Russisch-Deutscher Krieg gegen Frankreich 1812-1815

[559] Russisch-Deutscher Krieg gegen Frankreich 1812–1815. I. Rußlands Krieg von 1812 bis zur Erklärung Preußens im Febr. 1813 gegen Frankreich. A) Veranlassung u. Rüstung zum Kriege. Bald nach der Vermählung Napoleons I. mit der Erzherzogin Marie Luise u. nach Abschluß des Bundes mit Österreich folgten die Zerwürfnisse Frankreichs mit Rußland. Schon als Rußland noch mit Frankreich in gutem Einvernehmen stand, hegte der Kaiser Alexander große Besorgnisse, daß ihm von dem 1807 von Napoleon gestifteten u. 1809 vergrößerten Herzogthum Warschau Gefahr drohe; diese Besorgnisse mehrten sich, als 1810 durch Besitzergreifung großer Ländertheile in Mitteleuropa das Französische Kaiserreich Rußland immer näher rückte u. der französische Machthaber auch im Süden alle italienischen Länder u. Küsten erworben hatte. Es wurde immer klarer, daß Napoleon den Kampf mit Rußland suchte, fügte er doch dem Kaiser Alexander als dem Chef des Hauses Oldenburg die größte persönliche Kränkung zu, indem er den Herzog von Oldenburg seines Landes beraubte. Von da an hielt sich Alexander an den Tractat von Tilsit nicht mehr gebunden, u. um sich England zu nähern u. sich mit ihm zu verbinden erlaubte er am 19. Dec. 1810 die ungehinderte Einfuhr englischer Waaren auf neutralen Schiffen, verbot dagegen am 29. Dec. durch einen neuen Zolltarif die wichtigsten französischen Waaren, andere besteuerte er sehr hoch. Hiernach protestirte er gegen die Vertreibung des Herzogs von Oldenburg u. richtete seine Streitmacht gegen das Herzogthum Warschau. Der Notenwechsel wurde lebhaft in gereiztem Tone geführt, der französische Gesandte in Petersburg, Caulincourt, gab die Hoffnung auf den Frieden zu erhalten u. trat seinen Posten an Graf Lauriston, einen strengen, stolzen Soldaten, ab; der russische Gesandte in Paris, Fürst Alexander Kurakin, war ein Frankreich geneigter, schwacher Diplomat. Oberst Tschernytschew wurde von 1808–1812 zwölfmal nach Paris geschickt, um über die Lage zu kundschaften, u. that es mit Erfolg, indem er schon Anfangs 1811 erfuhr, daß der Krieg gegen Rußland beschlossen sei. Die diplomatischen Verhandlungen dauerten fort, Napoleon beklagte sich immer heftiger, konnte aber Rußland nicht zum Nachgeben bewegen. Kurakin forderte im April 1812 die Verringerung der Besatzung Danzigs, die Räumung[560] der preußischen Staaten u. Schwedisch-Pommerns u. erklärte, neutrale Flaggen würden auch fernerhin in russischen Häfen zugelassen. Dies entschied den Krieg, Napoleon reiste den 9. Mai 1812 nach Dresden u. später zur Armee in Ostpreußen, u. der nach Wilna zum Kaiser Alexander gesendete Graf von Narbonne ertheilte den Bescheid, daß Frankreich nicht in die russische Forderung willigen könne. Napoleon, eng verbunden mit Italien, den Rheinbundstaaten u. dem König Joseph von Spanien, bewog auch den Kaiser von Österreich dadurch, daß er demselben Galizien garantirte u. eine Vergrößerung versprach, zur Allianz mit ihm u. zu dem Versprechen 30,000 Mann Auxiliartruppen zu stellen; der König von Preußen wurde durch die Verhältnisse, bes. dadurch, daß Rußland den Angriff Napoleons abwarten wollte, gezwungen am 24. Febr. zu Paris einen Tractat mit Napoleon abzuschließen, wonach er 20,000 Mann stellte, Spandau räumte, den Durchzug der Franzosen gestattete u. sich nur einen Theil von Schlesien u. Potsdam als neutral vorbehielt. Nur Dänemark, die Türkei u. vor der Hand Schweden blieben neutral. Um sein ganzes Heer verwenden zu können, hatte Napoleon die Nationalgarde in 3 Banne getheilt, von deren erstem (20–25 Jahre) 88 Cohorten zu 1000 M., zum inneren Dienste mobilisirt wurden u. die Bewachung der Küsten, Grenzen u. des Innern übernahmen; das Heer von 275,000 M. zog gegen Rußland. Das Königreich Italien stellte 45,000, die Schweiz 10,000, Spanien u. Portugal 6000, das Großherzogthum Warschau 50,000, Österreich 30,000, Preußen 20,000 M. zu diesem Kriege; Baiern sendete 30,000, Württemberg 12,000, Sachsen 20,000, Westfalen 21,000, Darmstadt 5000, Baden 8000, Würzburg 2000, die kleineren Rheinbundsfürsten 15,000 M., der ganze Rheinbund gegen 120,000 M. Im Ganzen zählte das französische Heer u. seine Verbündeten 500,000 M. zu Fuß u. 95,000 zu Pferde, einschließlich der Artilerie u. Ingenieure, wobei die Truppen des großen Artillerie- u. Genieparks, der Train, die Bespannung der Munitionswagen nicht mitgerechnet sind. Die Zahl der Geschütze, incl. der Belagerungsgeschütze für Riga, betrug 1372; die der Munitions- u. Transportwagen wird auf ca. 33,000 berechnet, u. dienten zum Transport von Brückenmaterial, Handwerkszeug, Armeebedürfnissen, Baumaterialien, Mühlen, Feuerspritzen, Eissporen, Lazarethutensilien etc.; ganze Compagnien von Handwerkern, Lazarethwärtern u. Wärterinnen, Todtengräber etc. folgten. Dieses Heer war folgendermaßen vertheilt: die Hauptarmee, 204,000 M. unter Napoleon, stand am Niemen bei Kowno u. enthielt das Gardecorps (4 Div. Inf. Fußvolk, 1 Reiterei [außer den Darmstädtern fast lauter Franzosen]) 47,000 M., das 1. Corps unter Davoust (5 Div. Inf., 1 Div. Cav. Franzosen u. 2 Regimenter Portugiesen), 71,500 M.; das 2. Corps unter Oudinot (3 Div. Inf., 1 Div. Cav., Franzosen, Schweizer, Illyrier, Portugiesen u. Polen), 36,800 M., das 3. Corps unter Ney (3 Div. Inf., 1 Div. Cav., Franzosen, Württemberger u. Polen) 38,000 M.; die Reservecavallerie unter dem König von Neapel, bestehend aus dem 1. Cavalleriecorps