1904: 5,640,542,657, die städtische Schuld 400,658,341 Doll.

Die Umgebung der Stadt (s. die Karte) ist reizend; namentlich sind die herrlichen Ufer des Hudson, längs deren sich freundliche Landsitze hinziehen, sehr malerisch. Beliebte Ausflugsorte sind die Seebäder auf Coney Island und südlich von Sandy Hook sowie die Orte in den Catskill- und Adirondackbergen.

[Geschichte.] Manhattan Island und die Mündung des Hudson sollen 1524 von dem Florentiner Berazzano besucht worden sein; sicher ist, daß 1609 der Brite Henry Hudson, in holländischen Diensten, den nach ihm benannten Fluß hinausfuhr. Die erste Niederlassung auf Manhattan Island wurde 1614 von der Holländisch-Westindischen Kompanie gegründet und Neuamsterdam genannt. 1623 kauften die Holländer den Indianern für Waren im Werte von 24 Doll. die ganze Insel Manhattan ab. 1642 baute man die erste Kirche, 1656 zählte die Stadt 1000 Einw., 1664 wurde sie den Engländern übergeben und kam in den Besitz des Herzogs von York, von dem sie den Namen erhielt. 1700 war die Bevölkerung auf 6000 Seelen gestiegen; 1711 wurde daselbst ein Sklavenmarkt in der Wall Street errichtet. Während des Revolutionskrieges fiel N. 1776 in die Gewalt der Briten, die es erst 25. Nov. (Evacuation day) 1783 räumten. Von 1785–90 war N. Sitz der Bundesregierung; 1789 wurde hier Washington als erster Präsident der Vereinigten Staaten feierlich eingesetzt. 1807 fand in N. der Bau des ersten Dampfboots zur Schiffahrt auf dem Hudson statt, und 1825 brachte die Eröffnung des Eriekanals dem Handel mächtige Förderung. 1835 verheerte eine Feuersbrunst einen 16 Hektar großen Teil des Geschäftsviertels. Obwohl nicht Hauptstadt der Union, erlangte N. durch seine Größe hervorragende Bedeutung für diese und ihre Parteiverhältnisse und ist ein Hauptgegenstand des Wettstreits zwischen Republikanern und Demokraten. Die Stadtverwaltung ward lange von einer auf die zahlreiche irische Bevölkerung sich stützenden Parteiorganisation, dem Tammany Ring (s. d.), besonders unter Tweed (Tweed Ring), beherrscht und ausgebeutet, deren Einfluß bis in die Gegenwart fortdauert.

Vgl. Appleton, Dictionary of Greater N. (zuletzt 1905); King, Handbook of N. (1893); E. Ingersoll, Handy Guide to N. City (Chicago 1902); Bädekers »Nordamerika« (2. Aufl., Leipz. 1904); Gratacap, Geology of the city of N. (neue Ausg. 1902); Durand, The finances of N. city (1898); Coler, Municipal government of N. (1900); Hemstreet, Literary N. (1903); Palmer, N. public school. History of free education in City of N. (1905); Wilson, N. old and new (1903, 2 Bde.); Morey, The government of N. (1903); Roberts, N. (in »American Commonwealths Series«, neue Ausg., Boston 1904, 2 Bde.); Jones, Sociology ofa N. City block (1904). – Über die Geschichte der Stadt vgl. von neuern Werken die von Lossing (1884, 2 Bde.), Todd (1888), Roosevelt (1891), Wilson (1891–94, 4 Bde.), Ulman (1901); Janvier (1903); Richmond, N. and its institutions 1609–1871 (1872); Morris, Makers of N. (Philad. 1895); Innes, New Amsterdam and its people (1902); Breen, Thirty years of N. politics up to date (1899); Lincoln, The constitutional history of N. (Rochester 1906). Die ältesten Urkunden von N. sind erschienen u. d. T.: »Records of the City of N.« sowie in »New Netherlands« (hrsg. von Dawson, 1840).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 14. Leipzig 1908, S. 605-609.
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Lysistrate. (Lysistrata)

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Nach zwanzig Jahren Krieg mit Sparta treten die Athenerinnen unter Frührung Lysistrates in den sexuellen Generalstreik, um ihre kriegswütigen Männer endlich zur Räson bringen. Als Lampito die Damen von Sparta zu ebensolcher Verweigerung bringen kann, geht der Plan schließlich auf.

58 Seiten, 4.80 Euro

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Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

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Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

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