Brasilien [2]

[218] Brasilien (Gesch.). I. Älteste Zeit. Die ältesten Bewohner B-s waren, so viel man weiß, die Tapuyas, die, in 76 Stämme getheilt, unter Stammhäuptlingen standen. Sie besaßen eine vermuthlich noch ältere Cultur als die der Ureinwohner Peru's, wie man aus den 1845 entdeckten Resten einer untergegangenen Stadt schließt. Großes Ansehen genossen bei ihnen die Priester; sie verehrten als obersten Gott Hucha, außerdem mehrere Gestirne. Die Tapuyas wurden später aus einem großen Theile B-s von den aus Süden kommenden Tupis verdrängt, unter denen die Tupinambas der mächtigste Stamm waren, die einen guten, Tupan, u. einen bösen Gott, Aygnan od. Anhanga, verehrten, die Tupis besetzten die Küste u. waren daher zumeist den Angriffen der Fremden ausgesetzt. Unter den Europäern kam zuerst der Spanier Vincente Nuñez Pinzon, welcher den 26. Januar 1500 bei Cabo S. Agostin landete, u. nach ihm, den 24. April 1500, der Portugiese Pedro Alvarez Cabral, der auf Befehl des Königs Emanuel von Portugal nach OIndien segeln sollte, nach B. verschlagen, dahin; er landete zuerst in der Bucht von Puerto Seguro u. nannte Anfangs das entdeckte Land Terra da vera Cruz (Land vom wahren Kreuz), welcher Name später nach dem dort sich findenden rothen Brasilienholze (Paodo Brazil, Holz der glühenden Kohle), in B. verwandelt wurde. Die Portugiesen schickten Anfangs blos Verbrecher u. von der Inquisition Verurtheilte nach B., welche Papageien u. Farbehölzer einsammeln mußten. 1548 verbannte man die Juden dahin. Mit der Zeit, als man B. 1531 in 9 Capitanias getheilt hatte, gingen mehrere Edelleute nach B., welche große Striche als Erbstatthalter u. Lehnsleute (Pobladores) in Lehn erhielten u. diese wieder als [218] Afterlehn vergaben; unter ihnen führte Martin Alfonso de Souza den Bau des Zuckerrohrs u. des Getreides u. Viehzucht ein u. Diego Alvez Correa trat mit den Tupinambas in Bahia in ein patriarchalisches Verhältniß.

II. Unter portugiesischer Herrschaft, 1549–1822. 1549, wo B. den Portugiesen durch päpstliche Entscheidung zugefallen war (s. Amerika), gab Johann III. der Colonie den ersten Gouverneur, Thomas de Souza, der S. Salvador (Bahia) gründete, die Rechte der Pobladores beschränkte, die Negersklaven einführte u. die meisten Indianerstämme unterwarf. 1584 ließen sich auch Franzosen in B. nieder, die jedoch 1601 von den Portugiesen wieder vertrieben wurden. Durch den Übergang der Krone Portugals an Spanien kam auch B. unter spanische Hoheit. Da nun die Spanier die Niederländer, welche sich dort niedergelassen hatten, sehr bedrängten, so rächten sich diese an denselben u. nahmen 1624 Bahia. Zwar vertrieben die Spanier unter Frederico die Niederländer wieder, doch nahm der holländische Admiral Jak. Willekees 1630 Pernambuco aufs Neue, von wo aus die Niederländer den nördlichen Theil u. unter Moritz von Nassau 1637 selbst Bahia wieder eroberten. Sie erhielten zwar nach der Thronbesteigung des Hauses Bragança in Portugal, 1640, Anerkennung ihrer Besitzungen, aber über ihren schweren Bedrückungen brach durch die Umtriebe der Plantagenbesitzer B-s 1645 eine von England u. Portugal unterstützte Empörung aus; nach wechselndem Kriegsglück mußten sie, von Calvacante, einem kühnen Abenteurer, mehrere Male geschlagen, 1654 B. räumen u. gaben 1661 gegen eine Abfindungssumme von 350,000 Pfd. Sterl. ihre Ansprüche auf dasselbe ganz auf. 1679 kamen die Portugiesen, welche nun die Herren von B. waren, über die Colonie S. Sagramento in einen Streit mit Spanien, welcher erst 1777 damit endigte, daß Spanien im Besitz der Colonie blieb. Die Entdeckung der Goldminen zu Minas Geraes 1698 u. der Diamantgruben 1729 erhöhten die Wichtigkeit des Landes, welches außerdem viele tropische Producte von vorzüglicher Güte lieferte. Indessen verwalteten die Portugiesen das Land schlecht; kein fremdes Schiff wurde zugelassen, hohe Zölle angeordnet, nur die Bergwerke u. Diamantgruben ausgebeutet u. das fruchtbare Land den jüngeren Söhnen des Adels u. den Jesuiten geschenkt (Donatarios) od. an Abenteurer zur weiteren Eroberung verhandelt (Conquistadores), die es durch Negersklaven anbauen ließen u. die mit Gewalt unterworfenen Ureinwohner zu Sklavendiensten zwangen. Im Jan. 1808 verlegte die portugiesische Regierung ihren Sitz von Lissabon, welches die Franzosen besetzt hatten, nach Rio Janeiro u. gab 1815 B. den Titel eines Königreichs. Da die mit der Königsfamilie eingewanderten Portugiesen (etwa 15,000 an der Zahl) vom Hofe sehr begünstigt wurden, dagegen manche den brasilianischen Portugiesen gegebene Versprechungen unerfüllt blieben, so griff der Geist der Unzufriedenheit immer mehr um sich. Indessen hatte der Aufenthalt des Königs in B. manche wesentliche Verbesserung in der inneren Verwaltung des Landes zur Folge. Die Zölle wurden erleichtert u. die Verbindung B-s mit Europa u. auch mit Deutschland eröffnet. Viele fremde Kaufleute siedelten sich in Rio, Colonisten auf dem Lande an, die Vermählung der Erzherzogin Leopoldine mit dem Kronprinzen Pedro führte auch Fremde ein u. das Geheimniß, mit dem sonst das Innere fremden Augen verschlossen gehalten