Müller [2]

[226] Müller, 1) Friedrich von, weimar. Kanzler, geb. 13. April 1779 in Kunreuth bei Forchheim, gest. 21. Okt. 1849, studierte die Rechte, trat 1801 in den weimarischen Staatsdienst, ward 1804 Regierungsrat und erreichte 1806 und 1807 bei Napoleon die Erhaltung der Selbständigkeit Weimars und die Milderung der Kriegslasten, wofür er zum Geheimrat ernannt und geadelt wurde (vgl. seine »Erinnerungen aus den Kriegszeiten von 1806–1813«, Braunschw. 1851). Nachdem er die Trennung der Verwaltung von der Rechtspflege durchgeführt, trat er 1815 als Kanzler an die Spitze der Justiz, wurde 1835 Landtagsmitglied und trat 1848 in den Ruhestand. Vielseitig gebildet, trat er zu Goethe in nähere Beziehungen (vgl. »Goethes Unterhaltungen mit dem Kanzler Friedrich v. M.«, hrsg. von Burkhardt, Stuttg. 1870).

2) Adam Heinrich, Romantiker und Publizist, berüchtigter Apostat, geb. 30. Juni 1779 in Berlin, gest. 17. Jan. 1829, trat im April 1805 in Wien zur römisch-katholischen Kirche über, hielt dann in Dresden öffentliche »Vorlesungen über die deutsche Wissenschaft und Literatur« (erschienen Dresd. 1806, 2. Aufl. 1807), worin er die Schlegelsche Romantik vertrat, und gab 1808 mit H. v. Kleist, dessen böser Genius er wurde, die Zeitschrift »Phöbus« heraus. In Berlin verfaßte er dann namens der kurbrandenburgischen reaktionären Ritterschaft eine an den König gerichtete Anklageschrift, die den Staatskanzler v. Hardenberg revolutionärer Grundsätze bezichtigte, aber fruchtlos blieb. 1813 wurde er von Wien aus auf Empfehlung seines Freundes Gentz (s. d. 1) als k. k. Landeskommissar nach Tirol gesandt und später auch bei der neuen Organisation dieses Landes verwendet. 1815 wurde er österreichischer Generalkonsul für Sachsen und Resident der anhaltischen Höfe in Leipzig, in welcher Stellung er eine bedeutende Agitation gegen Preußen betrieb und (1816–18) seine »Staatsanzeigen« erscheinen ließ. 1827 ward er, nach Wien zurückberufen, mit dem Beinamen von Ritersdorf geadelt und in der Hof- und Staatskanzlei beschäftigt. Unter seinen Schriften, in denen sich der Hang zum Mystizismus mit katholisch-reaktionären Tendenzen verbindet, sind noch hervorzuheben: »Die Lehre vom [226] Gegensatz« (Berl. 1804); »Von der Idee des Staates« (Dresd. 1809); »Die Elemente der Staatskunst« (Berl. 1809, 3 Bde.); »Die Theorie der Staatshaushaltung« (Wien 1812, 2 Bde.); »Versuch einer neuen Theorie des Geldes« (Leipz. 1816); »Zwölf Reden über die Beredsamkeit und deren Verfall in Deutschland« (das. 1817); »Von der Notwendigkeit einer theologischen Grundlage der gesamten Staatswissenschaften« (das. 1819). Vgl. Varnhagen v. Ense, Galerie von Bildnissen aus Rahels Umgang und Briefwechsel, Bd. 2 (Leipz. 1836); »Briefwechsel zwischen Friedr. Gen tz und Adam Heinr. M.« (Stuttg. 1857); »Briefe und Aktenstücke zur Geschichte Preußens unter Friedrich Wilhelm III., vorzugsweise aus dem Nachlaß von F. A. v. Stägemann« (hrsg. von Rühl, Leipz. 1899–1902, 3 Bde. in 4 Tln.; und Ergänzungen dazu: »Aus der Franzosenzeit«, da j. 1904).

3) Ludwig August von, bayr. Kultusminister, geb. 19. Aug. 1846 in Dachau bei München, gest. 24. März 1895, studierte in München die Rechte, trat in den bayrischen Staatsverwaltungsdienst, wurde 1878 Kabinettssekretär des Königs Ludwig II., 1880 Regierungsrat, dann Oberregierungsrat im Ministerium des Innern und Vorstand des Statistischen Bureaus, 1887 Polizeipräsident von München und im Juni 1890 an Stelle von Lutz Kultusminister.

4) Eduard, schweizer. Bundesrat, geb. 12. Nov. 1848 in Nidau, Kanton Bern, studierte 1868–72 die Rechte in Bern und Leipzig und widmete sich nach absolviertem Staatsexamen zunächst der Anwaltspraxis. Nachdem er 1874–76 das Amt eines Gerichtspräsidenten in Bern bekleidet und 1877–78 Ersatzmann des bernischen Obergerichts gewesen war, wurde er 1882 in den bernischen Verfassungsrat gewählt und war Redakteur des Verfassungsentwurfs, der 1885 in der Volksabstimmung verworfen wurde. Gleichzeitig kam er in den Großen Rat des Kantons Bern, dessen Präsident er 1885 war, 1886 in den weitern und am Ende des Jahres in den engern Rat der Stadt Bern; 1888 wurde er zum Stadtpräsidenten gewählt. In die schweizerische Armee 1868 als Infanterieleutnant eingetreten, stieg er 1885 zum Rang eines Oberstbrigadiers, 1889 zu dem eines Divisionskommandanten empor; seit 1877 war er Großrichter des bernischen Kriegsgerichts, 1882–89 Mitglied des eidgenössischen Militärkassationsgerichts. 1884 wurde er als Vertreter des bernischen Mittellandes in den schweizerischen Nationalrat entsendet, der ihn 1890 zu seinem Präsidenten erhob. Im Auftrag des Bundesrats führte er 1885 die Untersuchung über die Umtriebe der Anarchisten und verfaßte den Entwurf der 1889 Gesetz gewordenen eidgenössischen Mitilärstrafgerichtsordnung sowie denjenigen der 1896 vom Volk verworfenen Disziplinarstrafordnung. Am 16. Aug. 1895 wurde er an Stelle des verstorbenen Schenk in den Bundesrat gewählt, in dem er zunächst das Justiz- und Polizeidepartement übernahm. Seit 1. April 1897 steht er an der Spitze des eidgenössischen Militärdepartements. 1899 war er Bundespräsident.

5) Richard (genannt M.-Fulda), deutscher Politiker, geb. 6. Okt. 1851 in Fulda, besuchte Gymnasium und Technische Schule, lernte 1866–68 die Kaufmannschaft, war 1870–74 in verschiedenen in- und ausländischen Fabriken tätig, hatte 1874–92 Fabriken in Fulda in eignem Betrieb und ist seitdem noch an solchen beteiligt. 1893 und seitdem dauernd zum Reichstagsabgeordneten gewählt, schloß er sich der Zentrumspartei an und übernahm seit Liebers Erkrankung 1899 die Führung des Zentrums.

6) Hermann (genannt M.-Sagan), deutscher Politiker, geb. 7. März 1857 in Lippstadt, studierte 1874–77 Naturwissenschaften und übernahm, nachdem er 1877–78 Realschullehrer in Lippstadt, London und Liegnitz gewesen war, den kartographischen Verlag von C. Flemming in Glogau, ist aber seit 1898 ausschließlich politisch tätig. Der freisinnigen Volkspartei als Parteisekretär angehörend, vertritt er im deutschen Reichstag den Wahlkreis Sagan-Sprottau seit 1892 und ist seit 1901 auch Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses (für Wiesbaden).

7) Ernst (genannt M.-Meiningen), deutscher Politiker, geb. 11. Aug. 1866 zu Mühlhof bei Schwabach in Bayern, studierte 1886–90 in München die Rechte, war 1894 und 1895 Rechtsanwalt in Nürnberg, trat 1896 in den Staatsdienst über, wurde 1898 Amtsrichter in Fürth und 1903 Landgerichtsrat in Aschaffenburg. Der freisinnigen Volkspartei angehörig, vertritt er den Wahlkreis Meiningen im deutschen Reichstag seit 1898; seit 1905 ist er auch Mitglied des bayrischen Landtags. Groß ist die Zahl seiner Schriften auf juristischem und staatswissenschaftlichem Gebiete. – Sein Bruder W. Max M., geb. 15. Mai 1862 in Gleißenberg (Mittelfranken), ist seit 1890 Professor der Orientalistik in Philadelphia; er veröffentlichte: »Asien und Europa nach altägyptischen Denkmälern« (Leipz. 1893), »Die Liebespoesie der alten Ägypter« (das. 1899) und verschiedene historische Inschriften in den »Mitteilungen der vorderasiatischen Gesellschaft« (Berl.).

Geschichtschreiber.

