[516] Russisches Reich (Gesch.). Die Ländermassen, welche jetzt Rußland heißen, waren den Griechen, welchen man die ersten geographischen u. ethnographischen Kenntnisse derselben verdankt, lange ganz unbekannt. Die Homerische Weltkarte kennt Länder[517] u. Völker östlich u. nördlich von Thracien gar nicht; erst seit Herodot (Mitte des 5. Jahrh. v. Chr.) wurden die Gegenden nördlich vom Schwarzen Meere etwas bekannt, nach ihm wohnten zwischen Dniepr u. Don Scythen u. östlich von diesen die Sauromatä (Sarmaten), weiter im Norden von beiden ebenfalls Scythen; zur Zeit des Eratosthenes (um 200 v. Chr.) hatte sich der Stand der Völker nur in so fern geändert, daß die Scythen westlicher u. die Sauromaten nördlicher erscheinen, während an ihrer Stelle am Schwarzen Meere, zwischen Dniepr u. Don, die Rhoxolaner, ein scythischer Stamm, hausen, zu denen später bei Ptolemäos (um die Mitte des 2. Jahrh. n. Chr.) noch die Jazygen kommen; im Nordwesten, nach Germanien hin, u. der Weichsel entlang, saßen Bastarnen, Rueiner, Murer, Androphagen etc., während seit dem 2. Jahrh. n. Chr. in den Ländern zwischen Donau u. Dniepr Gothen aus Norden einzogen. Hier wurde seit dem 5. Jahrh. der Tummelplatz, wo Alanen, Hunnen, Avaren u. Bulgaren sich drängten, denen dann die Slawen, ein sarmatischer Stamm, folgten, von welchen die eine Abtheilung das vormals von den Sarmaten bewohnte Land einnahm, woraus sie aber seit dem 6. Jahrh. durch die Chazaren u. Petschenegen verdrängt wurden, von denen sich die Ersteren zwischen Don u. Wolga, die Letzteren zwischen Don u. Aluta niederließen, während die Slawen nordwestlich wanderten u. dort Kiew u. Nowgorod anlegten. In den nordöstlichen Theilen Rußlands wohnten die Scythen od. Tschuden, ein finnischer Stamm, unter denen im 8. Jahrh. auch Slawen erscheinen. Ein gewisser Grad von Bildung u. Wohlstand zeigte sich am ersten bei den Slawen, daher wählten im Süden die Chazaren u. im Norden die Waräger (Wäringer), ein normannisches Volk am Baltischen Meere in Schweden, sie zum Ziel ihrer Angriffe. Die Waräger eroberten im 9. Jahrh. das Land um Riga, Petersburg u. den Ladoga- u. Onega-See, wo das seiner Abstammung nach unbekannte (vielleicht zu dem germanischen Stamme gehörende), damals zuerst genannte Volk der Russen wohnte, u. machten sich die Slawen von Nowgorod u. die finnischen Tschuden, Wessen, Meren u. Kriwitschen tributbar. Die Russen zogen sich darauf nördlich nach Finnland u. Karelien, die Waräger aber hießen seitdem die Russischen Waräger (im Gegensatz zu den skandinavischen). Indeß die genannten finnischen Stämme vertrieben in Verbindung mit den Slawen die Waräger wieder u. gründeten am Ilmensee einen Bundesstaat mit demokratischer Verfassung; aber als nach Kurzem Uneinigkeit unter den Bundesstämmen ausbrach, kamen sie dahin überein, die Waräger aus Schweden zurückzurufen u. sich ihnen freiwillig zu unterwerfen. In Folge einer an die Waräger geschickten Gesandtschaft kam 862 (nach der unbegründeten Angabe mancher russischer Historiker schon 852) der Fürst Rurik von Roßlagen mit seinen Brüdern Sineus u. Truwor u. einer großen Schaar Begleiter u. wurde der Begründer des R-n R-es.
Ruriks Reich umfaßte bereits die jetzigen Gouvernements Livland, Kurland, Pskow, Witebsk, das vormalige Gouvernement Wiborg, Petersburg, Nowgorod, Jaroslaw, Kostroma, Smolensk, Olonez, Archangel, Wladimir u. Wologda. Obgleich die Russischen Waräger der herrschende Stamm waren u. dem Volke u. Staate ihren Namen gaben, so nahmen sie doch von den gebildeteren u. die Mehrzahl ausmachenden Slawen Sprache u. Sitten an. Die Verfassung, welche Rurik einführte, war eine patrimoniale. Der Großfürst konnte seinen Söhnen u. Brüdern einzelne Fürstenthümer verleihen, wie denn Rurik selbst seine miteingewanderten Brüder, den einen, Sineus, mit dem Lande der Wessen (Bjelosersk), den andern, Truwor, mit dem der Kriwitschen (Isbork) belehnte, welche Länder aber nach Beider kinderlosem Ableben wieder an den Großfürsten Rurik zurückfielen. Dieser residirte zu Alt-Ladoga. Auch die südlich am Dniepr wohnenden Slawen hatten, um sich der sie bedrängenden Chazaren zu erwehren, den Großfürsten Rurik um einen Fürsten aus seinem Stamme gebeten. Rurik schickte ihnen 865 seinen Stiefsohn Oskold in Begleitung des edeln Waräger Dir, welchen jene Slawen, nachdem sie unter ihm die Chazaren besiegt hatten, als Fürsten annahmen, u. welcher Kiew zur Residenz wählte. Währenddem hatte der Knees Wodin 864 eine Verschwörung gegen Rurik angezettelt, welche aber unterdrückt wurde. Rurik hinterließ bei seinem Tode 879 das Reich seinem vierjährigen Sohne Igor, zu dessen Vormund er seinen Bruder Oleg ernannte; Letzter sammelte 882 ein Heer, unterwarf damit Smolensk, dann Lubetsch u. zog darauf vor Kiew. Er lockte den Fürsten Oskold durch List aus der Stadt, ließ ihn umbringen, nahm Kiew, vereinigte beide Slawenstaaten u. verlegte die Residenz des vereinigten Reiches nach Kiew, überwältigte die Chazaren, kämpfte siegreich gegen die Magyaren, welche Kiew belagerten, u. unterwarf ganz Südrußland. 