Nansoutys, dem 2. Montbruns, dem 3. Grouchys, jedes von 3 Div., 32,000 Mann. Die Armee des Vicekönigs von Italien, 69,000 M., ebenfalls am Niemen, enthielt des 4. Corps (4 Infanterie, 1 Cavalleriediv., Italiener, Illyrier u. Spanier), 44,000 M., unter dem Vicekönig, dann unter Junot, u. das 6. Corps unter Gouvion St. Cyr (2 Div. Inf., 1 Div. Cav., sämmtlich Baiern), 25,000 M. Das Heer des Königs von Westfalen, 83,000 M., auf der Straße von Grodno heranziehend, enthielt das 5. Corps des Fürsten Poniatowski (3 Div. Inf., 1 Div. Cav., Polen u. Franzosen), 36,000 M.; das 7. Corps unter Reynier (3 Div. Inf., 1 Div. Cav., Sachsen u. Franzosen), 17,000 M.; das 8. Corps unter Vandamme (2 Div. Inf., 1 Div, Cav., Westfalen), 18,000 M., u. das 4. Cavalleriecorps Latour Maubourgs (2 Div. Polen, Sachsen u. Westfalen), 8000 M. Den rechten Flügel machte das österreichische Auxiliarcorps unter dem Fürsten Schwarzenberg bei Lublin (3 Div. Inf., 1 Div. Cav.), 33,000 M., den linken Flügel das 10. Corps aus dem preußischen Hülfscorps u. 1 Div. Polen, Baiern u. Westfalen, 32,500 M., bestehend, unter Macdonald bei Tilsit. Als Reserve folgte zwischen Weichsel u. Elbe das 9. Corps unter Victor (3 Div. Inf., 1 Div. Cav., Franzosen, Rheinbundstruppen u. Polen), 33,600 M., u. das 11. Corps unter Augereau (4 Div. Inf., Franzosen u. Rheinbundstruppen).

Rußland beeilte sich zunächst mit den Mächten, mit denen es im Krieg begriffen war, Frieden zu schließen; mit England kam der Friede zu Örebro am 18. Juli u. ein Vertrag über große Subsidien zu Stande, wogegen Rußland seine Ostseeflotten (18 Linienschiffe, 12 Fregatten) zum Pfand gab; mit der Türkei kam der Friede zu Bucharest am 12. Mai zu Stande, mit Schweden wurde am 24. März ein Allianztractat geschlossen, durch welchen Rußland diesem Norwegen garantirte u. ein Hülfscorps von 25–30,000 M. versprochen bekam; mit der in Spanien die Herrschaft führenden Junta wurde am 20. Juli ein Allianztractat zu Welikie Luki geschlossen; mit Persien allein blieb es im Krieg. Zu seiner Rüstung hatte Rußland 1811 u. 12195,000 M. ausgehoben u. dazu nach Beginn des Krieges noch 40,000 M. aus den Westgouvernements verlangt, u. da diese nicht alle erschienen, so wurden 2 von jedem Hundert der Kronbauern u. eben so viel von den Gouvernements, wo bisher keine Aushebungen Statt gefunden hatten, begehrt; außerdem stellte in Folge der an das Gouvernement Moskau u. dann an die Statthalterschaften ergangenen Aufrufe der Adel von Moskau 80,000, das Gouvernement Petersburg 30,000, Kaluga 23,000, Smolensk 20,000, Wladimir u. Nishnel-Nowgorod jedes 15,000 Milizen, die andern Gouvernements auch bedeutende Milizen; die Großfürstin Katharina rüstete auf eigene Kosten ein Bataillon, andere Große stellten einzelne Abtheilungen. Die meisten von diesen rückten aber nicht sogleich in die Linie ein, sondern nur etwa 40,000 Milizen, bes. von den Gouvernements Petersburg u. Moskau, nahmen an dem Kriege von 1812 Theil, die übrigen folgten dem Heere 1813 zum Theil nach Polen u. Deutschland, zum Theil wurden sie wieder entlassen. Der Stand des russischen Heeres war: Hauptquartier Wilna; zur 1. Westarmee unter Barclay de Tolly gehörten: das 1. Corps unter Wittgenstein (20,000 M.) als rechter Flügel bei Schawle, das zweite unter Baggehusswudt (15,000 M.) bei Wilkomierz, das 4. unter Schuwalow (16,000 M.) bei Troki, das 6. unter Dochturow (16,000 M.) bei Lida, das 3. unter Tuschkow I. (15,000 M.) u. das 5. unter [561] Großfürst Constantin (18,000 M., darunter die Garden), so wie das 1. Corps schwere Reiterei unter Uwarow (12,000 M.), das 2. unter Korff (10,000 M.) u. das 3. unter Graf Pahlen (8000 M.) als Reserve bei Wilna. Im Ganzen 128,000 M., etwa 1/3 des ihm gegenüberstehenden französischen Heeres. 20 Meilen davon stand die 2. Westarmee unter Fürst Bagration bei Slonim; sie enthielt das 7. Infanteriecorps unter Rajewski (15,000 M.), das 8. unter Barasdin I. (15,000 M.), das 9. unter Woronzow (15,000) u. 3 Reitercorps unter Knorring, Stewers u. Wassiltschikow (25,000 M.). Im Ganzen 63,000 M. In Volhynien stand die Reservearmee unter Graf Tormassow, unter ihm die Generallieutenants Markow, Kamenskoi u. Lambert mit 47,000 M. Das Hauptquartier war Mozyr am Przpiec. Die Avantgarde bildete der Hetman Platow bei Bialystock. Ihm gegenüber standen 122,000 M., fast die Hälfte mehr. Fürst Pahlen III. vom 2. Cavalleriecorps unterhielt die Verbindung zwischen der 1. u. 2. Armee. Jedes russische Infanteriecorps enthielt 2 Divisionen (nur das erste 3, das 10. aber nur 1), die Reservecavalleriecorps aber 3 Divisionen (das zweite 2). Essen sollte mit 10,000 M. Riga schützen. Auf dem Heimweg war die durch den Frieden mit der Türkei frei gewordene 35,000 M. starke Donauarmee unter Kutusow, welche aus 2 Corps, dem von Langeron u. von Markow, u. dem Cavalleriecorps des Generals Saß (jedes 2 Divisionen) bestand; dazu kam noch das abgesonderte Corps Steinheils, welcher 12,000 M. stark von Finnland gegen Riga zog; General Miloradowitsch, welcher durch 25,000 Milizen Anfang Septembers die Hauptarmee verstärkte; General Ertel, welcher etwa 15,000 M. bei Smolensk zusammenzog u. zur Armee in Volhynien stieß, u. die Milizen von Petersburg u. Twer (15,000 M.), welche zu Ende des Feldzugs die Armee Wittgensteins verstärkten. Mit allen diesen war doch das russische Heer nie stärker als 315,000 M. u. zählte daher immer fast 2/5 weniger, als das französische Heer mit seinen Reserven.

B) Operationen der Hauptarmee in Lithauen u. Volhynien bis zur Beziehung der Erholungsquartiere bei Smolensk. Am 23. Juni setzten 3 Kähne mit Tirailleurs über den Niemen u. schleunig folgten auf 3 bei dem Dorfe Alexioten in der Nähe von Kowno geschlagenen Brücken die Reservecavallerie unter Murat, das 1., 2. u. 3. Corps u. die Garden, später der Vicekönig. Schon am 28. Juni war nach leichten Avantgardengefechten bei Troki u. Waka die französische Avantgarde in Wilna. Überall zogen sich die Russen, ihrem vom General Phull entworfenen Operationsplan treu, zwar fechtend, aber keinen ernsten Widerstand leistend, zurück u. verbrannten alle Magazine. In Wilna, der Hauptstadt Lithauens, verweilte Napoleon 14 Tage, ließ die Stadt befestigen u. Magazine anlegen u. suchte die Lithauer durch Aufrufe, in denen er die Wiederherstellung des alten Polens verhieß, zu den Waffen zu bringen. Doch nur Wenige folgten seinem Aufrufe u. die Formation von 6 lithauischen Regimentern Fußvolk u. 4 Regimentern Reiterei kam langsam zu Stande, dieselben bestanden meist aus russischen Überläufern, die Offiziere aber aus unzufriedenen lithauischen Adligen. Langsam drängte nun vom 29. Juni bis 6. Juli der König von Neapel, von Nansouty mit dem 1. Cavalleriecorps u. 1 Division des 1. Corps unterstützt, die russische Hauptarmee in das Lager von Drissa zurück u. Macdonald ging zwischen Dünaburg u. Drissa über die Düna, wobei mehre heftige Reitergefechte stattfanden. Die zweite russische Westarmee war unterdessen 15 Meilen weit von der ersten Westarmee entfernt, unangegriffen geblieben. Von Wilna aus detachirte Napoleon sogleich Davoust mit 35,000 M. gegen die rechte Flanke der zweiten Westarmee über Oszmiana nach Minsk, um die Vereinigung derselben mit der ersten Westarmee zu hindern. Davousts Avantgarde stieß unversehens auf Dochturow u. Pahlen III., welche nach Wilna marschirten, das sie noch in den Händen der ersten Westarmee wähnten, u. drängte Dochturow von allen Seiten, allein die Russen erreichten mit ihren leichten Pferden, während die schwereren französischen in den üblen Wegen versanken, den 6. Juli die Dzisna u. das Lager von Drissa. Um so lebhafter verfolgte Davoust aber seinen Marsch gegen Minsk u. erreichte diese Stadt den 9. Juni, noch vor der zweiten Westarmee, welche unter Bagration Ende Junis sich in Rückzugsbewegungen gesetzt u. Kamenskoi u. Lambert in Volhynien zurückgelassen hatte u. von dem König von Westfalen, wiewohl nur nachlässig, verfolgt wurde. Bagration schlug von Mir über Njeswisch nach Slucz u. die Feste Bobruisk, wo er die Beresina überschritt, einen großen Bogen u. wendete sich den 19. Juli zwischen der Beresina u. dem Dniepr nach Mohilew. Diese Stadt besetzte Davoust am 20. Juli, während Grouchy weiter nördlich schon am 15. Juli das ummauerte Borisow u. am 18. Juli Orsza eingenommen hatte. Bei allen diesen Bewegungen litten die Franzosen großen Mangel u. verloren viele Pferde. Der König von Westfalen verfolgte seit dem 8. Juli lebhafter, er lieferte Bagration täglich kleine Cavalleriegefechte, u. nur mit Mühe schafften sich die Russen durch eine Schlappe, welche sie der polnischen Reiterei den 14. Juli bei Romanow anhingen, einige Zeit Ruhe. Endlich griff Bagration mit 50,000 M. Davoust, der ihn immer in der Flanke gehabt hatte, am 22. Juli bei Mohilew mit 50,000 M. an. Davoust, welcher viele Abtheilungen detachirt hatte u. nur 15,000 M. stark war, befand sich in einer sehr mißlichen Lage, schlug sich aber hinter einem sumpfigen Bache so gut, daß Bagration das Gefecht plötzlich abbrach u. sich auf einem neuen Umweg, bei Buchow den Dniepr überschreitend, auf dessen linken Ufer nach Smolensk zog. Wegen des Schwankens in den Bewegungen zürnte Napoleon seinem Bruder Jerome u. befahl, daß an seiner Stelle Davoust den Befehl über den linken Flügel übernehmen, Jerome aber nur das 8. Armeecorps, die Westfalen, führen sollte. Hierüber ärgerlich, verließ dieser das Heer u. übergab Junot (denn auch Vandamme, der militärische Vormund Jeromes, war in Ungnade gefallen u. abgerufen worden), das Commando über das 8. Corps. Während dieser Operationen des rechten französischen Flügels stand der linke dem stark verschanzten Lager von Drissa an der Düna gegenüber. Da es zu gefährlich war das Lager anzugreifen, so machte Oudinot auf Napoleons Befehl 13. u. 14. Juli einen bloßen Scheinangriff auf den Brückenkopf von Dünaburg. (Dieser nach Napoleons Absicht nicht gelungene Angriff gab zur Siegesnachricht in Petersburg Anlaß.) Eine wirkliche Schlappe aber brachten die Russen der Reiterbrigade St. Genies durch den Überfall bei [562] Drujä am 15. Juli bei, wo St. Genie u. 300 M. Franzosen gefangen wurden. Unterdessen umging aber der Kaiser mit dem Vicekönig, dem 6. Corps u. den Garden den linken Flügel des Lagers, u. die Russen konnten nun über die Absicht Napoleons nicht nach Petersburg, sondern nach Moskau zu marschiren, nicht mehr zweifelhaft sein. Der Kriegsrath u. Barclay de Tolly mußten daher den Stimmen, denen das bisherige System der Zögerung für Feigheit u. Schwäche galt, nachgeben u. sich zur Schlacht entschließen. Diese sollte aber nur nach der Vereinigung mit der zweiten Westarmee Statt finden, u. deshalb brach die erste Westarmee am 18. Juli nach dem Lager von Drissa auf u. zog die Düna aufwärts über Polock nach Witebsk, wo sie den 24. Juli eintraf, aber hier wegen des Gefechts bei Mohilew zum Marsch nach Smolensk genöthigt war. Der Kaiser Alexander ging aber nach Petersburg ab, um von da die Rüstungen zum Nationalkriege kräftiger zu betreiben, u. Schuwalow wurde im Commando des 4. Corps durch Osterman-Tolstoi ersetzt. Um dem 6. Corps unter Dochturow, welcher von den Russen allein noch auf dem linken Dünaufer stand, den Übergang zu erleichtern, ging das 4. Corps (Osterman) dem Vicekönig entgegen, u. am 25., 26. u. 27. Juli kam es bei Ostrowno zu lebhaften Gefechten, in denen jeder Theil 3–4000 M. verlor, bis sich die Russen am 26. auf Witebsk u. am 27. sammt der ganzen Bevölkerung von Witebsk, mit Zurücklassung der Juden, nach Smolensk zurückzogen. Barclay de Tolly kam am 30. Juli bei Smolensk an u. vollzog hier am 6. Aug. die Vereinigung der ersten mit der zweiten Westarmee. Die Franzosen waren lange ungewiß, ob die Russen nach Smolensk od. längs der Düna gezogen wären; der Vicekönig ging auf letzterem Wege vor, der König von Neapel marschirte über Porjeczie gegen Smolensk, aber die Garden u. Napoleon blieben in Witebsk. Die Truppen erholten sich etwa 8 Tage lang, da sie durch Hitze u. Mangel an Lebensmitteln sehr ermüdet waren.

Auf dem französischen rechten Flügel in Volhynien hatte der König von Westfalen auf Befehl Napoleons das 7. Corps unter Reynier (17,000 M.) Anfang Julis bei Slonim zurückgelassen, um Schwarzenberg abzulösen, welcher hinter der Armee weg über Minsk zu Napoleons Hauptheer stoßen sollte. Napoleon hatte, indem er Schwarzenberg berief, wahrscheinlich die Stärke der Russen in Volhynien nicht gekannt, od. darauf gerechnet, daß auch Tormassow nach dem Innern sich zurückziehen werde. Dieser blieb aber, um den Marsch des französischen Hauptheers durch eine Bewegung in dessen Rücken u. Flanke aufzuhalten. Am 25. Juli überschritten Kosackenabtheilungen den Bug bei Horodle, streiften bis nach Rubieska, Wlodowa u. Krielow u. setzten Warschau in großes Schrecken. Mit Mühe raffte General Krasinski noch einige Depots zusammen u. trieb mit diesen u. einigen Tausend bewaffneten Bauern die Russen zurück. Nun wendete sich Tormassow gegen Reynier, welcher seine Vorposten bis Kobryn vorgeschoben u. dies mit etwa 2300 Sachsen unter General Klengel besetzt hatte, u. beschoß den 27. Juli Kobryn von drei Seiten heftig. Vergebens suchte sich die Cavallerie durchzuschlagen, u. nachdem 1000 M. gefallen u. alle Munition verschossen war, mußte sich Klengel ergeben. Reynier aber zog sich schleunig nach Slonim zurück u. vereinigte sich hier am 3. Aug. mit Schwarzenberg. Aus dem französischen linken Flügel hatte Macdonald, den Niemen am 24. Juni überschreitend, Samogitien überschwemmt u. drang nun mit den Preußen im Juli u. August über Bauske u. Eckau nach Riga von während Grandjean das verlassene Dünaburg besetzte u. die Werke demoliren ließ. Am 20. Juli langten die Preußen unter General Grawert, nachdem sie mit General Lewis am 19. ein leichtes Vorpostengefecht bestanden hatten, vor Riga an. Der Gouverneur dieses Platzes hatte die verfallenen Festungswerke wieder aufnehmen, Pallisaden setzen, Außenwerke jenseit der Düna anlegen lassen u. Befehl gegeben, daß jeder Einwohner sich auf vier Monate verproviantiren solle. In der Nacht zum 24. Juli ließ er aber, ohne die Einwohner gewarnt zu haben, die Vorstädte abbrennen, worauf am 1. Aug. englische u. russische Kanonenboote vor dem Platze anlangten. Oudinot, welcher das Lager von Drissa zerstört hatte, war Ende Juli (26.) in Polock hinter der Düna, Wittgenstein ihm gegenüber bei Osweia auf der Straße nach Petersburg. Beide waren aber bes. durch Krankheiten u. Strapazen geschwächt, so daß Oudinot kaum 45,000 Mann u. Wittgenstein 25,000 Mann zählte. Am 28. Juli brach Oudinot von Polock u. Disna auf, um nördlich über Sebesh auf der großen Straße nach Petersburg vorzudringen. Wittgenstein griff am 30. bei Jacubowo an u. warf ihn ebenso, wie am 31. auf Polock, hinter die Drissa zurück, wo er eine verdeckte Aufstellung nahm, aus welcher er über die unter Kuiniew vorgehenden Russen herfiel u. sie schlug, ohne sie jedoch zu verfolgen.

C) Zug nach Moskau. Operationen des Hauptheeres. Napoleon concentrirte seine Streitmacht, die Garden, das 3. Corps, das 4., das 1., 5. u. 8. Corps unter Davoust u. die Reservecavallerie bis zum 14. Aug. vor Smolensk; nur rechts in Volhynien blieben Schwarzenberg u. Reynier, links an der Düna Macdonald, Oudinot u. St. Cyr zurück. Die Bewegungen der Hauptarmee u. Davousts begannen gegen den 9. Aug. u. waren den 14. ausgeführt. Barclay hatte um den 12. Aug. eine offensive Bewegung vor, kehrte aber sogleich um, als er die Bewegungen der Franzosen erfuhr. Bei Liady, dem letzten Städtchen auf sonst polnischem Gebiet, u. Krasnoi kam es zu Arrièregardengefechten; die Russen, 3000 M. unter General Newerowski, bildeten bei Krasnoi ein grosses Quarré u. setzten in demselben, mehr als 40 mal von der französischen Reiterei angegriffen, ihren Rückzug nach Smolensk fort. Smolensk war mit einer 20 Fuß starken, 40 Fuß hohen steinernen, von Thürmen flankirten Mauer umgeben; Volk u. Heer forderten dessen Vertheidigung u. erklärten Rückzug für Verrath. Daher mußte Barclay, der noch immer befehligte, nachgeben u. mit 130,000 gegen 180,000 Mann wenigstens scheinbar eine Schlacht annehmen; er wollte die Stadt durch das erste Corps vertheidigen, währenddem das auf dem rechten Ufer des Dniepr aufgestellte Hauptheer den Rückzug decken sollte. Die Communication über den Dniepr unterhielten drei Schiffbrücken. Ben 15. u. 16. Aug. recognoscirte Napoleon die Stellung u. suchte die Russen aus der Stadt zu locken, u. als dies nicht gelang, begann am 17. August Mittags der Angriff. Das 3. Corps lehnte sich mit dem linken Flügel an den Dniepr, dann kam [563] Davoust mit dem 1. Corps, dann Poniatowski mit dem 5. Corps u. die Reiterei Murats füllte vollends den Raum rechts bis wieder an den Dniepr aus. Das 4. Corps (Eugen) u. die Garden standen rückwärts hinter dem rechten Flügel u. der Mitte in Reserve. Das 8. Corps (Junot) sollte den Dniepr zwei Meilen oberhalb Smolensk überschreiten u. so die Russen flankiren u. zum Rückzug vermögen; es zögerte aber u. kam erst Abends 10 Uhr bei Smolensk an. Als Barclay de Tolly diese große, zum Angriff bestimmte Macht wahrnahm, sandte er das 6. Corps (Dochturow) Smolensk zur Hülfe u. übernahm selbst den Befehl in der Stadt. 8000 M. standen, den rechten Flügel bildend, vor Krasnoier Straße u. dem Dniepr, 15,000 M. vertheidigten zwei verbarricadirte Vorstädte, der linke Flügel hielt zwei andere bis an den Dniepr besetzt. Ney griff das Heilige Feld, Davoust u. Poniatowski die Vorstädte an, Sorbières ließ 60 Geschütze gegen Die Russen antworteten mit 40 Kanonen. Bald waren vier Vorstädte genommen; am längsten hielten die Russen, von Barclay mit der Reserve verstärkt, sich auf dem Heiligen Felde gegen Ney, aber um 6 Uhr waren sie überall auf die Ring-Stadt, drei Batterien versuchten vergeblich Bresche zu schießen. Bei Tagesbruch fanden die Franzosen die Stadt geräumt u. fast alle Einwohner abgezogen; die Stadt stand in Flammen, 250 Kanonen u. Mörser schweren Kalibers waren zurückgelassen. Der französische Verlust soll 10–12,000 M., der russische 6–8000 M. betragen haben. Der Dorgobush; die eine südliche bildete die zweite, die andere die erste Westarmee; das 6. u. 7. Corps unter Dochturow folgten; Korff bildete den Nachtrab. Das Corps Ney's, welchem erst in der Nacht auf den 19. Aug. der Übergang über den Dniepr, welchen russisches Geschütz vertheidigte, gelungen war, bildete den französischen Vortrab. Am 19. Aug. früh entspann sich etwa eine Stunde vom Dniepr, beim Dorfe Walutina-Gora (nach russischen Quellen am Strachan Bach bei Lainchino) ein Nachtrabgefecht, wobei Ney von Junot unterstützt wurde; da Barclay mit dem 2. u. 3. Corps auf dem Schlachtfeld erschien u. auch Napoleon persönlich Succurs herbeiführte, wurde dasselbe sehr lebhaft, die Russen hielten sich dort gegen die doppelte Übermacht bis zum Abend u. setzten den Rückzug nach Moskau u. Twer fort. Verlust der Franzosen 10,000 M., der der Russen 6000 M.

Napoleon hielt in Smolensk einen Kriegsrath, in welchem es ihm gelang die Mehrzahl seiner Generale von der Nothwendigkeit des Zugs nach Moskau zu überzeugen, u. den 25. Aug. wurde der Marsch dahin fortgesetzt. Murat, Davonst u. Ney zogen auf der Hauptstraße, der Vicekönig einige Stunden links, Poniatowski u. Junot einige Stunden rechts parallel derselben. Alle Städte, Dörfer u. Hütten in der Breite von einigen Stunden wurden von den zurückziehenden Russen in Brand gesteckt u. alle Einwohner zogen mit Weib u. Kind dem Heere nach, od. seitwärts in sicherere Gegenden; nur Wenige blieben zurück. Dorgobush, Slawkowo, Wjäsma, Gshatsk, das man den 1. Sept. erreichte u. wo das Heer den 2. u. 3. Sept. rastete, fand man in Flammen. Beim russischen Heere, welches bei Czarewo Zaimisze eine feste Stellung eingenommen hatte, kam am 29. Aug der neue Oberfeldherr Kutusow an, zog die Reserven von Markow u. Miloradowitsch an sich u. nahm erst hinter Gshatsk, dann 27 Stunden von Moskau bei Moshaisk hinter dem Flüßchen Kalotscha am 3. Sept. eine Stellung ein, um nun eine Schlacht anzunehmen. Am 5. Sept. erschien die Avantgarde der französischen Armee vor dieser Stellung, u. am 6. Sept. begann die Schlacht bei Moshaisk (auch bei Borodino, od. an der Moskwa genannt). Die russische Aufstellung fand in zwei Treffen hinter der Kalotscha statt; der rechte Flügel (das 2. Corps u. 6. Infanteriecorps) unter Barclay de Tolly zog sich bis fast an das Flüßchen Moskwa hin u. lehnte sich an einen steilen Abhang u. an das große, von den Russen stark besetzte Dorf Borodino jenseit des Abhangs u. der Kalotscha; das Centrum unter Bennigsen (4. u. 7. Corps) zog sich über ziemlich flach ansteigende Höhen hin, welche durch zwei nur halb vollendete Redouten zu beiden Seiten eines zerstörten Dorfes verstärkt waren; der linke Flügel unter Bagration (3. Corps) dehnte sich nach einem Walde bei dem Dorfe Semenowskoi hin u. war auch durch starke, halb vollendete Verschanzungen gedeckt. Vor demselben lag vorgeschoben noch eine große Redoute, welche das Kalotschathal bestrich. Die Garde war als Reserve hinter der Mitte u. dem linken Flügel, als dem schwächsten Punkt, aufgestellt, auch befand sich hier eine Cavallerie- u. große Artilleriereserve von 300 Geschützen u. die Moskauischen u. Smolenskischen Landwehren; die neue Straße von Smolensk nach Moskau zog sich durch den rechten, die alte über Kaluga durch den linken Flügel dieser Stellung. Napoleon sah sogleich, daß der Angriffspunkt auf dem linken Flügel der Russen liege, er ließ daher am Abend des 5. Sept. die Redoute bei Schewardino am rechten Kalotschauser durch 2 Divisionen vom 1. Armeecorps stürmen u. den Rand des Waldes in der Richtung auf Utiza durch das 5. (Poniatowski) besetzen; der 6. Sept. wurde zur Auskündung des Feindes u. zum Aufsuchen von Stellungen von den Franzosen verwandt; in der Nacht zum 7. Sept. wurden die Stellungen eingenommen. Auf dem äußersten rechten Flügel im Walde von Utiza bis an die alte Straße von Smolensk standen die Polen, es folgten vom rechten zum linken Flügel in der Fronte die 3 Divisionen von Davoust am Waldrande, rückwärts westlich von der eroberten Redoute 3 Reitercorps, von Nansouty, Montbrun u. Latour; von der Redoute bis zur Kalotscha Ney u. Morand, in zweiter Linie die Westfalen; die Garden hinter der Redoute; die Italiener, die Division Gerard u. Grouchy standen auf dem andern Ufer der Kalotscha gegen Borodino. Die Franzosen hatten 130,000 M., die Russen etwa 120,000, worunter 20,000 Milizen. Am Morgen des 7. Sept. früh 6 Uhr begann auf allen Punkten der Angriff der Franzosen, am heftigsten auf den russischen linken Flügel. Poniatowski drang mit großer Anstrengung tiefer in den Wald ein u. Davoust längs desselben nach Semenowskoi vor; beide mußten von den Westfalen unterstützt werden; Davousts Zweck war die großen Bagrationschanzen zu nehmen; Ney folgte links von Davonst gegen dieselben Schanzen, von Cavallerie unterstützt; 1/2 8 Uhr wurde die erste Schanze gestürmt, aber wieder verloren; nach 9 Uhr waren sie sämmtlich[564] genommen. Im Centrum beschränkte sich das Gefecht auf Kanonenfeuer. Der Vicekönig griff, um die Aufmerksamkeit des Feindes zu beschäftigen, gegen 6 Uhr Borodino an u. nahm es, verlor es aber durch einen Angriff Barclays zum Theil wieder; seine weiteren Operationen waren gegen die große Rajewskischanze gerichtet, welche auch gegen 11 Uhr auf kurze Zeit in seinen Besitz kam. Zu gleicher Zeit war auf dem rechten Flügel Semenowskoi genommen, wobei sich die sächsische Cavallerie auszeichnete. Gegen 3 Uhr sandte Napoleon nochmals das 4. Cavalleriecorps gegen die Rajewskiredoute, um sie von der Rückseite anzugreifen, u. der sächsischen Brigade unter General Thielmann gelang es endlich sie zu nehmen. Vergebens suchte Kutusow u. Barclay durch mehre heftige Angriffe das verlorene Terrain wieder zu gewinnen; mit dem Verlust der großen Schanze war die Schlacht für die Russen verloren. Die Franzosen geben ihren Verlust in dieser Schlacht, der blutigsten, welche in einem Tage je gekämpft worden ist, auf 49 Generale u. 28,000 M. an, die Russen den ihren auf 18 Generale u. 52,000 M.; die Franzosen eroberten 40 meist zerschossene Geschütze, die Russen deren 13. Am 8. Sept. Morgens begann der Rückzug der Russen über Moshaisk, das in Flammen aufging, nach Moskau.