8) Johannes von, deutscher Geschichtschreiber und Publizist, geb. 3. Jan. 1752 in Schaffhausen, gest. 29. Mai 1809 in Kassel, studierte seit 1769 in Göttingen Theologie, aber unter Schlözers Anleitung hauptsächlich Geschichte. Im Herbst 1771 nach Hause zurückgekehrt, legte er sein theologisches Examen ab und wurde bald Professor der griechischen Sprache an dem Collegium humanitatis seiner Vaterstadt. Damals erschien seine Erstlingsarbeit : »Bellum Cimbricum« (Zürich 1772; deutsch von Dippold, 1810). 1774 wurde er Hauslehrer beidem Staatsrat Tronchin-Calandrini in Genf, wo er auch nach dem Aufhören dieser Stellung verweilte und 1778 und 1779 öffentliche Vorlesungen über Universalgeschichte hielt, die, in französischer Sprache niedergeschrieben, die erste Grundlage zu dem erst nach Müllers Tode herausgekommenen Werk »Vierundzwanzig Bücher allgemeiner Geschichten, besonders der europäischen Menschheit« (Tübing. 1810, 3 Bde., u.ö.; neue Ausg. 1852) bildeten. Nachdem 1780 das erste Buch seiner »Geschichten der Schweizer« erschienen war (in Bern; doch war aus Zensurrücksichten auf dem Titel als Verlagsort Boston angegeben), reiste er im Herbst nach Berlin, wurde zwar von Friedrich d. Gr., dem er seine in Berlin herausgegebenen »Essais historiques« übersandt hatte, empfangen, erhielt aber nicht die gehoffte Anstellung im preußischen Staatsdienst; dagegen ward er Professor der Geschichte am Carolinum in Kassel, dann mit dem Ratstitel Bibliothekar. Hier schrieb er, angeregt durch Josephs II. Reformen, das Buch »Reisen der Päpste« (o. O. 1782; neu hrsg. von Kloth, Aachen 1831), worin er die Hierarchie als Schutzwehr der Völker gegen fürstliche Gewaltherrschaft darstellt, fand damit in Rom Beifall, harte Anfechtungen aber auf protestantischer Seite. 1783 kehrte er nach der Schweiz zurück und wurde 1786 Bibliothekar des Kurfürsten von Mainz. 1786 erschien der 1. Teil von seiner »Schweizergeschichte« in neuer Bearbeitung[227] (»Die Geschichte schweizerischer Eidgenossenschaft«, Leipz. 1786; der 2. und 3. Band folgten 1786–95, der 4. und die 1. Abteil. des 5. Bandes 1805–08; Bd. 1 in verbesserter Auflage 1806; dann Bd. 1–5, das. 1826). In Mainz wirkte M. für die Idee des Fürstenbundes durch die Abhandlungen: »Zweierlei Freiheit« (»Deutsches Museum«, 1786), »Darstellung des deutschen Fürstenbundes« (Leipz. 1787) und »Erwartungen Deutschlands vom Fürstenbund«. 1787 vom Kurfürsten nach Rom gesandt, um dort für Dalbergs Wahl zum Koadjutor zu wirken, ward er 1788 Geheimer Legationsrat, dann Geheimer Konferenzrat, endlich Wirklicher Geheimer Staatsrat und wurde 1791 vom Kaiser als Johannes, Edler von M. zu Sylvelden, zum Reichsritter erhoben. Nach der Einnahme von Mainz durch die Franzosen im Oktober 1792 siedelte er nach Wien über, wo er zu Anfang des Jahres 1793 als Wirklicher Hofrat bei der Geheimen Hof- und Staatskanzlei angestellt wurde. In österreichischem Interesse verfaßte er hier 1795 die Flugschriften: »Die Übereilungen und der Reichsfriede«, »Die Gefahren der Zeit«, »Mantua und die Ausbeute von Borgoforte« und »Das sicherste Mittel zum Frieden«, Meisterstücke politischer Beredsamkeit. Als Protestant ohne Aussicht auf höhere Stellen im Staatsdienst, ja vielfach angefeindet und durch betrügerische Machinationen um den größten Teil seines Vermögens gebracht, fühlte er sich von neuem unbefriedigt und begab sich 1804 nach Berlin, wo er Mitglied der Akademie und Historiograph des hohenzollerischen Hauses mit dem Titel eines Geheimen Kriegsrats wurde. Jetzt war seine Hauptaufgabe die Lebensbeschreibung Friedrichs d. Gr., und außer den dieselbe betreffenden Abhandlungen, die er für die Akademie abfaßte, schrieb M. damals die Essays: »Über den Untergang der Freiheit der alten Völker« und »Über die Zeitrechnungen der Vorwelt«; daneben beteiligte er sich an der Herausgabe der Werke Herders (mit Heyne, J. G. Müller, W. G. und Karoline v. Herder) und lieferte für dieselbe eine historische Abhandlung über den »Cid« und wertvolle Anmerkungen zu »Persepolis«. Er blieb 1806 in Berlin, auch als die Franzosen hier einrückten. Napoleon I. berief ihn zu einer Unterredung und nahm ihn (nach Müllers eignem Ausdruck) durch »sein Genie und seine unbefangene Güte« völlig gefangen; M. trat auf Wunsch des Kaisers, der ihn nach Fontainebleau berief, als Staatssekretär in das Ministerium des neuen Königreichs Westfalen. Auf sein dringendes Ersuchen vertauschte M. aber 21. Jan. 1808 dieses Amt mit dem eines Generaldirektors des öffentlichen Unterrichtswesens. Auch diese Tätigkeit befriedigte M. nicht, und überanstrengt starb er 1809. Seine Grabstätte in Kassel ward 1852 durch den König Ludwig von Bayern mit einem Denkmal geschmückt, das die Inschrift trägt: »Was Thukydides Hellas, Tacitus Rom, das war M. seinem Vaterland«. Auch in seiner Vaterstadt wurde ihm 1851 ein Monument (von Öchslin) errichtet. Um eine Geschichte der Welt zu schreiben, hatte er seit 1781 nicht weniger als 1833 Quellenschriftsteller bis auf die Reformation auf 17,000 eng geschriebenen Folioseiten exzerpiert. Die Gabe, anschaulich zu schildern, deutlich und plastisch zu gruppieren, war ihm in hohem Maß eigen, doch leidet sein Stil mitunter an Manieriertheit. Für eine über den Nationen stehende Humanität begeistert, hielt M. Napoleon wie andre Zeitgenossen für ihr Werkzeug. Verheiratet war er nie; innige Liebe verband ihn unter allen seinen Freunden am meisten mit seinem Bruder Johann Georg M. (geb. 1759 in Schaffhausen, gest. 1819 als Oberschulherr und Professor daselbst); der Briefwechsel zwischen beiden wurde von Haug herausgegeben (Frauens. 1891). Müllers »Sämtliche Werke« erschienen, herausgegeben von seinem ebengenannten Bruder, in 27 Bänden (Tübing. 1809–19), dann in 40 Bänden (Stuttg. 1831–35). Seine »Schweizergeschichte«, das Werk, in dem sich seine Eigenschaft als Historiker am glänzendsten entfaltet, wurde fortgesetzt von R. Glutz-Blotzheim (Bd. 5, 2. Abt., Zürich 1816), dann von J. J. Hottinger (Bd. 6 u. 7, das. 1825–29); ferner von J. Vulliemin (Bd. 8–10, das. 1842–45) und von C. Monnard (Bd. 11–15, das. 1847–53). Über Müllers Leben vgl. außer seinen Briefen an Bonstetten (hrsg. 1809) die »Briefe Müllers an seinen ältesten Freund« (hrsg. von Füßli, Zürich 1812); v. Woltmann, J. v. M., mit Müllers Briefen an Woltmann (Berl. 1811); Henking, Die Korrespondenz Joh. v. Müllers mit Schultheiß Steiger, Generalleutnant v. Hotze und Oberst Rovéréra 1798–1799 (Schaffh. 1904–05, 2 Tle., Programm); Heeren, J. v. M., der Historiker (Leipz 1820); Döring, Leben J. v. Müllers (Zeitz 1835); Monnard, Biographie de Jean de Muller (Par. 1839); Thiersch, Über Johannes v. M. (Augsb. 1881).

9) Wilhelm, Geschichtschreiber, geb. 2. Dez. 1820 zu Giengen in Württemberg, gest. 8. Febr. 1892 in Ravensburg, studierte Theologie und Philologie, ward 1847 Lehrer an der Kantonschule in Trogen (Appenzell), 1851 Oberlehrer an der Lateinschule in Weinsberg, 1865 Professor am Gymnasium in Tübingen und trat 1884 in den Ruhestand. Er schrieb: »Leitfaden für den Unterricht in der Geschichte« (14. Aufl., Stuttg. 1890); »Politische Geschichte der neuesten Zeit 1816–1867« (das. 1867, 4. Aufl. 1889); »Illustrierte Geschichte des deutsch-französischen Krieges« (das. 1873); »Der russisch-türkische Krieg 1877« (das. 1878); »Historische Frauen« (Berl. 1876, 2. Aufl. 1882); »Kaiser Wilhelm« (1.–3. Aufl., das. 1877; 4. Aufl., fortgeführt, das. 1888); »Generalfeldmarschall Graf Moltke« (Stuttg. 1879, 3. Aufl. 1889); »Deutsche Geschichte« (das. 1880, 2. Ausg. 1888); »Fürst Bismarck« (das. 1881, 4. Aufl. 1898); »Europäische Geschichte und Politik 1871–1881« (das. 1882); »Kaiser Friedrich« (das. 1888); »Deutschlands Einigungskriege 1864–1871« (Leipz. 1889; 2. Aufl., Berl. 1903); »Bilder aus der neuern Geschichte« (Stuttg. 1893). Auch gab er ein Jahrbuch u. d. T.: »Politische Geschichte der Gegenwart« (Berl. 1867–91, 25 Bde.; fortgesetzt von Wippermann) und eine Neubearbeitung von »Beckers Weltgeschichte« (Stuttg. 1884, 12 Bde.) heraus.

Theologen, Philosophen, Pädagogen etc.

10) Julius, deutscher Theolog, geb. 10. April 1801 in Brieg, gest. 27. Sept. 1878 in Halle, studierte anfangs die Rechte, dann Theologie; 1825 wurde er Pfarrer in Schönbrunn bei Strehlen, 1831 zweiter Universitätsprediger in Göttingen, wo er zugleich über praktische Exegese und Pädagogik Vorlesungen hielt und 1834 eine außerordentliche Professur der Theologie erhielt. Als ordentlicher Professor ging er 1835 nach Marburg, 1839 nach Halle. Seinen Ruf als Dogmatiker begründete er durch sein Hauptwerk: »Die christliche Lehre von der Sünde« (Bresl. 1839; 6. Aufl., Stuttg. 1877, 2 Bde.; neue Ausg., Brem. 1889). 1846 nahm er an der evangelischen Landessynode zu Berlin als Vertreter der evangelischen Bekenntnisunion teil und veröffentlichte hierauf: »Die erste Generalsynode der evangelischen Landeskirche [228] Preußens« (Berl. 1847) und »Die evangelische Union, ihr Wesen und göttliches Recht« (das. 1854); »Dogmatische Abhandlungen« (Brem. 1870, 2 Bde.). Er gab mit Nitzsch u.a. die »Deutsche Zeitschrift für christliche Wissenschaft und christliches Leben« (1850–1861) heraus. Vgl. Kähler, Julius M. (Halle 1878); L. Schultze, D. Julius M. (das. 1879) und Julius M. als Ethiker (das. 1895).

11) Karl, evang. Theolog, geb. 3. Sept. 1852 zu Langenburg in Württemberg, wurde 1875 Vikar in Ludwigsburg, 1878 Repetent in Tübingen, 1880 Privatdozent in Berlin, 1882 daselbst und 1884 in Halle außerordentlicher Professor der Theologie, 1886 ordentlicher Professor in Gießen, 1891 in Breslau, 1903 in Tübingen. Er schrieb: »Der Kampf Ludwigs des Bayern mit der römischen Kurie« (Tübing. 1879–80, 2 Bde.); »Die Anfänge des Minoritenordens und der Bußbruderschaften« (Freiburg 1885); »Die Waldenser und ihre einzelnen Gruppen bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts« (Gotha 1886); »Kirchengeschichte« (Bd. 1, Freiburg 1892; Neudruck, Tübingen 1905; Bd. 2, das. 1902).

12) Georg Elias, Philosoph, geb. 20. Juli 1850 in Grimma, studierte in Leipzig, Berlin und Göttingen, habilitierte sich 1876 als Privatdozent daselbst, wurde 1880 als Professor nach Czernowitz berufen und wirkt seit 1881 als ordentlicher Professor in Göttingen. M. machte sich zuerst durch seine an dem Fechnerschen »psychophysischen Gesetze« geübte scharfsinnige Kritik und seine auf mathematischer Grundlage beruhende Behandlung der fundamentalen Fragen der Psychophysik bekannt und zählt zu den namhaftesten Mitarbeitern an dieser Wissenschaft. Er schrieb: »Zur Theorie der sinnlichen Aufmerksamkeit« (Leipz. 1873); »Zur Grundlegung der Psychophysik« (Berl. 1879); »Theorie der Muskelkontraktion« (das. 1891, Bd. 1); »Die Gesichtspunkte und die Tatsachen der psychophysischen Method etc« (Wiesbad. 1904); mit F. Schumann: »Experimentelle Beiträge zur Untersuchung des Gedächtnisses« (Hamb. 1893) und mit A. Pilzecker: »Experimentelle Beiträge zur Lehre vom Gedächtnis« (das. 1900).

13) Johannes, Schulmann und pädagog. Schriftsteller, geb. 13. Aug. 1846 in Grimma, studierte in Leipzig Theologie und Philosophie, war seit 1871 Oberlehrer an den Seminaren in Annaberg, Plauen, Waldenburg, wurde 1888 Direktor des landständischen Seminars in Bautzen, 1901 Seminardirektor in Dresden-Friedrichstadt und 1905 Geheimrat im königlich sächsischen Unterrichtsministerium. Außer einigen trefflichen methodischen Schriften u.a. veröffentlichte er: »Quellenschriften und Geschichte des deutschsprachlichen Unterrichts bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts« (Gotha 1882); »Herzog Ernsts des Frommen Spezial- und sonderbarer Bericht« (Zschopau 1883); »Vor- und frühreformatorische Schulordnungen und Schulverträge in deutscher und niederländischer Sprache« (das. 1885–86, 2 Bde.); »Handschriftliche Ratichiana« (in Kehrs »Pädagogischen Blättern«, 1878); »Die Anfänge des sächsischen Schulwesens« (im »Neuen Archiv für sächsische Geschichte«, Bd. 7, Dresd. 1887) u.a.

14) Georg, christlicher Philanthrop, geb. 27. Sept. 1805 in Kroppenstädt bei Halberstadt, gest. 10. Mai 1898 in Bristol, studierte Theologie in Halle und begab sich 1829 nach London, um Judenmissionar zu werden, trennte sich jedoch bald von der London Society for promoting Christianity among the Jews und schloß sich 1830 der erweckten Gemeinschaft der Plymoulhbrüder (s. Darbysten) an, deren Prediger er zuerst in Teignmouth und seit 1832 in Bristol war. Hier gründete er zur Schaffung christlicher Schulen, Verbreitung der Bibel, Mission unter Heiden und Namenchristen 1834 »The Scriptural Knowledge Institution for Home and Abroad«, die 1890 in 75 Schulen 121,683 Kinder bediente und bis 1897 gegen 111 Mill. Traktate, 300,000 Bibeln, 1,500,000 Neue Testamente etc. in verschiedenen Ländern und Sprachen verteilt hatte. Dazu kam seit 1835 die Fürsorge für arme Waisen, der M. sich nach dem Vorbild A. H. Franckes widmete. Überall wußte er, ohne zu bitten, Helfer für seine Wohltätigkeit zu wecken, so daß seine große Waisenanstalt in Ashley Down bei Bristol zuletzt 2000 Kindern Pla tz bot. Im hohen Alter noch reiste M., für seine Unternehmen werbend, durch alle Teile der Erde. Er gab heraus: »A narrative of some of the Lord's dealings with George M. written by himself« (Bristol, 4 Bde.) und eine große Anzahl von Traktaten, Predigten etc. Vgl. Müllers »Autobiography« (hrsg. von Burgin und Pierson, Lond. 1905); Steinecke, Georg M. (mit Auswahl seiner Reden, Halle 1898); Warne, George M., the modern apostle of faith (Lond. 1898; deutsch, Frankf. 1898); Kolfhaus in der »Realen zyklopädie für protestantische Theologie und Kirche«; 3. Aufl., Bd. 13 (Leipz. 1903); Pierson, George M. of Bristol (Lond. 1899, 6. Aufl. 1902).