903 vermählte er seinen Neffen Igor mit der Bäuerin Olga u. segelte dann mit einem Heere den Dniepr hinab in das Schwarze Meer, plünderte die umliegenden Landschaften aus, zog vor Constantinopel, wo aber ein Sturm seine Flotte zerstreute, u. kehrte mit Beute beladen in sein Reich zurück. Er gründete mehre Städte, knüpfte Handelsverbindungen an, gab dem Reiche Gesetze u. st. 912. Nun übernahm Igor die Regierung selbst, gegen ihn empörten sich aber die abhängigen Derewier, wurden jedoch bald überwältigt. Darauf griffen ihn die Petschenegen an, denen er Wohnsitze an den Grenzen einräumte. 941 that Igor einen zweiten Zug gegen Constantinopel, wurde aber von Theophanes besiegt u. zur Heimkehr genöthigt. 944 erschien er mit einem Heere wieder an der Mündung der Donau; doch die Griechen erkauften 945 Frieden u. Bündniß durch Tribut. Noch 944 zog Igor gegen die abermals empörten Derewier aus, doch wurde er von denselben überfallen u. getödtet. Sein Sohn Swätoslaw war noch minderjährig, daher übernahm seine Mutter Olga die Regierung; sie unterwarf die Derewier, theilte das Reich in Kreise, verordnete feste Abgaben u. gründete die Stadt Pskow. Damals begann das Christenthum sich in Kiew zu verbreiten. Olga war ihm geneigt, unternahm deshalb 955 eine Reise nach Constantinopel, ließ sich dort taufen u. nahm den Namen Helena an. Swätoslaw übernahm 965 die Regierung selbst, blieb aber Heide, besiegte die Wiätitschen u. Chazaren u. erweiterte sein Gebiet bis an das Asowsche Meer. Während er 967 die Bulgaren bekriegte u. überwand, belagerten die Petschenegen Kiew, wurden aber zurückgeschlagen. Darauf theilte er 970 sein Reich unter seine drei Söhne; Jaropolk erhielt Kiew, Oleg das Land der Derewier u. Wladimir Nowgorod. Swätoslaw selbst ging nach Bulgarien zurück, vollendete die Überwältigung[518] des Landes u. wählte Perejaslaw zum Wohnsitz. Die Griechen wollten ihn aber dort in ihrer Nähe nicht dulden u. der Kaiser Johann Zimiskes schlug ihn 971 bei Silistria u. zwang ihn Bulgarien zu räumen; da er auf seiner Rückkehr durch das Gebiet der Petschenegen gehen wollte, widersetzten sich diese u. schlugen u. tödteten ihn 972. Durch Swnneid aufgereizt, entzweiten sich Swätoslaws Söhne mit einander; Jaropolk überzog Oleg mit Krieg, in welchem dieser blieb. Wladimir, seinen Bruder fürchtend, entfloh zu den Warägern u. begleitete dieselben zwei Jahre auf ihren Zügen, kehrte aber 980 zurück, eroberte Nowgorod u. Kiew, lockte Jaropolk durch List zu sich u. ließ ihn tödten. Nun war Wladimir I., der Apostelgleiche, Alleinherr von Rußland; er vertrieb die Waräger, eroberte Galizien zurück, überwältigte Lithauen u. machte Livland zinsbar. Das Christenthum verfolgte er Anfangs, als er aber 988 einen Zug nach Cherson gemacht u. dasselbe erobert hatte, schloß der byzantinische Kaiser Basilius einen Vertrag mit ihm u. gab ihm seine Schwester Anna zur Gemahlin. Wladimir ließ sich nun zu Cherson an seinem Vermählungstage taufen u. führte 989 (988) das Christenthum nach griechischem Ritus im R. R. ein, nachdem er alle Götzenbilder hatte zerstören lassen. Fast alle Einwohner von Kiew wurden im Dniepr zugleich getauft, am meisten Widerstand zeigte sich in Nowgorod. Nun zog Wladimir Gelehrte u. Künstler in sein Reich, sandte seine Unterthanen zu Erlernung von Kenntnissen in das Ausland, stiftete Kirchen, gründete Städte (u.a. Wladimir in Volhynien) u. hielt auf strenges Recht. Vor seinem Tode theilte er das Reich unter seine 12 Söhne. Alsbald empörte sich einer derselben, Jaropolk, Fürst von Nowgorod, gegen ihn; Wladimir berief gegen ihn die Waräger zur Hülfe, doch starb er 1015, ehe es zur Schlacht kam.
Boris, der Lieblingssohn Wladimirs, stand mit einem Heere gegen die Petschenegen, als sein Vater starb. Das Heer rief ihn zum Großfürsten aus, aber Swätopölk I. (eigentlich nicht ein Sohn Wladimirs, sondern seines von ihm ermordeten Bruders Jaroslaw, dessen Gemahlin Wladimir schwanger geheirathet u. Swätopolk immer als Sohn betrachtet hatte), welcher sich schon Kiews bemächtigt hatte, ließ Boris nebst Glieb, Fürsten zu Morum, u. Swätopolk von Derewien ermorden. Gleiches war dem vierten Bruder, Jaroslaw, Fürsten von Nowgorod, zugedacht, welcher eben einen Aufstand zu bekämpfen hatte. Er gewann aber die Aufrührer für sich, führte ein Heer gegen Swätopolk, schlug denselben 1016 bei Ljubetsch u. zwang ihn zu seinem Schwiegervater, dem Könige Boleslaw I. von Polen, zu fliehen. 