wurde, hörte auf. Mit auswärtigen Staaten gab es manche Schwierigkeiten, bes. weigerte sich Spanien, den Beschlüssen des Wiener Congresses zu Folge, nach welchen es Olivenza an die portugiesische Regierung in Amerika abtreten sollte, Folge zu leisten. Durch Besetzung u. Verbindung der Banda Oriental mit B. wurde das Land wesentlich vergrößert. Ein Aufstand in Pernambuco 1817, welches sich als Republik losreißen wollte, wurde zwar von portugiesischen Truppen unterdrückt, als aber die neue Verfassung, welche sich Portugal 1820 gab, den Hof 1821 nach Portugal zurückrief, verließ Johann VI. B. nicht ohne unruhige u. blutige Auftritte, welche die Forderungen der Bank an den König am 26. Febr. verursachten, u. nicht ohne revolutionäre Anzeichen am 21. u. 22. April, weshalb der König am 26. April die Wahlversammlungen mit Truppen sprengen ließ. Sein Sohn, der Kronprinz Pedro, blieb als Prinz-Regent zurück. Das Mutterland beschloß nun, daß B. nicht als Nation vertreten, daß der Prinz-Regent von Lissabon aus vom Staatsministerium zurückberufen u. B. ferner durch Gouverneurs regiert werden solle. Deshalb entstanden im Decbr. 1821 in Rio Janeiro heftige Bewegungen, man erklärte dem Prinz-Regenten, wenn er abreise, werde man die Republik proclamiren, u. dieser fand es daher gerathen, am 9. Jan. 1822 zu erklären, bleiben zu wollen, entfernte die portugiesischen Truppen, nahm im Mai den Titel eines beständigen Vertheidigers von B. an, berief eine Nationalversammlung von 100 Abgeordneten zur Entwerfung einer Verfassung u. ward, nachdem diese am 1. Aug. die Trennung B-s von Portugal, die portugiesischen Cortez dagegen im September die nochmalige Zurückberufung des Prinz-Regenten bei Verlust der Thronfolge in Portugal ausgesprochen hatten, am 12. Octbr. 1822 zum verfassungsmäßigen Kaiser von B. ernannt.

III. Als besonderes Reich. A) Unter Pedro I., 1822–1831. Der Prinzregent nahm am 18. December die kaiserliche Würde u. den Namen Pedro I. an. Die Brüder Joze Bonifazio u. Martin Francesco Andrada waren Minister des Kaisers u. strebten Anfangs vergebens, dem neuen Kaiserreich Anerkennung bei Portugal u. den europäischen Großmächten zu verschaffen, sowie das Innere zu beruhigen. Im Dec. 1822 eroberten die Brasilier Montevideo, welches sie als Cisplatina mit B. vereinigten, u. im Juli 1823 zwang der brasilische Admiral Cochrane den portugiesischen General Madeira, Pernambuco zu räumen. Inzwischen fanden die Republikaner, welche in Pernambuco am stärksten waren, bes. in den Freimaurern, obgleich der Kaiser Großmeister war, Unterstützung, u. dieser ließ daher die Logen schließen. Am 3. Mai 1823 wurde die 1. Cortezversammlung von B. eröffnet, die Verhaftung der Ultraliberalen u. das Verbot geheimer Gesellschaften fanden aber in ihr, bes. durch Aranjo Lima, solchen Widerstand, daß der Kaiser das Ministerium Andrada am 11. Juli entließ u. ein republikanisches Ministerium annahm. Indeß blieb der Widerwille der Brasilier gegen die Portugiesen,[219] welche viele hohe Stellen im Civil u. in der Armee inne hatten u. für Begünstiger des Absolutismus galten; ja es kam, nachdem der Kaiser die ihm vorgelegte neue ultraliberale Constitution vom 10. Aug. zurückgewiesen hatte, selbst in den Cortez zu Kämpfen, u. am 10. Novbr. zu einem Aufstand in Rio, worauf der Kaiser am 12. Nov. die Cortez mit Gewalt auflöste. Die Andradas, welche sich zur Opposition geschlagen hatten, wurden verhaftet u. deportirt. Ähnliche Unruhen hatten in den Provinzen, bes. in Pernambuco, Statt gefunden. Einer zweiten, durch neue Wahlen schon Ende Nov. 1823 berufenen Cortezversammlung legte der Kaiser nun am 11. Dec. den Entwurf einer neuen Verfassung vor, welche auch angenommen u. am 9. Jan. 1824 von dem Volke u. am 25. März von dem Kaiser u. der Kaiserin beschworen wurde. Neue Unruhen brachen in Pernambuco aus, welches unter Führung des Präsidenten Carvalho Paez d'Andrada sich zur Republik der Union des Äquators erklären wollte, aber, im Septbr. 1824 vom Admiral Cochrane u. General Lima gestürmt, mittelst des Martialgesetzes, das erst 1829 aufgehoben ward, im Zaume gehalten wurde. Unterhandlungen zu London u. Lissabon, bei denen der englische Gesandte in Lissabon Stuart u. der portugiesische Minister Villareal bes. thätig waren, führten den 29. Aug. 1825 zur Anerkennung der Unabhängigkeit B-s von Seiten Portugals, worauf die der anderen Großmächte bald folgte; die diplomatischen Verbindungen wurden nun wieder angeknüpft. Ende 1825 begann auch ein Krieg mit der Republik la Plata wegen der Banda-Oriental (s. oben), welche die la Platastaaten in ihre Union aufgenommen u. besetzt hatten. Zwar blockirte B. den la Platastrom u. hielt Montevideo besetzt, aber da Montevideo sich entschieden gegen B. erklärte, ward dieses am 27. Aug. 1828 zum Frieden genöthigt, in welchem es die Banda-Oriental als eigenen Staat (Uruguay) anerkannte. Obgleich England viel dazu beigetragen hatte, B. mit Europa zu versöhnen, so hatte es doch in Unterhandlungen in seinem Interesse wenig Glück in B.; ein neuer Handelsvertrag zwischen ihm u. B. ward 1825 zwar entworfen, aber nicht ratificirt, u. ebenso wurde der Vertrag von 1826 über Aufhören des Sklavenhandels auf Antrag B-s noch 4 Jahre vertagt; erst 1830 wurde der Sklavenhandel verboten, das Verbot jedoch nicht durchgeführt. 