15) Joseph, Schriftsteller, geb. 14. Juli 1855 in Bamberg, wurde 1877 Priester, stand bis 1887 im seelsorgerlichen Beruf und lebt seitdem als Privatgelehrter in München. Als Philosoph Anhänger des Persönlichkeitstheismus, vertritt M. im öffentlichen Leben den Reformkatholizismus (s. d.). Aus seinen zahlreichen Schriften heben wir hervor: »Jean Paul und seine Bedeutung für die Gegenwart« (Münch. 1894); »Die Keuschheitsideen in ihrer geschichtlichen Entwickelung und praktischen Bedeutung« (Mainz 1897); »Die Philosophie des Schönen in Natur und Kunst« (das. 1897); »System der Philosophie« (das. 1898); »Das sexuelle Leben der Naturvölker« (3-Aufl., Leipz. 1906), »der allen Kulturvölker« (das. 1902) und »der christlichen Kulturvölker« (das. 1904); »Der Reformkatholizismus, die Religion der Zukunft« (u. Aufl., Zürich 1899); »Reformkatholizismus im Mittelalter und zur Zeit der Glaubensspaltung« (Augsb. 1901); »Das Bild in der Dichtung. Philosophie und Geschichte der Metapher« (Münch. 1903, Bd. 1); »Dostojewsky, ein Charakterbild« (das. 1903); »Die griechische Metapher« (das. 1906). Seit 1900 gibt M. die »Renaissance, Zeitschrift für Kulturgeschichte, Religion und Belletristik« heraus. Vgl. seine Selbstbiographie: »Das Leben eines Priesters in unsern Tagen« (im Selbstverlag, 1903).

Altertumsforscher.

16) Peter Erasmus, nordischer Altertumsforscher und Theolog, geb. 29. Mai 1776 in Kopenhagen, gest. 4. Sept. 1834, studierte in seiner Vaterstadt Theologie und erhielt, nachdem er Deutschland, Frankreich und England bereist hatte, 1801 die Professur der Theologie an der Universität in Kopenhagen. Er redigierte 26 Jahre lang die »Kjöbenhavnske lærde Efterretninger« (1801–10) und deren Fortsetzung »Dansk Litteraturtidende« (1811–30). 1830 ward er zum Bischof von Seeland ernannt. Von seinen theologischen Schriften sind seine »Moral« (Kopenh. 1808), »Christliche Apologetik« (1810), »Symbolik« (1817) und »Dogmatik« (1826) hervorzuheben. Als Altertumsforscher machte er sich bekannt[229] unter andern durch folgende Schriften: »Antiquarisk Undersögelse over de ved Gallehus fundne Guldhorn« (1806); »Om det islandske Sprogs Vigtighed« (1813); »Über den Ursprung und Verfall der isländischen Historiographie« (1813) und »Über die Authentie der Edda Snorros und die Echtheit der Asalehre« (1811, beide deutsch von Sander); »Sagabibliothek« (Kopenh. 1816–19, 3 Bde.; 1. Bd. deutsch von Lachmann, Berl. 1816; 2. Bd. von Lange, Frankf. a. M. 1832), eine kritische Darstellung der gesamten Sagaliteratur; »Kritisk Undersögelse af Danmarks og Norges Sagnhistorie« (1823–30, 2 Bde.); »Kritisk Undersögelse af Saxo's Histories syv sidste Böger« (1830) und seine Ausgabe von »Saxonis Grammatici historia danica« (1. Bd. 1839; fortgesetzt von Velschow, 1839–58). Von Wert ist auch seine »Dansk Synonymik« (1829, 2 Bde.; 3. umgearbeitete Aufl. von Dahl, 1872).

17) Karl Otfried, Altertumsforscher, geb. 28. Aug. 1797 in Brieg, gest. 1. Aug. 1840 in Athen, studierte seit 1814 in Breslau und Berlin, wurde 1818 Lehrer am Magdaleneum in Breslau, 1819 außerordentlicher und 1823 ordentlicher Professor in Göttingen, unternahm im September 1839 eine Reise nach Italien und Griechenland, erkrankte in Delphi und wurde am alten Kolonos Hippios bei Athen begraben. Der genialste Schüler Böckhs, erstrebte auch er eine umfassende Kenntnis des Altertums, insbes. auch das Kunstgebiet in den Bereich seiner Forschung ziehend. Zur Geschichte schrieb er: »Aegineticorum liber« (Berl. 1817); »Geschichten hellenischer Stämme und Städte« (Bd. 1: »Orchomenos und die Minyer«, Bd. 2: »Die Dorier«, Bresl. 1820–24; 2. Aufl. von Schneidewin, 1844); »Über die Wohnsitze, Abstammung und ältere Geschichte des makedonischen Volkes« (Berl. 1825); »Die Etrusker« (Bresl. 1828, 2 Bde.; 2. Aufl. von Deecke, Stuttg. 1877–78). Bahnbrechend wirkten auch seine »Prolegomena zu einer wissenschaftlichen Mythologie« (Götting. 1825), welche die Entstehung der Mythen einzelnen Lokalitäten zusprechen. Auf dem Gebiete der Kunstgeschichte lieferte er das erste systematische »Handbuch der Archäologie der Kunst« (Bresl. 1830; 3. Aufl. von Welcker, 1848; 2. Abdruck, Stuttg. 1878), dem er die von Österley gezeichneten »Denkmäler der alten Kunst« (Götting. 1832 ff., fortgesetzt von Wieseler, 2 Bde.; 4. Aufl. von Wernicke und Graef, Leipz. 1899 ff.) folgen ließ. Als scharfsinniger Kritiker und Grammatiker bekundete sich M. durch seine Rezension von Varros »De lingua latina« (Leipz. 1833) und Festus' »De verborum significatione« (das. 1839) sowie durch die Ausgabe von Äschylos' »Eumeniden« (griech. u. deutsch, Götting. 1833; Anhänge 1834–35). Die von englischen Gelehrten veranlaßte »Geschichte der griechischen Literatur bis auf das Zeitalter Alexanders« gab sein Bruder Eduard (geb. 12. Nov. 1804 in Brieg, seit 1853 Direktor des Gymnasiums in Liegnitz, gest. daselbst 30. Nov. 1875) heraus (Bresl. 1841, 2 Bde.; 4. Aufl. von Heitz, Stuttg. 1882–84). Gesammelt erschienen seine »Kleinen deutschen Schriften« (von Eduard M., mit Biographie, Bresl. 1847–48, 2 Bde.), seine »Kunstarchäologischen Werke« (Berl. 1872–73, 5 Bde.) und sein Briefwechsel mit A. Böckh (Leipz. 1883). Vgl. F. Ranke, Karl Otfried M., ein Lebensbild (Berl. 1870); R. Förster, Otfried M., Rede (Bresl. 1897).

18) Sophus, Prähistoriker, geb. 24. Mai 1846 in Kopenhagen, studierte daselbst prähistorische Archäologie, wurde nach vielen Reisen Assistent an der Sammlung nordischer Altertümer in Kopenhagen, 1881 Sekretär der Nordischen Altertumsgesellschaft und 1892 Direktor der prähistorisch-ethnologischen und antiken Abteilung des Nationalmuseums. Er schrieb: »Dyreornamentiken i Norden« (in den »Aarbörger for nordisk Oldkyndighed«, Kopenh. 1880; deutsch von Mestorf: »Tierornamentik im Norden«, Hamb. 1881); »Ordning af Danmarks Oldsager« (Kopenh. 1888–95, 2 Bde.); »Vor Oldtid« (das. 1897; deutsch von Jiriczek: »Nordische Altertumskunde«, Straßb. 1897–98, 2 Bde.).

19) W. Max, Ägyptolog, s. Müller 7).

Sprachforscher, Philologen.

20) Wilhelm, German ist, geb. 27. Mai 1812 in Holzminden, gest. 4. Jan. 1890 in Göttingen, habilitierte sich 1841 in Göttingen für alt deutsche Sprache und Literatur und ward 1845 zum außerordentlichen, 1856 zum ordentlichen Professor ernannt. Er veröffentlichte: »Geschichte und System der altdeutschen Religion« (Götting. 1814), eine Ausgabe des Heinrich von Müglin (das. 1848), »Niedersächsische Sagen und Märchen« (mit Schambach, das. 1855), »Mythologie der deutschen Heldensage« (Heilbr. 1886), »Zur Mythologie der griechischen und deutschen Heldensage« (das. 1889) und bearbeitete mit Zarncke (nach Beneckes Vorarbeiten) das »Mittelhochdeutsche Wörterbuch« (Leipz. 1854–67, 4 Bde.).

21) Max, Oriental ist, Sprach- und Religionsforscher, Sohn des Dichters Wilhelm M. (s. Müller 40), geb. 6. Dez. 1823 in Dessau, gest. 28. Okt. 1900 in Oxford, besuchte seit 1836 in Leipzig das Nikolaigymnasium und später die Universität. 1844 ging er nach Berlin, 1845 nach Paris, wo Burnouf Müllers Augenmerk auf den Rigveda richtete. 1847 siedelte er nach England über, wo ihm von der Ostindischen Kompanie der Auftrag erteilt wurde, den Rigveda mit dem Kommentar des Sayana herauszugeben. Diese Ausgabe erschien in 6 Quartbänden 1849–74 (2. Aufl. in 4 Bänden, Oxford 1890–92), später auch der Rigveda ohne Kommentar »zum Handgebrauch« (Lond. 1873). Eine Übersetzung von 16 ausgewählten Hymnen aus dem Rigveda enthalten seine »Sacred hymns of the Brahmans« (Lond. 1869). Seit 1848 lebte M. dauernd in Oxford, wo er 1850 Deputy professor, 1854 ordentlicher Professor für neuere Sprachen und Literaturen, 1858 Fellow von All Soul's College, 1869 Professor für vergleichende Sprachwissenschaft wurde. 1872 nach Gründung der Universität Straßburg hielt er dort Vorlesungen, kehrte aber bald nach Oxford zurück. 1876 gab er seine Lehrverpflichtungen auf, um sich ganz der Herausgabe der »Sacred books of the East« widmen zu können. Die erste Serie dieses Unternehmens, einer Sammlung von englischen Übersetzungen orientalischer Religionsbücher des Altertums, erschien in 24 Bänden 1879–85, die zweite Serie von 25 Bänden 1886–95, eine dritte Serie, die 1894 begonnen wurde, soll nur Übersetzungen buddhistischer Werke enthalten. Von M. selbst rühren her: der 1. und 15. Band, eine Übersetzung der philosophischen Upanishads, der 32. und 48. Band, eine Übersetzung vedischer Hymnen aus dem Sanskrit, und ein Teil des 49. Bandes, buddhistische Schriften enthaltend. Von seinen sonstigen indologischen Arbeiten sind hervorzuheben: eine »History ofancient Sanskrit literatures« (2. Aufl., Lond. 1860), eine englische Sanskritgrammatik (von Kielhorn und Oppert ins Deutsche übersetzt, Leipz. 1868) und »India, what can it teach us« (1883, deutsch u. d. T.: »Indien in seiner weltgeschichtlichen[230] Bedeutung«, Leipz. 1884). Als Sprachforscher hat sich M. besonders durch seine »Lectures on the science of language« (Lond. 1861; neue Serie 1864; 14. Aufl. 1885, neue Bearbeitung 1891; letzte deutsche Ausgabe u. d. T.: »Die Wissenschaft der Sprache«, besorgt von Fick und Wischmann, Leipz. 1892–93, 2 Bde.), die zur Weckung des Interesses für sprachwissenschaftliche Studien in der Laienwelt beigetragen haben, bekannt gemacht. Vornehmlich auf vergleichende Mythologie und Sprachwissenschaft bezüglich sind die Aufsätze, die er u.d. T.: »Chips from a German workshop« (Lond. 1867–1875, 4 Bde.; neue Ausg. 1895; deutsch als »Essays«, Leipz. 1869–76, 4 Bde.) veröffentlichte. Auf dem Gebiete der vergleichenden Religionsgeschichte veröffentlichte M. eine »Einleitung in die vergleichende Religionswissenschaft« (Straßb. 1874, auch englisch), »Lectures on the origin and growth of religion« (deutsch, das. 1880) und mehrere andre Werke, die, wie fast alles, was M. in den letzten Jahrzehnten seines Lebens in den Fächern der Sprach- und Religionswissenschaft geschrieben hat, zwar einen glänzenden Stil zeigen, aber mehr in die Breite als in die Tiefe gehen und keine neuen und wertvollen Gedanken enthalten. Seine »Collected works«umfassen 20 Bände; eine neue Ausgabe seiner »Ausgewählten Werke« in deutscher Übersetzung erschien 1897–1901 zu Leipzig in 12 Bänden. Dem belletristischen Gebiet gehört unter anderm seine Erzählung »Deutsche Liebe. Aus den Papieren eines Fremdlings« an (Leipz. 1857; 14. Aufl., das. 1905). Auch gab er »Schillers Briefwechsel mit Herzog Friedrich Christian von Schleswig Holstein« (Berl. 1875) und die Denkschrift »Basedow. Von seinem Urenkel« (1877) heraus. Vgl. Müllers »Lebenserinnerungen: Alte Zeiten alte Freunde« (deutsch von Groschke, Gotha 1900, 2 Bde.), die nach seinem Tode herausgegebenen Fragmente seiner »Autobiographie« (deutsch von Groschke: »Aus meinem Leben«, das. 1901) und die von seiner Witwe veröffentlichte Biographie: »The life and letters of the R. H. Friedr. Max M.« (1902, 2 Bde.).

