[607] Russisch-Türkischer Krieg von 1853-56. I. Einleitung. Das Übergewicht Rußlands im Orient u. die dadurch entstehende Gefahr für den Bestand des Türkischen Reichs war längst ein Gegenstand der Besorgniß für die europäischen Großmächte gewesen, gleichwohl hatten dieselben die russischen Bestrebungen, wenn auch immer mit Eifersucht betrachtet, doch eher gefördert, als gehemmt. Während nun die Mitte u. der Westen Europas sich seit 1848 in Revolutionen abschwächten, in der Türkei sich die geheime Agitation der Hetärie erneuerte, griechische Priester in den verschiedenen Provinzen des Reichs auf eine allgemeine Erhebung der Griechen gegen die Türken vorzubereiten suchten, wozu noch kam, daß eine alte Prophezeihung die Vertreibung der Türken, nach 400 jähriger Herrschaft, aus Europa auf das Jahr 1853 vorausgesagt haben sollte: glaubte Rußland, die Zeit der Ausführung seines Planes auf die Türkei sei gekommen. Das Vorgehen Rußlands in dieser Angelegenheit wurde durch das Einschreiten Frankreichs u. Österreichs noch beschleunigt. Nämlich Napoleon hatte durch seinen Gesandten in Constantinopel, Lavalette, im März 1852 von der Pforte das Zugeständniß erlangt, daß die Katholiken in der Benutzung der heiligen Stätten zu Jerusalem gleichberechtigt mit den griechischen Christen sein sollten, während bisher diesen große Vorrechte eingeräumt gewesen waren. Dadurch sah sich Kaiser Nikolaus als Oberhaupt aller griechischen Christen an einer sehr empfindlichen Stelle berührt. Als nun auch Österreich zu Anfang 1853 den russischen Bestrebungen in Montenegro (s.d.) entgegentrat u. durch die Sendung des Grafen von Leiningen nach Constantinopel erwirkte, daß der schon begonnene Kampf zwischen den Türken u. den Montenegrinern sofort durch einen Frieden beendet wurde, glaubte Kaiser Nikolaus seinerseits das russische Interesse durch energisches Auftreten wahren zu müssen, sendete Ende Februar 1853 den Fürsten Mentschikow nach Constantinopel u. liest die Forderung des Protectorats Rußlands über alle griechischen Christen im Osmanenreiche stellen. Die Pforte sah sich in großer Verlegenheit u. zog die Verhandlungen hin, bis die gerade abwesenden Vertreter Frankreichs u. Englands im April auf ihre Posten zurückgekehrt waren, von da an aber der Unterstützung der Westmächte versichert, lehnte sie die russischen Forderungen ab. Mentschikow stellte vergeblich ein Ultimatum u. reiste endlich am 21. Mai mit dem gesammten russischen Gesandtschaftspersonal ab. Der Sultan erließ hierauf einen Ferman, worin er den Christen seines Reichs alle ihre Rechte feierlich bestätigte, begann sofort mit Eifer zu rüsten u. suchte in einer Note an die Großmächte seine Vertheidigungsmaßregeln zu rechtfertigen. Aus Petersburg langte noch ein Ultimatum der russischen Regierung (vom 31. Mai) in Constantinopel an, worin die von Mentschikow aufgestellten Forderungen wiederholt u. die in einigen Wochen bevorstehende Überschreitung der türkischen Grenze durch russische Truppen angekündigt war. Die Westmächte, Frankreich u. England, welche inzwischen sich zu gemeinsamem Handeln in der Orientalischen Angelegenheit vereinbart hatten, setzten dieser Drohung Rußlands die Demonstration entgegen, daß sie ihre Flotten von Salamis u. Malta aufbrechen u. am 14. Juni in der Besikabai (bei Tenedos) Anker werfen ließen, wodurch ermuthigt, die Pforte das russische Ultimatum abwies. Hierauf erließ Kaiser Nikolaus am 26. Juni ein Manifest, worin die Besetzung der Donanfürstenthümer angekündigt wurde, nicht um dieselben zu erobern, sondern lediglich um für die Wiederherstell[608] ung der von der Pforte verletzten Rechte Rußlands ein Pfand zu besitzen. Am 2. Juli rückte in Folge dessen Fürst Gortschakow mit 50,000 M. in die Moldau ein, indem der Übergang über den Pruth bei Leowa u. Skuleni bewerkstelligt wurde, u. am 15. Juli langte die Avantgarde dieses Corps in Bukarest an. Gleichzeitig suchte eine russische Note (vom 2. Juli) den Einmarsch in die Donaufürstenthümer durch den Heranzug der westmächtlichen Flotten zu motiviren, wogegen die Westmächte erklärten, nur Rußlands Drohungen u. Vorschreiten gegen die Türkei habe sie genöthigt die Flotten zu senden. Im Übrigen hofften die Westmächte damals noch den Krieg vermeiden u. Rußland durch eine große europäische Coalition zu einem freiwilligen Rückzuge veranlassen zu können, weshalb sie der Pforte riethen die Besetzung der Donaufürstenthümer noch nicht als Casus belli zu betrachten. Die Pforte war zudem auch mit ihren Rüstungen noch nicht in Verfassung u. begnügte sich daher ihre Truppen das rechte Donauufer besetzen zu lassen, während die Russen auf dem linken Ufer stehen blieben. In einer Note vom 14. Juli protestirte die türkische Regierung gegen das russische Beginnen u. rief die Unterstützng der Großmächte an. Um eine Vermittelung des Streites zu versuchen, traten nun die Gesandten Frankreichs, Englands, Preußens u. Österreichs am 24. Juli in Wien zu einer Conferenz zusammen, u. schon am 10. Aug. langte eine von dieser Conferenz entworfene Vermittlungsnote, welcher der Kaiser Nikolaus bereits seine Zustimmung ertheilt hatte, in Constantinopel an, um auch von dem Sultan unterzeichnet zu werden. Der Sultan sollte an den Kaiser von Rußland eine demüthigende Erklärung abgeben u. Alles, was derselbe zum Schutze der Christen verlangte, gewähren, nur das ausschließliche Protectorat Rußlands über die Christen war beseitigt; aber gegen den Inhalt dieser Note erhob sich die Opposition der Alttürken u. Ulemas, Letztere verlangten, der Sultan solle entweder die Unterzeichnung verweigern od. abdanken. So wies denn der Sultan den Vermittlungsvorschlag zurück od. stellte doch Abänderungen in demselben auf, welche nun Rußland seinerseits ablehnte. Am 21. Sept. gelangte diese russische Note nach Constantinopel, u. an demselben Tage warf eine Abtheilung der Flotte der Westmächte ihre Anker vor dem Eingange des Bosporus aus. Die nochmaligen Bemühungen der Gesandten eine Ausgleichung anzubahnen blieben ohne Erfolg, u. am 26. September trat der Divan in feierlicher Sitzung zusammen u. beschloß die Kriegserklärung an Rußland. Dem Befehlshaber der türkischen Armee, Omer Pascha, wurde die Weisung gegeben, an den russischen Commandirenden die Forderung zu stellen, daß binnen 14 Tagen die Donaufürstenthümer geräumt werden sollten, wenn dem jedoch keine Folge gegeben werde, sofort die Feindseligkeiten zu eröffnen.
II. Von der Kriegserklärung der Türken bis zu der Westmächte , 26. Septbr. 1853 bis 28. März 1854. Am 7. October traf der Ferman, welcher die Kriegserklärung enthielt, im türkischen Hauptquartier ein u. am folgenden Tage stellte Omer Pascha an den russischen Obergeneral das Verlangen des Rückzugs aus den Donaufürstenthümern u. gab für den Weigerungsfall die Kriegserklärung. Gortschakow antwortete verneinend. Doch waren weder die Russen in Verfassung, um eine kräftige Offensive aufnehmen zu können, da der Winter vor der Thüre war, zudem auch das Versprechen die Donau nicht zu überschreiten noch band, welches Kaiser Nikolaus in Olmütz u. Berlin gegeben hatte, um sich wenigstens der Neutralität Österreichs u. Preußens zu versichern; noch konnte Omer Pascha mit seiner Armee, welche fast zur Hälfte aus irregulären, wenig geübten Truppen bestand, größere Unternehmungen gegen die Russen wagen. Die Russen hatten damals 65,000 M. in der Walachei, von denen 36,000 M. als Gros in u. bei Bukarest standen, während der Rest in Abtheilungen von 67000 M. durch die ganze Walachei von Kalafat bis Galacz zerstreut war. Die türkische Armee zählte vielleicht 130,000 M., von denen 3 Armeecorps zu je 20,000 M. die Donaulinie von der Dobrudscha bis nach Widdin besetzt hielten, während 35,000 M. als Hauptreserve in Schumla standen, eine Reserve von 15,000 M. zur Unterstützung des linken Flügels bei Sophia gesammelt worden war u. der Rest die Besatzungen der festen Plätze an der Donau u. im Balkan bildete. In der Nacht vom 15. auf den 16. October ließ Omer Pascha die zwischen Widdin u. Kalafat liegende Donauinsel besetzen. Fast zu derselben Zeit passirten die Türken im Angesichte Brailas die Donau auf Kähnen u. setzten sich auf einer der dortigen Inseln fest. Zu einem ernstlicheren Zusammenstoß kam es noch nicht, u. die Gesandten in Constantinopel gaben ihre Bemühungen zur Beilegung des Conflicts noch nicht auf. An Omer Pascha wurde der Befehl gesandt, die Feindseligkeiten erst am 1. November zu beginnen, mit dem Hinzufügen jedoch, daß, wenn dieselben schon eröffnet wären, der Befehl nicht binde. Doch dieser Befehl langte erst am 25. October im türkischen Hauptquartier an, nachdem schon zwei Tage zuvor der Kampf thatsächlich begonnen hatte, indem vom türkischen Fort Isaktscha aus am 23. October mit Kanonen auf russische Schiffe geschossen worden war. Nachdem von Sophia die Reserve des linken Flügels in Widdin angekommen war, ließ Omer Pascha bis zum 28. October nahe an 20,000 M. auf das walachische Ufer übersetzen u. begann das Dorf Kalafat mit Befestigungsanlagen zu umgeben. In Folge davon schob auch Fürst Gortschakow Verstärkungen nach der Kleinen Walachei vor. Doch kleine Plänkeleien u. Scharmützel waren das einzige Ergebniß dieser Bewegungen. Gleichzeitig hatte Omer Pascha bei Tuturkai etwa 15,000 M. am rechten Donauufer zusammengezogen, um von hier aus gegen das Centrum der russischen Stellung zu operiren. Am 1. Nov. ließ er hier eine Abtheilung Truppen nach der Donauinsel Mokan übersetzen u. von da nach dem walachischen Ufer bei Oltenitza. Diese Truppen verschanzten sich sofort u. waren bis zum 4. November etwa bis zu 3000 M. angewachsen, als die Russen unter General Pawlow mit 7000 M. einen Angriff auf die Stellung unternahmen, welcher jedoch von den Türken zurückgewiesen wurde. In Folge der üblen Witterung zogen sich aber die Türken am 12. November wieder auf das rechte Donauufer zurück. Unterdessen hatten die Türken auch in Kleinasien die Feindseligkeiten eröffnet, jedoch in entschieden nachtheiliger Weise. Schamyl, auf dessen Mitwirkung große Hoffnungen gesetzt waren, hatte zwar im September einen Ausfall gegen Tiflis gemacht, war aber bald wieder zurückgegangen. Die Türken[609] selbst begannen ihre Operationen erst im October. Ihre Streitkräfte bestanden aus 65,000 M. zumeist irregulären Truppen. Davon stand ein Corps von 25,000 M. unter Selim Pascha bei Batum, das andere unter Abdi Pascha hielt die Straßen von Erzerum nach Alexandropol u. von Erdehan nach Achalzik besetzt. Die Russen, anfangs nur sehr schwach, hatten Verstärkungen herangezogen u. sich in 3 Corps formirt, von denen das eine unter Gagarin in Gurien, das andere unter Andronikow bei Kutais, das dritte unter Bebutow bei Alexandropol sich bildete; eine vierte schwache Abtheilung deckte Eriwan. Am 27. October überfiel Selim Pascha das russische Fort St. Nikolai am Schwarzen Meere u. zu Anfang November schloß eine Abtheilung Abdi Paschas unter Ali Riza Achalzik ein, während eine andere Abtheilung unter Achmet Pascha gegen Alexandropol vorrückte u. Abdi Pascha selbst mit dem Gros von Kars gegen Erdehan marschirte. Als jedoch Achmet Pascha am 14. November bei Bajudur u. nochmals am 1. December bei Basch Kadik Kar von Bebutow u. Ali Riza am 26. November bei Achalzik von Andronikow geschlagen worden waren, befand sich die türkische Armee in völliger Auflösung begriffen. Fast zu gleicher Zeit mit diesen Erfolgen in Kleinasien errangen die Russen auf dem Schwarzen Meere einen Sieg; Admiral Nachimow überfiel am 30. Novbr. im Hafen von Sinope die unter Osman Pascha nach Batum bestimmte türkische Flotte u. vernichtete dieselbe vollständig. Nur ein Dampfer entkam, um die Kunde von der Niederlage nach Constantinopel zu bringen. Die Flotten der Westmächte waren inzwischen Ende October durch die Dardanellen gesegelt u. hatten am 5. November in der Beikosbai im Bosporus Anker geworfen, durften aber nicht ins Schwarze Meer hinausfahren, da die Westmächte noch immer die Hoffnung auf eine gütliche Beilegung des Streites aufrecht erhielten. Es kam also vorläufig nur zu einer abermaligen Conferenz der Großmächte zu Wien (am 20. November) u. am 27. November zu einem Vertrage zwischen den Westmächten u. der Pforte, worin die ersteren der letzteren im Voraus ihren Schutz zusicherten, falls Rußland billige Friedensbedingungen abweisen würde. Am 5. December wurde zu Wien ein neuer Friedensvorschlag zu Stande gebracht, welcher vier Punkte enthielt: möglichst rasche Räumung der Donaufürstenthümer; Erneuerung der alten Verträge; eine Erklärung bezüglich der Fermane zur Verleihung religiöser Privilegien von Seiten der Pforte an ihre nicht muselmanische Bevölkerung, diese Erklärung an die europäischen Großmächte sollte von passenden Zusicherungen für jede einzelne von ihnen begleitet sein; das bereits getroffene Übereinkommen über die heiligen Stätten in Jerusalem sollte endgültig angenommen werden. Doch sowohl die Pforte als auch Kaiser Nikolaus wiesen den Vorschlag zurück. Als nun Ende December für die alliirten Flotten der Befehl angekommen war ins Schwarze Meer hinauszusegeln u. die Admirale dem russischen Befehlshaber Fürst Mentschikow anzeigten, daß sie jedes russische Schiff, welches sie außerhalb der russischen Häfen anträfen, zur Rückkehr in diese veranlassen, jeden Angriff auf türkische Schiffe u. türkisches Gebiet mit Gewalt zurückweisen würden, verlangte Rußland von den alliirten nähere Erklärung darüber, ob auch die türkische Flotte von Angriffen auf russisches Gebiet abgehalten werden würde, u. ob es russischen Schiffen gestattet sein werde Truppen auf eigenem Gebiet mit Proviant u. Kriegsbedarf zu versehen. Da die Alliirten die zweite dieser Fragen verneinend beantworteten, brach Kaiser Nikolaus den diplomatischen Verkehr mit England u. Frankreich ab, diese aber faßten den Beschluß in einem Ultimatum an Rußland die Räumung der Donaufürstenthümer zu verlangen u. im Weigerungsfalle, der Pforte eine Armee von 50,000 M. zu Hülfe u. eine Flotte in die Ostsee zu senden. Bei dieser Gestaltung der Ereignisse mußte dem Kaiser Nikolaus vor Allem daran liegen sich über die künftige Stellung von Österreich u. Preußen zu vergewissern. Mit der Absicht Österreich zu einer strengen Neutra lität zu veranlassen erschien Ende Januar zu Wien der Graf Orlow, der Gesandte in Berlin sollte dort denselben Zweck verfolgen. Beide Staaten jedoch hatten sich durch Unterzeichnung des Wiener Protokolls vom 5. December schon auf die Seite der Westmächte gestellt, sie hatten noch nach dem Einlaufen der Flotten der Verbündeten ins Schwarze Meer, am 13. Januar, ihr Beharren bei den dort ausgesprochenen Grundsätzen erklärt u. lehnten daher die russische Forderung ab. Und da der russische Gesandte auf die Frage des Kaisers von Österreich, ob Rußland sich verpflichten wolle während des Krieges die Donau nicht zu überschreiten u. nach dem Kriege die Donaufürstenthümer zu räumen, eine ausweichende Antwort gab, ertheilte der Kaiser von Österreich am 6. Februar den Befehl zur Aufstellung eines Beobachtungscorps von 25,000 M. unter Coronini an der Grenze Serbiens.
An der Donau hatten die Bewegungen fast gänzlich aufgehört, nur einzelne kleine Zusammenstöße füllten den December 1853 aus. Die Russen hatten neue Truppen herangezogen u. mochten am Schlusse des Jahres 90,000 M. betragen, von denen 50,000 M. als Gros unter Gortschakow die Große Walachei besetzt hielten; den rechten Flügel bildete General Anrep mit 20,000 M. u. mit gleicher Stärke stand General Lüders in der Moldau. Die Türken hatten die frühere Stellung inne; seit dem Gefechte von Oltenitza hatten sie allein bei Kalafat auf dem linken Donauufer festen Fuß behalten. Von hier aus gelang es ihnen am 6. Januar 1854 einen glücklichen Angriff auf den rechten russischen Flügel bei Csetate zu unternehmen. Der russische General Liprandi, welcher an Stelle Anreps das Commando in der Kleinen Walachei übernommen hatte, schloß darauf Kalafat ein; mehr zu unternehmen schien nicht rathsam, da die Österreicher ihr Corps an der Grenze am 23. Febr. auf 50,000 M. verstärkten. Die Folge davon war, daß nun auch der Aufstand der slawischen Serben, Bulgaren u. Bosnier, welcher den Russen den Weg nach Constantinopel öffnen sollte, unterblieb; nur im Süden brachen die griechischen Klephtenführer los, zuerst am 27. Januar 1854 zu Radowitzi in Epirus. Am 7. Februar lief ein großer Theil der Besatzung von Athen den Insurgenten zu, deren vornehmster Anführer Grivas war, allein schon am 10. wurden sie gänzlich bei Arta geschlagen u. flüchteten in die Gebirge. Auch die Erhebungen in Thessalien u. Macedonien hatten keinen Erfolg, gleichwohl stellte sich Tzawellas zu Pata an die Spitze einer provisorischen Regierung des künftigen Byzantinischen Reichs. Diesem Unfug machten erst[610] im April ägyptische Truppen ein Ende, u. am 23. Mai warf eine kleine westmächtliche Flotte im Piräeus die Anker u. landete eine französische Brigade, um dem König von Griechenland die Mittel zu gewähren seine eigenen Unterthanen im Zaume zu hallen. In den Gebirgen hielt sich Hads hi Petru noch eine Zeit lang, blieb aber isolirt. Nachdem Österreich am 22. Februar an Frankreich die Erklärung gegeben hatte, daß es das Verlangen der Westmächte zur Räumung der Donaufürstenthümer von Seiten Rußlands unterstützen werde, sandten am 27. Februar die Westmächte ein Ultimatum an den Kaiser Nikolaus, worin die Räumung der Donaufürstenthümer bis zum 30. April verlangt wurde, u. schlossen am 12. März einen Vertrag mit der Pforte ab, durch welchen sie sich verpflichteten, so viele Hülfstruppen zu stellen, als zum Schutze der Integrität der Pforte nothwendig sein würden, während die Letztere sich verbindlich machte nur mit Wissen u. Zustimmung der Alliirten in Friedensunterhandlungen mit Rußland treten zu wollen. Mit den deutschen Mächten kam eine Convention nicht zu Stande, so sehr auch namentlich Frankreich dieselbe anstrebte, u. obgleich Österreich nicht abgeneigt schien schon jetzt über weitere Schritte in Unterhandlung zu treten, falls die letzten Friedensversuche scheitern sollten. Preußen weigerte sich entschieden an denselben Theil zu nehmen, u. deshalb zog es auch Österreich vor einstweilen von dem Abschluß einer Vereinbarung mit den Westmächten abzusehen. Während nun Rußland durch Baron Meyendorf in Wien von Neuem, aber vergeblich, Friedensvorschläge machen ließ, indem es zu der Räumung der Donaufürstenthümer sich verstehen wollte, sofern die Alliirten zuvor ihre Flotten zurückzögen, war in Petersburg das Ultimatum der Alliirten am 14. März dem Grafen Nesselrode übergeben worden. Eine formelle Antwort folgte gar nicht darauf. So waren denn alle Versuche einer friedlichen Ausgleichung der Differenzpunkte gescheitert u. am 28. März erfolgte die Kriegserklärung Englands an Rußland; der Kaiser von Frankreich hielt eine solche nicht für nothwendig, sondern die in dem Ultimatum enthaltene bedingungsweise für ausreichend. Der Kaiser Nikolaus dagegen hatte sofort den Befehl zur Überschreitung der Donau ertheilt. In 3 Colonnen gingen am 23. März die Russen unter Befehl des General Lüders u. in einer Stärke von 33,000 M. bei Braila, Galacz u. Tultscha über den Strom; fast ohne Widerstand wichen die türkischen Truppen unter Mustapha Pascha auf allen Punkten zurück, u. schon am 2. April stand die Vorhut der russischen Armee am Trajanswall.
III. Von der Kriegserklärung der Westmächte bis zum Beginne der Krimunternehmung, 28. März bis 1. Sept. 1854. Nachdem von Seiten der Westmächte die active Theilnahme an dem Kriege gegen Rußland beschlossen u. ausgesprochen war, beeilten sich dieselben durch einen Allianzvertrag vom 10. April die Vereinbarung zu treffen, daß sie als Zweck des Krieges die Wiederherstellung des Friedens zwischen Rußland u. der Pforte auf sicheren u. dauernden Grundlagen betrachten wollten. Im Schwarzen Meere hatten die Westmächte eine Flotte von 35 Schiffen mit mehr als 2000 Geschützen, eine noch bedeutendere sollte nach der Ostsee gesendet werden; 60,000 M. Landtruppen sollten auf türkisches Gebiet übergeführt werden, um an den Operationen gegen die Russen Theil zu nehmen. Dabei setzten die Alliirten ihre Bestrebungen eifrig fort, die beiden deutschen Mächte zu einer thätigeren Theilnahme gegen Rußland zu vermögen. Schon am 9. April hatten auch Österreich u. Preußen zu Wien ein Protokoll mit England u. Frankreich unterzeichnet, durch welches die vier Mächte sich vereinigten die territoriale Unabhängigkeit der Türken aufrecht zu erhalten u. die bürgerlichen u. persönlichen Rechte der christlichen Unterthanen der Pforte sicher zu stellen. Diesem Protokoll folgte am 20. April der Abschluß eines Schutz- u. Trutzbündnisses zwischen Österreich u. Preußen; wenn Rußland den Balkan überschreite, od. die Donaufürstenthümer förmlich seinem Gebiete incorporire, so wollte man den Krieg erklären. Auf dem Kriegsschauplatze an der Donau hatten die Russen sich bis zum 11. April in den Besitz der ganzen Linie des Trajanswalles gesetzt u. einzelne Kosackenabtheilungen streiften auf den Straßen nach Schumla u. Varna darüber hinaus. Verstärkungen rückten in die Dobrudscha nach u. gleichzeitig sammelte sich ein Truppencorps mit einem Belagerungspark bei Kalarasch, gegenüber Silistria. Die Truppen in der Kleinen Walachei unter Liprandi hoben am 22. April die Cernirung von Kalafat auf u. begannen sich zurückzuziehen. Das Hülfsheer der Westmächte sammelte sich seit Ende März bei Gallipoli, Constantinopel u. am Bosporus. Am 10. Mai marschirte ein Corps von 25,000 M. unter Lüders aus der Dobrudscha am rechten Donauufer aufwärts, um in Verbindung mit dem bei Kalarasch vereinigten Corps, welches schon seit April einige Donauinseln in seinen Besitz gebracht hatte, die Festung Silistria anzugreifen. Ein gegen Basardschik vorgeschobenes Corps deckte die Bewegung auf dem rechten Donauufer gegen die türkische Armee bei Schumla. Am 17. Mai erschien General Lüders vor Silistria, das Corps von Kalarasch schlug eine Brücke über die Donau u. vereinigte sich mit ihm. Sofort wurden die Laufgräben gegen das östliche Fort der Festung, Arab Tabia, eröffnet. Von beiden Seiten wurde mit großer Hartnäckigkeit gekämpft. Die Belagerungsarbeiten überwachte der Fürst Paskewitsch, welcher seit dem 14. April in Jassy angelangt war, um den Oberbefehl zu übernehmen, General Schilder leitete die Ingenieurarbeiten; doch vermochten die Russen nur langsam vorzuschreiten. Mehrere Stürme, welche die Russen unternahmen, wurden von den Türken abgewiesen, dessenungeachtet ließ sich aber mit Bestimmtheit voraussehen, daß die Festung nur durch einen rechtzeitigen Entsatz für die Türken erhalten werden konnte. Doch Omer Pascha hielt sich für zu schwach, um mit einiger Aussicht auf Erfolg die Russen im freien Felde angreifen zu können, u. drang in die Commandirenden der Armeen der Alliirten, St. Arnaud u. Lord Raglan, zu seiner Unterstützung heranzurücken. In Folge dessen wurden Ende Mai u. Anfang Juni 3 französische u. 4 englische Divisionen in die Linie Varna-Schumla vorgeschoben. Die englischen Truppen nahmen am Devnosee bei Pravadi, die Franzosen bei Varna Stellung. Aber noch nicht hinreichend für größere Bewegungen im Felde ausgerüstet, konnten auch diese Truppen während des Juni keineswegs etwas Ernstliches unternehmen. Unterdessen hatte Österreich, welches sich durch seine Beziehungen zu den übrigen Mächten hinreichend gesichert[611] halten konnte, um mit ernsteren Forderungen aufzutreten, am 3. Juni das Verlangen der Räumung der Donaufürstenthümer an Rußland gestellt u. am 14. Juni eine Convention mit der Pforte abgeschlossen, durch welche ihm nach Abzug der Russen das Besatzungsrecht in den Donaufürstenthümern ertheilt wurde. Da nun der Kaiser von Österreich, um seinem Verlangen Nachdruck zu geben, bedeutende Streitkräfte in Siebenbürgen, in der Bukowina u. in Galizien hatte aufstellen lassen, so sah sich Kaiser Nikolaus veranlaßt, um nicht Österreich unter diesen Umständen zur Bundesgenossenschaft mit seinen Gegnern zu zwingen, den Anforderungen desselben nachzugeben. Am 20. Juni begann auf seinen Befehl die Räumung der Donaufürstenthümer u. am 22. wurde die Belagerung von Silistria aufgehoben. Ungestört zogen sich die Truppen über die Donau zurück, Arrieregarden blieben bei Kalarasch u. Giurgewo stehen. Die Truppen aus der Dobrudscha gingen auf Tultscha zurück. Als Omer Pascha aber bei Rustschuk über die Donau ging u. die russische Arrieregarde unter Soimonow am 7. Juli angriff u. zum Rückzug nöthigte, machte das russische Gros sofort wieder Halt. Österreich jedoch trat vermittelnd dazwischen, u. Ende Juli wurde auf allen Punkten der weitere Rückzug der Russen wieder aufgenommen. Bukarest wurde am 21. Juli geräumt u. am 6. Aug. von den Türken besetzt. Anfang September zogen die Österreicher in die Walachei u. Moldau ein. Zu derselben Zeit unternahmen die französischen Hülfstruppen mit einer Division unter General Espinasse einen Zug in die Dobrudscha, auf welchem sie durch das ungesunde Klima, durch Mangel an allem Nothwendigen, namentlich an Wasser, sowie auch hauptsächlich durch die Cholera, welche schon seit einiger Zeit die Truppen der Westmächte verheert hatte, empfindliche Verluste erlitten. Im Schwarzen Meere hatte die große Flotte der Verbündeten nur eine geringe Thätigkeit zu entwickeln vermocht. Der erste kriegerische Act derselben war ein am 22. April versuchtes Bombardement von Odessa. Die Admirale der Verbündeten begnügten sich von da ab die russischen Küsten zu blockiren. Im Mai hatte eine Escadre Redutkatch u. Poti genommen u. diese Punkte besetzt. Als nun Selim Pascha, welcher den linken Flügel der mit gro ßer Anstrengung von Neuem gebildeten türkischen Armee in Anatolien befehligte, diesen Umstand benutzte, um eine Vorwärtsbewegung zu machen u. in das russische Gebiet vorzudringen, gelang es ihm zwar die Russen zum Verlassen von Usurgheil zu zwingen, doch schon im Juni wich er vor dem Fürsten Andronikow wieder zurück u. wurde von demselben an den Ufern des Tschuruk am 16. Juni vollständig geschlagen. Anfang Juli war sodann Schamyl in das russische Gebiet eingefallen, u. erst Ende Juli war es gelungen ihn wieder zu vertreiben. Nun erst konnten die russischen Corps unter Bebutow u. Wrangel, das erstere von Alexandropel, das letztere von Eriwan aus, die früher schon beabsichtigten Vorbewegungen unternehmen. Wrangel forcirte die Araratpässe, schlug am 1. Aug. eine türkische Division bei Kara Bulak, besetzte sodann Bajasid u. nahm ferner auf der Straße nach Erzerum eine Stellung ein, durch welche die Rückzugslinie der türkischen Armee bei Kars bedroht wurde. Als in Folge davon die Türken von Kars aus dem Fürsten Bebutow entgegengingen, erlitten sie am 7. Aug. bei Kurukdere eine vollständige Niederlage. Darauf trat Ruhe ein; die Russen zogen sich auf ihr Gebiet, die Türken mit ihrem Gros nach Erzerum zurück.
Seit der Kriegserklärung der Westmächte war zu den Kriegsschauplätzen an der Donau, im Schwarzen Meer u. in Kleinasien noch ein neuer hinzugekommen. Die Westmächte hatten eine Flotte, welche mehr als 2400 Geschütze trug, nach der Ostsee gesendet, um dort die russische Flotte zu vernichten u. die großen Seebollwerke zu zerstören. Doch die Resultate des Feldzugs blieben hier wie im Schwarzen Meere nur geringe. Schon am 12. März hatte die englische Flotte unter Charles Napier die Rhede von Spithead verlassen u. lief, nachdem sie am 27. März den Sund passirt hatte, in den Hafen von Kiel ein. Von hier segelte sie nach der Klögebucht, um hier das Reservegeschwader unter Admiral Corry u. womöglich die französische Flotte, welche in Brest ausgerüstet wurde, zu erwarten. Nachdem die Nachricht angelangt war, daß die russischen Häfen vom Eise frei seien, stach Napier am 12. April in See u. segelte zuerst nach Stockholm, wo er einen vergeblichen Versuch machte den König von Schweden für das westmächtliche Bündniß zu gewinnen, dann nach Hangö-Udd u. erschien am 4. Juni in Sicht von Sweaborg. Die kriegerische Thätigkeit dieser Periode hatte lediglich darin bestanden, daß man einige russische Küstenfahrzeuge wegnahm u. daß einzelne auf Recognoscirungen ausgesendete Dampfer kleine Gefechte mit den Landbatterien der Russen engagirten, so am 21. Mai in der Bucht von Ekenäs, am 29. Mai mit dem Fort Gustavsvärn u. am 7. Juni an der Hafenstadt Gamla Karleby. Die französische Flotte, welche am 19. April unter Admiral Parseval-Dechênes von Brest ausgelaufen war, hatte erst am 10. Mai den Belt passirt u. war nach kurzem Aufenthalte zu Kiel am 13. Juni unweit Sweaborg in Barösund mit der englischen zusammengestoßen. Die Admirale brachen alsbald mit den vereinigten Flotten auf u. langten am 24. Juni vor Kronstadt an. Ohne jedoch etwas unternommen zu haben, segelten sie Anfang Juli nach Barösund zurück u. von da am 18. Juli nach den Ålandsinseln, um daselbst die französische Division Landtruppen unter Baraguay d'Hilliers zu erwarten, welche seit 15. Juli in Boulogne nach der Ostsee eingeschifft war. Die größeren Seefestungen hatten sich als unangreifbar erwiesen, man wollte sich daher begnügen die Ålandsinseln in Besitz zu nehmen u. zu dem Ende nach Ankunft der Landtruppen die Werke von Bomarsund zerstören. Am 8. Aug. wurden Truppen mit Belagerungsgeschützen gelandet, in der Nacht vom 11. auf den 12. begannen die Belagerungsarbeiten u. nachdem unter Mitwirkung der Flotten die vorgeschobenen Thürme zerstört worden waren, mußte sich am 16. die Festung ergehen. Die Besatzung, etwa 1500 Mann, wurde kriegsgefangen nach England u. Frankreich gebracht, die Werke Bomarsunds gänzlich gesprengt. Die vereinigte Flotte nahm noch verschiedene Recognoscirungen vor u. beschäftigte sich mit der Blockade der russischen Häfen. Als der Winter herannahte, verließ erst das französische, dann auch das englische Geschwader die Ostsee. Um die Russen überall zu drängen, waren auch einige englische Schiffe nach dem nördlichen Cismeer gesendet worden u. hatten Archangel blockirt u. den Hafen von Kola zerstört, noch andere Schiffe hatten an der Küste von Kamtschatka den Hafen Petropawlowsk angegriffen,[612] jedoch ohne Erfolg. Inzwischen hatten Österreich, Frankreich u. England sich am 8. Aug. abermals über vier Punkte geeinigt, welche man als Friedensbasis dem Kaiser Nikolaus vorlegen wollte, diese waren: Sicherung der Integrität der Pforte, Aufhebung des Protectorats Rußlands über die Donaufürstenthümer, gemeinsame Sicherstellung der Rechte der christlichen Unterthanen der Pforte u. freie Donauschifffahrt. Preußen lehnte es ab diesem Übereinkommen sich anzuschließen u. Kaiser Nikolaus wies die in den 4 Punkten gebotene Grundlage als unverträglich mit seiner Ehre ab.
IV. Vom Beginn der Krimunternehmung bis zum Wiener Vertrag (1. Septbr. bis 2. Decbr. 1854). Seitdem Österreich durch die Besetzung der Donaufürstenthümer sich gewissermaßen zwischen die streitenden Parteien geschoben u. dieselben getrennt hatte, galt es für die Truppen der Alliirten, welche im Übrigen durch Krankheiten, namentlich in Varna, sehr bedeutende Verluste erlitten hatten, ein neues Angriffsobject aufzusuchen. Man hielt in Varna einen Kriegsrath u. beschloß eine Expedition nach der Krim, um daselbst die Seefestung Sewastopol u. die russische Flotte zu zerstören. Am 4. Sept. verließen die Engländer, am 5. die Franzosen u. Türken den Hafen von Varna. Die Gesammtzahl der Truppen, welche für die Landung auf der Krim bestimmt waren, betrug 65,000 Mann. Davon zählten in 4 Divisionen mit 72 Geschützen die Franzosen unter Marschall St. Arnaud 32,000 M., die Engländer in 5 Divisionen mit 24 Geschützen u. 10 Schwadronen Cavallerie unter Lord Raglan 26,000 M., die Türken 7000 M. Diese Armee führte 5000 Pferde, 80 Belagerungsgeschütze u. auf 39 Tage Proviant mit sich. Die Flotte zählte einschließlich von 80 Dampfern 150 Kriegsschiffe u. 600 Transportfahrzeuge. Am 9. Sept. hatten sich beide Flotten vereinigt u. am 14. wurde südlich von Eupatoria in der Kalamitabai die Landung der Truppen begonnen. Vier Tage waren nöthig, um die ganze Armee mit ihrer Feldausrüstung ans Land zu bringen. Nachdem am 15. Eupatoria besetzt worden war, brachen die Verbündeten am 19. auf, um südwärts nach Sewastopol vorzudringen. Der russische Befehlshaber, Fürst Mentschikow, hatte auf den Höhen, welche das südliche Ufer der Alma begleiten, Stellung genommen, seine Gesammtstärke betrug 35,000 M. mit 96 Geschützen. Sewastopol hatte der Fürst den Mannschaften der Flotte anvertraut u. nur einige Bataillone Infanterie waren außerdem zur Besetzung der nördlichen Werke zurückgeblieben. Nachdem am 19. Sept. die englische Cavallerie unter Cardigan ein unbedeutendes Plänkergefecht mit den Russen bestanden hatte, bezog die Armee der Alliirten für die Nacht die Stellung am Bulganakslusse. Am 20. Morgens erfolgte der Angriff auf die russische Armee an der Alma. Von beiden Seiten wurde mit äußerster Anstrengung gekämpft, endlich mußte jedoch Fürst Mentschikow der überlegenen Anzahl u. Bewaffnung der Alliirten das Feld überlassen. Auf beiden Seiten hatte man schwere Verluste zu beklagen. Fürst Mentschikow zog sich in vollkommener Ordnung zurück, zunächst nach Sewastopol, wo er die Vertheidigungsmaßregeln anordnete, den Hafen durch Versenkung von Schiffen verschloß u. die Besatzung verstärkte, u. marschirte in der Nacht vom 24. zum 25. September nach Baktschisarai, um sich hier mit den heranrückenden Verstärkungen zu vereinigen. Die Alliirten waren erst am 23. von der Alma aufgebrochen, fanden jedoch die Werke der Nordseite von Sewastopol zu stark, um sie durch einen Handstreich nehmen zu können, u. hatten daher in einem Kriegsrathe, welchem der zum Tod erkrankte St. Arnaud noch beiwohnte, beschlossen sich auf dem Plateau im Süden Sewastopols festzusetzen u. den Angriff auf die Stadtseite der Festung zu richten. Ohne von den Russen belästigt zu werden, marschirten die Alliirten um die Bucht von Sewastopol herum u. begannen die Vorbereitungen zur Belagerung zu treffen, indem sich die Engländer in Balaklawa, die Franzosen, jetzt unter Befehl des Generals Canrobert, an der Kamieschbucht festsetzten. Mentschikow war auf die Nachricht hiervon wieder in die Nähe der nördlichen Werke vorgerückt u. hatte die Besatzung noch um einige Bataillone verstärkt. Den Belagerungsarbeiten stellten sich, namentlich auch durch die Bodenbeschaffenheit, große Schwierigkeiten in den Weg, u. erst am 17. Oct. waren die Batterien der ersten Parallele so weit gediehen, daß das Feuer gegen die Stadt eröffnet werden konnte. Doch die Russen hatten unter Leitung des Obristlieutenant Totleben die Anfangs sehr geringen Werke der Festung in den verflossenen beiden Wochen bedeutend verstärkt u. erwiderten das Feuer kräftig. Die Flotte aber, welche das Bombardement auf die Stadt unterstützen sollte, wurde von den Seeforts bald zum Rückzug genöthigt. Der Plan, nach dem Bombardement mit allen Kräften die Stadt zu stürmen, mußte demnach aufgegeben werden. Das Feuer der folgenden Tage hatte ebenso geringe Wirkung, die Russen stellten die beschädigten Werke nicht nur sofort wieder her, sondern fügten noch beständig neue verstärkende Anlagen hinzu. Inzwischen waren die Verstärkungen der Russen theilweise angekommen. Mentschikow ließ daher am 25. Oct. die Stellung der Engländer bei Balaklawa durch den General Liprandi mit 18,000 M. angreifen. Die Engländer erlitten große Verluste, namentlich blieb ihre gesammte Cavallerie auf dem Schlachtfelde. Um sich gegen solche Offensivstöße zu schützen, legten nun die Alliirten starke Schanzen gegen Tschórgun hin u. auf dem Sapunberge an, nur gegen Inkerman hin hatte man sich mit einigen schwachen Werken begnügt. Bis Anfang November waren auf beiden Seiten namhafte Verstärkungen angelangt, so daß die Verbündeten etwa 70,000, die Russen etwa 82,000 M. zählten. Fürst Mentschikow beschloß daher eine abermalige Offensivunternehmung u. ließ am 5. Nov. mit 31,000 M. unter den Generalen Dannenberg, Soimonow u. Pawlow den rechten englischen Flügel bei Inkerman angreifen. Unterstützt wurde dieser Angriff durch einen Ausfall aus Sewastopol u. durch eine Bedrohung Balaklawa's durch Fürst Gortschakow, welcher an Liprandi's Stelle getreten war. Schon waren die Engländer geschlagen, als der französische General Bosquet die Russen, welche schlecht geführt worden waren, anfiel u. nach schweren Verlusten zum Rückzug nöthigte. Durch diese Angriffe der Russen theilweise, noch mehr aber in Folge der nun eingetretenen ungünstigen Witterung, geriethen die Belagerungsarbeiten fast gänzlich ins Stocken, nur die Franzosen rückten den angegriffenen Werken näher u. hatten am 1. Nov. die Batterien der zweiten Parallele eröffnet u. einige Tage später den Bau der dritten Parallele u. der Breschbatterien begonnen, Aber[613] auch die Russen hatten ihre Werke verstärkt u. hinter der ersten eine zweite u. eine dritte Vertheidigungslinie, dazu zahlreiche neue Batterien, Verhaue, Wolfsgruben u. Fladderminen angelegt. So war ein Winterfeldzug unvermeidlich geworden. Darauf waren die alliirten Armeen aber weder mit ihren Bekleidungen, noch mit ihren Lagereinrichtungen vorbereitet, die Truppen hatten daher große Beschwerden zu ertragen, noch vermehrt durch einen Orkan, welcher am 14. Nov. fast ihr ganzes Lager zerstörte u. auch der Flotte empfindliche Verluste verursachte. Die Folge war eine außerordentliche Sterblichkeit im Lager. Die Lazarethe waren überfüllt u. immerwährend gingen Schiffe voll Kranker nach Constantinopel ab; die Engländer waren der Zahl nach bis zu einer französischen Division zusammengeschmolzen. Die geringe Thätigkeit, zu welcher die alliirten Feldherren unter diesen Umständen sich genöthigt sahen, wirkte niederbeugend auf den Geist der Truppen ein, u. man suchte durch die Aussicht auf einen baldigen entscheidenden Sturm den Muth aufrecht zu erhalten. Erst Anfang December vermochten die Alliirten die Arbeiten in den Trancheen wieder aufzunehmen. In den europäischen Cabinetten herrschte in dieser Zeit immer noch die lebhafteste Bewegung, um den Streit wo möglich auf diplomatischem Wege beizulegen, denn der Krieg forderte ungeheuere Opfer u. einen namhaften Vortheil konnte er in keinem Falle einer der Parteien gewähren, seitdem die deutschen Mächte durch die Räumung der Donaufürstenthümer befriedigt waren. Den Truppenaufstellungen Österreichs hatte Rußland die Zusammenziehung ansehnlicher Streitkräfte in Polen entgegengesetzt. Österreich sah sich dadurch bedroht u. suchte Preußen aus seiner unbedingten Neutralität herauszuziehen. Preußen begnügte sich jedoch vorerst an Rußland die dringendere Mahnung zur Nachgiebigkeit zu richten, u. als das russische Cabinet hierauf in seiner Note vom 6. Nov. ablehnend antwortete, unterzeichnete Preußen am 26. Nov. einen Zusatzartikel zum Bündnisse vom 20. April u. erkannte die vier Punkte als Grundlage der Friedensunterhandlungen an, Österreich aber näherte sich den Westmächten noch mehr u. ging am 2. Dec. ein förmliches Schutz- u. Trutzbündniß mit ihnen ein. Nun sah sich Rußland zur Nachgiebigkeit genöthigt u. ließ schon am 28. Nov. in Wien anzeigen, daß es die vier Punkte als Ausgangspunkte zu Friedensunterhandlungen annehmen wolle.
V. Vom Wiener Vertrag bis zur Eröffnung der Friedensconferenzen 2. Dec. 1854 bis 15. März 1855. Nachdem Österreich von dem Abschlusse des Decembervertrages an Rußland u. von der Bereitwilligkeit des Kaisers Nikolaus auf Grundlage der vier Punkte in Friedensunterhandlungen zu treten, an Frankreich u. England officielle Mittheilung gemacht hatte, traten am 28. Dec. zu einer Conferenz in Wien der Graf Buol für Österreich, Graf Westmoreland für England, Baron Bourqueney für Frankreich u. Fürst Gortschakow für Rußland zusammen, um zunächst eine Auslegung der vier Punkte für spätere Unterhandlungen festzustellen. Bourqueney redigirte ein Programm, in welchem die Auffassung der vier Punkte im Sinne der Decemberverbündeten festgestellt war; Gortschakow stellte eine russische Fassung dem gegenüber. In Bezug auf die beiden Punkte, welche Österreich zunächst näher berührten (Aufhebung des ausschließlichen Protectorats über die Donaufürstenthümer u. freie Donauschifffahrt), erkannte Rußland die Auffassung der Alliirten im Allgemeinen an. Der dritte Punkt jedoch, wegen Untersuchung u. Abänderung des Vertrages vom 13. Juli 1841, um das Bestehen des Ottomanischen Reiches vollständiger mit dem europäischen Gleichgewicht zu verknüpfen u. dem Übergewicht Rußlands im Schwarzen Meer ein Ende zu machen, wurde von beiden Parteien ganz verschieden aufgefaßt, indem die Verbündeten ein zu treffendes Ablonmen erst von dem Gange der Kriegsereigniss, abhängig machen wollten, Rußland aber die Bedingung aufstellte, daß unter den gewählten Mitteln keines sein dürfe, welches den Souveränetätsrechten des Kaisers Eintrag thäte. Auch über den vierten Punkt, Sicherstellung der Rechte der christlichen Unterthanen der Pforte, stimmten die Fassungen nicht zusammen. Die Verbündeten bezogen sich in ihrer Auslegung wesentlich auf den guten Willen u. die edelmüthigen Absichten der Pforte; Rußland aber verlangte, daß die Pforte zur Bestätigung u. Erhaltung der religiösen Privilegien der christlichen Gemeinschaften ernstlich angehalten werde. Nachdem Fürst Gortschakow hierüber in Petersburg angefragt hatte, erklärte er am 7. Jan. 1855, daß er ermächtigt sei dem Entwurfe der Verbündeten unbedingt beizutreten. Solchergestalt war nun zwar eine Basis für die Friedensunterhandlungen gewonnen, dennoch aber verzögerte sich deren wirkliche Eröffnung bis zum 15. März. Preußen war zwar einige Tage vor den Abschluß des Decembervertrages über denselben in Kenntniß gesetzt worden, fand sich aber durch das einseitige Vorgehen Österreichs verletzt u. lehnte daher, als ihm die Verbündeten die Aufforderung zum Beitritt sendeten, denselben ab, setzte sich dagegen in London u. Paris in directe Verbindung mit den Westmächten, namentlich um nicht von den bevorstehenden Friedensconferenzen ausgeschlossen zu werden. Österreich, welches für sich den Ausbruch des Krieges als nahe bevorstehend betrachtete, wollte sich die Flanke decken u. zeigte daher Preußen an, daß es eine theilweise Mobilisirung der deutschen Bundesarmee beantragen werde; Preußen machte dagegen Einwendungen u. erhob zugleich seinen Anspruch zur Theilnahme an den Friedensconferenzen, welchen die Alliirten jedoch zurückwiesen. Als endlich Österreich auf eigene Hand hin Schritte bei dem Deutschen Bunde thun wollte, Preußen aber sich dagegen verwahrte, trat Baiern vermittelnd auf, u. am 8. Febr. kam ein Beschluß des Deutschen Bundes zu Stande, welcher eine erhöhte Kriegsbereitschaft der ganzen Bundesarmee anordnete. Dabei ging jedoch Österreich von der Voraussetzung aus, daß man nur gegen Osten Front mache, die übrigen deutschen Staaten aber u. namentlich Preußen, daß die Front auch gegen Westen gerichtet sei. So hatte Österreich nur wenig Aussicht seine Pläne unterstützt zu sehen. Auch die Westmächte suchten