Roman [1]

[86] Roman ist eine der wichtigsten Arten der Epischen Dichtung (s. d.), er tritt zumeist im Gewande der Prosa auf und hat bei überaus reger und vielseitiger Pflege sich zur Verkörperung höchst mannigfaltiger Inhalte fähig erwiesen. Der Sinn, den wir jetzt mit dem Worte R. verbinden, ist ihm erst allmählich im Lauf einer langen Entwickelung zu eigen geworden (vgl. Voelker, Die Bedeutungsentwickelung des Wortes R., Halle 1887). Nach dem Beiwort romanisch, dessen man sich zur Bezeichnung der aus dem Lateinischen hervorgegangenen Volkssprachen bediente (s. Romanische Sprachen), nannte man R. ein Werk, das in der Volkssprache erschien. Da Kirche, Gesetzgebung und Wissenschaft sich nach der Ausbildung der romanischen Sprachen noch jahrhundertelang der lateinischen Sprache bedienten, so waren die romanice verfaßten Werke zunächst nur durch ihren leichten und unterhaltenden Inhalt charakterisiert. Der Unterschied zwischen erdichteten und historisch beglaubigten Geschichten war unbekannt; dagegen wurde der R., obwohl anfangs vielfach in Versform auftretend, als eine zum gesprochenen Vortrag oder zum Lesen bestimmte Darstellung von den für den Gesang bestimmten epischen Liedern geschieden. Allmählich wurde das Ungewöhnliche, Abenteuerliche und bloß Erachte. namentlich das Abenteuerliche der Ritterwelt für die Gattung besonders bezeichnend (daher denn noch heute romanhaft soviel wie unmöglich, phantastisch, unglaubwürdig ist), und weiterhin galten (auch dies in gewissem Sinne bis auf unsre Zeit) die Wirrnisse verliebter Herzen als ihr wesentlicher Inhalt (daher denn noch heute das Wort R. auch für Liebesangelegenheiten des wirklichen Lebens angewendet werden kann).

Im Gegensatz zum Heldenepos tritt der R. erst in Zeiten einer verhältnismäßig verwickelten und zersplitterten Kultur hervor; nicht die typisch-volkstümliche Auffassung primitiver Zustände kommt in ihm zur Geltung, sondern zumeist die konventionelle bestimmter Gesellschaftskreise oder, bei höherer Entwickelung, die subjektivistische einzelner Individualitäten. Aber mit dem alten Heldenepos teilt der R. die Vorliebe für die Darstellung eines breiten und mannigfaltigen Milieus, und insofern mag man ihn mit Recht als das Epos der Neuzeit bezeichnen. Selten freilich kann er das Milieu einer ganzen Volksgemeinschaft darstellen, und er schildert vielmehr in der Regel nur dasjenige einzelner Kreise und Schichten. So hat man etwa die politischen Romane, die Ritter-, Räuber-, Schelmen-, Schäfer-, Künstler-, Salon-, Familien-, Reise-, Seeromane etc. unterschieden, und neuerdings sind auch nicht ganz vereinzelt mehrere Milieus in ein und demselben R. einander gegenübergestellt worden, wie z. B. in Freytags »Soll und Haben« und in seiner »Verlorenen Handschrift«, wo einerseits das aufstrebende Bürgertum und der herabkommende Adel, anderseits die akademischen Kreise und das Leben der Fürsten voneinander abgehoben sind. Neben dem Zeitleben kann dabei das Leben der Vergangenheit im R. seine Auferstehung finden, wenn anders nur die historischen Romane der Norm des zeitgemäßen und nationalen Gehaltes in dem Sinne, wie diese Forderung zu verstehen ist (s. Ästhetik), Genüge tun. Im Gegensatz zum Heldenepos verlangt der R. keine Taten und Ereignisse von eingreifender Bedeutung, seine Handlung besteht vielmehr in einer stufenweise und allmählich sich vollziehenden Entwickelung, wobei sich viele partielle Wirkungen schließlich zu einer bedeutsamen Totalwirkung vereinigen. Dementsprechend weichen auch die Charaktere erheblich von denen des Epos ab: sie greifen seltener mit entschiedener Willenskraft in das Leben ein und gestalten die Dinge ihren Wünschen entsprechend, sondern erweisen sich meistens als bildsam und als abhängig von den Eindrücken der Umwelt. Hierdurch erreicht der R. eine Feinheit der psychologischen Detailmalerei, die von keiner andern Gattung der Poesie übertroffen wird. Die strenge Einheit der Handlung wird im R. ebensowenig wie in andern Gattungen der epischen Dichtung gefordert; Nebenhandlungen werden nicht selten ausführlich ausgesponnen; auch muß die besonders[86] von Gutzkow entwickelte Theorie des Nebeneinander, wonach mehrere Haupthandlungen angeknüpft und erst in einem großen Finale miteinander vereinigt werden, als prinzipiell berechtigt anerkannt werden. Aber trotz aller Freiheit des Baues müssen doch auch im R. die mannigfaltigen Fäden der Handlung durch die Einheitlichkeit des Interesses und der Stimmung zu einem gefälligen Ganzen verbunden werden. Alles in allem aber sind der Kunst des Romandichters weite Grenzen gesteckt; er darf auch noch mehr als der Epiker neben dem erzählenden Element der Poesie das lyrische, reflektierende und dramatische zur Geltung kommen lassen; so haben etwa Goethe und die Romantiker der Lyrik, manche Moderne, wie z. B. Sudermann, dem dramatischen Willensleben einen großen Spielraum im R. gewährt; und das letzte der Elemente, das beschreibende, kommt hier vollends zu breiter Entfaltung. Als Dichter aber zeigt sich der Romancier nur dann, wenn er bei all solcher Freiheit eine echt ästhetische Auffassung des Lebens an den Tag legt, die Erscheinungen an den Idealen des Schönen und Erhabenen abmißt, seine subjektiven Stimmungen des Pathetischen, Elegischen, Satirischen, Humoristischen etc. in sie hineinlegt und in der Komposition des Ganzen wie in der Herausarbeitung des einzelnen jene schöpferische Kunst offenbart, die wir unter dem Worte Stil (s. d.) begreifen.

Geschichte des Romans.

Der R. findet sich bei allen Völkern. In China ist er im 13. Jahrh. aufgekommen und hat seitdem in seinen drei Arten: dem historischen, phantastischen und bürgerlichen R., eine bändereiche Literatur erzeugt. Nicht minder beliebt und ausgebreitet ist die ganz ähnlich gegliederte und etwa ebenso alte Romanliteratur in Japan. Die Anfänge des Romans bei den Arabern reichen bis in die ältesten mohammedanischen Jahrhunderte zurück, aber erst das mittlere und neuere Arabisch kennt eine eigentliche Romanliteratur. Die Zahl der darin behandelten Stoffe ist nicht groß: im Vordergrund des Interesses stand von je und steht noch heute der an die nationale Sage anknüpfende Ritterroman; daneben finden sich fremde Legendenstoffe, Überlieferungen aus der religiösen und profanen Geschichte und in neuester Zeit vereinzelt auch moderne europäische Probleme. Bei den Persern tritt der Prosaroman noch mehr zurück: im Stoffe schematisch und meist von ausländischen Literaturen bedingt, in der Technik unreif und im Stile schwülstig, spielt er, besonders neben dem so erfolgreich kultivierten romantischen Epos, eine mehr als bescheidene Rolle. Bei den Griechen bildete sich der R. zu einer eignen Literaturgattung seit dem 1. Jahrh. n. Chr. im Zeitalter der zweiten Sophistik aus. Gleich in dem wenigstens dem Inhalt nach bekannten ersten Beispiel, den »Wundern jenseit Thule« von Antonius Diogenes, zeigt sich die in der Folge fast ausnahmslose Verbindung einer erotischen Fabel (die Romanschriftsteller selbst hießen danach »Erotiker«, s. d.) mit phantastischen Reiseabenteuern. Vollständig erhalten sind die Romane des Xenophon von Ephesos, des Heliodoros, Longos, Achilleus Tatios und Chariton. Ihre ziemlich schablonenhaft angelegte Handlung ist eine kunstlose Anhäufung von Abenteuern: Liebende werden durch widrige Zufälle, meist Räuber, getrennt und erst nach wunderbaren Schicksalen in der Sklaverei und fremden Ländern vereinigt (vgl. Rohde, Der griechische R. und seine Vorläufer, 2. Aufl., Leipz. 1900; Schwartz, Vorträge über den griechischen R., Berl. 1896). Solche »Dramen«, wie sie später hießen, wurden auch in byzantinischer Zeit vielfach verfaßt, wie von Eustathios. Die bedeutendste und einzig originale Leistung der römischen Literatur ist der leider nur trümmerhaft erhaltene satirische Sittenroman des Petronius (Mitte des 1. Jahrh. n. Chr.), zugleich das einzige Beispiel des hochentwickelten antiken Schelmenromans, an den auch Apulejus' »Metamorphoses« (2. Jahrh.) und dessen Vorgänger anknüpfen. Zu den Romanen rechnet man auch die im naiven Volkston verfaßte, im Mittelalter vielgelesene wunderbare Historie des Apollonius von Tyrus (s. d., Bd. 1).

Der französische R. beginnt im Ende des 12. Jahrh. mit den Prosaromanen des Arturkreises, deren älteste zum Teil nur Prosaauflösungen älterer Gedichte sind. Von solchen Prosaauflösungen hat sich der R. bis ins 15. Jahrh. genährt, wo man die beliebtesten durch den Druck verbreitete und dadurch die sogen. VolksbücherBibliotheque bleue«) ins Leben rief. Der Originalroman in Prosa (La Salles »Petit Jehan de Saintré«) hat dem ältern Versroman erst im 15. Jahrh. das Terrain abgewonnen. Gleichzeitig kommt durch italienischen Einfluß die Novelle in Blüte (Cent nouvelles nouvelles). Das 16. Jahrh. hat außer dem grotesken R. Rabelais' und einigen Novellensammlungen kaum Bedeutendes hervorgebracht. Starken Einfluß auf die Folgezeit übte der den Arturromanen nachgeahmte, aus dem Spanischen übertragene »Amadis«. Der aus Italien eingeführte Schäfergeschmack kam am Hofe Heinrichs IV. besonders durch d'Urfés »Astrée« in die Mode, in deren Schäfern man nur verkleidete Hofleute aus der Umgebung des Königs witterte. So eröffnete die »Astrée« zugleich die im 17. Jahrh. beliebte Gattung der Schlüsselromane (Scudéry, La Calprenède), die unter fremdländischer, zumal antiker Verkleidung Personen aus der Zeit des Verfassers schildern und in einer angehängten sogen. Clef die Namen des Romans auf moderne Personen deuten. Eine Reaktion hiergegen schuf den Realroman (Sorel, Scarron, Furetière). Psychologische Wahrheit und Tiefe hat zuerst die Gräfin Lafayette in der »Prinzessin von Cleve« erreicht. Weitere Meisterwerke lieferte das 18. Jahrh.: Lesage nach dem Vorbilde des spanischen Schelmenromans, Prévost d'Exiles (in »Manon Lescaut«) und Diderot nach dem des englischen Familienromans. Unnachahmlichen Witz zeigen die Tendenzromane Voltaires. Die stärkste Nachwirkung aber hat die in Briefen abgefaßte »Neue Heloïse« Rousseaus ausgeübt, wo die Leidenschaft des Herzens und die Stimmung der umgebenden Natur gleich ergreifend geschildert werden. Von den unter Rousseaus Einfluß entstandenen Romanen ist vielleicht keiner beliebter geworden als »Paul et Virginie« von Bernardin de Saint-Pierre. Dem R. der romantischen Schule präludieren Chateaubriand und die Frau v. Staël, ihn eröffnet Victor Hugo. Der erste historische R. von Bedeutung wird von Alfred de Vigny in »Cinq-Mars« geschaffen. Nicht ohne romantisches Beiwerk und doch von packender Realistik sind die Schöpfungen Balzacs, während die Abenteuerromane von Dumas père und Sue eben dadurch ein größeres Publikum gefunden haben, daß sie auf feinere Kunstmittel verzichten. Der originelle, wenn auch paradoxe Beyle ist erst lange nach seinem Tod auf die Höhe seines Ruhmes gekommen; jetzt wird er für den Vater des psychologischen, mit minderm Recht auch für den des naturalistischen Romans gehalten. Den ausgeprägten Realismus führte Flaubert ein (»Madame Bovary«, 1858). Ihn verstärken zum Naturalismus die Brüder Goncourt und Emile Zola,[87] aus dessen Kreise Guy de Maupassant der bedeutendste ist. Den idealistischen R. vertrat in hervorragender Weise George Sand, daneben freilich auch den sozialistischen Tendenzroman. Als Schilderer der aristokratischen Kreise war lange Feuillet, als Vertreter des bürgerlich-oppositionellen Geistes Ohnet beliebt. Eine Reaktion gegen den Naturalismus Zolas hat die psychologischen Analysen Bourgets und Marcel Prévosts hervorgerufen. Als Vertreter gemütvollen Humors ist Daudet unerreicht, dem zumal die Schilderung seiner provenzalischen Landsleute trefflich gelungen ist. Land und Leute aus dem Elsaß schildert das Schriftstellerpaar Erckmann-Chatrian, solche aus den Cevennen Ferdinand Fabre, aus Lothringen und Savoyen Theuriet, aus dem See- und Küstenleben Loti (Viaud). Unter den neuern französischen Romanciers nehmen außer den erwähnten Anatole France, Octave Mirbeau, Edouard Rod u.a. eine hervorragende Stellung ein. Vgl. Morillot, Le romanen France depuis 1610 jusqu'à nos jours (Par. 1892); H. Körting. Geschichte des französischen Romans im 17. Jahrhundert (Oppeln 1885–1887, 2 Bde.); Le Goffic, Les romanciers d'aujourd'hui (Par. 1890); Gilbert, Le romanen France pendant le XIX. siècle (2. Aufl., das. 1896); A. Le Breton, Le roman français au XIX. siécle avant Balzac (das. 1901); M. v. Waldberg, Der empfindsame R. in Frankreich (Straßb. 1906 ff.).

Der italienische R. reicht bis ins 13. Jahrh. zurück: schon in diesem finden wir Übersetzungen von Abenteuerromanen in italienischer Prosa. Um 1340 verfaßte Boccaccio unter Zugrundelegung der Geschichte von Flor und Blancheflor den langatmigen R. »Filocolo«, dem 1341–42 der idyllisch-allegorische »Ameto« und bald darauf die das Seelenleben einer Frau schildernde »Fiammetta« folgte. Im 15. Jahrh. ist der unvollendete lehrhafte R. »Il Paradiso degli Alberti« von Giovanni da Prato, des Dominikanermönchs Francesco Colonna philosophische »Hypnerotomachia Poliphili« und Sannazzaros berühmter, oft nachgeahmter Hirtenroman »Arcadia« (1489 bis 1491) zu erwähnen. Im 16. Jahrh. wächst die Zahl der Romane. Erotischen Inhalts sind der »Cortigiano disperato« von G. Pascoli, der sehr schlüpfrige »Peregrino« Caviceos und Francos »Filena«. Von moralischen Romanen sind zu nennen Selvas »Metamorfosi del Virtuoso«, der »Brancaleone«, vielleicht von A. G. Besozzi, und die »Compassionevoli avvenimenti di Erasto«, unbekannten Verfassers, die großen Erfolg hatten. Unzählige Romane sind im 17. Jahrh. geschrieben. Sie sind meist von d'Urfé, Barclay, Gomberville und La Calprenède abhängig. Gegen die galanten Romane reagierten moralische, historische und politische Romane. Selbst die Titel aller sind heute vergessen. Der berühmteste galante R. war G. A. Marinis »Calloandro«. Unter den Sittenromanen behaupteten Brusonis Machwerke den ersten Platz; politische Romane schrieb F. Pallavicini. Mancinis »Principe Altomira« ist das frappanteste Beispiel der moralischen Romane. Erst in den »Ultime Lettere di Jacopo Ortis« Ugo Foscolos (1802), einer freien Nachahmung des »Werther«, erhalten wir den ersten bedeutenden R. der italienischen Literatur. Der durch Scott eingeführte historische R. erreichte die höchste Vollendung mit Manzonis »Promessi Sposi« (1827). Er fand zahlreiche, teils tüchtige Nachfolger in Grossi, d'Azeglio, Guerrazzi, Nievo u.a. Von den neuesten italienischen Romanschriftstellern, die vielfach von den Franzosen abhängen, wird besonders der veristische, psychologische und soziale R. gepflegt. Wir nennen De Marchi, Capuana, Ciampoli, D'Annunzio, Farina, Fogazzaro, Barrili, De Amicis, Rovetta, Verga u.a. Vgl. Albertazzi, Il Romano italiano (Mail. 1905, mit Bibliographie); Spencer Kennard, Romanzi e romanzieri italiani (Flor. 1905, 2 Bde.).

In Spanien und Portugal begann man im 14. Jahrh. die beliebtesten der französischen romanhaften Erzählungen aus dem bretonischen, karolingischen und klassischen Sagenkreise und dem christlichen Legendenschatz mehr oder weniger frei zu übersetzen. Etwas selbständiger verfuhr der Infant Don Juan Manuel, als er seine Novellen in der Rahmenerzählung »EI conde Lucanor« zusammentrug. Die früheste freie und originelle Dichtung von Belang, ausgezeichnet durch hohen romantischen Geist und vorzügliche Charakterschilderung, ist der Ritterroman »Amadis«, der, in Portugal (noch im 14. Jahrh.) verfaßt, bald in Spanien heimisch wurde. Erst nachdem er jedoch 1490 modernisiert und erweitert worden war, begann die Blütezeit des Ritterromans, in dem Spanien tonangebend blieb, bis Cervantes (1605) nach mehr als einem Jahrhundert mit seinem »Don Quixote« dem überlebten Genre den Gnadenstoß versetzte. Unter den sonstigen Ritterspiegeln ist der portugiesische »Palmeirim de Inglaterra« (1545) der beste, nächst ihm der ältere katalonische »Tirant lo Blanch« (1460). Von Versuchen, den Abenteuerroman in einen Gefühlsroman zu verwandeln, ist der allegorische »Siervo libre de amor« des Rodriguez del Padron (um 1450) und die »Carcel de Amor« des Diego de S. Pedro bemerkenswert, von dem Meisterwerk des Eneas Piccolomini, der Novelle »Eurialo y Lucrecia«, hier zu schweigen. Unter dem Einfluß der Hirtengedichte, für die man sich nach 1500 begeisterte, schrieb der Portugiese Bernardim Ribeiro seine tränenreiche »Menina e moça«, die halb Ritter-, halb Schäferroman ist (vor 1550), an den sich, unter sichtlicher Anlehnung an Sannazzaros »Arcadia«, die »Diana« des in Portugal gebornen spanischen Dichters Jorge de Montemayor anschloß (fortgesetzt von Gil Polo), die Stammmutter einer langen Reihe von Schäferromanen. Die dritte Gattung, in der die Halbinsel sich auszeichnete, und ihr speziell eigen ist der Schelmenroman, der lebendig und witzig die Erlebnisse von Gaunern und Bettlern in gesundem Realismus schildert. Meisterwerke des estilo picaresco sind der »Lazarillo de Tormes« von Mendoza (1553), der »Guzman de Alfarache« von Mateo Aleman (1599) und »Marcos de Obregon«. Im 18. Jahrh. gaben England und Frankreich die Anregung zu allegorisierenden und erziehlichen Romanen. Im 19. Jahrh. ist die Entwickelung dieselbe wie im übrigen Europa: sowohl im historischen R. als in der Dorfgeschichte, im Sittenroman und dem psychologischen Charakterbild ist Treffliches und Eigenwertiges geschaffen worden (Pereda, Valera, Galdós). Vgl. Menendez y Pelayo, Origines de la novela (Madr. 1905).

Der englische R. entsprang im 15. Jahrh. direkt aus den Ritterepen in Versen, wie besonders an Malorys »Histories of King Arthur« (gedruckt 1489) zu beobachten ist. Zu dieser heroischen Gattung gesellte sich im 16. Jahrh. der Schäferroman (Sidneys »Arcadia«) und der Abenteuerroman (Nashs »Unfortunate traveller«), beide nach spanischen Vorbildern, sowie (als nationales Gewächs) die Schilderung von Seefahrten (Hakluyts »Voyages«, 1582). Während das 17. Jahrh. hauptsächlich den Essay pflegte und hierbei[88] den englischen Prosastil nach französischen Mustern verfeinerte, brachte das 18. Jahrh. eine neue Blüte des Romans: Defoes »Robinson Crusoe« (1719), knüpfte an die alten Seefahrergeschichten an, Richardsons »Pamela« (1741) an Sidneys »Arcadia«; doch wurde die Schilderung des Seelenlebens in all seinen subjektiven Feinheiten (Briefform) zur Hauptsache. Dem sentimentalen Richardson gegenüber verpflanzte Fielding den humoristischen R. der Spanier und Franzosen auf englischen BodenJoseph Andrews«, 1741; »Tom Jones«, 1749) und fand hierin in Smollet einen ins Bizarre, manchmal auch ins Romantische gehenden Nachfolger. Eine neue Richtung, die des Ritter- und Schauderromans, begann mit Walpoles »Castle of Otranto« (1765); Nationalcharaktere, und zwar irische, wurden zuerst von Maria Edgeworth dargestellt; beide Richtungen faßte Walter Scott in sich zusammen und schuf den historischen R. (zuerst »Waverley«, 1814). Als Vater des bürgerlichen Romans ist Goldsmith zu bezeichnen (»Vicar of Wakefield«, 1766); sein größter Nachfolger war Dickens (zuerst »Oliver Twist«, 1838). Zwischen den Traditionen von Scott und Dickens bewegten sich die jüngern Talente, Bulwer mehr zu jenem, George Eliot mehr zu diesem neigend. Der realistische Typus in der Art Zolas hat daneben keine Wurzel zu schlagen vermocht; dagegen macht sich der englische R. heutzutage mit Vorliebe zum Träger politischer, religiöser und sozialer Tendenzen (Bellamys »Looking backward«, Frau Humphrey Wards »Robert Elsmere«; Olive Schreiners »Story of an African farm«). Vgl. Croß, Development of English novel (Lond. 1899); Cazamian, Le roman socialen Angleterre, 1830–1850 (2. Aufl., Par. 1904).

Die ersten Werke der deutschen Literatur, die man als Romane bezeichnen kann, stammen aus dem spätern Mittelalter; es sind Prosaerzählungen von sagenhaften Begebenheiten, die früher schon in epischen Gedichten dargestellt waren (s. Volksbücher). Doch werden im Laufe der Zeit immer mehr Begebenheiten gleich von vornherein in Prosa erzählt; im 16. Jahrh. sind vor allem drei Erzählungen hervorzuheben, die auf deutscher Überlieferung beruhen: »Eulenspiegel«, »Faust«, »Die Schildbürger«. Selbständige Erfindung tritt zuerst in den Romanen des Jörg Wickram (s. d.) in bemerkenswerter Weise hervor. Im allgemeinen wird aber der Bedarf der deutschen Lesewelt noch lange Zeit in erster Linie durch Bearbeitungen ausländischer Romane bestritten, durch Ritterromane in der Art des »Amadis« und durch pastorale Romane in der Art der »Diana« des Montemayor. Durch selbständige Auffassung bemerkenswert ist Fischarts Umarbeitung von Rabelais' »Gargantua«. Neben dem phantastischen R. tritt im Laufe des 17. Jahrh. der realistische Schelmenroman immer mehr in den Vordergrund; zu dieser Gattung gehört der bedeutendste deutsche Originalroman der Zeit, Grimmelshausens »Simplicissimus«, der zahlreiche Nachahmungen hervorrief. In den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrh. werden die heroisch-galanten Romane immer häufiger, z. B. die Romane von Anton Ulrich von Braunschweig, LohensteinArminius«), ZieglerAsiatische Banise«); oft zeigt sich auch in diesen Romanen das Bestreben, durch belehrende Exkurse über alle möglichen Fragen das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. Als satirische Romanschriftsteller sind aus dieser Zeit Hunold (Menantes) und besonders Chr. Reuter zu erwähnen. Im 18. Jahrh. gingen bedeutende Anregungen vom englischen R. aus, zuerst von Defoes »Robinson«, unter dessen zahlreichen deutschen Nachbildungen die »Insel Felsenburg« von J. G. Schnabel (s. d.) besondere Hervorhebung verdient, sodann von Richardson und den humoristischen Romanschriftstellern, deren Einfluß sich bei Hermes, Hippel, Thümmel, Nicolai u.a. erkennen läßt. Mit dem großen Aufschwung, den die deutsche Literatur seit den 1760er Jahren nahm, entstanden auch auf dem Gebiete des Romans eine Reihe einheimischer Kunstwerke, wie Wielands »Agathon« und »Abderiten«, Goethes »Werther«, »Wilhelm Meister«, »Wahlverwandtschaften«, die Romane Heinses, F. H. Jacobis und Klingers. Einer der großen Dichter dieser Zeit, Jean Paul, hat sich fast ausschließlich in der Kunstform der Romane bewegt. Unter den Romantikern sind Novalis, Arnim und Tieck als Romandichter hervorzuheben. Dem Muster W. Scotts folgte mit großem Talent Willibald Alexis; das schwäbische Milieu schilderte mit Glück der früh verstorbene W. Hauss. Der moderne deutsche R. hat nach verschiedenen Richtungen hin Hervorragendes geleistet: der tendenziöse umfassende Zeitroman ist von Gutzkow, Spielhagen u.a., der realistische soziale R. von Freytag, der Bildungsroman (im Stile des »Wilhelm Meister«) von Gottfr. Keller, der philosophische und Künstlerroman von P. Heyse, der historische R. von Freytag, Scheffel, Ebers, Dahn etc., die Dorfgeschichte von Auerbach u.a. mit mehr oder minder großem Erfolg ausgebildet worden. Als Meister der Darstellung, namentlich historischer Stoffe, bewährten sich Th. Fontane und K. F. Meyer, als größter Humorist der Niederdeutsche Fritz Reuter, als künstlerisch-feinsinnigste Interpretin des österreichischen Lebens Marie v. Ebner-Eschenbach, als humorvoller Schilderer norddeutschen Gemüts Wilhelm Raabe, als tüchtiger Kenner des holsteinschen Milieus der stilvoll schaffende Theodor Storm und der tiefdringende Gustav Frenssen.

Von den slawischen Völkern haben besonders die Polen, Russen und Tschechen den R. gepflegt. Die ersten polnischen Romane fallen in den Anfang des 19. Jahrh. und sind Nachahmungen der Romane von W. Scott, so die von J. U. Niemcewicz, F. Bernatowicz und F. Skarbek. Alsdann ist als Romanschriftsteller gleich in erster Linie zu nennen J. J. Kraszewski, der fruchtbarste von allen, der alle Gebiete des Romans kultivierte, und neben ihm M. Grabowski, M. Czajkowski, H. Rzewuski, Jg. Chodźko, J. Korzeniowski, Z. Kackowski, Z. Milkowski (T. Jez) u.a. Die höchste Vollkommenheit erreichte der polnische R. in der Gegenwart, vor allem durch H. Sienkiewicz und E. Orzeszkowa. Die. Schriftsteller, die seit den 1840er Jahren nach Gogol dem russischen R. eine hervorragende Stellung in der Weltliteratur verschafft haben, sind die Anhänger der realistischen »natürlichen« Schule: A. Herzen, J. Turgenjew, J. Gončarow, F. Dostojewskij und endlich L. Tolstoi. Ihnen reihen sich an A. Pißemskij, D. Grigorowitsch, A. Drushinin, M. Sollogub, N. Chwoschtschinskaja (W. Krestowskij-Pseudonym) etc. Der Dorf- und ethnographische R. ist außer durch mehrere der Genannten durch F. Reschetnikow, E. Markow, P. Melnikow (A. Petscherskij), E. Salias etc. vertreten. Tendenzromane schrieben ferner M. Awdejew, N. Pomjalowskij, P. Melnikow, N. Chowschtschinskaja, N. Tschernyschewskij etc., historische unter andern N. Kostomarow, D. Mordowzew, A. Tolstoi, G. Danilewskij, E. Salias und, alle überragend, L. Tolstoi. Bei den Tschechen sind die ältesten Romane historischen Genres, so die von J. J. Marek (Jan z Hvězdy), P. Chocholoušek, J. K. Tyl etc.[89] In der neuern Zeit ist außer dem historischen R. (Janda-Cidlinský, V. Vlček, J. J. Staňkowský etc.) namentlich der soziale gepflegt worden (K. Světlá, G. Pfleger-Moravský, Sv, Cech, Z. Podlipská, V. Vlček, A. Jirásek etc.). Vgl. noch O. L. B. Wolff, Geschichte des Romans (2. Aufl., Jena 1850); Keiter, Theorie des Romans und der Erzählkunst (2. Aufl., Essen 1904); Bobertag, Geschichte des Romans in Deutschland bis zu Anfang des 18. Jahrhunderts (Bresl. 1876–1884, 2 Bde.); Spielhagen, Beiträge zur Theorie und Technik des Romans (Leipz. 1883); Mielke, Der deutsche R. des 19. Jahrhunderts (3. Aufl., Braunschweig 1898) und Geschichte des deutschen Romans (Leipz. 1904, Sammlung Göschen); Rehorn, Der deutsche R. (Köln 1890); Schian, Der deutsche R. seit Goethe (Görl. 1904).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 17. Leipzig 1909, S. 86-90.
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