22) Iwan, Philolog, geb. 20. Mai 1830 zu Wunsiedel im Fichtelgebirge, studierte seit 1818 in Erlangen und wurde 1853 Alumnatsinspektor in Ansbach, 1856 Studienlehrer daselbst, 1858 Professor am Gymnasium in Zweibrücken, 1862 in Erlangen, 1864 ordentlicher Professor an der dortigen Universität, 1893 in München. Zu Galenus lieferte er eine kritische Ausgabe von »De placitis Hippocratis et Platonis« (Bd. 1, Leipz. 1874) und eine Textausgabe der »Scripta minora« (mit J. Marquardt und Helmreich, das. 1884–93, 3 Bde.). In Verbindung mit zahlreichen Gelehrten gibt er das umfangreiche »Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft in systematischer Darstellung« (Nördl ing. u. Münch. 1885 ff.) heraus, in dem er selbst die »Griechischen Privataltertümer« (Bd. 4, Abt. 1, 1887; 2. Aufl. 1893) bearbeitete; er redigierte die »Acta seminarii philologici Erlangensis« (anfangs mit Wölfflin, später mit Luchs, Erlang. 1878–91, 5 Bde.) und 1883–96 den »Jahresbericht über die Fortschritte der klassischen Altertumswissensch. ist« (Berl.). Auch besorgte er Umarbeitungen von Nägelsbachs »Lateinischer Stilistik« (6. Aufl., Nürnb. 1876; 8. Aufl. 1888).

23) Friedrich, ausgezeichneter Sprachforscher, geb. 5. März 1834 zu Jemnik in Böhmen, gest. 25. Mai 1898 in Wien, studierte 1853–57 in Wien und Göttingen Philologie, war 1858–66 Beamter der Universitäts-, dann der Hofbibliothek, wurde, seit 1860 auch habilitiert, 1866 außerordentlicher, 1869 ordentlicher Professor für vergleichende Sprachwissenschaft und Sanskrit an der Wiener Universität und in letzterm Jahre Mitglied der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. M. ist der Hauptvertreter der linguistischen Ethnographie. Als seine Hauptwerke sind zu bezeichnen: der »Linguistische Teil« und der »Ethnographische Teil« der »Reise der österreichischen Fregatte Novara« (Wien 1867 u. 1868), die »Allgemeine Ethnographie« (das. 1873, 2. Aufl. 1879) und der »Grundriß der Sprachwissenschaft« (das. 1876–87, Bd. 1–4, 1. Abt.). Außerdem veröffentlichte er seit 1857 in den »Sitzungsberichten der kaiserlichen Akademie« eine große Anzahl linguistischer Abhandlungen und zahlreiche andre Aufsätze in Benfeys »Orient und Occident«, in Kuhn und Schleichers »Beiträgen«, in den »Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft« zu Wien und der »Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes« u.a. Bei den zwei letztgenannten Zeitschriften war er Mitredakteur.

24) Lucian, Philolog, geb. 17. März 1836 in Merseburg, gest. 24. April 1898 in St. Petersburg, studierte 1854–60 in Berlin und Halle, privatisierte seit 1862 in Holland, habilitierte sich 1867 in Bonn und wurde 1870 ordentlicher Professor der lateinischen Sprache und Literatur am historisch-philologischen Institut in Petersburg. Zu den lateinischen Dichtern erschienen von ihm: »De re metrica poetarum latinorum praeter Plautum et Terentium« (Leipz. 1861, 2. Aufl. 1894); »Der saturnische Vers und seine Denkmäler« (das. 1885); »De Pacuvii fabulis« (Berl. 1889); »De Accii fabulis« (das. 1890); ferner die Ausgaben von Ovids »Amores, Ars amandi, Remedia amoris« (das. 1861), des Horaz (Leipz. 1869, 3. Ausg. 1898; Miniaturausg. 1874; »Oden und Epoden, mit deutschen Anmerkungen«, Gießen 1882; große Ausg., besorgt von Götz, Petersb. u. Leipz. 1900, 2 Bde.; Satiren und Episteln, Wien u. Leipz. 1891–93, 2 Bde.), Catull, Tibull, Properz (Leipz. 1870), Rutilius Namatianus (das. 1870), Lucilius (das. 1872), Phädrus (das. 1877), Publilius Optatianus Porphyrius (das. 1877); »Q. Enni reliquiae« (Petersb. 1885); »Livi Andronici et Cn. Naevi fabularum reliquiae« (Berl. 1885), des Nonius Marcellus (Leipz. 1888, 2 Bde.); endlich literarhistorische Biographien: »Leben und Werke des C. Lucilius« (das. 1876), »Q. Horatius Flaccus« (das. 1880) u. »Quintus Ennius« (Petersb. 1884). Außerdem schrieb er: »Geschichte der klassischen Philologie in den Niederlanden« (Leipz. 1869) und die Biographie »Friedrich Ritschl« (Berl. 1877, 2. Ausg. 1878).

25) David Heinrich, Semitolog jüd. Konfession, geb. 6. Juli 1846 zu Buczacz in Galizien, studierte in Wien, Leipzig, Straßburg und Berlin und wurde 1885 ordentlicher Professor an der Universität Wien. Er veröffentlichte: »Kitâb-al-Fark von Aláßma'î« (Wien 1876); »Die Burgen und Schlösser Südarabiens« (das. 1879–81, 2 Hefte); »Sabäische Denkmäler« (mit J. H. Mordtmann, das. 1883); Hamdânis »Geographie der arabischen Halbinsel« (Leiden 1884–91, 2 Bde.); »Epigraphische Denkmäler aus Arabien« (das. 1889); »Die altsemitischen Inschriften von Sendschîrli« (Wien 1893); »Epigraphische Denkmäler aus Abessinien« (das. 1894); »Die Propheten in ihrer ursprünglichen Form« (das. 1895, 2 Bde.); »Südarabische Altertümer im kunsthistorischen Hofmuseum« (das. 1899); »Die Mehri- und Soqotri-Sprache« (das. 1902–05, 2 Bde.); »Über die Gesetze Hammurabis« (das. 1903) etc. M. ist Mitredakteur[231] der »Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes« sowie Vorsteher des orientalischen Instituts.

26) August, Orientalist, geb. 3. Dez. 1848 in Stettin, gest. 12. Sept. 1892 in Halle, studierte von 1864–68 in Halle und Leipzig klassische und orientalische Philologie, habilitierte sich in Halle 1870, wurde 1874 zum außerordentlichen Professor ernannt, ging 1882 als ordentlicher Professor nach Königsberg und kehrte 1890 in gleicher Eigenschaft nach Halle zurück. Seine wichtigsten Schriften sind: »Hebräische Schulgrammatik« (Halle 1878); »Ibn Abi Ußáibia« (arab. Text, Königsb. 1884); »Der Islam im Morgen- und Abendland« (in Onckens »Allgemeiner Geschichte«, Berl. 1885–87, 2 Bde.). Casparis »Arabische Grammatik« bearbeitete er in 4. und 5. Auflage (Halle 1876 u. 1887). Für Haupts »Sacred books of the Old Testament« (Leipz. u. Baltimore 1893 ff.) lieferte er eine Übersetzung der »Proverbien«. Daneben bearbeitete er den »Katalog der Bibliothek der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft« (Leipz. 1880 bis 1881, 2 Tle.) und gab die »Orientalische Bibliographie« (Bd. 1–5, Berl. 1888–92, fortgesetzt von Kuhn und Scherman) heraus.

Naturforscher.

27) Johann, berühmter Mathematiker und Astronom, s. Regiomontanus.

28) Johannes Peter, Physiolog, geb. 14. Juli 1801 in Koblenz, gest. 28. April 1858 in Berlin, studierte seit 1819 in Bonn und Berlin, habilitierte sich 1824 als Privatdozent für Physiologie und vergleichende Anatomie in Bonn, wurde 1826 außerordentlicher und 1830 ordentlicher Professor da selbst und 1833 Professor der Anatomie und Physiologie in Berlin. Seine beiden ersten wichtigern Arbeiten: »Zur vergleichenden Physiologie des Gesichtssinns« (Leipz. 1826) und »Über die phantastischen Gesichtserscheinungen« (Kobl. 1826), gehören einer eigentümlichen subjektiv-philosophischen Richtung an; die erste enthält eine Fülle der wichtigsten Tatsachen über das Sehen des Menschen und der Tiere, während die zweite sich in die schwersten psychologischen Probleme vertieft. In der Folge wandte sich M. einer objektiv physiologisch-anatomischen Richtung zu und ward zum hervorragendsten Vertreter der morphologischen Richtung in der Zoologie und zum Urheber der experimentellen Physiologie in Deutschland. Zahlreiche Untersuchungen aus dieser Periode finden sich in Fachjournalen und Sammelwerken; auch gehört hierher die Arbeit: »Über die feinere Struktur und Entwickelungsgeschichte der Drüsen« (Leipz. 1830), durch die diese Organe für das Tierreich genauer bekannt und der alte Streit über die geschlossenen Enden der Drüsengänge entschieden wurde. Experimentell-physiologische Untersuchungen (seit 1830) führten zur sichern Begründung des Bellschen Lehrsatzes über die Verrichtungen der Wurzeln der Rückenmarksnerven, zur Feststellung der Lehre von den Reflexbewegungen, zur genauern Kenntnis der Konstitution des Blutes, der Lymphe, des Chylus etc.; auch untersuchte er die Organe und Gesetze der Stimmbildung und lieferte fundamentale Arbeiten über das Gehör. In Berlin vollendete er das »Handbuch der Physiologie des Menschen« (Kohl. 1833–40, 2 Bde.; Bd. 1, 4. Aufl. 1841–44), in dem die gesamte Physiologie, die vergleichende Organologie und die gesamte Gewebelehre in mikroskopischer und chemischer Hinsicht niedergelegt sind. Durch dies Werk übte M. den größten Einfluß auf seine Zeit, er wurde durch dasselbe der Begründer der physikalisch-chemischen Schule und schuf damit die Grundlage der ganzen neuern Physiologie. Seit 1833 lieferte er zahlreiche vergleichen de und pathologisch-anatomische sowie systematisch zoologische Arbeiten: »Die vergleichende Anatomie der Myxinoiden« (Berl. 1835–41), durch die der Grund zu einer vergleichenden Gewebelehre gelegt wurde; die »Beschreibung der Plagiostomen« (mit Jakob Henle [s. d.], das. 1838–41); »Über den Bau und die Grenzen der Ganoiden und das natürliche System der Fische« (das. 1844); »Über die Larven und die Metamorphose der Echinodermen« (das. 1849). Sein (unvollendetes) Werk »Über den feinern Bau der krankhaften Geschwülste« (Berl. 1838) wurde bahnbrechend für die mikroskopische Forschung in der pathologischen Anatomie. Dann aber arbeitete er fast ausschließlich auf dem Gebiete der vergleichenden Anatomie und lieferte namentlich über die niedern Tiere viele Untersuchungen. Zur Beobachtung des Lebens der Seetiere unternahm er 19 Reisen an die Ost- und Nord. see, das Adriatische und Mittelmeer. M. gilt als der vielseitigste, fruchtbarste, genialste und glücklichste Forscher der neuern Zeit, er huldigte bis an sein Ende dem Vitalismus. Das Recht der Philosophie, selbst des Glaubens und einer positiven Religion hat er nicht bestritten, aber niemand hat mehr als er dazu beigetragen, Physik und Chemie in ihre Rechte in der Physiologie einzusetzen und die exakte Methode gegenüber den Verirrungen der Naturphilosophie, des Spiritualismus und der Orthodoxie für alle Zeiten festzustellen. Seit 1834 gab er das »Archiv für Anatomie, Physiologie und wissenschaftliche Medizin« heraus. 1899 wurde ihm in Koblenz ein Bronzestandbild (von Uphues) errichtet. Vgl. die Gedächtnisreden von Virchow (Berl. 1858) und Du Bois-Reymond (das. 1860).