1017 brannte Kiew ab, auch überzogen die Petschenegen Rußland mit Krieg, doch schlug sie Jaroslaw zurück u. schloß einen Bund mit dem Kaiser Heinrich III. gegen Boleslaw I. von Polen. Dieser aber besiegte Jaroslaw am Buck, eroberte Kiew u. setzte seinen Eidam wieder ein. Der undankbare Swätopolk wollte aber seinen Wohlthäter ermorden lassen; dieser jedoch, rechtzeitig gewarnt, verließ Kiew, nahm aber den Schatz von Kiew u. viele vornehme Geißeln mit sich u. behielt die in Galizien besetzten tscherwenischen Städte. In Rußland währte der Kampf zwischen Jaroslaw u. dem von den Petschenegen unterstützten Swätopolk noch eine Zeit lang fort, bis Jaroslaw 1016 in der dreitägigen Schlacht an der Alta siegte u. Swätopolk auf der Flucht in Polen starb. Jaroslaw erhob das Fürstenthum Kiew zum Großfürstenthum u. die Stadt zur Landeshauptstadt; der Stadt Nowgorod ertheilte er aber 1019 das berühmte Stadtrecht. Bald darauf wurde diese Stadt von des Großfürsten Neffen, Brätschislaw, Fürsten von Polock, überfallen u. geplündert. Jaroslaw nahm ihm die Beute wieder ab, schloß aber 1021 Frieden u. einen Bund mit ihm. Sein jüngster Bruder, Mstislaw, Fürst von Tmutorakan, stürzte, vereinigt mit den Griechen, 1016 das Chazarenreich in Taurien, unterwarf sich 1022 auch die Kassogen, entriß 1024 seinem Bruder Jaroslaw, welcher gerade in Susdal einen Aufruhr bekämpfte, Tschernigow, besiegte ihr in der Schlacht bei Lystwen u. zwang ihn ihm Murom mit einem Gebiet an dem Dniepr abzutreten. 1026 kam der Friede zwischen Beiden zu Stande, u. es fiel 1036 nach Mstislaws Tode, da er ohne Kinder starb, dessen ganzes Land an Jaroslaw. Dieser führte auch 1024 einen unglücklichen Krieg mit Polen; dagegen kämpfte er glücklich gegen die Livländer 1026, welche er zinsbar machte u. wo er 1030 die Stadt Juriew (Dorpat) erbaute. Darauf eroberte er Rothrußland von Polen, bevölkerte mit polnischen Gefangenen die wüsten Gegenden Rußlands, schlug 1036 die Petschenegen, befestigte 1037 Kiew, überwältigte 1038 die Jatwägen, 1041 die Lithauer u. Masovier, u. sein Sohn, Wladimir, Fürst von Nowgorod, 1043 die Finnen. Noch zog er 1040 mit 100,000 Mann gegen Constantinopel, um die Ermordung russischer Kaufleute zu rächen, schloß aber, da seine Flotte durch das griechische Feuer u. durch Stürme vernichtet wurde, 1043 Frieden. Seinem Schwager, dem Polenkönige Kasimir, half er 1046 Mieczislaw, welcher sich in Masovien unabhängig machen wollte, züchtigen. Jaroslaw ließ das russische Gesetzbuch zusammentragen (Ruskaja Prawda), regelte die Verfassung u. die Abgaben, schlug die ersten russischen Münzen, gründete Schulen (die erste 1054) u. Kirchen, ließ griechische Bücher ins Slawische übersetzen, berief Künstler aus Griechenland u. stiftete eine Erziehungsanstalt in Nowgorod für Geistliche u. Adlige. Unter ihm wurde 1051 der erste geborene Russe, Hilarion, Metropolit, u. St. Antonius stiftete den Mönchsorden der Antoniten u. das Petscherschkische Kloster. Vor seinem Tode verordnete er eine Reichstheilung unter seine vier Söhne in der Art, daß der älteste, Isäslaw, Großfürst u. Oberregent blieb u. als solcher die Länder Kiew u. Nowgorod behielt; Swätoslaw erhielt Tschernigow, Wsewolod Perejaslaw u. Wälscheslaw Smolensk. Er st. 1054. Nun bildeten die Großfürstenthümer Kiew u. Wladimir, so wie die Fürstenthümer Nowgorod u. Smolensk die Haupttheile Rußlands, in der Folge zerfiel aber jedes in besondere Theilgebiete, u. so kommen Fürsten von Murom, Derewien, Polock, Tmutorakan, Moskau, Tschernigow, Perejaslaw, Halicz, Terebol, Rjäsan, Twer, Minsk, Susdal, Plaskow, Turow, Gorin, Torschesk, Rostow, Jaroslaw, Volhynien, Wiäsma u.m.a. vor. Isäslaw I. Dimitrj ließ seine Brüder Swätoslaw u. Wsewolod Theil an der Regierung nehmen; sie schlugen 1059 die Galender u. die Torken. 1060 wurde Rußland von den Polowskern überfallen u. Wsewolod von ihnen geschlagen. Darauf entstanden innere Kriege; Rastislaw, Sohn des Prinzen Wladimir, vertrieb mit einer Schaar nowgorodscher Abenteurer 1064 den Fürsten Glieb aus Tmutorakan[519] u. machte sich die umliegenden Nomadenvölker zinsbar, bis er 1066 vergiftet wurde. Nun empörte sich Wseslaw, Fürst von Polock, u. verwüstete Nowgorod; die drei Fürsten besiegten ihn u. nahmen ihn gefangen, erlitten aber, als die Polowsker wieder einen Einfall machten, 1069 eine Niederlage an der Alta. Da zogen die Bürger von Kiew den gefangenen Wseslaw aus dem Kerker u. erhoben ihn zum Großfürsten von Kiew, Isäslaw aber floh zum Könige von Polen, mit dessen Beistand er den Usurpator vertrieb u. wieder in den Besitz von Kiew kam. Wseslaw kehrte erst 1071 wieder in sein Fürstenthum Polock zurück. Darauf machten Swätoslaw u. Wsewolod ein Bündniß gegen ihren Bruder Isäslaw, welcher vergebens erst bei dem Polenkönige, dann bei dem Kaiser Heinrich IV. u. beim Papst Gregor VII. Hülfe suchte; erst nachdem Swätoslaw 1076 gestorben war, führte König Boleslaw II. von Polen den Isäslaw nach Rußland zurück, setzte ihn, nach Wsewolods Vertreibung aus Kiew, wieder als Großfürsten ein. Als Wsewolod von Swätoslaw Söhnen Boris u. Oleg auch aus seinem Erbfürstenthum Tschernigow vertrieben wurde, suchte er bei Isäslaw Hülfe; dieser zog 1078 mit einem Heere zum Beistande seines Bruders aus u. besiegte seine Neffen bei Neskadina-Niva, blieb aber selbst in der Schlacht. Wsewolod I. wurde nun als der Stammesälteste, von seinem Sohne Wladimir unterstützt, Großfürst; doch behielten Isäslaws Söhne, Swätopolk u. Jaropolk, die Länder ihres Vaters. Unter Wsewolod zerrütteten innere Kriege das Reich. Roman, Fürst von Tmutorakan empörte sich, aber die Polowsker in seinem Solde schlossen mit Wsewolod