1826 starb der König von Portugal, Johann VI., Pedros Vater, u. der Kaiser erbte Portugal. Pedro, der nach der Constitution von B. das Land ohne Erlaubniß der Cortez nicht verlassen durfte, verzichtete auf den Thron Portugals zu Gunsten seiner ältesten Tochter, Maria da Gloria (s. Portugal, Gesch.), am 2. Mai 1826, u. fuhr fort, sich der Regierung B-s mit dem besten Willen u. unermüdlichem Eifer anzunehmen. Dennoch wollte das Land nicht zu Gedeihen u. Frieden kommen; der Hauptgrund lag in der unübersehbaren Größe des Landes, einmal erschwerte dies die Verwaltung (die Brasilier wollten keine Fremden auf die einflußreichen Verwaltungsstellen, u. in ihrer Mitte fehlte es an Leuten von Talent dazu); dann fehlte es an gehöriger Aufsicht, u. fast ohne Aufhören brachen an den verschiedenen Orten des Reiches Empörungen der Republikaner aus. Daß unter solchen Umständen die Finanzen nicht gut bestellt waren, war natürlich. Zu den Calamitäten kamen noch die Unordnungen, welche fremde Soldatenbanden machten. Nämlich schon seit 1824 bestand in brasilischen Diensten ein Fremdencorps, zu welchem von dem Major Schäffer in Hamburg bes. Deutsche unter lockenden Versprechungen geworben wurden. Die größte Zügellosigkeit herrschte bei diesem meist aus Gesindel bestehenden Corps, dessen Offiziere nicht besser als die Soldaten waren. Freilich war die Regierung zum Theil Schuld an dem Mangel an Zucht, indem sie die den fremden Soldaten gegenüber eingegangenen Verpflichtungen nicht hielt, la sogar mit der Soldzahlung im Rückstande blieb. Diese Zustände wurden noch schlimmer, als die Bataillons mit etwa 2000 geworbenen Irländern ergänzt wurden. Am 11. Juni 1828 brach wegen der barbarischen Züchtigung eines deutschen Grenadiers eine Revolte aus, welche ganz Rio durchwüthete u. in welcher mehrere Hunderte von beiden Theilen blieben, bis endlich die meuterischen Bataillons bezwungen, mehrere Rädelsführer auf die Galeeren geschickt, die untauglichen Offiziere nach Deutschland zurückgesendet u. Schäffer seines Dienstes entlassen u. in das Innere verwiesen wurde. Die Fremdenbataillons wurden großentheils nach den Provinzen gesandt u. erhielten eine bessere Behandlung. Im Dec. 1830 wurde das Corps plötzlich aufgelöst u. die Offiziere u. Soldaten sahen sich genöthigt, sich in Colonien anzusiedeln. Solcher Colonien entstanden mehrere. namentlich einige Facendas (Meiereien), in den Umgebungen der Hauptstädte, S. Leopoldo, von der Kaiserin Leopoldine gegründet, Frankenthal von Schäffer, Friburgo, Anfangs von Schweizern bewohnt, u. mehrere in Rio Grande, Minas Geraes etc. Im Jahre 1828 beschäftigten sich die Cortez mit Gesetzen über die Gemeindeverfassung, Organisation der Nationalgarde u. Emancipation der Sklaven; sie beschlossen, allen Nationen gegen eine Abgabe von 15 Proc. freien Handel zu bewilligen, wurden jedoch sehr bedenklich, als der Kaiser erklärte, die Ansprüche seiner Tochter Donna Maria da Gloria auf den portugiesischen Thron, welchen sein Bruder Dom Miguel beanspruchte, vertheidigen zu wollen, u. dazu die Beihülfe der Cortez verlangte. Die Truppen empörten sich u. mußten durch englische u. französische Seesoldaten von den anwesenden Flotten zur Ordnung gebracht werden. 1829 traten die Cortez entschieden gegen den Kaiser auf. Wieder waren die Finanzen der Hauptgegenstand der Verhandlungen. Das Budget u. eine vom Kaiser vorgeschlagene Reichsbank ward verweigert, die Entlassung der fremden Offiziere verlangt, u. da man endlich den Kaiser persönlich beleidigte, löste dieser die Kammer am 3. Sept. auf. Um indeß sich der revolutionären Partei geneigt zu machen, berief der Kaiser Ende 1829 ein neues Ministerium, das außer dem Kriegsminister nur aus geborenen Brasiliern bestand; allein auch dies vermochte die Stimmung des Volkes nicht zu bessern. In den neuen Cortez, die am 3. Mai 1830 zusammentraten, schlug der Kaiser viel Zweckmäßiges, u.a. auch Beschränkung der zügellosen Presse, vor; die Demokraten verwarfen aber Alles, ja sie setzten den Kriegsminister in Anklagestand. Immer höher stieg der Unwille gegen den Kaiser u. als er im März 1831 von einer Reise nach Minas Geraes (wohin er, um das Volk für sich zu gewinnen, gegangen war).[220] heimkehrte, fand er sich nur von Hofleuten u. Portugiesen bewillkommnet; vergebens berief er noch entschiedenere Republikaner ins Ministerium, u. da dies nichts an der Stimmung änderte, bildete er am 5. April ein Cabinet von entgegengesetzter Färbung, um noch einmal mit Strenge zu versuchen, was er durch Milde u. Nachgiebigkeit nicht zu erreichen vermochte. Dieser Entschluß wirkte vollends auf das Nachtheiligste. Am 6. April brach die Empörung aus, der Aulismo u. Lusitano (die portugiesische Hofpartei) wurden gestürzt, die Truppen fielen, als der Kaiser eine neue Änderung des Ministeriums ausschlug, unter dem Commandanten Francisco de Lima ab, u. am 7. April 1831 erfolgte die Abdankung Dom Pedros I. zu Gunsten seines siebenjährigen Sohnes Pedro II.