29) Johannes, Physiker, geb. 30. April 1809 in Kassel, gest. 3. Okt. 1875 in Freiburg, studierte seit 1827 in Darmstadt, Bonn und Gießen, ward 1834 Lehrer in Darmstadt, 1837 in Gießen, 1844 Professor der Physik in Freiburg. Außer zahlreichen Abhandlungen über Elektromagnetismus, Optik und Wärmelehre schrieb er: »Lehrbuch der Physik und Meteorologie«, ursprünglich eine Bearbeitung von Pouillets »Éléments de physique« (Braunschw. 1812–44, 2 Bde.; 9. Aufl. von Pfaundler, 1886–98, 3 Bde.; 10. Aufl. in 4 Bdn., 1905 ff.); »Lehrbuch der kosmischen Physik« (das. 1856, 5. Aufl. 1894); »Grundriß der Physik und Meteorologie« (das. 1846, 14. Aufl. von O. Leymann, 1896), dazu: »Ma thematischer Supplementband und Auflösungen der Aufgaben« (3. Aufl., das. 1875).

30) Karl (genannt M. von Halle), Naturforscher, geb. 16. Dez. 1818 in Allstedt, gest. 9. Febr. 1899 in Halle, erlernte die Pharmazie, studierte seit 1843 in Halle Botanik und reihte sich mit seiner »Synopsis muscorum frondosorum« (Berl. 1849–51, 2 Bde.) den hervorragendsten Bryologen an. Seine Moossammlung enthält 10,000 Arten. Mit Roßmäßler und Ule gründete er 1852 eine naturwissenschaftliche Zeitschrift: »Die Natur«, die er mit Ule und seit dessen Tode (1876) allein herausgab. M. schrieb noch: »Deutschlands Moose« (Halle 1853); »Das Buch der Pflanzenwelt. Versuch einer kosmischen Botanik« (Leipz. 1857, 2 Bde.; 2. Aufl. 1869); »Der Pflanzenstaat, Entwurf einer Entwickelungsgeschichte des Pflanzen reichs« (das. 1860); »Wanderungen durch die grüne Natur« (Berl. 1850; in 2. Aufl. als »Das Kleid der Erde«, Leipz. 1873); »Ansichten aus den deutschen Alpen« (Halle 1858); »Antäus oder die Natur im Spiegel der Menschheit«, mit einem Lebensbild Müllers[232] von O. Taschenberg (das. 1902). Aus seinem Nachlaß gab Schliephacke heraus »Genera Muscorum frondosorum: Gattungen und Gruppen der Laubmoose in historischer und systematischer Beziehung« (Leipz. 1901).

31) Adolf, naturwissenschaftl. Schriftsteller, geb. 16. Jan. 1821 zu Friedberg in der Wetterau, studierte bis 1842 Forstwissenschaft in Gießen, wurde Oberförster in Gladenbach, trat 1866 in den preußischen Staatsdienst, wurde 1877 Oberförster in Krofdorf bei Gießen und lebt seit 1891 pensioniert in Darmstadt. Gemeinschaftlich mit seinem Bruder Karl (geb. 16. Juli 1825, Pfarrer in Alsfeld, gest. 24. Sept. 1905, der auch einen Band religiöser und weltlicher »Gedichte«, Frankf. 1865, herausgab) veröffentlichte er eine Reihe populärer Schriften: »Charakterzeichnungen der vorzüglichsten deutschen Singvögel« (Leipz. 1865), »Wohnungen, Leben und Eigentümlichkeiten in der Tierwelt« (das. 1869), »Gefangen leben der besten einheimischen Singvögel« (das. 1871), »Die einheimischen Säugetiere und Vögel nach ihrem Nutzen und Schaden« (das. 1873), »Unsre nützlichsten Säugetiere und Vögel« (Köln 1876), »Der Hund und seine Jagd« (mit Aquarellen von Deiker, Frankf. 1880) und »Tiere der Heimat« (Kassel 1881–83, 3. Aufl. 1897). Allein schrieb Adolf M. noch: »A us Heimat und Natur« (Gotha 1906), auch mehrere Dramen, darunter die Tragödie »Doktor Fausts Ende« (1869; 3. Aufl. u. d. T.: »Fausts Kampf und Sieg«, Dresd. 1901), und Operntexte.

32) Fritz, Naturforscher, geb. 31. März 1821 in Windischholzhausen bei Erfurt, gest. 21. Mai 1897 in Blumenau, erlernte die Pharmazie in Naumburg, studierte seit 1840 in Berlin und Greifswald Naturwissenschaft, dann Medizin und wanderte 1852 nach Brasilien aus, wo er einige Jahre als Farmer in Blumen an, dann als Lehrer der Mathematik in Desterro lebte. Hier widmete er sich dem Erforschen der Meeressauna und nach dem Erscheinen von Darwins Buch der Entwickelungsgeschichte der Krustazeen. Durch die Resultate dieser Arbeiten (»Für Darwin«, Leipz. 1864) trug er viel zur Verbreitung des Darwinismus in Deutschland bei. Als die Jesuiten am Lyzeum in Desterro Eingang fanden, kehrte er als Naturforscher der Provinz San la Catharina nach Blumenau zurück. Hier lieferte er noch mehrere Arbeiten mit Bezug auf die Darwinsche Theorie, besonders Beobachtungen über die Bienen- und Schmetterlingsfauna.

33) Ferdinand von, Naturforscher, geb. 30. Juni 1825 in Rostock, gest. 9. Okt. 1896 in Melbourne, studierte 1846–47 in Kiel und bereiste 1848–52 Südaustralien. dann als Regierungsbotaniker Victoria bis 1855, begleitete Gregory auf seiner Vermessungsreise und übernahm 1857 die Direktion des Botanischen Gartens in Melbourne, den er in wenigen Jahren zu einem der berühmtesten derartiger Institute erhob. Er benannte mehr als 2000 Pflanzen und erwarb sich auch große Verdienste um Akklimatisation von Kulturpflanzen. Namentlich veranlaßte er die massenhafte Anpflanzung von Eucalyptus in den Mittelmeerländern und allen warmen gemäßigten Zonen zur Verbesserung des Klimas. Von seinen Schriften sind hervorzuheben: »Fragmenta phytographiae Australiae« (Lond. 1862–81, Bd. 1–11); »Flora australiana« (mit Bentham, 1863 bis 1870, 7 Bde.); »Plants of Victoria« (Melb. 1860 bis 1865, 2 Bde.); »The vegetation of the Chatham Islands« (das. 1864); »Eucalyptographia« (das. 1879 bis 1882); »Select extratropical plants« (das. 1891; deutsch, Kassel 1883). 1901 wurde ihm in Melbourne ein Denkmal errichtet.

34) Hermann, Naturforscher, Bruder von M. 32), geb. 23. Sept. 1829 in Mühlberg a. E, gest. 26. Aug. 1883 bei Meran, studierte seit 1848 in Halle und Berlin und ward 1855 Lehrer in Lippstadt. Er durch forschte die Höhlen Krains nach augenlosen Höhlenkäfern, stellte 1858–66 die Moosflora der Provinz Westfalen fest und gab Herbarien westfälischer Laubmoose (1864–66) heraus. Darauf studierte er fünf Jahre lang die Befruchtung der Alpenblumen durch Insekten und schrieb: »Die Befruchtung der Blumen durch Insekten« (Leipz. 1873; das Werk liegt P. Knuths »Handbuch der Blütenbiologie«, das. 1898, 2 Bde. in 3 Tln., zugrunde); »Alpenblumen, ihre Befruchtung durch Insekten« (das. 1881); »Weitere Beobachtungen über Befruchtung der Blumen durch Insekten« (Berl. 1879–82, 3 Tle.).

35) Peter Erasmus, Forstmann, geb. 25. Okt. 1840 in Kopenhagen, studierte daselbst und im Auslande, wurde 1872 Professor an der Hochschule für Bodenkultur in Kopenhagen, 1883 Forstmeister und Oberinspektor des Forstwesens an der Akademie Sorö. Für deutsche Forstwissenschaft wichtig geworden ist sein Buch: »Studier over Skovjord« (Kopenh. 1878 bis 1884, 2 Bde.; deutsch als »Studien über die natürlichen Humusformen und deren Einwirkung auf Vegetation und Boden«, mit analytischen Belegen von Tuxen, Berl. 1887). 1876–90 gab er die von ihm begründete »Tidsskrift for Skovbrug« heraus.

36) Karl Hermann Gustav, Astronom, geb. 7. Mai 1851 in Schweidnitz, studierte in Berlin, wurde 1877 Assistent, 1888 Hauptobservator am astrophysikalischen Observatorium in Potsdam. Er veröffentlichte: »Untersuchungen über Mikrometerschrauben« (Berl. 1877); »Darstellungen des Sonnenspektrums bei mittlerer und schwacher Dispersion« (Leipz. 1880); »Spektroskopische Beobachtungen der Sterne bis ein schließlich 7,5. Größe in der Zone von -1° bis +20° Deklination« (das. 1882, gemeinsam mit H. C. Vogel); »Photometrische Untersuchungen« (das. 1883); »Über den Einfluß der Temperatur auf die Brechung des Lichtes in einigen Glassorten, in Kalkspat und Bergkristall« (das. 1885); »Bestimmung der Wellenlängen von 300 Linien im Sonnenspektrum« (das. 1885, gemeinsam mit Kempf); »Photometrische und spektroskopische Beobachtungen, angestellt auf dem Gipfel des Säntis« (das. 1891); »Helligkeitsbestimmungen der großen Planeten und einiger Asteroiden« (das. 1893); »Photometrische Durchmusterung des nördlichen Himmels, enthaltend alle Sterne der Bonner Durchmusterung bis zur Größe 7,5« (das. 1894–1903, 3 Tle.; gemeinsam mit Kempf); »Die Photometrie der Gestirne« (das. 1897); »Untersuchungen über die Absorption des Sternenlichts in der Erdatmosphäre, angestellt auf dem Ätna und in Catania« (das. 1898, gemeinsam mit Kempf).

37) Otto Friedrich, s. Mül.

Dichter und Schriftsteller.