Frieden, ermordeten Roman u. verbannten Oleg, welcher ihn unterstützte. Nach zwei Jahren aber kehrte Oleg zurück u. eroberte Tmutorakan. Der Fürst von Polock überfiel Smolensk u. verbrannte es; Wladimir verwüstete dagegen das Polockische u. eroberte Minsk, dann schlug er die Türken u. betrieb die eingefallenen Polocker. Die Kamischen Bulgaren eroberten 1088 Murom u. 1092 brachen die Polowsker wieder verheerend in Rußland ein. Nach Wsewolods Tode 1093 trat sein Sohn Wladimir das Großfürstenthum freiwillig seinem Vetter Swätopolk II., dem einen der Söhne Isäslaws, ab (der andere, Jaropolk, war vorher ermordet worden) u. begnügte sich mit seinem Fürstenthum Tschernigow. Er überzog die Polowsker mit Krieg, erlitt aber an der Stugna eine Niederlage u. mußte einen nachtheiligen Frieden schließen. Als er aber zwei Heerführer der Polowsker ermorden ließ, fielen diese aufs Neue in Rußland ein u. verheerten es mehre Jahre, bis sie 1096 an der Trubescha geschlagen wurden. Oleg hatte unterdessen 1094 den Fürsten Wladimir angegriffen u. ihm Tschernigow abgedrungen. Rußland war damals durch diese inneren Kriege so zerrüttet, daß Swätopolk II. 1097 zum Erstenmal einen Reichstag ausschrieb, wo Fürsten, Geistlichkeit u. Vertreter des Bürgerstandes erschienen, welchem 1100 schon der zweite folgte. Veranlassung zu einem neuen Streite gab Fürst David von Terebol, welcher den Großfürsten gegen den Fürsten Wasiliko aufhetzte; Wasiliko wurde verhaftet u. geblendet, David aber von den andern Fürsten vertrieben; er kam 1099 von Polen u. Magyaren begleitet zurück, wurde zwar geschlagen, später aber wieder eingesetzt. Nach vielen Kriegen mit den Mordwen u. Polowskern starb der Großfürst Swätopolk II. 1113.
Nach Swätopolks Tode wurde Wladimir II. Monomach von den Kiewern zum Großfürsten gewählt u. von dem byzantinischen Kaiser Alexius Komnenus anerkannt; er soll der erste gewesen sein, welcher sich krönen ließ. Noch bevor er die Regierung übernahm, brach in Kiew ein Aufruhr gegen die Juden aus, welche seitdem aus dem ganzen Reiche verbannt wurden (u. sind es aus der Stadt Kiew u. dem größten Theil von Altrußland immer geblieben). Seine vier Söhne führten glückliche Kriege, bes. Mstislaw u. Jaropolk mit den Tschuden, Jurje mit den chazarischen Bulgaren, Jaroslaw mit den Polowskern am Don. Mstislaw der Große, des Vorigen ältester Sohn, wurde 1125 sein Nachfolger. Wsewolod, Neffe des Großfürsten, Fürst von Nowgorod, vertrieb 1127 seinen Oheim Jaroslaw aus Tschernigow, doch erbten dessen beide Söhne 1129 Murom u. Rjäsan. Den Fürstenstamm zu Polock, welcher sich dem Großfürsten widersetzlich gezeigt hatte, vertrieb Mstislaw 1129, verbannte alle Glieder desselben nach Griechenland u. gab Polock nebst Minsk seinem Sohne Isäslaw; der Großfürst bekriegte 1131 Lithauen u. führte Gefangene hinweg, welche die Zahl der Leibeigenen vermehrten; die Polowsker, welche wiederholt Krieg angefangen hatten, trieb er jetzt an die Wolga zurück. Ihm folgte 1132 sein Bruder Jaropolk II.; dieser belehnte Wsewolod von Nowgorod mit Perejaslaw, diesen aber vertrieb sein Oheim Jurje, Fürst von Susdal (welcher 1147 Moskau gründete). Die Polowsker vertrieben darauf ihren Fürsten Swätopolk, den Sohn Isäslaws, u. riefen 1133 Wasiliko, einen Sprößling ihres alten Herrscherstammes, zum Fürsten aus. Darauf begann Wsewolod Krieg gegen die Susdaler, wurde aber 1134 in der Schlacht auf dem Berge Sahdnow von denselben geschlagen. Im südlichen Rußland standen Olegs Söhne, Fürsten in Tschernigow, 1136 gegen den Großfürsten auf, besiegten ihn in der Schlacht am Supoj u. eroberten Kursk u. einen Theil von Perejaslaw, wurden aber in dem wiederbegonnenen Kriege 1139 geschlagen. Die Nowgoroder vertrieben 1137 ihren Fürsten u. wählten Rostislaw, Jurjes Sohn, zum Fürsten. Da trennte sich Pskow von ihnen, u. Wsewolods Bruder u. Erbe, Swätoslaw, beherrschte es als besonderes Fürstenthum. Immer in Streit mit Polen, wurde Jaropolk von Boleslaw II. aufgehoben u. mußte seine Freiheit um großes Lösegeld erkaufen, begann aber den Krieg von Neuem u. schlug Boleslaw II. bei Halicz; er st. 1139. Sein Bruder u. Nachfolger, Wätscheslaw, Fürst von Perejaslaw, wurde schon nach acht Tagen gezwungen, die Herrschaft an Wsewolod II., Fürst von Tschernigow, abzutreten. Dieser stammte von Oleg, dem Sohne Swätoslaws II., u. machte daher nach dem bisherigen Herkommen Ansprüche auf die Großfürstenwürde u. setzte sie trotz dem Widerspruch der Familie Wladimir Monomachs durch. In Nowgorod herrschten noch immer Unruhen; dies hinderte die mächtige Freistadt aber nicht 1142 eine Flotte des Schwedenkönigs zu schlagen u. die Finnländer, welche in Karelien eingefallen waren, zu züchtigen. Gegen Wladimirko von Halicz führte Wsewolod 114446 siegreiche Kriege. Wsewolod II. st. 1146 u. ernannte seinen Bruder Igor zum Nachfolger, weil dieser aber seinen Günstlingen große Vortheile gewährte, empörte sich das Volk gegen ihn u. rief Isäslaw II., einen Sohn Mstislaws aus Wladimir[520] Monomachs Stamm, auf den Thron u. ermordete Igor kurz darauf.