B) Unter der Regentschaft für Pedro II., 1831–1840. Der neue Kaiser, Pedro II., blieb, unter einer von den Kammern ernannten Regentschaft, bestehend aus Carcarellas, Vergueira u. Francisco de Lima, in Rio, während der abgetretene Kaiser sich am 17. April mit seiner Familie nach Europa einschiffte. Vom Schiffe aus setzte er Dom Basilio Andrada zum Vormund seines Sohnes ein, doch wurde dieser von den Cortez Anfangs nicht anerkannt. Es hatten sich inzwischen in B. folgende Hauptparteien gebildet: Unitarier, die Einer Centralmonarchie anhingen; zu ihnen gehörten Anfangs die Caramuros (Monarchisten), welche die Rückkehr Dom Pedros I. wünschten (hauptsächlich die großen Städte, bes. Rio); die Föderalisten, welche getrennte Provinzialverwaltungen, nur durch eine Centralmonarchie verbunden, verlangten; u. Republikaner (Faroupilhas), bes. die freien Neger, Mulatten u. Mestizen, eine rohe, politisch völlig unreife Menschenklasse. Gegen Letztere verbanden sich fast alle Grundbesitzer zu Bürgergarden, um ihr Eigenthum bei der Machtlosigkeit der Polizei gegen räuberische Angriffe zu schützen. Die Unordnungen nahmen immer mehr über Hand, u. der Staat drohte bei der Ohnmacht der unter den Einflüssen bald dieser, bald jener Partei u. einzelner Persönlichkeiten schwankenden Regierung völlig auseinander zu fallen. Mit Mühe gelang es der interimistischen Regentschaft die Aufstände zu Bahia, Pernambuco, Rio (wo das Volk u. Militär die zurückgebliebenen Portugiesen mordete) u. in anderen Städten des Reiches, sowie eine Empörung der Farbigen zu Ende Mai u. eine andere von Madeira für Pedro I. zu Ceara angefacht, zu unterdrücken. Sie sah sich mehrere Male genöthigt, die Hülfe der bewaffneten Bürger u. der englischen u. französischen Flotte gegen die Aufrührer in Anspruch zu nehmen. Um diesen heillosen Zuständen ein Ende zu machen, erwählten die Kammern am 17. Juni 1831 eine permanente Regierung, die aus Francisco de Lima, Costa Carvalho u. Brasilio Muniz bestand; aber auch diese hatte kurz nach ihrer Errichtung, im Juli, August, September u. October mit Aufständen, besonders in Rio, Pernambuco u. Para, zu kämpfen, welche ebenfalls mit Hülfe der Nationalgarden gestillt wurden, da das Militär sich den Insurgenten angeschlossen hatte. Die Wahlen zum Congreß 1833 gingen unter andauernden Ruhestörungen von Seiten des farbigen Pöbels vor sich. Währen' in Rio ein verdächtiger militärischer Verein aufgelöst, auch der von dem Congreß 1831 anerkannte Erzieher des Kaisers, Bonifacio Andrada, entfernt u. durch den Marquis v. Itanhaem ersetzt wurde, brachen in den Provinzen Aufstände aus verschiedenen Ursachen aus: am 24. Febr. in Ouro-Preta in Minas gegen den Präsidenten u. Vizepräsidenten, weil sie der Hinneigung zum Föderalismus, u. am 20. April in Para gegen die Wohlhabenden, weil sie des Absolutismus verdächtig waren. Der neue Congreß von 1834 änderte die Verfassung von 1824 u. näherte sie sehr der nordamerikanischen Föderativverfassung. Nach dieser Verfassung traten gesetzgebende Provinzialversammlungen (bei einigen Provinzen von 36, bei anderen von 28 u. bei noch anderen von 20 Mitgliedern) ins Leben, u. jede Provinz erhielt eine Provinzialregierung, welcher, unabhängig von der Centralregierung, die innere Verwaltung oblag. Der Präsident des Senats wurde in seiner Machtbefugnis beschränkt, der Staatsrath abgeschafft u. für die Dauer der Unmündigkeit des Kaisers ein Regent aus 4 Jahre gewählt. Im Oct. 1835 wurde daher die bisherige Regentschaft entlassen u. Diego Antonio Feijo trat als alleiniger Regent sein Amt an. Der revolutionären Elemente vermochte indeß der Regent nicht Herr zu werden. Abermals waren im Jan. 1835 in Para Unruhen ausgebrochen. Im Juli bemächtigten sich die Tapuindianer der Stadt u. behaupteten sich ungeachtet der englischen u. französischen Flotte bis zum Jan. 1836, wo endlich der brasilische General Andrea die Stadt nahm; im Juli 1835 proclamirten die Ultraliberalen mit Hülfe von Negern in Besa die Republik, wurden aber blutig unterdrückt; die Provinz Rio Grande erklärte sich im April 1837 zur unabhängigen Republik u. den Oberst Bento Goncalvez de Silva zu ihrem Präsidenten. Nur die Hauptstädte der Provinz Porto Allegre u. Rio Grande blieben in den Händen B-s. Da Diego Ant. Feijo einsah, daß er mit seinen redlichen Bestrebungen nicht durchdringen konnte, so legte er im September 1837 die Regentschaft nieder u. Pedro Araujo de Lima wurde zum Regenten gewählt. Aber