38) Johann Gottwerth, Romanschriftsteller, geb. 17. Mai 1743 in Hamburg, gest. 23. Juni 1828 in Itzehoe, studierte seit 1762 Medizin, wendete sich aber dann der Literatur zu und lebte seit 1773 in Itzehoe als Buchhändler. 1783 gab er sein Geschäft auf, 1796 erhielt er vom König von Dänemark eine Pension. Müllers einst vielgelesene Romane, denen zum Teil ausländische Originale stofflich zugrunde liegen, sind nicht ohne Witz und Laune geschrieben, lassen aber in ihrer hausbackenen Verständigkeit, die[233] das gleichzeitige kraftgeniale Treiben in satirischer Weise bekämpfen wollte, das eigentlich poetische Element zurücktreten. Sein bekanntestes Werk ist der Roman »Siegfried von Lindenberg«, zuerst in 1 Band erschienen (Hamb. 1779), dann, nicht zu seinem Vorteil, zu 4 Bänden erweitert (Leipz. 1781–82; 8. Aufl., Jena 1830; Leipz. 1867), wo M. mit entschiedenem Geschick und Glück die in England ausgebildete Gattung des komischen Romans auf deutschen Boden übertrug. Unter seinen übrigen Schriften sind die »Komischen Romane aus den Papieren des braunen Mannes« (Götting. 1784–91, 8 Bde.) hervorzuheben. Vgl. Schröder, J. G. Müller (Itzehoe 1843); A. Brand, M. von Itzehoe (Berl. 1901).

39) Friedrich, genannt »Maler M.«, Dichter, Maler und Kupferstecher, geb. 13. Jan. 1749 in Kreuznach als Sohn eines Bäckers und Wirtes, gest. 23. April 1825 in Rom, bildete sich, von einem Gönner unterstützt, seit 1766 oder 1767 in Zweibrücken als Maler aus und siedelte im Winter 1774/75 nach Mannheim über, wo er in den nächsten Jahren, von der Sturm- und Drangbewegung angeregt, vor allem als Schriftsteller tätig war. 1777 wurde er kurfürstlicher Kabinettsmaler; durch eine Subskription, für deren Zustandekommen besonders Goethe tätig war, wurde es ihm ermöglicht, 1778 nach Italien zu reisen. In Rom verbrachte er fast den ganzen Rest seines Lebens. 1780 ließ er sich während einer Krankheit zum Übertritt zur katholischen Kirche bestimmen. Müllers noch in Deutschland herausgegebene radierte Blätter (Hirtenszenen, Tierstücke und Genrebilder im niederländischen Geschmack) waren nicht ohne Beifall aufgenommen worden; in Italien wirkte das Studium Michelangelos auf ihn wie auf viele andre ungünstig. Seine künstlerischen Mißerfolge veranlaßten ihn, sich auf kunstgeschichtliche Studien zu verlegen und als Cicerone tätig zu sein. Goethes freimütiger Tadel seiner Gemälde verstimmte ihn, so daß während dessen römischen Aufenthalts M. mit ihm fast gar nicht in Berührung kam; doch wurde er in seinen alten Tagen von den Romantikern, besonders von Tieck und auch von dem spätern König Ludwig II. von Bayern, mit Auszeichnung behandelt. Die Hauptcharakterzüge seiner Poesie sind kraftgeniale Wortfülle neben stellenweise hervortretendem derben Realismus. Von seinen dramatischen Bei suchen ist das lyrische Drama »Niobe« (Mannh. 1778) das mindest gelungene; charakteristischer ist »Fausts Leben, dramatisiert« (1. Teil, das. 1778; neu hrsg. von Seuffert, Heilbr. 1881). Am höchsten steht »Golo und Genoveva« (begonnen ca. 1776; bruchstückweise gedruckt in der »Zeitung für Einsiedler«, 1808; zuerst vollständig von Tieck, 1811; s. unten). Das Stück vermag sich allerdings, obschon in den Einzelszenen und in der Charakteristik von einem nicht selten energischen Naturalismus, nicht zu einer Totalwirkung zu erheben, weil es der künstlerischen Komposition entbehrt; immerhin aber wirkte es mit seiner phantasievollen Versenkung in vergangenes deutsches Leben mächtig auf die spätere Entwickelung des historischen Dramas und Romans ein und war eine der besten Nachahmungen von Goethes »Götz« (vgl. B. Golz, Pfalzgräfin Genoveva in der deutschen Dichtung, Leipz. 1897). Viel Anerkennung hat M. als Idyllendichter erfahren. Während er hier anfangs mehr unter Geßners Einfluß stand, zeigen seine Darstellungen aus dem pfälzischen Landleben: »Die Schafschur« (Mannh. 1775) und »Das Nußkernen«, unvergleichlich mehr Lebendigkeit und Naturwahrheit und einzelne sehr glückliche Züge. Seine frühesten lyrischen Dichtungen, von denen einige im »Göttinger Musenalmanach« erschienen, zeigen den Einfluß Klopstocks und der Anakreontiker, ungleich wertvoller sind die spätern Lieder, in denen er den inzwischen aufgekommenen volkstümlichen Ton anschlug, besonders der zum Volkslied gewordene »Soldatenabschied« (»Heute scheid' ich«). 1905 wurde ihm in Kreuznach ein Denkmal (von Cauer) errichtet. Eine Ausgabe von Müllers Werken, von Tieck besorgt, erschien in 3 Bänden (Heidelb. 1811 u. 1825); ausgewählte Dichtungen veröffentlichten H. Hettner (Leipz. 1868, 2 Bde.) u. Sauer (in Kürschners »Deutscher Nationalliteratur«, Bd. 81); eine Nachlese Hans Graf Yorck (Jena 1873). Vgl. B. Seuffert. Maler M. (Berl. 1877).

40) Wilhelm, Dichter, geb. 7. Okt. 1794 in Dessau, gest. daselbst 30. Sept. 1827, erhielt eine sehr sorgfältige Erziehung, besuchte 1812 behufs philologischer und geschichtlicher Studien die Berliner Universität, machte 1813 und 1814 als Freiwilliger die Befreiungskriege mit und setzte dann in Berlin seine Studien fort, die nunmehr, dem Zuge der Zeit entsprechend, sich auch auf die ältere deutsche Sprache und Literatur erstreckten. Im Kreis einiger poetisch begabter Freunde fand sein Talent zuerst bedeutendere Anregung; die mit ihnen gemeinsam herausgegebenen »Bundesblüten« (Berl. 1815) enthalten die Erstlinge seiner Muse. 1817 unternahm er als Begleiter des Grafen Sack eine Reise nach Italien, als deren literarische Frucht das lebendig und anschaulich geschriebene Werk »Rom, Römer und Römerinnen« (Berl. 1820, 2 Bde.) zu nennen ist. Bald nach seiner Rückkehr (1819) wurde er als Lehrer der alten Sprachen an die Gelehrtenschule in Dessau berufen und erhielt hier wenig später auch die Stelle eines Bibliothekars an der soeben gebildeten herzoglichen Bibliothek. Als Dichter machte er sich in weitern Kreisen bekannt durch die »Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten« (Dessau 1821–24, 2 Bdchn.; 1. Bdchn., 2. Aufl. 1826) und die »Lieder der Griechen« (das.u. Leipz. 1821–24, 5 Hefte; vollständige Ausg., Leipz. 1844); vgl. R. Arnold, Der deutsche Philhellenismus, im »Euphorion« (2. Ergänzungsheft, Bamb. 1896), in denen die Sympathie der Deutschen für den Freiheitskampf der Griechen gegen die Türken einen begeisterten Ausdruck fand. Ihnen reihten sich »Neugriechische Volkslieder« (Leipz. 1825, 2 Bde.) und »Lyrische Reisen und epigrammatische Spaziergänge« (das. 1827) würdig an. Außerdem schrieb er die Novelle »Der Dreizehnte« (1827) und eine »Homerische Vorschule« (Leipz. 1824, 2. Aufl. 1836), worin er sich als tüchtigen Schüler F. A. Wolfs bekundete, nebst zahlreichen kritischen Abhandlungen. Ein verdienstliches Werk Müllers ist auch die Übersetzung von Marlowes »Faustus« (Berl. 1818); ferner gab er eine »Bibliothek der Dichtungen des 17. Jahrhunderts« (Leipz. 1822–27, 10 Bde.; fortgesetzt von K. Förster, das. 1828–98, Bd. 11–14) heraus. M. gehört zu den frischesten deutschen Liederdichtern; eine helle, innige Naturfreude singt und klingt in seinen Liedern, die auch zu den sangbarsten gehören (z. B. »Es lebe, was auf Erden«, »Im Krug zum grünen Kranze«) und sehr häufig komponiert sind (am schönsten von Franz Schubert die Zyklen »Die schöne Müllerin« und »Winterreise«). Seine »Vermischten Schriften« mit biographischem Vorwort gab G. Schwab (Leipz. 1830, 5 Bde.) heraus; seine »Gedichte« erschienen in neuer Ausgabe, eingeleitet von seinem Sohn Max (s. Müller 21), Leipzig[234] 1869, illustriert Berlin 1874 u. ö. Sein Tagebuch und ungedruckte BriefeDiary and letters«) veröffentlichten P. S. Allen und Hatfield (Lond. 1903, und in der »Deutschen Rundschau«, 28. Jahrg., Berl. 1902). Vgl. Allen, Wilhelm M. und das deutsche Volkslied (im »Journal of Germanic Philology«, Bd. 2 u. 3, Chicago 1900–01).

41) Wolfgang (genannt M. von Königswinter), Dichter, geb. 5. März 1816 in Königswinter a. Rh., gest. 29. Juni 1873 in Bad Neuenahr, studierte in Bonn Medizin, ließ sich 1842 als praktischer Arzt in Düsseldorf nieder, von wo er 1848 ins Parlament gesendet wurde, zog sich jedoch bald gänzlich von der Politik zurück und nahm 1853 seinen Wohnsitz in Köln, wo er bald nachher die ärztliche Praxis aufgab, um sich ganz der Literatur zu widmen. 1869 ließ er sich in Wiesbaden nieder. Von seinen Dichtungen und Schriften, großenteils mit rheinischem Lebenshintergrund, sind hervorzuheben: »Junge Lieder« (Düsseld. 1841); »Balladen und Romanzen« (das. 1842); »Rheinfahrt« (Frankf. 1846; 2. Aufl., Leipz. 1872); »Gedichte« (Frankf. 1847; 3. Aufl., Hannov. 1868, 2 Bde.); »Germania, ein satirisches Märchen« (Frankf. 1848); »Oden der Gegenwart« (Düsseld. 1848); »Kinderleben in Liedern und Bildern« (mit Theodor Mintrog, das. 1850); »Zu Göthes hundertjähriger Geburtstagsfeier«. Gedichte (das. 1849); »Lorelei«, Rheinsagen in Balladenform (Köln 1851; 4. Aufl., Leipz. 1873); »Die Maikönigin«, eine Dorfgeschichte in Versen (Stuttg. 1852); »Prinz Minnewin« (Köln 1854, 2. Aufl. 1856); »Das Rheinbuch« (Brüssel 1855); »Der Rattenfänger von St. Goar« (Köln 1856); die Satire »Heinrich Heines Höllenfahrt« (anonym, Hannov. 1856); »Mein Herz ist am Rhein«, eine Liederauswahl aus den »Gedichten« (das. 1857; 4. Aufl., Leipz. 1871); »Gedenk verschollner Tage«. Erinnerungsbuch (3. Aufl. 1868); »Johann von Werth« (das. 1858); »Erzählungen eines rheinischen Chronisten« (Bd. 1: »Karl Immermann und sein Kreis«, Bd. 2: »Aus Jacobis Garten. Furioso, aus Beethovens Jugend«, das. 1860–61); »Aschenbrödel«, episches Gedicht (Frankf. 1863); »Vier Burgen« (Leipz. 1862, 2 Bde.); »Von drei Mühlen«, ländliche Geschichten (das. 1865); »Zum stillen Vergnügen«, Künstlergeschichten (das. 1865, 2 Bde.); »Märchenbuch für meine Kinder« (das. 1866); »Der Pilger in Italien«, Sonette (das. 1868); »Der Zauberer Merlin«, Gedicht (Berl. 1871); »Durch Kampf zum Sieg«, Zeitgedichte (das. 1870); »Im Rittersaal«, rheinische Historien (Leipz. 1874). Unter vielen dramatischen Versuchen gewann nur das Lustspiel »Sie hat ihr Herz entdeckt« dauernden Bühnenerfolg. Von Müllers kunsthistorischen Schriften erschienen selbständig: »Düsseldorfer Künstler aus den letzten 25 Jahren« (Leipz. 1854), »Münchener Skizzenbuch« (das. 1856), »Alfred Rethel« (das. 1861) und der »Katalog des Museums Wallraf-Richartz« (Köln 1864, 2 Bde.). Eine Auswahl aus seinen Dichtungen erschien u. d. T.: »Dichtungen eines rheinischen Poeten« (Leipz. 1871–76, 6 Bde.). In seiner Vaterstadt wurde ihm 1896 ein Denkmal errichtet. Vgl. Joesten, Wolfg. M. (Köln 1895) und Gedenkbuch zur Erinnerung an die Errichtung des Denkmals (das. 1896).