Isäslaw war der erste, welcher den Titel Czar führte, dessen sich später seit Dimitri u. Iwan I. alle Herrscher Rußlands bedienten. Eine von Igors Freunden gegen Isäslaw gemachte Verschwörung wurde zwar unterdrückt, weil Kiews Bürger die Verschwörer bekämpften, darauf erhoben sich aber Isäslaws Oheime Jurje von Susdal u. Wälscheslaw gegen ihn, Erster siegte 1149 in der Schlacht bei Perejaslaw u. eroberte Kiew; mit Letzterem versöhnte sich Isäslaw, von seinem Schwager Geisa, König der Magyaren, in sein Land zurückgeführt, besiegte nun Jurje 1150 an der Rut u. übernahm wieder die Regierung, welche er jedoch mit Wätscheslaw theilte. Ein zweiter Gegner Isäslaws war Wladimirko, Fürst von Halicz, gegen den er immer zu kämpfen hatte. Als Isäslaw II. 1154 starb, übernahm sein Bruder Rostislaw I. Michael die Regierung in Kiew, mußte aber, von den Kiewern vertrieben, 1155 in sein Fürstenthum Smolensk zurückkehren, wogegen sich Isäslaw III., Fürst von Tschernigow, der Regierung bemächtigte; doch wurde er von Jurje von Susdal vertrieben, welcher in Kiew bis 1157 herrschte. Nach seinem Tode riefen die Kiewer Isäslaw III. zurück, aber unter ihm sank die großfürstliche Würde bis zum Schatten herab, indem die Fürsten von Perejaslaw, Nowgorod, Smolensk, Turow u. Gorin sich unabhängig machten u. nur Kiew u. ein Theil von Tschernigow ihm noch gehorchte; dieses machte ihm Jurjes Sohn, Andrei Bogolubski, streitig. Da dieser jenen aber nicht völlig überwältigen konnte, so herrschten zu der Zeit neben einander zwei Großfürsten, Isäslaw in Kiew u. Andrei in Wladimir; Letzter nahm den Titel Großfürst von Weißrußland an. Isäslaw lebte mit Andrei in Frieden u. erhielt von ihm Beistand gegen seine Feinde; als er 1159 in einer Schlacht gegen Jaroslaw, Fürst von Halicz, fiel, erhielt Rostislaw I. von Smolensk als Großfürst von Kiew die Herrschaft, welcher 1164 die Schweden besiegte u. 1167 starb. Nach seinem Testament war Isäslaws Sohn, Mstislaw, sein Nachfolger, welcher 1168 die Polowsker schlug. Als er darauf seinen Sohn Roman zum Fürsten von Nowgorod ernannte, bekriegte ihn Andrei, Großfürst von Weißrußland, u. eroberte 1169 Kiew. Von da ab hörte diese Stadt auf die Hauptstadt von Rußland zu sein u. die Großfürstenwürde war nun bei verschiedenen Staaten, so bei Wladimir, Rostow, Twer, Nowgorod u. endlich seit 1328 bei Moskau.
Andrei, nun alleiniger Großfürst, gebot über ganz Rußland, mit Ausnahme der Fürstenthümer Tschernigow, Halicz u. Nowgorod, welche noch unabhängig geblieben waren. Seinem Bruder Glieb gab er Kiew, u. Mstislaw starb als Flüchtling in Volhynien. Darauf gerieth Andrei mit den Nowgorodern in Krieg, u. obgleich ihn die Nowgoroder besiegten, boten sie ihm doch kurz darauf freiwillig den Frieden an u. erkannten seinen Bruder Rurik als ihren Regenten an. Glieb starb schon 1171, u. Andrei verlieh nun Kiew dem Fürsten Roman von Smolensk. Da die Nowgoroder mit Ruriks Herrschaft nicht zufrieden waren, so gab ihnen der Großfürst seinen Sohn Jurje zum Fürsten. Mit Rostislaws Söhnen gab es große Streitigkeiten, als der Großfürst dieselben des Mordes seines Bruders Glieb beschuldigte, dem Roman Kiew nahm u. dasselbe Michael von Tortschesk gab. Bes. gefährlich wurde Mstislaw der Tapfere, des Großfürsten Sohn; Jurje führte ihm ein großes Heer entgegen, vermochte aber nichts damit auszurichten. Andrei wurde 1170 durch Meuchelmord umgebracht u. Michael I., Sohn des Großfürsten Andrei von Tschernigow, als Großfürst von Wladimir anerkannt, welcher aber nur bis 1176 regierte. Ihm folgte sein Bruder Wsewolod III. der Große, dagegen wählten die Bojaren u. die Rostower seinen Neffen Mstislaw von Nowgorod, woraus ein Bürgerkrieg entstand, in welchem Moskau verbrannt wurde. Wsewolod bekriegte dann 1177 die Fürsten von Tschernigow, 1183 die Bulgaren u. die südrussischen Fürsten. Darnach erhoben sich in mehren Ländern die Unterthanen gegen ihre Fürsten u. vertrieben dieselben, auch bekriegten sich nicht allein die Fürsten der einzelnen Länder, sondern auch die Verwandten einzelner Fürstenfamilien unter einander; in Halicz mengten sich die Ungarn u. Polen in die Thronstreitigkeit nach dem Tode Jaroslaws (s. Galizien S. 860). 1196 kam Nowgorod wieder unter den Großfürsten Wsewolod, welcher es 1201 an seinen Sohn Swätoslaw abtrat. Nach Wsewolods Tode 1212 wurde das Großfürstenthum Susdal getheilt, Jurje, Wsewolods jüngster Sohn, erhielt Wladimir u. Susdal, Constantin, der ältere, Rostow u. Jaroslaw mit der Großfürstenwürde; diese Würde erhielt nach seinem Tode 1219 sein Bruder Jurje II. Unter ihm drangen aus Osten unter Dschingis-Khan u. seinen Söhnen Schaaren von Mongolen nach dem Westen vor, gelangten 1223 bis ans Kaspische Meer u. hatten die Polowsker überwältigt; viele Polowsker waren nach Rußland geflüchtet, u. ihr Fürst Kodian, Schwiegervater des Fürsten Mstislaw von Halicz, reizte die russischen Fürsten von Kiew, Tschernigow u. Volhynien zum Kriege gegen die Mongolen; diese ermordeten erst die Friedensgesandten der Mongolen, dann zogen sie mit den Polowskern unter Mstislaws Oberanführung gegen das herannahende Mongolenheer. Am 31. Mai 1223 kam es an der Kalka (Kaleza) unweit Mariupol zur Schlacht, welche Mstislaw allein begann u., von den Polowskern verlassen, besiegt u. dann mit seinem Heere niedergehauen wurde. Die Mongolen verfolgten aber ihren Vortheil nicht, sondern verließen Rußland u. gingen nach Osten zurück (s.u. Mongolen). Die russischen Fürsten, welche meinten, von der von den Mongolen drohenden Gefahr befreit zu sein, fuhren nun fort, ihre Kräfte durch Kriege gegen einander od. gegen ihre westlichen Nachbarn zu schwächen; 1225 fielen die Lithauer ins Land u. plünderten die Landschaften Nowgorod, Smolensk u. Polock aus; Jaroslaw, Fürst von Nowgorod, überzog 1227 Finnland mit Krieg, führte viele Einwohner gefangen fort u. ließ die Karelier taufen; Daniel von Volhynien verheerte den südlichen Theil des Reiches. Da erschienen die Mongolen unter Batu-Khan 1237 von Neuem, unterwarfen das Land an der Wolga u. überfielen das Fürstenthum Rjäsan u. verheerten es, schlugen bei Kolomna den Sohn des Großfürsten Jurje II., eroberten u. verbrannten Moskau u. 1238 Wladimir u. besiegten dann am 4. März an der Sita den Großfürsten Jurje II., welcher hier selbst blieb. Nun überschwemmten die Mongolenhorden verwüstend u. mordend ganz Rußland, u. nur die Priester u. deren Familien schonten sie aus Achtung vor allem Kirchlichen. Nachdem Batu Khan[521] so gehaust hatte, wandte er sich nach Koselsk, einem Städtchen bei Kaluga, eroberte dies u. bezog darauf ein Steppenlager am Don. Jurjes Nachfolger, sein Bruder Jaroslaw II., der Wiederhersteller, gebot nur über ein zu Grunde gerichtetes Land, er machte zwar gut, so viel er konnte, aber den Russen fehlte Muth u. Einigkeit, u. mit Mühe vermochte er die in Smolensk eingefallenen Lithauer zu verjagen. In Kiew war Wladimir von Isäslaw IV., Fürsten von Smolensk, 1236 vertrieben worden, welcher sich statt seiner nun Großfürst von Kiew nannte. Nachdem Batu-Khan Kiew 1240 erobert hatte, wagten es die Fürsten Rußlands nicht länger, sich den Mongolen zu widersetzen, sondern huldigten ihnen u. nahmen ihre Länder von ihnen zu Lehn. Das Fürstenthum Nowgorod war allein von den Mongolen durch Verträge mit denselben unabhängig geblieben; es herrschte darin Alexander Newski, ein Sohn Jaroslaws II., welcher große Eroberungen machte u. von mehren Siegen, welche er über die Schweden, Livländer u. Lithauer 1241 an der Newa erfocht, seinen Beinamen erhielt.
So stand das R. R. unter der Herrschaft der Mongolen, welche es zu dem Kaptschakischen Khanat (Goldne Horde) schlugen. Nach Jaroslaws II. Tode 1247, folgte ihm sein Bruder Swätoslaw III. in dem Großfürstenthum Wladimir: unter ihm belegten die Mongolen das nördliche Rußland, wie früher schon das südliche, mit festen jährlichen Abgaben. Swätoslaw wurde in Kurzem von seinen Bruderssöhnen abgesetzt u. nun wurde Alexei (Alexander) I. Newski mit dem Großfürstenthum Kiew Andrei aber mit Wladimir belehnt. Alexei, welcher mit großer Weisheit regierte, die Mongolen in Frieden zu erhalten wußte u. sogar den Zorn des Khans über die Ermordung mehrer Steuereinnehmer durch seine persönliche Reise zur Horde beschwichtigte, st. 1263 u. vorher schon Andrei. Ihm folgte Jaroslaw III., Fürst von Twer, Bruder Andreis, als Großfürst; er regierte bis 1272, nach ihm sein jüngerer Bruder Wasili I. (Basil) bis 1276. Unter diesem wurde 1274 zu Wladimir eine große Kirchenversammlung gehalten, u. kurz vor seinem Tode belegten die Mongolen Rußland mit einer erhöhten Schätzung. Sein Nachfolger Dimitri (Demetrius) I., Alexander Newskis Sohn, hatte schon früher Nowgorod besessen, war aber von seinen Unterthanen vertrieben u. Jaroslaw III. an seine Stelle Fürst daselbst geworden. Als dieser stark, erhielt Dimitri Nowgorod wieder u. nach Wasilis Tode auch Wladimir. Er führte mit seinem Bruder Andrei fortwährend Krieg; Letzter rief die Mongolen zu seinem Beistande; sie kamen u. verheerten beinahe ganz Rußland. Dimitri starb 1294. Sein Bruder Andrei, welcher ihm folgte, machte sich durch eine schlechte Regierung verhaßt. Unter ihm erweiterte Daniel (der jüngste Sohn Alexander Newskis), welcher sich Fürst von Moskau nannte, durch die Eroberung von Rjäsan sein Gebiet, begann 1300 den Bau des Kreml, befestigte Moskau u. gründete hier den nachmaligen Mittelpunkt der Macht Rußlands. 1300 legten die Schweden an den Grenzen von Nowgorod die Festung Landskrona an, welche Andrei aber wieder zerstörte. Nach Andrei's Tode, 1304, stritten die Fürsten Michael von Twer u. Jurje III. von Moskau um das Großfürstenthum, Michael wurde von Tokhtagu-Khan bestätigt. Er kriegte bis 1308 mit Jurje, konnte ihn aber nicht überwältigen. Unterdeß war Tokhtagu-Khan 1313 gestorben u. sein Nachfolger Usbek verlieh Jurje das Großfürstenthum, gab ihm auch ein Heer, um sich in den Besitz des Thrones zu setzen, aber Michael schlug die Mongolen u. Moskowiter 1318 bei Twer u. reiste darauf an das Hoflager des Khans, wo er 1320 ermordet wurde, Sein Sohn Dimitri (Demetrius) II. mußte den Frieden 1321 um eine große Geldsumme erkaufen u. Jurje III. wurde als Großfürst bestätigt. Inzwischen gingen 1319 Volhynien u. 1320 Kiew an die Lithauer verloren. 