auch unter diesem ging es nicht besser. Bahia erklärte sich im Nov. 1837 zur Republik u. vertrieb die Portugiesen u. alle Anhänger der Regierung u. erst im März 1838 gelang es dem Marschall Collado, die Stadt zu bezwingen u. das Haupt des Aufstandes, Sabino, gefangen zu nehmen. Ebenso entstanden in der Provinz Maranhao 1839 Aufstände u. die Stadt Caxias wurde von einem Räubercorps zweimal geplündert. Der neugewählte Congreß von 1838–1841 trat, unter bedenklichen Umständen zusammen. Indessen schlössen sich die Conservativen fester an einander; die Opposition wurde durch Beschränkung der Preßfreiheit geschwächt, die Aufstände der Städte hörten in Folge der bei Bahia angewandten Strenge u. der Schärfung eines Paragraphen des brasilischen Criminalcodex für einige Zeit auf; auch wurde ein neues Anlehen bewilligt, das man in London contrahirte. Vorübergehend besetzten die Franzosen unter dem Vorwand der herrschenden Unruhen von dem französischen Guyana aus einige brasilische Grenzdistricte, die sie aber 1840, wo eine Grenzberichtigung zu Stande kam, wieder räumten. Im Juli 1840 löste der Regent Pedro Araujo de Lima die Kammern auf; diese schritten indeß, statt[221] auseinander zu gehen, zu einem völlig revolutionären Act, indem sie den noch nicht 15jährigen Kaiser Pedro II. für volljährig erklärten.

C) Unter der persönlichen Regierung Dom Pedros II., 1840–1857. Der Kaiser berief die Brüder Andrada, die Veranstalter jener Revolution, in das Ministerium. Am 18. Juli 1841 wurde der junge Kaiser gekrönt. Das alte Parteitreiben begann alsbald von Neuem. Die republikanische od. brasilianische Partei, obgleich die zahlreichern, unterlag der aristokratischen od. portugiesischen, welche über die materiellen Mittel im Lande gebot. Mit der Niederlage der republikanischen Partei traten auch die Andrada aus dem Ministerium u. kehrten in die Provinz S. Paulo, ihr Geburtsland, zurück, wo sie im Mai 1842 einen Aufstand anzettelten, der aber im August d.i. durch den General Caxias unterdrückt wurde. Gleichzeitig brach auch ein Aufstand in der Provinz Minas Geraes aus; an der Spitze der Aufständischen stand Dom Jose Feliciano, vormals Präsident der Provinz. Dieser schlug mit seinem 6000 Mann starken Heere den kaiserlichen General Rietona am 26. Juli 1842 bei Queluz (nördlich von Barbacena), da er aber zu seiner Verstärkung Farbige u. Sklaven an sich zog, hatte dies den Abfall eines großen Theils seiner Anhänger, der Besitzenden, zur Folge, worauf er im August von General Caxias bei Sta. Lucia geschlagen u. der Aufruhr gedämpft wurde. In Rio Grande, wo David Canabarro an der Spitze der Insurgenten stand, wurde der Aufstand erst nach 4 Jahren, im März 1845, gedämpft; die Insurgenten erhielten Amnestie u. unterwarfen sich. Während der 1. Session der 1845 neu zusammengetretenen Kammern wurde im August ein kaiserliches Decret erlassen, welches die Civilisirung u. Christianisirung der Indianer befahl; am Ende der 2. Session erklärte der Kaiser in der Thronrede, daß er bei dem ausgebrochenen Streite Englands u. Frankreichs mit Buenos Ayres neutral bleiben würde. Dennoch wurde, um Oribe, dem Präsidenten von Uruguay, die Subsistenzmittel abzuschneiden, der Verkehr zwischen Rio Grande u. der Banda Oriental verboten (s. Argentinische Republik). 1845 erlosch der 1830 auf 15 Jahre mit England abgeschlossene Vertrag wegen des Durchsuchungsrechtes brasilianischer Schiffe, u. B. weigerte sich denselben zu erneuern, versprach zwar die einheimischen Gesetze gegen den Sklavenhandel aufrecht zu erhalten, protestirte aber gegen die britische Parlamentsacte wegen Behandlung brasilianischer Sklavenhändler gleich den Seeräubern. Überhaupt herrschte in B. eine große Abneigung gegen England; ungeachtet dieses schon lange gesucht hatte, Handelsverbindungen mit B. anzuknüpfen, so ging B. darauf nicht ein, u. nicht bloß, daß B. das 1843 von England gestellte Anerbieten des Abschlusses eines Handelsvertrags ablehnte, die Kammern setzten 1847 sogar durch, daß für englische Waaren 1/3 mehr Eingangssteuer als für die anderer Länder gezahlt werden sollte. Alles, was die Engländer dagegen erreichten, war, daß das bezügliche kaiserliche Decret nicht vor 1849 in Vollzug gesetzt werden sollte. Die französische Revolution im Februar 1848 übte auf den Handel u. Verkehr in Rio Janeiro lähmenden Einfluß aus u. weckte von Neuem die schlummernden Bestrebungen der revolutionären Köpfe. Nachdem zu Anfang des Jahres 