42) Otto, Romanschriftsteller, geb. 1. Juni 1816 in Schotten am Vogelsberg, gest. 7. Aug. 1894 in Stuttgart, widmete sich anfangs der kameralistischen Laufbahn, erhielt dann eine Stelle an der Darmstädter Hofbibliothek, übernahm 1843 die Redaktion des »Frankfurter Konversationsblatts«, 1848 die des »Mannheimer Journals«, siedelte 1852 nach Bremen über, kehrte 1854 nach Frankfurt zurück, wo er das »Frankfurter Museum« begründete, und nahm Ende 1856 seinen Wohnsitz in Stuttgart. Seinem vielgelesenen Jugendroman: »Bürger. Ein deutsches Dichterleben« (Frankf. 1845; 3. Aufl., Stuttg. 1870) folgte noch eine Reihe andrer Literatur- und Künstlerromane, wie: »Charlotte Ackermann« (Frankf. 1854; franz. von Porchat, Par. 1854; von M. selbst auch dramatisiert), »Der Stadtschultheiß von Frankfurt« (Goethes großelterliche Familie behandelnd; Stuttg. 1856, 3. Aufl. 1878), »Aus Petrarcas alten Tagen« (Berl. 1861, 2 Bde.), »Ekhof und seine Schüler« (Leipz. 1863, 2 Bde.), »Der Professor von Heidelberg« (Lotichius, Stuttg. 1870, 3 Bde.). Von seinen zahlreichen andern Werken nennen wir: »Die Mediatisierten« (Frankf. 1848, 2 Bde.), »Georg Volker« (Brem. 1851, 3 Bde.), »Der Tannenschütz« (das. 1852; 4. Abdruck, Stuttg. 1883), »Andrea del Castagno« (Frankf. 1857), »Der Klosterhof« (2. Ausg., Berl. 1862, 3 Bde.), »Roderich« (2. Aufl., Stuttg. 1862, 2 Bde.), »Zwei Sünder an einem Herzen« (Braunschw. 1863, 2 Bde.), »Erzählungen und Charakterbilder« (Berl. 1865, 3 Bde.), »Der Wildpfarrer«, historischer Volksroman (das. 1866, 3 Bde.), »Erzählungen« (2. Aufl., Stuttg. 1870), »Der Fall von Konstanz« (Leipz. 1872, 3 Bde.), »Der Majoratsherr« (das. 1873, 3 Bde.), »Monika«, Dorfgeschichte (Stuttg. 1877), »Münchhausen im Vogelsberg«, Erzählung (Brem. 1880), »Schatten auf Höhen« (das. 1881, 2 Bde.). Eine Sammlung »Ausgewählter Schriften« (Stuttg. 1872 bis 1873, 12 Bde.) vereinigte die beliebtern Romane des Verfassers. Vgl. Schulte vom Brühl, Otto M., ein deutsches Dichterleben (Stuttg. 1895).

43) Karl, unter dem Pseudonym Olfried Mylius bekannter Schriftsteller, geb. 8. Febr. 1819 in Stuttgart, gest. daselbst 28. Nov. 1889, lernte als Buchdrucker, bezog 1840 die Universität Tübingen, führte 1842–68 die Redaktion der Zeitschrift »Erheiterungen« in Stuttgart, trat dann in die »Allgemeine Familienzeitung« ein und war seit 1885 Redakteur des Cottaschen »Ausland«. Als Romanschriftsteller debütierte er mit »Des Lebens Wandelungen« (unter dem Namen Fr. von Elling, Stuttg. 1854, 3 Bde.), veröffentlichte dann historische Romane, wie: »Graveneck« (Stuttg. 1862; 2. Aufl., Leipz. 1872) und »Die Irre von Eschenau« (Stuttg. 1869, 2 Bde.), worin das Zeitalter des Herzogs Karl Eugen von Württemberg geschildert wird; die Kulturgemälde: »Neue Pariser Mysterien« (das. 1863, 3 Bde.) und »Neue Londoner Mysterien« (das. 1865–67, 4 Bde.); ferner: »Das Testament von St. Helena« (das. 1868 bis 1869, 2 Bde.); »Die Weiße Frau« (das. 1868–1873, 3 Bde.); »Die Türken vor Wien« (Leipz. 1870); »Am Hof der nordischen Semiramis« (Hannov. 1873, 2 Bde.); »Ein verlorner Sohn« (Jena 1874); »Iphigenie« (Hannov. 1875); »Die Opfer des Mammon« (das. 1882) u.a. Außerdem schrieb er Erzählungen und Novellen (Auswahl, Leipz. 1874, 2 Bde.) sowie eine Reihe belehrender Jugendschriften und brachte eine deutsche Bearbeitung von A. Morgans Buch »Der Shakespeare-Mythus« (Leipz. 1885).

Kupferstecher, Maler, Bildhauer, Architekten.

44) Lukas, Maler, s. Cranach.

45) Johann Gotthard von, Kupferstecher, geb. 4. Mai 1747 in Bernhausen bei Stuttgart, gest. 14. März 1830 in Stuttgart, widmete sich seit 1770 in Paris bei Wille der Kupferstecherkunst und ward 1776 nach Stuttgart berufen, um eine Schule für Kupferstecher[235] zu gründen. Von seinen Schülern sind die namhaftesten: Leybold, Bitthäuser, Ulmer, Barth, Riß, Hof, Krüger und besonders sein Sohn Friedrich. 1818 wurde er geadelt. M. wußte die frühere Behandlung des Stiches, die das Kolorit der Gemälde wiederzugeben suchte, mit der neuern, durch Wille eingeführten Anwendung des Grabstichels glücklich zu verbinden. Unter seinen Blättern sind vornehmlich zu nennen: Fr. Schiller, nach A. Graff; die Schlacht bei Bunker Hill, nach Trumbull; die Madonna della Sedia, nach Raffael, und die heil. Cäcilie, nach Domenichino, beide für das Musée français. Andre treffliche Bildnisse sind die Ludwigs XVI. im Krönungsornat, des Malers Graff, Dalbergs, des Königs Jérôme von Westfalen und des Anatomen Loder. Vgl. Andresen, Joh. Gotthard v. M. und Joh. Friedr. Wilh. M., beschreibendes Verzeichnis ihrer Kupferstiche (Leipz. 1865).

46) Friedrich, Kupferstecher, Sohn des vorigen, geb. 1782 in Stuttgart, gest. 3. Mai 1816 auf dem Sonnenstein bei Pirna, besuchte das Gymnasium in Stuttgart, hatte daneben seinen Vater zum Lehrer in der Kupferstecherkunst und widmete sich ihr seit 1802 in Paris. Hier stach er für das Musée français die Venus von Arles und eine Statue der Jugend, letztere ausgezeichnet durch treue Charakteristik des Marmors. 1805 stach er das von ihm selbst gemalte Bildnis des nachmaligen Königs Wilhelm I. von Württemberg und 1808 den Evangelisten Johannes von Domenichino; hierauf zeichnete er die heil. Cäcilie von Domenichino, die nachher sein Vater in Kupferstich ausführte. 1309 von einer Reise nach Italien zurück gekehrt, beschäftigte er sich vorzugsweise mit dem Stich der Sixtinischen Madonna Raffaels in der Galerie zu Dresden (jedoch nach einer Zeichnung von andrer Hand), worauf er 1814 bei der Dresdener Kunstakademie als Professor der Kupferstecherkunst angestellt ward. Neben dieser großen Arbeit stach er noch die Bildnisse Jacobis, Schillers (nach Danneckers Büste), Hebels (nach dem Leben) und das Blatt: Adam und Eva, nach einem Raffaelschen Deckengemälde im Vatikan. Kurz nach Vollendung der Madonna, die sein Hauptwerk ist, das noch heute unübertroffene Vorzüge vor allen spätern Stichen besitzt, verfiel er in eine unheilbare Gemütskrankheit. Die Platte der Madonna wurde 1827 wieder aufgestochen.

47) Andreas, Maler, geb. 9. Febr. 1811 in Kassel, gest. 29. März 1890 in Düsseldorf, erhielt die erste Anleitung von seinem Vater Franz Hubert M., Galeriedirektor in Darmstadt, bildete sich von 1832 bis 1834 bei Schnorr und Cornelius in München und darauf in Düsseldorf bei Sohn und Schadow, ging 1837 nach Italien und blieb dort bis 1842 zur Vorbereitung für die Fresken in der Apollinariskirche. 1855 wurde er Professor, Lehrer und Konservator der Kunstsammlungen an der königlichen Kun st akademie in Düsseldorf, welche Ämter er bis 1882 versah. M. hat besonders religiöse und Kirchenbilder von stilvoller Auffassung und äußerst fleißiger Ausführung gemalt. Er beteiligte sich an der Ausschmückung der Apollinariskirche in Remagen mit Wandgemälden, die sämtlich nach einer von ihm erfundenen Technik der Wandmalerei mit gekochtem Öl ausgeführt wurden. Auch hatte er die Leitung aller Dekorationsmalereien, denen jene Kirche einen großen Teil ihres harmonischen Eindrucks verdankt. Später führte er für den Fürsten von Hohenzollern im Kunstsaal des Schlosses in Sigmaringen 24 Darstellungen deutscher Meister aus. Von seinen Ölgemälden sind hervorzuheben: drei singende Engel (1836), Maria mit Jesus und Joseph und die heil. Anna mit der kleinen Maria. die heil. Cäcilie und das durch Vervielfältigungen bekannte Rosenkranzbild (Altarblatt für die Kirche in Zifflich).

48) Karl Friedrich, Maler, Sohn des Kupferstechers Friedrich M. (M. 46), geb. 1813 in Stuttgart, gest. 27. April 1881 in Frankfurt a. M., bildete sich in Stuttgart bei seinem Großvater Johann Gotthard M., seit 1831 in München unter Cornelius, hauptsächlich aber von 1833–37 in Paris bei Ingres, dem er nach Italien folgte. Er blieb bis 1848 in Rom, war dann zwei Jahre in Frankfurt a. M., ging darauf wieder nach Paris und lebte seit 1870 in Frankfurt a. M. Der König von Württemberg erhob ihn 1877 in den Adelstand. Seine bedeutendsten Gemälde sind: Oktoberfest in der Villa Borghese bei Rom (1848, gestochen unter dem Namen il Saltarello) und römischer Karneval (beide in der königlichen Villa Berg bei Stuttgart), worin er mit seinem Formgefühl das italienische Leben von der heitern Seite aufs glücklichste zur Darstellung brachte. Von seinen übrigen Werken sind hervorzuheben: das Urteil des Paris und Romeo und Julie (beide im königlichen Museum zu Stuttgart), Faust und Helena, Diana und Endymion, Romeos Abschied von Julie.

49) Charles Louis, genannt M. von Paris, franz. Maler, geb. 22. Dez. 1815 in Paris, gest. daselbst 10. Jan. 1892, erhielt seine Bildung bei L. Cogniet, Gros und in der École des beaux-arts. 1850 wurde er Direktor der Gobelinsmanufaktur. M. hat eine große Anzahl von geschichtlichen Bildern und Bildnissen gemalt. Zu erwähnen sind: Heliogabal (1841), Primavera (1846), die Mairunde und die Folie d'Haydée (1848), Lady Macbeth und sein Hauptwerk: Verlesung der letzten Opfer der Schreckenszeit (1849–50, beide in der Galerie des Luxembourg), Vive l'empereur (1855), Marie Antoinette (1857), eine Messe unter der Schreckensherrschaft (1863), der Wahnsinn des Königs Lear (1875) und eine Mater dolorosa (1877). Er zeichnete sich weniger durch Virtuosität der Farbe als durch wohlarrangierte Komposition aus.