In Moskau hatte bisher Vertrauen auf die Unbesiegbarkeit des russischen Heeres u. die zuversichtlichen Proclamationen des Gouverneurs Grafen Rostoptschin das Volk in Sicherheit erhalten. Als aber am 13. Sept. das geschlagene Heer erschien, als sämmtliche Behörden, auch die Polizei sammt 2100 Spritzenleuten mit 96 Spritzen u. Rostoptschin selbst Moskau verließen, folgte die übrige Bevölkerung, u. nur 14,000 Einwohner u. 2000 schwer Verwundete blieben von 240,000 Ew. zurück. Am 14. Sept. Morgens erschien der französische Vortrab unter Murat im Angesicht von Moskau, der letzte russische Nachtrab auf dem Sperlingsberge zog sich zurück u. die Franzosen rückten gegen Mittag ein. Kein russischer Soldat, nicht einmal ein Bürger ließ sich sehen; endlich vor dem Kreml erblickte man einen Haufen von einigen Tausend Menschen; einige Kartätschenschüsse zersprengten sie, u. Murat zog nun im Kreml ein, wo er 120 Kanonen u. 60,000 Gewehre fand; seine Cavallerie nahm einige Stunden jenseit Moskau, nach Wladimir zu, eine Stellung. Vor den Barrieren wartete Napoleon unterdessen auf eine Deputation des Magistrats; da sie nicht kam, so trieben die Franzosen eine Anzahl Leute aus dem niedern Volke zusammen, welche als Repräsentanten Moskaus vor Napoleon erschienen. Nun zog auch Napoleon in den Kreml u. die Garde in die Stadt ein; das übrige französische Heer bivouaquirte vor den Thoren. Schon als der Vortrab in Moskau einrückte, standen die Börse, bedeutende Waarenmagazine, so wie mehre Heu-, Stroh- u. Getreidedepots etc. in Flammen; in der Nacht zum 15. Sept. brach beim Findelhause Feuer aus, wurde aber gelöscht, doch am Morgen zeigten sich neue Feuersbrünste. Ruhig brannte es den ganzen 15. Sept. fort u. am 16. Sept. erhob sich um 9 Uhr ein Sturm aus Nordwest u. verbreitete die Brunst. Nun kam der Pöbel herzu u. machte mit den plündernden Franzosen gemeinschaftliche Sache u. verbreitete die Feuersbrunst; gegen Mittag standen schon die Quartiere längs der Moskwa in Flammen, dann ergriff das Feuer die Lazarethe; am Abend brannte bereits die halbe Stadt. Vergebens suchte nun die Garde nach Löschgeräth umher, u. als endlich schon die Außengebäude des Kremls zu brennen anfingen, verließ Napoleon denselben u. nahm seinen Sitz in Petrowski, einem kaiserlichen Lustschloß eine Meile nördlich der Stadt, kehrte aber den 19. Sept. wieder in den stehen gebliebenen Kreml zurück; erst am 21. Sept. löschten Regengüsse den Brand u. die Armee suchte sich in den verschont gebliebenen Häusern einzurichten. Es ist vielfach behauptet u. wieder geleugnet worden, daß Rostoptschin den Brand von Moskau planmäßig angeordnet habe; gewiß ist, daß er sein Landhaus vor Moskau selbst anstecken u. Vorbereitungen zur Vernichtung der Magazine treffen ließ u. wenigstens so die Veranlassung zu jenem Brande geworden ist, an dessen Verbreitung sich nachher Russen u. Franzosen betheiligten.

Kutusow hatte Anfangs seinen Rückzug auf der Straße nach Rjäsan genommen, war dann, rechts ausbiegend, über Tula, am 18. Septbr. bis hinter die Oka gezogen, ein Corps zur Besetzung von Kaluga entsendend. Die Straße von Moskau nach Petersburg ließ er nur durch das schwache Detachement des Generals Winzingerode zu Klin besetzen u. die nach Jaroslaw u. Dmitrow durch Kosacken beobachten. So deckte Kutusow, in der rechten Flanke der Franzosen, die reichen südlichen Provinzen u. die Waffenfabriken zu Tula, war Smolensk näher, als die Franzosen, u. hinderte diese etwas gegen Wladimir od. Petersburg zu unternehmen, indem er in beiden Fällen ihren Rücken bedrohte. Die Franzosen aber vergaßen über dem Brand von Moskau Verfolgung u. Beobachtung, u. erst nach einigen Tagen rückte das dritte Corps auf der Straße von Wladimir, Murat gegen Kolomna, Tula u. Kaluga bis an die Bachra, Abtheilungen des vierten Corps gegen Twer u. Jaroslaw vor. Nur Poniatowski, welcher, Murat folgend, gegen Kaluga marschirte, stieß am 29. September bei Czerikowo auf den russischen Nachtrab, wurde angegriffen u. hatte einen schweren Stand; die Nacht endigte das Gefecht. Langsam rückte am 2. u. 3. October Murat unter steten Gefechten an die Nara, wo drei Wochen lang ein Waffenstillstand eintrat. In Moskau selbst suchte Napoleon Ordnung herzustellen, ein Gouverneur (Lesseps) u. Commandant (Milhaud) wurden eingesetzt, die Stadt in 20 Quartiere getheilt, eine Municipalität niedergesetzt, die Einwohner zur Rückkehr eingeladen, der Gottesdienst wieder hergestellt etc., aber dennoch dauerten Plünderungen u. Unordnungen jeder Art fort. Bald fehlten Brod, Pferdefutter u. frisches Fleisch in der Stadt, Kartoffeln u. Kraut waren die einzige Nahrung. Außerhalb der Vorposten zu fouragiren war wegen der bewaffneten Einwohner u. der Kosacken unmöglich. Viele Pferde fielen u. die Cavallerie mußte deren zur Bespannung des Geschützes abgeben. Einmüthig erhoben sich jetzt bes. die Gouvernements, in denen der Krieg geführt wurde, zum Kampf auf Leben u. Tod. Der Brand von Moskau, die Plünderungen u. der Übermuth der Franzosen reizten das Volk zur Rache, u. Tausende der Franzosen wurden auf gräßliche Weise gemordet. Wohl sah Napoleon die Unmöglichkeit den Winter in Moskau zuzubringen ein, aber er hoffte von Tag zu Tag russische Unterhändler wegen des Friedens ankommen zu sehen; deshalb suchte er[565] bei den Russen den Glauben zu erregen, als gedächte er den Winter in Moskau zuzubringen. Der Kreml wurde befestigt u. dem Heer befohlen sich für zwei Monate mit Lebensmitteln zu versehen; Kutusow dagegen wußte nur zu gut, welche Vortheile den Russen ein Winterfeldzug gewähren würde, u. war nur darauf bedacht die Franzosen möglichst lange in Moskau zurückzuhalten. Geschickt verbreitete Gerüchte erzählten daher von Uneinigkeiten unter den russischen Generalen, von Friedensboten, welche nächstens abgesendet würden, von fast erschöpften Hülfsquellen des Russischen Reichs etc. Endlich sendete Napoleon selbst den General Lauriston am 5. Octbr. ins russische Hauptquartier, um Friedensanträge zu machen, aber Kutusow behauptete keine Vollmacht zu Unterhandlungen zu haben, versprach jedoch Verhaltungsbefehle von Petersburg einzuholen. Am 9. Octbr. erschien Lauriston wieder, um Kutusow Briefe an den Kaiser Alexander zu überreichen, allein dieser verweigerte die Bestellung derselben unter dem Vorgeben dadurch die Würde seines Herrn zu beleidigen, wies auch Anträge eines Waffenstillstandes, während dessen sich die französische Armee hinter den Dniepr ziehen wollte, zurück. Erfolglos mußte daher Lauriston den 11. Octbr. nach Moskau zurückkehren, u. nun war der Rückzug entschieden.

Begebenheiten auf dem Französischen rechten Flügel. Durch Schwarzenbergs u. Reyniers Vereinigung den 3. August bei Slonim war die österreichisch-französische Macht in Volhynien bis auf 45,000 Mann angewachsen u. daher Tormassow, welcher nur 30,000 Mann zählte, weit überlegen. Schwarzenberg, welcher den Oberbefehl übernahm, ging daher, die Offensive ergreifend, in zwei Colonnen, die Sachsen rechts, die Österreicher links, fortwährend fechtend, nach Podubuie vor, wo er die Russen den 12. August angriff u. sie gegen Abend zum Rückzug nach Kobryn u. hinter den Przypiec zwang, dann folgte er ihnen bis zum Styr, aber der linke österreichische Flügel, die Division Mohr, gen Pinsk u. den Przypiec; dieser wich jedoch, als er am 8. Septbr. auf den Vortrab des Generals Ertel stieß, nach Pinsk zurück. Schwarzenberg wurde durch die zusammengerafften Truppen des Generals Krasinski aus dem Herzogthum Warschau verstärkt u. verweilte nun beobachtend den Russen gegenüber bis zum 20. Septbr., wo die russische Donauarmee, 35,000 Mann stark, unter Tschitschagow anlangte u. die russische Armee auf 65,000 Mann brachte. Tschitschagow übernahm das Commando, griff Schwarzenberg an, drückte ihn hinter den Turia zurück u. forcirte am 27. Sept. auch diese Stellung. Krasinski kehrte nun, um Zamosc u. den südlichen Theil des Herzogthums Warschau zu decken, über den Bug zurück; Schwarzenberg wollte aber als österreichischer General seine Verbindung mit Galizien nicht aufgeben, hielt sich daher immer Anfang Octobers im Herzogthum Warschau, statt nördlich zu gehen, u. setzte erst den 14. Octbr. wieder bei Drohiczyn über den Bug zurück, als General Mohr sich in großen Bogen über Bialystock mit ihm in Verbindung gesetzt hatte. Hier, hinter dem Bug, langte auch endlich die 8000 Mann starke französische Division Durutte bei Reynier an. Obgleich Tschitschagow, da Schwarzenberg sich nicht von dem Bug entfernte, die Communicationen der Franzosen mit Deutschland hätte unterbrechen können, so begnügte er sich doch Volhynien u. einen Theil von Lithauen mit seiner leichten Reiterei zu überschwemmen u. Parteien nach Warschau streifen zu lassen, bis ihm Schwarzenberg durch Cavallerie unter General Fröhlich Schranken setzte. Jetzt hob Dombrowski, welcher mit seiner Division u. zwei Regimentern Cavallerie Bobruisk blockirte, diese Blockade vor dem anrückenden russischen General Ertel den 14. Septbr. auf u. zog sich auf das neunte, 25,000 Mann starke Corps unter Victor zurück, welches in der Mitte Septembers sich als Reserve der großen Armee u. des rechten u. linken Flügels bei Smolensk aufstellte.

Auf dem linken französischen Flügel erfolgte am 10. August bei Swolna ein abermaliger Angriff Oudinots auf die Russen, welcher fehl schlug u. einen neuen Rückzug nach Polock zur Folge hatte, wo er eine Stellung einnahm, welche Wittgenstein am 17. Aug. angriff. Der Angriff erfolgte auf das Centrum bei dem Dorf Spas, wo Wrede u. Deroy standen. Die Baiern hielten das Dorf, Oudinot ward schwer verwundet u. gab das Commando an St. Cyr ab, welcher am 18. die Rus