1848 erst ein Sklavenaufstand in der Provinz Rio Grande unterdrückt worden war, machte im Juni die republikanische od. Sta. Luciapartei in Pernambuco einen neuen Aufstand. Dieselbe wollte die Portugiesen aus dem Lande vertrieben od. wenigstens aller Stellen entsetzt wissen u. forderte die Freilassung der Sklaven in der Absicht, durch dieselben Verstärkung zu erhalten. Die Regierung Anfangs im Nachtheil gegen die Aufrührer, brachte denselben Anfangs Mai 1849 eine schwere Niederlage bei. Im October 1848 wurde ein neues Ministerium gebildet, welches den englischen Interessen günstiger war u. die Ausführung des Steuererhöhungsdecrets bis zu Anfang 1850 verschob. Die widerstrebenden Kammern wurden 1849 aufgelöst. Die neuen Wahlen fielen meist günstig für die Regierungspartei (Saquarema, nach einem Orte, wo ihre Parteiführer sich zu versammeln pflegten, so genannt) aus, u. die Deputirtenkammer erklärte in der Sitzung vom 17. Juli 1850 den Sklavenhandel für Seeraub (s.u. Sklaverei). Die englische Angelegenheit erhielt indeß 1850 einen gewaltigen Stoß. Ein englisches Schiff hatte nämlich mehrere brasilianische Schiffe in dem Hafen von Paraguay als vermeintliche Sklavenschiffe theils in Brand gesteckt, theils in Tau genommen u. wollte mit letztern absegeln, u. da von dem Fort aus auf das englische Schiff geschossen wurde, so schossen die Engländer das Fort in Brand. Auf diese Nachricht decretirte die Abgeordnetenkammer, daß der Eingangszoll der englischen Waaren von 30 auf 90% erhöht werden sollte. Doch wurde bald darauf das gute Einvernehmen mit England wieder hergestellt, da England sich zu einer Beschränkung des Durchsuchungsrechts verstand u. die brasilianische Regierung, nach dem Gesetz vom 4. Septbr. 1850, ernstliche Maßregeln ergriff, dem Sklavenhandel zu steuern, denn während noch 1850 23,000 Sklaven eingebracht worden waren, hatte sich 1851 deren Zahl auf 3287 vermindert. Im Innern des Landes war eine leidliche Ruhe eingetreten, weshalb die Regierung ihre ganze Aufmerksamkeit den kriegerischen Verwickelungen an der Südgrenze des Reiches zuwenden konnte. Nachdem B. schon seit Ende 1849 Rüstungen gegen die Argentinische Republik vorgenommen u. ein Bündniß mit Paraguay geschlossen hatte, begannen die Feindseligkeiten 1850, indem Baron Jacultry mit einem kleinen Heere in Buenos Ayres einfiel u. den feindlichen Anführern General Sarvando u. Oberst Lamas eine Niederlage beibrachte. Neben den Rüstungen im eignen Lande wurden Werbungen in Deutschland veranstaltet. Die Regierung, durch Beschluß der Kammern vom 6. Sept. 1850 ermächtigt, behufs der Bildung einer Art von Militärgrenze, die in der Zahl von 6000 militärischen Auswanderern bestehen sollte, ausländische Truppen zu werben, sandte den früheren Kriegsminister Seb. do Rego Barros als Commissar nach Deutschland, welcher aus den Trümmern der sich eben auflösenden schleswig-holsteinschen Armee im Frühjahr 1851 ein Corps von etwa 2000 Mann nach B. überführte, u. schloß mit der Republik Uruguay u. mit Urquiza, dem Statthalter von Entre Rios, einen geheimen Vertrag. Erst im Juli 1851 wurde der brasilianische Gesandte aus Buenos Ayres abberufen, u. nachdem Admiral Grenfell mit 2 Dampfern den Parana hinausgegangen war u. die Rüstungen Rosa's[222] nur unerheblich gefunden hatte, der Krieg gegen Buenos Ayres damit eröffnet, daß Urquiza an der Spitze von 6000 Mann am 20. Juli den Uruguay überschritt. Urquiza wurde von den Landeseinwohnern gut empfangen, die angesehensten Parteiführer, welchen General Oribe die Vertheidigung der Grenze anvertraut hatte, schlossen sich ihm an, u. am 25. Juli nahm er ohne Schwertstreich von der Stadt Paysandu Besitz. Ganze Truppenabtheilungen Oribes desertirten u. gingen zu Urquiza über. Nach u. nach kam das ganze Land zwischen dem Uruguay u. Tacuarimba in die Gewalt. Urquiza's, u. die nachrückende Hauptarmee gab ihm ein großes Übergewicht über die feindliche Macht. Nachdem Oribe unter diesen Umständen am 2. Sept. die Belagerung von Montevideo aufzugeben genöthigt worden war, mußte er, ohne daß es zu einem anderen Gefechte gekommen wäre, als zwischen seiner Nachhut u. einer Division unter General Servando Gomez, Anfang October mit Urquiza capituliren. Mit den Provinzen Paraguay, Corrientes, Entre Rios u. Uruguay schloß B. nun ein Schutz- u. Trutzbündniß u. trat dadurch gewissermaßen an die Stelle von England u. Frankreich, seitdem die britische Regierung mit Rosas Frieden gemacht