50) Karl, Maler, Bruder von M. 47), geb. 1818 in Darmstadt, gest. 15. Aug. 1893 in Neuenahr, begann seine Kunststudien bei seinem Vater und ging nach dessen Tode 1835 auf die Akademie in Düsseldorf, wo er sich unter Sohn und Schadow bildete. Von 1839–43 verweilte er in Italien, wo er Studien zu den Fresken in der Apollinariskirche machte, die ihm mehrere der besten Bilder (Szenen aus dem Leben der Maria und die Anbetung des Lammes) verdankt. Ein sorgfältiges Studium der Natur bei idealer Auffassung, ein seiner Sinn für Schönheit und eine sorgfältige Ausführung bei heller Farbe charakterisieren seine Werke. Hervorzuheben sind davon: die Himmelskönigin (Altarbild für die Kirche zu Altena in Westfalen), die Verkündigung (städtische Galerie in Düsseldorf), das Abendmahl, Christus in der Werkstatt des heil. Joseph, die Jünger zu Emmaus, Vision der heil. Hedwig, das Rosenwunder der heil. Elisabeth. Er war Lehrer an der Düsseldorfer Kunstakademie. Vgl. Finke, Karl M. (Köln 1896).

51) Heinrich, Architekt, geb. 2. Febr. 1819 in Bremen, gest. daselbst 8. März 1890, bezog nach praktischer Vorbildung die Bauakademie in München und trat später in das Bureau des Baurats Bürklein. 1841 kam er als Zeichner in das Bureau des Architekten Alexis de Chateauneuf in Hamburg, und 1847 kehrte[236] er in seine Vaterstadt zurück. Später machte er noch Studienreisen nach Paris, London und Rom. Von seinen Monumentalbauten sind hervorzuheben: die gotische Kirche in Oberneuland bei Bremen, in Bremen: die gotische Börse (1864 vollendet), ein Werk basilikenähnlicher Anlage, von geistreicher Erfindung und praktischer Anordnung, die gotische Rembertikirche (1871), das Gebäude der Gesellschaft »Museum«, im Renaissancestil (1875), der im Innern praktische, im gotischen Äußern aber allzu monotone Saalbau des Doms, das Gebäude der Freimaurerloge Friedrich W. G. zur Eintracht (1880) und das Zolldirektionsgebäude; ferner der Renaissancebau der Börse in Königsberg.

52) Eduard, Bildhauer, geb. 9. Aug. 1828 in Hildburghausen, gest. 29. Dez. 1895 in Rom, trat 1842 als Lehrling in die herzogliche Hofküche, ging vier Jahre später als Koch nach München und Paris, hielt sich zwei Jahre in Antwerpen auf und folgte, nachdem er bisher in seinen Mußestunden schon viel modelliert hatte, 1850 auf den Rat des Bildhauers Joseph Geefs seinem Drang zur Bildhauerkunst. Er besuchte die dortige Akademie und erwarb sich daneben durch Bildnisse seinen Unterhalt. 1852 ging er nach Brüssel, schuf dort 1854 die Marmorstatue eines erwachenden Knaben und 1856 eine Psyche, die er, nachdem er 1857 in Rom seinen bleibenden Aufenthalt genommen, für den Prinz Gemahl von England in Marmor ausführte. Sowohl diese als auch seine nachfolgenden Werke idealen Inhalts sind von meisterhafter Komposition, großer Lebenswahrheit und besonders in der Behandlung der Stoffe von hoher technischer Vollendung, so namentlich die Marmorgruppen und -Einzelfiguren: Nymphe, den Amor küssend (1862); Glaube, Liebe, Hoffnung, für ein Mausoleum in Hamburg (1869); Satyr mit der Maske (1870); ein erwachendes Mädchen (1872); das Geheimnis des Fauns und die Bacchantin, die dem Amor die Flügel zu beschneiden droht (1874); der neapolitanische Fischer und sein Knabe (1875); die im geistigen Ausdruck ausgezeichnete Eva mit ihren Kindern und die erschreckte Nymphe. Sein Hauptwerk ist die von 1874–79 in Marmor ausgeführte kolossale Gruppe: Prometheus und die Okeaniden (Nationalgalerie in Berlin), aus einem einzigen Block gehauen. In der Zwischenzeit entstanden noch: ein neapolitanischer Fischer und eine Römerin mit dem Moccololicht. – Sein Zwillingsbruder Gustav M. (gest. 2. Juni 1901 in Rom) hat sich als Bildnis- und Genremaler bekannt gemacht. Er war zuletzt Professor an der Akademie von San Luca in Rom.

53) Viktor, Maler, geb. 29. März 1829 in Frankfurt a. M., gest. 21. Dez. 1871 in München, besuchte die Kunstschule in Frankfurt, ging nach Antwerpen und 1849 nach Paris, wo er bis 1860 blieb und sich namentlich nach Couture, Delacroix und Courbet bildete. Durch die Normandie, Lothringen, Elsaß und Basel heimgekehrt, besuchte er England und wiederholt Holland und führte dann in den Patrizierhäusern der Graham und Lachmann in Frankfurt a. M. mehrere Bilder aus, worauf er 1865 nach München übersiedelte. Dort malte er zwei Szenen aus der Geschichte des Ritters Hartmuth von Kronberg für das Schloß Kronberg im Taunus und ein sein gestimmtes Bild: Hero und Leander. Dann folgten: Hamlet mit Horatio auf dem Friedhof, Ophelia am Bach, zwei Mohren, die einen Schädel betrachten, und Romeo und Julia. Unvollendet blieb sein letztes Bild: Faust auf dem Spaziergang. Dazwischen entstanden eine Waldnymphe, Tannhäuser im Venusberg, eine große Landschaft mit einer Szene aus Victor Hugos »Les misérables«, Schneewittchen, mit den Zwergen tanzend. Sein letztes vollendetes Bild war ein Blumenmädchen. Seine Stärke lag im Lyrischen, in der poetisch-romantischen Empfindung und im Kolorit, das freilich zuletzt in Bizarrerien ausartete.

54) Karl Leopold, Maler, geb. 9. Dez. 1834 in Dresden von österreichischen Eltern, gest. 4. Aug. 1892 in Wien, wurde auf der Akademie in Wien unter Karl Blaas und Chr. Ruben ausgebildet und versuchte sich zuerst in der Geschichtsmalerei, die er jedoch bald mit der Genremalerei vertauschte, zu der er seine Vorwürfe anfangs aus Oberösterreich und Ungarn holte. Da er gezwungen wurde, nach dem Tode seines Vaters für seine Familie zu sorgen, war er nunmehr acht Jahre lang als Illustrator für den Wiener »Figaro« tätig. Dann konnte er sich wieder seinen Studien widmen und bereiste zu wiederhol len Malen Italien und Ägypten. Er malte zunächst eine Reihe von Bildern aus dem italienischen und ungarischen Volksleben, bisweilen mit Tierstaffage, von geistvoller Komposition, kräftigem Vortrag und seinem Kolorit, z. B.: am Brunnen, der Flickschneider, die letzte Tagesmühe (Hofmuseum in Wien), die Lautenschlägerin, Geistliche im Klosterhof, auf dem Marktplatz in Venedig, Strand von Palermo. Zu voller Kraft entwickelte sich seine hohe koloristische Begabung und die Feinheit seiner Charakteristik jedoch erst in seinen Schilderungen aus dem orientalischen Volksleben, unter denen die arabischen Geldwechsler, die Rast der Mekkapilger, ägyptische Wasserträger, Mildtätigkeit im Osten, arabische Schule, lagernde Beduinen, Kamelmarkt, Dolce far niente in Nubien, ein Fellahweib hervorzuheben sind. Seit 1877 war er Professor und 1890–92 Rektor an der Akademie der bildenden Künste in Wien.

55) Paul, Bildhauer, geb. 12. März 1843 in Mergelstetten auf der Schwäbischen Alb, kam früh nach Stuttgart, wo er anfangs sein künstlerisches Naturell in Ziselier- und Gravierarbeiten betätigte, dann aber zur Bildhauerei überging und auf der Kunstschule unter Theod. Wagner studierte, worauf er zu Schilling nach Dresden ging. Seine ersten selbständigen Arbeiten waren lebensgroße Büsten nach der Natur, Porträtstatuetten (Wiederhold, Schiller, Uhland u.a.) und die große Statue Goethes für das Polytechnikum in Stuttgart. Lange blieb er dieser Neigung treu, und seine Büsten hervorragender Württemberger, wie Neher, Strauß, Gerock, Golther, zeugten von seinem großen Talent für scharfe Auffassung des Charakteristischen. Seine Büste König Karls, mehrmals ausgeführt, gewann ihm in diesem einen Gönner, der ihn mit der Aufgabe betraute, die Kolossalgruppe: Graf Eberhard im Schoße eines Hirten für die Anlagen in Stuttgart (1881) auszuführen, ein durch Schönheit der Komposition wie durch markige Kraft und Wahrheit der Situation ausgezeichnetes Werk, dem das Denkmal Herzog Christophs für den Schloßplatz in Stuttgart (1889 enthüllt) und die Kolossalstatue des Herzogs Karl von Württemberg folgten. Von seinen Werken auf dem Gebiete der Idealplastik sind hervorzuheben: der Fries, Orest von den Furien verfolgt (Museum in Stuttgart), die Braut von Korinth (nach Goethe), die Resignation, der Friedensgenius und vor allen der Achillesschild, eine Komposition mit 200 Figuren.

56) Morten, Maler, s. Morten-Müller.

57) Robert, Maler, s. Warthmüller.[237]

Musiker.

58) Wenzel, Opernkomponist, geb. 26. Sept. 1767 zu Tyrnau in Mähren, gest. 3. Aug. 1835 in Baden bei Wien, war zuerst Violinist, dann Kapellmeister am Brünner Theater, 1786 in gleicher Eigenschaft am Marinellischen Theater in Wien, schrieb 1783–1834 außer vielen Kantaten, Symphonien, Messen etc. nicht weniger als 225 Bühnenwerke (vgl. Riemanns »Opernhandbuch«, S. 816 ff.). Die bekanntesten seiner Singspiele und Zauberpossen sind: »Die Zauberzither«, »Das neue Sonntagskind«, »Die Schwestern von Prag«, »Die Teufelsmühle«, »Der Alpenkönig und der Menschenfeind« (noch heute mit Müllers Musik auf dem Repertoire).

59) Gebrüder M., Name zweier berühmter Streichquartette, von denen das ältere seinen Wohnsitz in Braunschweig hatte und aus den vier Söhnen des Hofmusikus Ägidius Christoph M. (gest. 1841) daselbst bestand; diese waren: Karl Friedrich M. (geb. 11. Nov. 1797, gest. 4. April 1873 als Konzertmeister, erste Violine), Gustav M. (geb. 3. Dez. 1799, gest. 7. Sept. 1855 als herzoglicher Symphoniedirektor, Viola), Theodor M. (geb. 27. Sept. 1802, gest. 22. Mai 1875 als Kammermusikus, Cello) und Georg M. (geb. 29. Juli 1808, gest. 20. Okt. 1875 als herzoglicher Kapellmeister, zweite Violine). Die Zeit des Zusammenspielens der vier Brüder fällt in die Zeit von 1831–55; sie besuchten außer Deutschland auch Paris, Holland, Dänemark und Rußland. – Das jüngere M. – Quartett bildete sich gleich nach der Zersprengung des ältern durch den Tod (1855) aus vier Söhnen von Karl Friedrich M., nämlich: Karl M. (M.-Berghaus, geb. 14. April 1829, erste Violine), Hugo M. (geb. 21. Sept. 1832, gest. 26. Juni 1886 in Braunschweig, zweite Violine), Bernhard M. (geb. 24. Febr. 1825, gest. 4. Sept. 1895 in Rostock, Bratsche) und Wilhelm M. (geb. 1. Juni 1834, gest. im Oktober 1897 in New York, Cello). Die Brüder, sämtlich in Braunschweig geboren, wurden als Hofmusiker in Meiningen angestellt, siedelten aber 1866 nach Wiesbaden über, und als Karl Kapellmeister in Rostock wurde, folgten ihm die andern auch dorthin. Als Wilhelm M. 1873 als erster Cellist der königlichen Kapelle und Lehrer an der Hochschule in Berlin angestellt wurde, löste sich das Quartett auf.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 14. Leipzig 1908, S. 226-238.
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