1323 erbaute Jurje an dem Ufer der Newa gegen die Schweden u. Livländer den Platz Orschek (das nachmalige Schlüsselburg). Um eine Geldstreitigkeit zu schlichten, waren 1323 Dimitri II. u. Jurje III. an den Hof des Großkhans gekommen; u. da hier Dimitri den Jurje ermordet hatte, ließ ihn der Großkhan hinrichten, nachdem er 1324 dessen Bruder Alexei (Alexander) II. zum Großfürsten von Rußland ernannt hatte, welcher seine Residenz in Twer nahm. Als hier 1328 eine mongolische Gesandtschaft ihrer begangenen Zügellosigkeit wegen von den Einwohnern ermordet worden war, setzte der Khan den Großfürsten Alexei ab u. ernannte Iwan I. Kalita (d.i. der Beutel), Fürsten von Moskau, zum Großfürsten, welcher, unterstützt von 50,000 Mongolen, Alexei vertrieb; das Großfürstenthum blieb nun immer bei Moskau. Iwan nachte sich durch Wohlthätigkeit u. Erbauung neuer Kirchen beliebt, vereinigte 1338, nachdem Alexei mit seinem Sohne Fedor auf Befehl des Khan Usbek hingerichtet worden war, das Fürstenthum Twer mit Moskau, verschönerte u. befestigte Moskau u. begann 1339 den Neubau des Kreml; er starb, Mönch geworden, 1341. Sein Sohn u. Nachfolger, Semen (Simeon) der Stolze, der erste, welcher sich Großfürst von ganz Rußland nannte, benahm sich gegen den Khan demüthig, gegen die Fürsten kraftvoll u. streng. Unter ihm wurde 1342 Narwa erobert u. 1347 der König Magnus von Schweden, welcher Rußland bekriegte, mit Verlust zurückgeschlagen. Die allmälig wieder entstehende Blüthe des Landes wurde durch den Schwarzen Tod unterbrochen, welcher sich schon 1346 am Don zeigte u. bis 1352 ganz Rußland durchzog; der Großfürst Semen selbst unterlag dieser Krankheit 1353. Unter seinem Bruder u. Nachfolger, Iwan II., dem Sanften, wurden die Moldau u. Walachei unabhängige Fürstenthümer. Iwan II. starb bereits 1360. Dimitri (Demetrius) III., Sohn Constantins, vorher Fürst von Susdal, von den Mongolen als Großfürst eingesetzt, zog sich 1362 freiwillig in sein Erbfürstenthum zurück, u. sein Schwiegersohn Dimitri (Demetrius) IV. Donski, ein Enkel Iwans II., wurde vom Khan zum Großfürsten ernannt. Die Pest wüthete bei Beginn seiner Regierung, innere Unruhen zerrütteten das Reich, die Lithauer u. die Deutschen Ordensritter von Livland machten verheerende Einfälle u. der Großfürst Olgerd von Lithauen überzog 1368 Rußland mit Krieg, schlug am 21. Nov. am See Trostenskoje das russische Heer, drang bis Moskau vor u. zog, nur durch Frost u. Mangel an Lebensmitteln genöthigt, wieder ab. 1371 schloß Dimitri einen Frieden mit den Deutschen Rittern. Als 1374 Gesandte der Mongolen in Nishnei-Nowgorod ermordet worden waren, erschien der Großkhan Mamai zur Rache in Rußland u. war Anfangs[522] 1377 glücklich, wurde jedoch beim zweiten Einfall am 11. Aug. 1378 an der Wascha im Rjäsanischen, beim dritten Einfall am 8. Sept. 1380 auf der Kulikower Ebene am Don (daher Dimitri's Beiname) geschlagen. Bei dem vierten Einfall 1381 unter Tokhtamisch wurde aber Moskau von den Mongolen erobert u. Dimitri erkaufte nur mit einem drückenden Tribut den Frieden. Unter ihm wurden die Permier zum Christenthum bekehrt u. zuerst Silbermünzen u. Feuergewehre in Rußland eingeführt; er st. 1389. Sein ältester Sohn u. Nachfolger Wasili II. führte 1392 einen Krieg gegen Schweden u. dann gegen die Mongolen. Darauf fiel Timur 1395 in Rjäsan etc. ein. Der Großfürst hatte bereits 400,000 M. beisammen, zog sich aber beim Annahen des Winters zurück. Der Khan Tokhtamisch, welcher sich gegen den Großkhan Timur empört hatte, suchte 1399 eine Zuflucht in Kiew u. Hülfe gegen seinen Herrn; Witold, Großfürst von Lithauen, leistete ihm Beistand, konnte jedoch nichts ausrichten. Jetzt entstand ein Krieg zwischen Wasili II. u. Witold; der Letztere hatte sich bereits eine große Landstrecke angemaßt (fast ganz Westrußland huldigte den Lithauern), nun vertrieb er 1402 auch den russischen Fürsten Jurje von Smolensk aus seinem Fürstenthum, u. Wasili versuchte vergebens Smolensk wiederzuerobern (es blieb 110 Jahre bei Lithauen). 1407 kriegte Wasili II. unglücklich mit dem Deutschen Orden in Livland u. in demselben Jahre fielen auch die Mongolen unter dem Khan Edigei in Rußland ein; die Belagerung von Moskau wurde zwar mit Gelde abgewendet, die Verheerung des platten Landes währte aber bis 1411. Wasili II. st. 1425. Sein Sohn Wasili III. der Blinde folgte ihm 10 Jahr alt; er stand mehre Jahre unter der Vormundschaft der Bojaren, während welcher Zeit die Lithauer u. Tataren Rußland verheerten. Kaum war er volljährig, als ihm sein Oheim Jurje Semeika, Fürst von Halicz, den Thron streitig machte. Zwar erhielt Wasili die Belehnung von dem Tatarenkhan, doch führte Jurje Krieg gegen ihn, besiegte ihn 1434 u. bemächtigte sich der Herrschaft, indeß wurde Wasili III. unter dem Beistande des Volks wieder eingesetzt, Während der Zeit war auch sein Lohnsherr der Khan Ulu-Mahmed vertrieben worden u. gründete 1437 in Kasan ein neues Reich, welches für Rußland höchst gefährlich wurde. Ulu-Mahmed überzog Rußland 1445 mit Krieg, schlug den Großfürsten u. nahm ihn gefangen, entließ ihn aber 1446 wieder. Kaum war aber Wasili nach Rußland zurückgekehrt, als sein Vetter Dimitri Semeika, Fürst von Halicz u. Jurjes Sohn, Moskau überfiel u. eroberte u. den Großfürsten entthronte; doch das Volk empörte sich gegen den Thronräuber u. setzte 1448 Wasili III. wieder ein. Dimitri floh nach Nowgorod, wo er 1450 starb, u. Wasili III. regierte darauf in Frieden. Zu seiner Zeit wurden die Kosacken zuerst bekannt, auch kamen unter ihm viele griechische Gelehrte u. Künstler nach Rußland, welche bei der Einnahme von Constantinopel aus ihrem Vaterlande geflohen waren. Unter ihm reiste auch der Metropolit Isidor 1439 nach Florenz zum Concil, auf welchem die Vereinigung zwischen der Griechischen u. Lateinischen Kirche geschlossen wurde, welche jedoch den Beifall des Großfürsten u. der russischen Clerisei nicht hatte u. bald wieder aufgehoben wurde (s. Union). Wasili st. 1462. Sein Sohn Iwan I. (III.) Wasiljewitsch der Große stellte alsbald die Ordnung im Innern durch Verträge mit den Vasallenfürsten her u. verweigerte den Mongolen Huldigung u. Tribut. Als ihn Achmet Khan deshalb bekriegen wollte, wurde er von dem Khan der Krim angegriffen, Iwan aber konnte seine Kriegsrüstungen vollenden u. zog nun 1469 gegen den Khan von Kasan, welchen er sich zinsbar machte, bekriegte 1470 den Freistaat Nowgorod, welcher ihm die Huldigung verweigerte, u. überwältigte 1471 die Stadt u. das ihr bis dahin unterworfene Permien. Khan Achmet wagte nun den Kampf gegen die Russen nicht. 1473 verheirathete sich Iwan in zweiter Ehe mit der klugen Sophia, der Tochter des byzantinischen Kaisers Emanuel, durch welche er Anwartschaft auf den Byzantinischen Kaiserthron bekam, u. nahm den Titel Beherrscher von ganz Rußland u. als Reichswappen einen zweiköpfigen Adler an. Mit dem Landmeister in Livland schloß er Frieden; in Nowgorod nährte er die Uneinigkeit der Bürger unter einander, belagerte dann 1478 die Stadt nochmals u. zwang sie zur Unterwerfung, worauf sie zur Provinzialstadt herabsank; dann eroberte er Pskow. Nachdem seine Macht so befestigt war, erklärte Iwan den Gesandten des Großkhans der Tataren, daß er den bisher bezahlten Tribut ferner nicht entrichten, auch keine Lehnsherrschaft über sich anerkennen werde. Deshalb fiel 1481 der Khan Achmet mit einem Heere in Rußland ein; Iwan stand ihm zwei Wochen lang gegenüber, in der dritten begann er den Rückzug, um die Tataren auf ein günstigeres Terrain zu locken, diese merkten aber die List u. zogen sich auch in ihre Heimath zurück, wurden jedoch auf ihrem Rückzuge von sibirischen Fürsten überfallen u. aufgerieben. So war Rußland, ohne Blutvergießen seinerseits, von der Mongolenherrschaft befreit.
Im Jahr 1483 schloß Iwan, nachdem er mehre siegreiche Kriege gegen die Lithauer, Finnen u. Tataren geführt hatte, ein Bündniß mit König Mathias von Ungarn u. eroberte 1485 Twer, welches er mit Rußland vereinigte, u. Kasan, wo er einen Lehnsfürsten einsetzte. 1487 wurden auch die Wodjäken unterworfen u. 1491 die reichen Bergwerke in der Statthalterschaft Archangel von Deutschen entdeckt, u. von nun an goldene, silberne u. kupferne russische Münzen geprägt. Nachdem 1492 König Kasimir von Polen gestorben u. dessen jüngerer Sohn, Johann I. Albrecht, Großherzog von Lithauen geworden war, griff Iwan Lithauen an, eroberte die Städte u. Landschaften wieder, welche einst zu Rußland gehört hatten, u. erzwang 1494 die völlige Abtretung derselben in einem Friedensschluß. 1495 schloß er mit Sultan Bajazed II. einen Handelsvertrag u. unterwarf 1499 Sibirien. Darauf begann er mit dem Großfürsten Alexander von Lithauen 1500 wegen des Gebietes von Smolensk einen Krieg, eroberte mehre Städte u. schlug die Lithauer bei Mstislawl. Da die Deutschen Ritter in Livland den Lithauern Beistand geleistet hatten, so brach er 1501 in Livland ein, doch wurde er vom Landmeister Walther von Plettenberg an der Siriza u. 1502 nochmals bei Pskow geschlagen, so daß er einen Waffenstillstand auf 50 Jahre schloß. Noch that sein ältester Sohn Dimitri 1503 einen erfolglosen Kriegszug gegen Polen, um Smolensk zu erobern. Iwan verbesserte die Gesetze, ordnete die Abgaben u. hielt streng auf Recht; zwar war er[523] jähzornig u. strafte dann grausam, doch hemmte er die inneren Kriege u. Zerrüttungen u. legte den Grund zur Größe des Reiches. Er zog Künstler u. Handwerker aus Italien nach Rußland u. eröffnete den europäischen Sitten den Eingang bei seinem, bes. unter der Mongolenherrschaft verwilderten Volke. Unter ihm kamen zuerst Gesandte des Papstes, des Sultans von Constantinopel, der Republik Venedig u. des Königs von Dänemark nach Moskau, u. Iwan schloß Verträge mit allen diesen Mächten. Von seinen Verwandten wurden mehre Verschwörungen gegen ihn gemacht, so von seinen jüngsten Brüdern Andrei u. Boris, welche im Gefängniß starben, u. von seiner Tochter Helena, aus erster Ehe mit Marie, für Dimitri, ihren Sohn vom Polenkönig Alexander, welcher ebenfalls im Kerker starb. Iwan selbst st. 7. Oct. 1505. Wasili IV. (II.), zweiter Sohn des Vor. u. der Sophia, weniger hart, aber staatsklug u. streitbar wie sein Vater, befolgte in Allem dessen Grundsätze. Der Khan von Kasan, Mahmed Amin, hatte russische Kaufleute ermorden lassen u. die Genugthuung dafür verweigert, Wasili überzog ihn 1506 mit