u. Frankreich durch den Vertrag Leprédour Montevideo preisgegeben hatte. Um einem etwaigen Angriffe des Dictators kräftig begegnen zu können, ward Urquiza durch neue Rüstungen verstärkt. Nach Vollendung derselben u. der nun erfolgten Kriegserklärung brach Urquiza von Montevideo auf, überschritt am 24. Dec. 1851 bei El Diamante den Parana, besetzte das Land am rechten Ufer des Flusses u. zwang den General Mancilla, sich auf Buenos Ayres zurück zu ziehen, wo sich derselbe mit Rosas vereinigte. Urquiza brach nun in Eilmärschen gegen Buenos Ayres auf, griff am 3. Febr. 1852 bei Monte Caseros die Armee des Dictators mit 23,000 Mann u. 30 Kanonen an u. trug einen vollständigen Sieg davon. Mit diesem einen Siege war der Krieg zu Gunsten B-s entschieden; der Dictator wurde entsetzt u. der Argentinische Staatenbund neu constituirt. Der Handel B-s nahm während u. nach dem Kriege einen großen Aufschwung, u. das Budget, welches der vom 3. Mai bis 4. Sept. tagenden Kammer vorgelegt wurde, erwies eine bedeutende Mehreinnahme, so daß die Finanzlage des Kaiserreiches sich günstiger gestaltete. Mit der Republik Peru wurde ein Schifffahrts- u. Grenzberichtigungsvertrag abgeschlossen. Die deutsch-brasilische Legion wurde 1853 aufgelöst, da der ursprüngliche Plan, mit derselben eine Art Militärgrenze zu etabliren, an der schlechten Haltung der Truppen u. anderen Umständen scheiterte. Die Kammern, welche am 3. Mai 1853 zusammentraten, waren zwar für die Regierung günstig gestimmt, aber unter der herrschenden Partei der Saquarema war eine Spaltung eingetreten, welche den Rücktritt des Ministeriums zur Folge hatte; das neue Ministerium, mit Carneiro Leao Viconde da Parana an der Spitze, suchte eine Vereinigung der Parteien zu Stande zu bringen, indem es die höheren Staatsstellen an Conservative wie Liberale vergab. Ein Hauptpunkt im Programm des Ministeriums war die Förderung der materiellen Interessen, welche in der großen Ausdehnung des Gebietes ohne Straßen u. mit sehr sparsamer Bevölkerung, im Mangel einer sichern u. geordneten Rechtspflege u. in der Unduldsamkeit der römischkatholischen Geistlichen gegen nichtrömischkatholische Einwanderer fast unübersteigliche Hindernisse fand. In der That beschäftigte die Regierung die auswärtigen Fragen am meisten; darunter die Verhältnisse zu den südamerikanischen Republiken, über welche B. eine Art Schutz- u. Aufsichtsrecht auszuüben trachtet, die Grenzstreite mit Paraguay u. den europäischen Colonien in Guiana u. die Freiheit der Schifffahrt auf dem Amazonenstrom u. dem la Plata. Das Gebiet der Hauptnebenflüsse des Amazonenstroms gehört zu den Republiken Bolivia, Peru, Ecuador u. Neugranada; die Regierung von B. erkannte daher auch das Recht dieser Staaten an, den Amazonenstrom zu ihrer Schifffahrt ungehindert zu benutzen, behielt sich jedoch die Ordnung der Strompolizei allein vor, sowie das Recht, fremden Staaten diese Schifffahrt zu erlauben. Unter dem Schutze der Regierung bildete sich auch eine Amazonenschifffahrtsgesellschaft, deren Schiffe von Para bis nach Nauta in Peru gehen sollten. Über die bewaffnete Einmischung in Uruguay, welche von den europäischen Staaten als Beweis der Eroberungssucht B-s gedeutet. wurde, gab die Regierung in einer vom Minister des Äußern, Limpo de Abreu, verfaßten Denkschrift vom 19 Jan. 1854 beruhigende Aufschlüsse, denen bald darauf die Zurückziehung des größten Theils der brasilischen Truppen aus Uruguay folgte. In Folge eines Verbotes, welches der Präsident von Paraguay 3. October 1854 erließ u. nach welchem das Einlaufen fremder Kriegsschiffe in die Flüsse der Republik Paraguay verboten wurde, entstand eine Differenz zwischen B. u. Paraguay; die brasilische Regierung schickte ein Geschwader unter Ferreira de Oliveira ab, um die Fahrt für ihre Kriegs- u. Handelsschiffe auf dem Paraguay zu erwirken, aber diese Angelegenheit nahm eine von der öffentlichen Meinung in B. so ungünstig beurtheilte Wendung, daß Ferreira de Oliveira zurückgerufen u. vor ein Kriegsgericht gestellt wurde u. der Minister des Äußern, Limpo de Abreu, u. der Kriegsminister, Bellegarde, ihre Stellen aufgaben; Silva Paranchoz kam an die Stelle des Ersteren, Caxias an die des Andern. Soarez v. Suza ging als außerordentlicher Gesandter nach Europa, um die Grenzstreite mit England u. Frankreich wegen Guiana zu schlichten u. in Rom einige kirchliche Fragen, namentlich den Verkauf von Klostergütern betreffend, zu regeln. Rücksichtlich der Einwanderung gab die Regierung an, daß im Jahre 1853 in 31 Colonien 20,747 Einwanderer u. im Jahre 1854 in 34 Colonien 21,840 Einwanderer sich niedergelassen hätten. Die Eisenbahn von Maua nach Petropolis war im April 1854 vollendet u. zu dieser Zeit zum ersten Male auf der ganzen Strecke eingeweiht worden. Wegen des Baues einer zweiten Eisenbahn von Rio nach Minas Geraes einerseits u. S. Paul andrerseits hatte die Regierung einen Vertrag mit einer englischen Gesellschaft abgeschlossen, welche den Bau in Angriff nahm. Ende 1854 wurden Goldlager im nördlichsten Theile B-s, längs des Flüßchens Maracassume (welches zwischen dem Tury-Assu u. Gurupy läuft u. etwa 1° südl. Br. u. 28° westl. Länge ins Meer mündet) von großem Reichthum entdeckt u. zogen viele Speculanten u. Colonisten an. Bei der Eröffnung der (jährlich im Frühjahr sich versammelnden) Kammern im Mai 1855[223] trat Minister Parana mit dem Entwurfe einer sehr wichtigen Wahlgesetzveränderung vor die Kammern. Bisher hatten die Wähler ihre Abgeordneten aus der gesammten brasilischen Bevölkerung ohne Einschränkung nehmen können; nach dem Vorschlage der Negierung sollten hinfüro die Wähler auf die Wählbarkeitsberechtigten Bezirkes beschränkt werden, um eine Kammer der Abgeordneten zu erhalten, worin wirklich alle Theile des Landes vertreten wären. Es wurden dadurch die Mittelpunkte zersprengt, von welchen aus die Wahlen geleitet wurden u. welche bisher meist von Konservativen gebildet worden waren. Der Entwurf wurde in beiden Kammern mit Hülfe der liberalen Partei angenommen. Die Staatseinnahmen waren immer noch im Steigen begriffen u. ergaben einen jährlichen Überschuß. Bei dem im Frühjahr 1856 erfolgten Tode des Ministerpräsidenten, Viconde da Parana übertrug der Kaiser den Vorsitz im Ministerium dem Kriegsminister Caxias, jedoch trat zu Anfang des Jahres 1857 ein Coalitionsministerium mit dem Marquis von Olinda an der Spitze ans Ruder, welches in den Kammern erklärte, daß die Förderung der Volkswohlfahrt seine Aufgabe sein sollte, zu deren Lösung eine zahlreiche u. kräftige Einwanderung wesentlich beitragen müßte. Die Regierung werde alle ihr zu Gebote stehenden Mittel aufbieten, um dieses Ziel zu erregen. Den Nichtrömischkatholischen sollten die gleichen bürgerlichen Rechte u. Freiheit ihrer Religionsübungsgewährt werden. Es wurden Maßregeln ergriffen, um dem Lande einen größeren Wirkungskreis zur Beförderung der Industrie zu eröffnen u. durch möglichste Freiheit den Schifffahrtsverkehr zu steigern, Beides nicht ohne Erfolg. Zuverlässige Nachrichten über das Schicksal, namentlich nicht römischkatholischer Einwanderer, lauteten jedoch fortwährend durchaus abschreckend. Der Brasilianer erblickt in dem Colonisten nicht einen Mitbürger, sondern seinen weißen Sklaven, der bes. im Innern im Zustande vollkommenster Rechtlosigkeit sich befindet u. ganz der Willkür eines verderbten Beamtenstandes preisgegeben ist. Auch schilderten diese Berichte den völlig irreligiösen u. verkommenen Zustand der römischkatholischen Kirche in B., welche das Laster fördert, statt davon abzumahnen, mit lebhaften Farben. Entferntere Colonien hatten wegen des Überfalls durch Wilde wieder verlassen werden, müssen.

IV. Literatur: Grant, History of Brazil, Lond. 1809 (deutsch Wenn. 1814); Southey, History of Brazil, Lond. 1810–19, 3 Bde.; De Souza, Memorias hist. de Rio de Janeiro, Rio 1820–22, 9 Bde.; Da Silva Lisboa, Hist. dos principaes successos polit. do imporio do B., Rio 1826–30, 10 Bde.; Münch, Geschichte von B., Dresd. 1829, 3 Bde.; Canstancio, Historia do B., Par. 1839, 2 Bde.; Mansfield, Paraguay, Brazil and the Plate (Letters written in 1852–53), Cambridge 1856; Wiedemann, Die deutsche Colonie Petropolis in der Provinz Rio de Janeiro, Freisinn 1856; Steger, B., für Auswanderer, Herisau; Reybaud, Le Brésil, Pur. 1856 (deutsch mit Zusätzen, Hamburg).

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 3. Altenburg 1857, S. 218-224.
Lizenz:
Faksimiles:
218 | 219 | 220 | 221 | 222 | 223 | 224
Kategorien:

Buchempfehlung

Gellert, Christian Fürchtegott

Geistliche Oden und Lieder

Geistliche Oden und Lieder

Diese »Oden für das Herz« mögen erbaulich auf den Leser wirken und den »Geschmack an der Religion mehren« und die »Herzen in fromme Empfindung« versetzen, wünscht sich der Autor. Gellerts lyrisches Hauptwerk war 1757 ein beachtlicher Publikumserfolg.

88 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon