[174] Österreich, Kaisertum (vgl. die Karte »Österreichisch-Ungarische Monarchie« bei S. 210), umfaßt das westlich der Leitha gelegene Staatsgebiet (Zisleithanien) der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (s. d.), oder die »im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder«, und zwar die Königreiche Böhmen, Dalmatien und Galizien, die Erzherzogtümer Ö. unter und ob der Enns, die Herzogtümer Salzburg, Steiermark, Kärnten, Krain, Schlesien und Bukowina, die Markgrafschaften Mähren und Istrien, die gefürsteten Grafschaften Tirol, Görz und Gradisca, das Land Vorarlberg und die Stadt Triest mit Gebiet. Die zum ehemaligen Deutschen Bund gehörigen Gebiete Österreichs bilden eine ziemlich geschlossene Ländermasse, während sich die übrigen zum österreichischen Staatsgebiet gehörenden Länder dem eigentlichen Staatskörper äußerlich nur lose angliedern, indem Galizien und Bukowina nordöstlich sich weithin zwischen Rußland und Ungarn bis zur rumänischen Grenze erstrecken, Dalmatien im S. sogar mit den übrigen im Reichsrat vertretenen Ländern nicht unmittelbar zusammenhängt. Abgesehen von diesem ganz isolierten Kronland, grenzt Ö. im N. an das Deutsche Reich (Sachsen, Preußen) und Rußland, im Osten an Rußland und Rumänien, im S. an Ungarn, das Adriatische Meer und Italien, im W. an die Schweiz, an Liechtenstein und das Deutsche Reich (Bayern).
O. ist vorwiegend (mit mehr als 75 Proz.) Gebirgsland und gehört drei Gebirgssystemen an: dem alpinen, südlich von der Donau, woran sich gegen die Küste des Adriatischen Meeres zu das Karstland anschließt, dem sudetischen, nördlich von der Donau, östlich bis zur March und Oder reichend, und dem karpathischen System, welches das Land östlich von der March-Oderlinie umfaßt.
Der Anteil Österreichs an den Alpen (s. d.) ist der bedeutendste unter allen in das Alpengebiet hineinreichenden Staaten. Von den beiden Hauptteilen der [175] Alpen, den West- und Ostalpen, gehören nur die letztern, diese aber zum größern Teile O. an. Drei Hauptzüge (Gneisalpen, nördliche und südliche Kalkalpen) ziehen in meist parallelen Reihen bis an die ungarische Grenze. Zu den Gneisalpen gehören die nach O. reichenden Teile der Rätischen Alpen, und zwar vom nördlichen Zuge die Fermuntgruppe (Fluchthorn 3408 m), die Samnaungruppe (Muttler 3298 m) und die Fervallgruppe (Kuchenspitze 3170 m), vom mittlern Zuge die Massivs der Ötztaler Alpen (Wildspitze 3774 m) und der Stubaier Alpen (Zuckerhütl 3511 m), endlich der südliche Zug mit den Zentralmassen der Adamelloalpen (Presanella 3564 m), der Ortleralpen (Ortler 3902 m) und des Penser Gebirges (Hirzer 2785 m). Östlich vom Brenner (1370 m) steigen die Gneisalpen wieder auf zu dem Stock der Tuxer Alpen (Olperer 3480 m) und den Zillertaler Alpen (Hochfeiler 3523 m) und setzen sich in den Hohen Tauern (Großglockner 3798 m) fort. Beim Murtörl teilt sich dieser Zug in zwei Äste. von denen der nördliche, die Niedern Tauern (Hochgolling 2863 m), am Paltental zur Mur abbricht, der südliche in den breiten Massivs der Norischen Alpen (Eisenhut 2441m) gleichfalls bis zur Mur und jenseit derselben als Cetische Alpen (Lenzmairkogel 1997 m) gegen die ungarische Tiefebene verläuft. Die Ketten der nördlichen Kalkalpen durchziehen Vorarlberg (Rätikon 2967 m), Nordtirol (Parseier Spitze 3038 m), umgeben das zu Bayern gehörige Berchtesgaden (Hochkönig 2938 m) sowie das österreichisch-steirische Salzkammergut (Dachstein 2996 m), bilden den Nordrand von Steiermark (Hochtor 2372 m) und den Südrand von Niederösterreich (Schneeberg 2075 m) und senken sich mit dem Wienerwald (Schöpfel 893 m) zur Donau ab. Zwischen den Gneis- und den nördlichen Kalkalpen liegen zwei Gruppen der Schieferalpen (Sulzburger Schieferalpen und Eisenerzer Alpen). Zu dem südlichen Hauptzuge der Alpen gehören: das Etschbuchtgebirge oder die Trienter Alpen (Cima Tosa 3176 m) und jenseit der Etsch das Südtirolische Hochland (Marmolata 3360 m), die Karnischen Alpen (Sandspitze 2863 m) und die Julischen Alpen (Triglav 2864 m). Über die Alpen führen mehrere Pässe; unter den fahrbaren sind die wichtigsten: das Stilfser Joch (2760 m), der Tonale (1884 m), der Arlberg (1802 m), der Radstädter Tauern (1738 m), der Katschberg (1641 m), das Reschenscheideck (1510 m), der Loibl (1370 m), der Brenner (1370 m), der Predil (1162 m), der Semmering (980 m). An die südlichen Kalkalpen schließt sich der Karst (s. d.) mit den nördlichen Terrassen des Ternovaner Waldes (1496 m), des Birnbaumer Waldes (1315 m) und der Windischen Mark (1796 m), weiterhin mit dem Höhenzuge des eigentlichen Karst (1029 m), dem Tschitschenboden (1396 m), endlich in Dalmatien mit der Kette der Dinarischen Alpen (1913 m) an. An den Mittelgebirgen Zentraleuropas nimmt O. teil durch jene Erhebungen, die das Hochland Böhmen umsäumen. Im NW. sind es das Fichtel- und Erzgebirge (Keilberg 1244 m), am Elbdurchbruch das Sandsteingebirge, dem sich östlich das Lausitzer Gebirge anschließt (Jeschken 1010 m); im NO. steigen das Iser- und das Riesengebirge auf (Schneekoppe 1603 m). Eine Doppelkette, von der die innere (Böhmische Kämme) O. angehört, bildet den Übergang zu dem Gesenke (Altvater 1490 m), das mit dem Odergebirge an der Wasserscheide zwischen Oder und Donau endigt. Die Südwestgrenze Böhmens bildet der Böhmerwald (Plöckelstein 1378 m); er geht in ein hohes Flachland über, das als Böhmisch-Mährische Höhe bis zu den Sudeten reicht (835 m). Das zweite Hauptgebirge der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, die Karpathen (s. d.), liegt größtenteils auf ungarischem Boden und gehört dem österreichischen Staatsgebiet nur als Grenzgebirge gegen Ungarn an (Smrk in Schlesien 1339 m, Babia Gura 1725 m, Waxmundska 2192 m, Czerna Gora 2026 m in Galizien, Dzumalen 1859 m in der Bukowina).
Die Ebenen nehmen kaum ein Viertel der Oberfläche des Kaiserstaates ein. Die größte ist die galizische Ebene am Nordabhang der Karpathen. Mit dem weiten ungarischen Tiefland (und zwar der kleinen oberungarischen Tiefebene) hängt die Ebene des Wiener Beckens nebst dem Marchfeld und Steinfeld und weiter donauaufwärts das Tullner Feld zusammen. An der venezianischen Tiefebene partizipiert der Kaiserstaat nur mit einem kleinen Teil am Isonzo. Alle übrigen Ebenen an der Donau, Elbe, Mur etc. sind klein, zählen aber häufig zu den fruchtbarsten Gegenden.
(Hierzu die »Geologische Karte von Österreich-Ungarn«.)
Die Primärformationen treten auf im böhmisch-mährischen Gebiet, im Böhmerwald (s. d.), Erzgebirge (s. d.), Lausitzer und Riesengebirge, in den Alpen (s. d.) und in den Karpathen (s. d.). Die Silurformation ist sehr mächtig in Böhmen, aber auch in Ostgalizien und in den Alpen entwickelt. Eine untergeordnete Rolle spielt die Devonformation, die man in den Sudeten, in Galizien, den Alpen und den Karpathen kennt, ebenso das Karbon, das in dem Pilsener Becken abbauwürdige Flöze besitzt, wie auch bei Rakonitz, Kladno u.a. O. in Böhmen. dann im mährischen Gesenke, in der Umgegend von Ostrau, im Krakauer Gebiet und auch in den Alpen (Gailtaler Schiefer) und Karpathen entwickelt ist. Permische Schichten treten in Böhmen und Mähren, in den Alpen (Grödener Sandstein und Bellerophonkalke) sowie in den Karpathen zutage. Die Trias ist in O. weitverbreitet, so in der Umgebung von Krakau, dann in den Alpenländern. Hier ist das oberste Stockwerk der alpinen Trias, das Rät, zu starker Entwickelung gelangt. In Böhmen, Mähren, bei Krakau, in den Alpen und Karpathen finden wir Ablagerungen der Jura- und der Kreideformation; letztere sind auch im ostgalizischen Tieflande zum Absatz gelangt und treten in sehr verschiedenen Fazies auf. Während die alttertiären Bildungen in den Alpen sehr verbreitet sind (als Nummulitenkalk und Flysch), finden sich die jungtertiären besonders im Wiener Becken, im obern Donaubecken, im steirisch-ungarischen Becken, in Siebenbürgen, am Nordfuß der Karpathen, in Böhmen. Fast überall sind in O. auch quartäre Gebilde nachgewiesen worden, als Terrassen-, Glazial-Diluvium, Höhlenlehm, Knochenbreccien etc. Weitverbreitet sind Eruptivgesteine verschiedenen Alters: in den Primärformationen Granit. Syenit, Nephelinsyenit (Ditro), Diorit; während der permischen Periode entstand das ausgedehnte Porphyrgebirge von Bozen; während der Triaszeit traten die Gesteine des Monzoni und der Umgebung von Predazzo (Melaphyr, Augitporphyr, Diorit etc.) zu tage; der Jura der Karpathen wird von ähnlichen Eruptivgebilden durchsetzt; die Kreide dieses Gebirges ist von Teschenit, Banatit, Pikrit etc. durchbrochen; die Tertiärzeit endlich war besonders reich an Eruptionen basaltischer, andesitischer und trachytischer Gesteine, so unter anderm in Böhmen (s. d.) und in Ungarn-Siebenbürgen. Von nutzbaren Mineralien ist außer der Steinkohle (bei Ostrau-Karwin, Pilsen etc.) noch[176] zu erwähnen die Braunkohle (nördliches Böhmen etc.), ferner das Steinsalz der Triasformation (Ischl, Hallein, Aussee, Berchtesgaden) und des Tertiärs (Wieliczka, Bochnia, Kalusz etc.), letzteres zum Teil in Verbindung mit Erdöl und Erdwachs (Galizien, Oberungarn), Roteisenerze in Böhmen, Spateisenstein im Gneis bei Hüttenberg etc. in Kärnten und im Silur des Erzbergs bei Eisenerz in Steiermark, Zinnober bei Idria, Zinnerze im Erzgebirge, Blei-, Silber- und Kupfererze in Bleiberg, Raibl, Přibram, Joachimsthal etc., Golderze bei Schemnitz etc. Vgl. auch unten den Abschnitt »Bergbau« (S. 181 f.) sowie die Artikel »Ungarn«, »Europa« (S. 175 f.) und »Deutschland« (Karten und Textbeilagen zu S. 764).
Das Adriatische Meer bespült auf eine Länge von 1550 km die vielfach gegliederte österreichische Küste. Die lagunenreiche Küste Venedigs endigt am Isonzo, dann beginnen die Steilküsten des Karstes, die Istrien umsäumen, mit vielen Buchlen, die sichere Häfen bilden. Die dalmatinische Küste, über 1100 km lang, ist gleichfalls steil und zerrissen, teilweise sogar unzugänglich; dagegen haben die vorgelagerten Inseln viele vortreffliche Ankerplätze. Die größten Golfe sind die von Triest, Fiume (Quarnero) und die Bocche di Cattaro. Der wichtigste Hafen ist der von Triest, nächst ihm in Istrien und den zugehörigen Inseln Pola, Lussinpiccolo und Rovigno, in Dalmatien Zara, Spalato, Gravosa, Sebenico und Curzola. In bezug auf fließende Gewässer gehört der nördliche, kleinere Teil des Kaiserstaates zum Gebiete der Nord- und Ostsee, der südliche und östliche, größere zu den Gebieten des Adriatischen und Schwarzen Meeres. Mit Ausnahme von Istrien, das selbst an Küstenflüssen arm ist, und einiger andrer Distrikte in den Karstgegenden erfreuen sich alle Kronländer einer entsprechenden Anzahl von fließenden Gewässern, die der Binnenschiffahrt eine Ausdehnung von 6573 km schiffbarer Wasserstraßen bieten. Die Hauptflüsse sind: Donau, Dnjestr (Schwarzes Meer), Weichsel, Oder (Ostsee), Elbe, Rhein (Nordsee), Etsch (Adriatisches Meer). Das größte Flußgebiet innerhalb Österreichs und in noch höherm Maß in Ungarn hat die Donau, 128,951 qkm, hierauf folgen die Elbe mit 51,020, Weichsel 40,867, Dnjestr 31,945, Etsch 10,559, Oder 7031, Rhein 2360, Dnjepr 1943 und Po mit 1790 qkm. Der Rhein bespült nur auf 41 km die Reichsgrenze (Vorarlberg); die Elbe führt die böhmischen Gewässer der Nordsee zu. Dem Südabhang des Riesengebirges entspringend, ist sie von Melnik an mit Schiffen (auch Dampfern) befahrbar. Ihre Länge in Ö. beträgt 383 km. Ihre Nebenflüsse sind in Ö. rechts die Iser, links die vereinigte Adler, die Moldau (von Budweis ab schiffbar) mit den Zuflüssen Luschnitz, Sazawa, Wotawa und Beraun, außerdem die Eger und die Biela. Die Oder entspringt in den Sudeten in Mähren, nimmt rechts die Ostrawitza und Olsa, links die Oppa auf und tritt nach 125 km langem Lauf in Ö. nach Preußen über. Die Weichsel entspringt in den schlesischen Beskiden, ist Grenzfluß gegen Preußen und Rußland, nimmt in Ö. rechts den Dunajec (mit dem Poprad), die Wisloka und den San auf, links die Przemza. Ihr Lauf in Ö. beträgt 412 km, wovon 303 km schiffbar sind. Sie tritt nach Rußland über, wo sie aus Ö. noch den Bug empfängt. Der Dnjestr, am Nordabhang der Karpathen in Galizien entspringend, tritt nach 597 km langem, vielfach gekrümmtem Lauf (wovon 406 km schiffbar) durch dies Kronland ebenfalls nach Rußland über, nachdem er rechts den Stryj, die Swica, Lomnica und Bystrzyca, links den Sereth und Zbrucz aufgenommen und auf eine Strecke die Grenze gegen Rußland gebildet hat. Die Etsch, am Reschenscheideck entspringend, ist von Bozen ab schiffbar und hat eine Länge von 204 km bis zum Ausfluß aus Tirol. Ihre Nebenflüsse sind Passer, Eisack, Avisio, Noce. Unter den Küstenflüssen, die in den nordwestlichen Teil des Adriatischen Meeres fallen, ist nur der Isonzo von Bedeutung. Von den dalmatinischen Küstenflüssen sind bemerkenswert: die Zermanja, Kerka, Cetina und Narenta. Die Donau bildet die wichtigste Wasserstraße für den Verkehr Österreichs, das sie bei Passau betritt und nach einem 373 km langen, durchaus mit Dampfschiffen befahrbaren Lauf zwischen Hainburg und Theben verläßt. Ihre schiffbaren Nebenflüsse in Ö. sind links: die March (mit der Thaya und deren Zuflüssen), der Sereth und Pruth, letztere beide außerhalb Ö. in die Donau mündend; rechts: der Inn, die Traun, Enns, Leitha, Raab, Drau (mit der Mur) und Save (mit Kulpa), letztere drei gleichfalls nur mit ihrem Oberlauf Ö. angehörend. Die Seen liegen größtenteils im Alpengebiet, die meisten im Salzkammergut und in Kärnten (der Hallstätter, Traun-, St. Wolfgang-, Mond- und Attersee in Oberösterreich, der Waller- und Zellersee in Salzburg, der Achen- und Plansee in Tirol, der Millstätter, Ossiacher und Wörther See in Kärnten, der Veldes- und Zirknitzer See in Krain). Die Länder des böhmisch-mährischen Gebirgssystems haben keine nennenswerten Seen. Mit Ausnahme des Gardasees und des Bodensees, an dem Tirol und Vorarlberg kleine Anteile haben, gehören alle dem Donaugebiet an. Merkwürdig sind die Karstseen (namentlich der Zirknitzer See) wegen ihres periodisch wechselnden Wasserstandes. In Böhmen sind zahlreiche Teiche (der Rosenberger, Wittingauer u.a.). Die einst sehr ausgedehnten Sümpfe (jetzt noch zumeist in Dalmatien und Galizien) sind durch Regulierung der Flußläufe und Kanalisierung sehr geschmälert worden.
Sehr reich ist O. an Mineralquellen. Hiervon sind als Heilquellen am bekanntesten: die alkalischen Mineralwässer oder Säuerlinge von Bilin, Liebwerda und Gießhübl in Böhmen, Luhatschowitz in Mähren, Gleichenberg in Steiermark; die Glaubersalzwässer von Karlsbad und Marienbad in Böhmen, Rohitsch in Steiermark, Krynica in Galizien; die Eisenquellen von Franzensbad in Böhmen, Pyrawarth in Niederösterreich; die Kochsalzwässer oder Solen von Ischl und Hall (jodhaltig) in Oberösterreich, Aussee in Steiermark, Hall in Tirol; die Bitterwässer von Püllna, Saidschitz und Sedlitz in Böhmen; die Schwefelquellen von Baden bei Wien. Indifferente Heilquellen sind die Thermen von Gastein in Salzburg, Römerbad und Tobelbad in Steiermark, Teplitz-Schönau und Johannisbad in Böhmen. 1902 waren die 258 österreichischen Kurorte von 365,324 Kurgästen besucht.
Ö. gehört im wesentlichen dem mitteleuropäischen Klimagebiet und nur mit der Adriaküste dem Mittelmeerklima an. Das Klima der südlichen Provinzen wird von der Lage zu den Alpen, das der nördlichen (Böhmen, Mähren, Galizien) von der Lage zu den Depressionen des Atlantischen Ozeans bestimmt. In den Alpen hängt das Klima eines Ortes nicht bloß von der allgemeinen Wetterlage, sondern sehr wesentlich auch von der Bodengestaltung der Umgebung ab. Die nach S. geöffneten Täler besitzen fast subtropische Verhältnisse, während die nach N. abfallenden oft[177] rauhe Witterung haben; geschlossene Talbecken neigen zu extremen Temperaturen, besonders im Winter. So betragen die mittlern Temperaturextreme in den auf gleicher Breite liegenden Orten Bozen (260 m) und Klagenfurt (440 m) im Maximum 33 und 32°, dagegen im Minimum -8 und -22°. Das kälteste größere Talbecken ist der salzburgische Lungau (österreichisches Sibirien) in rund 1000 m, wo Tamsweg (1020 m) ein Januarmittel von -8,2° (Hammerfest -5,2°) und ein Wintermittel von -6,6° hat, während diese Zahlen für das unter gleicher Breite und in gleicher Höhe gelegene Gossensaß (1070 m) nur -4,6 und -3,5° betragen. Über das Klima von Böhmens. d. Galizien hat kalte Winter und heiße Sommer, in den nördlichen Karpathentälern kühle Sommer.
Auch in der Sonnenscheindauer sprechen sich die klimatischen Verschiedenheiten aus. Täglich scheint die Sonne im Durchschnitt in Lussinpiccolo 6,8, Pola 7,0, Triest 6,2, Klagenfurt 5,0, Obir 4,7, Bozen 5,7, Kremsmünster 5,0, Wien 5,0, Krakau 4,9 Stunden; die hohen Gebirgslagen haben im Winter mehr, im Sommer weniger Sonnenschein als die Täler (Klagenfurt hat im Dezember 48, im Juli 262, der Obirgipfel aber 106 und 195 Stunden). Ganz entsprechend ist der Süden heiterer als der Norden, besonders zeichnen sich die dalmatinische Küste und die Südseite der Alpen (Riva) aus. Trotzdem sind die niederschlagreichsten Gegenden hier zu suchen; die Bocche di Cattaro haben die größten Regenmengen von ganz Europa (Erkvice 456, Jankoh Vrh 420 cm). In Hermsburg (Krain) fallen jährlich 319, Krekovse (Krain) 274, Raibl (Kärnten) 222, Alt-Aussee 197, Ischl 163, Salzburg 116 cm; über 100 cm kommen auch im Böhmer- und Bayrischen Wald, in der Tatra und in den Karpathen vor. Die trockensten Gegenden mit weniger als 40 cm liegen in Nordböhmen und im südlichen Mähren. Die Hauptregenzeit ist nördlich der Alpen der Sommer, im Süden der Herbst. Schnee fällt in den Gebirgen und den nördlichen Tiefländern reichlich, an der Adriaküste selten, auf den Bergen der Bocche sehr stark.
Die Pflanzenwelt in den Ländern vom Bodensee bis zu den Steppen Ungarns sowie von der adriatischen Küste Istriens und Dalmatiens bis zu den Sudeten setzt sich aus mittelmeerländischen, pontischen, baltischen und alpinen Elementen zusammen. Die nördliche Grenze der Mittelmeerpflanzen (Mediterranflora) bildet eine Linie vom Idro- und Gardasee am Monte Baldo vorbei nach Görz, die von da mit südöstlichem Verlauf Ist rien und Dalmatien einschließt. In dieser immergrünen Zone (s. Immergrüne Gehölze) treten in den beiden zuletzt genannten Gebieten vorzugsweise die Macchien (Maquis), Buschformationen mit Myrten, Steinlinden, Pistazien, baumartigen Heiden u.a. hervor; von Lorbeergehölzen ist das von Abbazia am berühmtesten. Buschbestände des Judasbaumes (Cercis Siliquastrum) bekleiden die untern Schutthalden des Monte Baldo am Gardasee; Gestrüppe von Lippenblumen, Cistrosen und Salbei verdrängen bei Fiume und am Quarnero vielfach jede andre Vegetation. Bei Ragusa erscheinen Gruppen von Akanthus, im Etschtale bei Bozen verwilderte Agaven und Opuntien. Mit Narzissen und andern Zwiebelpflanzen gezierte Fluren gewähren im Frühling am Gardasee, in der Niederung bei Salona u.a. einen unvergleichlichen Anblick. In der Bergregion überwiegen die sommergrünen Eichen, während die immergrünen Eichen (Quercus Ilex) und die Edelkastanien die untern Gehänge bewohnen; ein mediterraner Nadelholzbaum ist die Meerstrandsföhre (Pinus halepensis), deren Bestände gegenwärtig in O. auf kleine Wäldchen bei Ragusa, auf Lesina, Lissa, Lagosta u.a. beschränkt sind. Zitronen- und Orangenbäume bedürfen am Gardasee, in den nördlichen Teilen des Gebietes künstliche Schutzvorkehrungen gegen Winterfrost. In gartenartigen Feldern, die zugleich dem Getreidebau dienen, wird der Ölbaum gezogen; Weinstöcke ranken sich an reihenweise gepflanzten Ulmen, Eschen oder Maulbeerbäumen empor, deren Laub als Viehfutter und zur Ernährung der Seidenraupen benutzt wird. In Dalmatien wird Chrysanthemum cinerariaefolium wegen des aus ihren Blütenköpfen bereiteten Insektenpulvers kultiviert.
Das Gebiet der pontischen Flora greift vom Schwarzen Meer bis Galizien und dem Rande der Karpathen und Alpen über, berührt in der Gegend von Görz das mittelländische Florengebiet und zieht von dort längs der untern Stufen des kroatischen und dalmatinischen Karstlandes bis Montenegro. Vom Isonzotal aus umrandet die Grenzlinie zwischen pontischer und baltischer Flora die östlichen Ausläufer der Alpen, biegt dann südlich vom Leithagebirge in das Becken von Wien und Preßburg ein, verläuft weiter an der Ostküste der Kleinen Karpathen, durchschneidet das ungarische Erzgebirge und folgt dem Fuße der Waldkarpathen bis an die Marmaros; von hier legt sich eine bogenförmige Schlinge des Gebietes um die höhern Bergwände des östlichen und südlichen Siebenbürgen.
Alles Berg- und Hügelland, das in O. seine Gewässer der Nord- und Ostsee zusendet, gehört zum Gebiet der baltischen Flora; von der alpinen Vegetation wird es durch die obere Grenze des Nadelholzwaldes geschieden. Hier finden sich wie in den deutschen Mittel- und Hochgebirgen ausgedehnte Laub- und Nadelholzwälder, Heideflächen. Wiesen und Moore. In den Gebirgen bilden meist Eichenmischwälder die unterste Region, dann folgte in mittlerer Gürtel bis zur Grenze hochstämmigen Laubholzes, zuletzt eine obere Region, in der die Fichte als herrschende Baumart erscheint. Innerhalb des letztern Höhengürtels ist der Getreide bau nur selten lohnend, dagegen werden Kartoffeln und einige Gemüse noch mit Vorteil gezogen. Der Weinbau spielt besonders im südlichen Tirol, Untersteiermark, Niederösterreich, Mähren und im böhmischen Elbtal eine wichtige Rolle.
Die oberhalb der Baumregion sich ausbreitende alpine Flora beschränkt sich auf zahlreiche kleine Bezirke, die inselartig zwischen andern Florengebieten eingeschaltet sind. Die Österreichischen Alpen zerfallen floristisch in einen rätischen, norischen, tridentischen und karnischen Bezirk, von denen jeder seine besondern Primeln, Ranunkeln, Glockenblumen u.a. hat. Die Flora der steirischen Zentralalpen, der niederösterreichischen Kalkalpen und der Karawanken stimmt viel mehr mit der karpathischen überein als mit derjenigen, die im Westen, z. B. auf den Bergen des Lechtales, im Rätikon und auf dem Ortler heimisch ist. Das südöstliche Krain bewohnen Ausläufer der illyrischen Alpenflora, Siebenbürgen bildet den dacischen [178] Bezirk, während als ein Bindeglied zwischen dem letztern und dem norischen die Karpathen auftreten. Diesen schließen sich endlich die wenigen, von einer ausgesprochenen Alpenflora besiedelten Kämme des Gesenkes und der Sudeten an, deren Pflanzenwelt unter allen alpinen Gebieten die meisten Anklänge an die arktische Flora erkennen läßt. Die unterste Region des alpinen Gebietes bezeichnen Strauchbestände mit Legföhren (Pinus Mughus u.a.) und Alpenrosen, von denen letztere jedoch in den Karpathen und Sudeten fehlen; dann folgt eine Zone von Grasmatten und alpinen Stauden, die zuletzt von der Region der Eiswüsten und Gletscherfelder abgeschlossen wird. Wie in der Schweiz ist auch in O. das Grenzgebiet zwischen der alpinen und Waldregion der Sitz von Alpenwirtschaft.
Seiner Fauna nach gehört O. zum paläarktischen Faunengebiet und zwar zum großen Teil zur zentraleuropäischen Provinz. Durch den Besitz eines Teiles der Alpen beherbergt es auch alpine Formen, während der dalmatinische Küstenstrich durch eine Reihe charakteristischer Formen ausgezeichnet und zur mediterranen Subregion zu rechnen ist. Da die Gebirgslandschaften in einzelnen Teilen sehr wild und unzugänglich sind, halten sich die im übrigen ausgerotteten größern Raubtiere noch; so zeigt der braune Bär noch einen ziemlich weiten Verbreitungsbezirk (Vorarlberg, Tirol bis nach Kra in und Kroatien); in Kroatien und Slawonien kommt auch der Luchs nach vor; häufig ist an denselben Örtlichkeiten die Wildkatze. Bezüglich der Fauna der alpinen Teile ist auf das über die Tierwelt der Alpen Gesagte zu verweisen. Der Wolf findet sich in den einzelnen Gebieten mehr oder weniger zahlreich vom östlichen Kärnten an durch ganz Krain, Südsteiermark, Kroatien, Slawonien und Bosnien; häufig in der Bukowina und in Galizien; in Dalmatien kommt auch der Schakal (Canis aureus) vor. Der Biber geht auch hier seiner Ausrottung entgegen; als Seltenheit tritt der Nörz auf. Das Wildschwein ist nur noch in einem Teil der Karpathen zu finden sowie häufig in Bosnien. Ein freier Rotwildstand hält sich in den Karpathen sowie in den großen galizischen und bukowinischen Forsten. Die, soweit bekannt, gegen 400 Arten umfassende Vogelwelt zeigt in den südlichen Teilen Mittelmeerformen, in den nördlichen Bezirken nordische Vögel als gelegentliche Gäste, z. B. erscheint regelmäßig im Winter der Nordseetaucher auf der Donau bei Wien. Die Smaragdeidechse ist das ganze Donautal aufwärts gedrungen, und die Äskulapschlange zeigt in O. eine ähnliche sporadische Verbreitung wie in Deutschland; eine südliche Form ist auch der in Dalmatien, Istrien, aber auch im südlichen Steiermark und bei Wien vorkommende Scheltopusik (Pseudopus apus). Schildkröten finden sich vier Arten, darunter die Testudo graeca in Dalmatien. Von Amphibien finden sich in O. die auch in Deutschland bekannten, nur kommt eine wichtige und interessante Form hinzu, der blinde Olm (Proteus anguineus) der unterirdischen Gewässer Krains und Dalmatiens (Adelsberger Grotte). Der Fischreichtum des Donaugebiets ist sehr groß, sowohl in den Strömen selbst als auch in den bei den großen Überschwemmungen zurückbleibenden Riedseen. Weniger groß ist die Zahl der Arten als die Masse der Individuen. Zu nennen sind: Barsch, Zander, Streber, Zingel, Kaulbarsch, Schratz, Koppe, Karpfen, Karausche, Schleie, Barbe, Gründling, Steinpreßling, Blei, Zärthe, Güster, Sichelfisch, Uckelei, Steinlaube, Häsching, Rapfen, Aland, Rotauge, Plötze, Frauennerfling, Dachel, Strömer, Ellritze, Nase, Huchen, Hecht, Schmerle, Wels, Quappe, große und kleine Neunaugen und der Sterlett, jedoch nur verirrt. Im Wiener Donaukanal werden vereinzelt Forellen gefangen; als Hauptfische der Donau gelten Karpfen, Zander (Schill), Huchen. In den Nebenflüssen der Donau fehlen die in der Donau heimischen Fische zum Teil. Die Molluskenfauna Österreichs gehört, abgesehen von den Formen der Alpen, den mediterranen Küstenstrichen und seitlichen Einwanderern der germanischen Provinz des paläarktischen Faunengebiets an. Das gleiche gilt von der Insektenfauna im nördlichen Teile des Gebiets, während im südlichen, in den an das Mittelmeer grenzenden Landstrichen, naturgemäß südliche Formen auftreten.
Die nachstehende Tabelle enthält die Bestandteile (Kronländer) von Ö., deren Größe und Bevölkerung (nach der Zählung vom 31. Dez. 1900):
Die Zunahme der Bevölkerung Österreichs, die sich aus der jüngsten Zählung gegen die vorhergehende vom 31. Dez. 1890 ergibt, beträgt im ganzen 2,255,295 Seelen oder im jährlichen Durchschnitt 0,9 Proz. Die überseeische Auswanderung aus Ö. belief sich in den Jahren 18831904 zusammen auf 874,310 Personen, wovon den Weg über den Hamburger Hafen 304,503, über Bremen 397,561 nahmen; 1904 wanderten über Hamburg 28,172, über Bremen 30,698 Österreicher aus. Die Auswanderung nahm ihr Ziel nach Nordamerika. Hierzu kommt noch die Auswanderung über Antwerpen und Rotterdam, die gleichfalls meist nach Nordamerika geht, ferner die Auswanderung über Genua nach Südamerika, insbes. nach Brasilien und Argentinien.
Dem Geschlecht nach zerfällt die Bevölkerung in 12,852,693 männliche und 13,208,015 weibliche Personen, so daß auf 1000 männliche Individuen 1035 weibliche kommen. Nach dem Familienstande waren von je 1000 männlichen Personen: 623 ledig, 348 verheiratet, 29 verwitwet, geschieden oder getrennt, während sich für je 1000 weibliche Personen diese Ziffern auf 581,338 und 81 stellen.
Die Bewegung der Bevölkerung ergibt im Durchschnitt der Jahre 18921903 auf 1000 Einw. 8 Trauungen, 37 Lebendgeborne und 26 Sterbefälle. Unter 1000 Geburten sind durchschnittlich 144 uneheliche. Die Zahl der Wohnorte in Ö. betrug nach der Zählung im J. 1900: 54,927, die 28,917 Ortsgemeinden bildeten und 3,584,263 bewohnte Häuser mit 5,553,006 Haushaltungen umfaßten. Mehr als[179] 100,000 Einw. zählten die Städte: Wien, Prag, Lemberg, Graz, Triest, Brünn.
(Hierzu die »Ethnographische Karte von Österreich-Ungarn«.)
Unter allen Staaten Europas (Rußland ausgenommen) hat keiner eine Bevölkerung, die aus mehr Nationalitäten besteht als die Österreich-Ungarns. Die drei Hauptvölker Europas, Deutsche, Slawen und Romanen, bilden auch die Hauptstämme Österreichs. Die Deutschen zählen 9,17 Mill. und bewohnen die Nordabhänge der Alpen, das Donauland, dann die Gebirgsstrecken des Böhmerwaldes, des Erz-, Riesen- und Sudetengebirges und greifen auch in vielen Sprachinseln in das slawische Gebiet hinüber. Von den slawischen Völkerschaften bewohnen die Tschechen den mittlern und südöstlichen Teil Böhmens, den größsern Teil Mährens (mit Ausnahme des deutschen Anteils im S. und N.) und einen Teil Schlesiens (südöstlich von Troppau und westlich von Teschen); die Polen Westgalizien und den ehemaligen Kreis Teschen in Schlesien; die Ruthenen Ostgalizien und einen Teil der Bukowina; die Slowenen Krain und die angrenzenden Teile von Kärnten, Görz, Istrien, das Territorium von Triest und Südsteiermark; die Kroaten und Serben Istrien, die Quarnerischen Inseln und Dalmatien. Von den romanischen Volksstämmen sind die Westromanen (Italiener nebst Ladinern und Friaulern) in Südtirol, Görz-Gradisca, Triest und an den Küsten von Istrien sowie in den meisten Städten Dalmatiens seßhaft; die Rumänen wohnen in der Bukowina. Folgende Tabelle zeigt das Verhältnis der Nationalitäten Österreichs in Prozenten der einheimischen Bevölkerung:
Außerdem leben 9516 Magyaren in der Bukowina. Vgl. außer der beifolgenden Karte die S. 187 angeführten ethnographischen und Sprachenkarten von O.
In Ö. zählte man 1900: 23,796,814 (91 Proz.) Katholiken (darunter 3,134,439 Griechisch-Unierte und 2096 unierte Armenier), 606,764 (2,3 Proz.) Griechisch-Orthodoxe, 365,505 (1,4) Evangelische Augsburgischer und 128,557 (0,5) Helvetischer Konfession, 1,224,899 (4,7) Israeliten. Die Katholiken sind in 8 Kirchenprovinzen eingeteilt, nämlich 7 des lateinischen Ritus (Wien, Salzburg, Görz, Prag, Olmütz, Lemberg und Zara, mit 22 Bistümern) und eine des griechischen Ritus (Lemberg, mit 2 Bistümern). Dem päpstlichen Stuhl unmittelbar unterstellt sind das Erzbistum Lemberg des armenischen Ritus, das Fürstbistum Krakau, das apostolische Feldvikariat und der österreichische Anteil der Diözese Breslau. Die katholische Kirche zählt (1900): 17,252 Weltgeistliche in 9714 Pfarreien und 26,969 (darunter 7775 männliche) Ordensmitglieder in 1418 (541) Häusern. Die Altkatholiken haben 3 Pfarreien zu Wien, Warnsdorf und Ried. Für die griechisch-orthodoxe Kirche besteht eine Metropolie in Czernowitz mit 2 Bistümern, 348 Pfarreien, 445 Weltgeistlichen und 85 Monchen. Die Protestanten Augsburgischer und Helvetischer Konfession unterstehen dem Oberkirchenrat in Wien mit 10 Superintendenturen, 22 Senioraten, 245 Pfarreien, 128 Filialgemeinden und 139 Predigtstationen mit 299 Geistlichen. Die Israeliten haben (1900) 559 Gemeinden (253 in Galizien, 255 in Böhmen und Mähren).
Die Bildung des Volkes in Ö. ist bei der bunten Zusammensetzung desselben und bei den Rasseneigentümlichkeiten der einzelnen Stämme sehr verschieden. Bei der letzten Zählung vom Jahr 1900 ergab sich, daß von je 100 über 6 Jahre alten Personen 76 männliche und 70 weibliche lesen und schreiben, 2 männliche und 4 weibliche nur lesen, 22 männliche und 26 weibliche weder lesen noch schreiben können. Über die Durchschnittsziffer erhebt sich der Prozentsatz der Analphabeten in Dalmatien, Bukowina, Galizien und dem Küstenland. Das Volksschulwesen wurde durch das Gesetz vom 14. Mai 1869 (teilweise abgeändert 1883) neu geordnet. Hiernach liegt die Errichtung von Volksschulen den Ortsgemeinden ob. Die Schulpflicht beginnt mit dem vollendeten 6. und dauert im allgemeinen bis zum vollendeten 14. (in einigen Ländern nur bis zum 12.) Lebensjahr. Die Gattungen der in Rede stehenden Lehranstalten sind: allgemeine Volksschulen und Bürgerschulen, welch letztere in vollem Umfang acht Klassen zählen. 1903 bestanden 20,028 öffentliche Volks- und Bürgerschulen (nebst 1032 privaten Volksschulen) mit 56,922 Lehrern, 26,176 Lehrerinnen und 3,697,606 Schülern. Auf 1000 schulpflichtige Kinder entfallen 911 schulbesuchende. Anstalten zur Heranbildung von Volksschullehrern bestehen 54, von Lehrerinnen 43. An Mittelschulen bestanden 202 Gymnasien, 19 Realgymnasien und 117 Realschulen, zusammen mit 7121 Lehrern und 111,012 Schülern.
An Hochschulen besitzt O. 8 staatliche Universitäten, nämlich in Wien, Prag (2, eine deutsche und eine tschechische), Graz, Innsbruck, Krakau, Lemberg und Czernowitz. Jede Universität begreift vier Fakultäten: die theologische (katholisch, in Czernowitz griechisch-orientalisch), die rechts- und staatswissenschaftliche, die medizinische und die philosophische Fakultät. Der Gründung nach sind die ältesten Universitäten die in Prag (1348), Krakau (1364) und Wien (1365), die jüngsten Czernowitz (1875) und die tschechische Universität zu Prag (1882). Insgesamt zählten die österreichischen Universitäten 1903: 1596 Lehrende und 17,498 Studierende. Technische Hochschulen gibt es 7, nämlich in Wien, Prag und Brünn (je 2, eine deutsche und eine tschechische), Graz und Lemberg, die sich in vier Fachabteilungen gliedern und zusammen 536 Lehrende und 6458 Studierende zählten. In Wien besteht ferner eine Hochschule für Bodenkultur mit 58 Lehrkräften und 331 Hörern. Höhere Fachlehranstalten sind: 2 Bergakademien in Leoben und Přibram, die Kunstakademien in Wien, Prag und Krakau, die Graveur- und Medailleurschule, die Konsularakademie und die Exportakademie in Wien. Ferner bestehen an theologischen Lehranstalten: die katholisch-theologischen Fakultäten. in Salzburg und Olmütz, die 45 bischöflichen Lehranstalten und Klosterstudien; die Klerikalschule in Zara für die griechisch-orientalische Theologie; die evangelisch-theologische Fakultät in Wien. An Handelslehranstalten bestehen 22 höhere Handelsschulen (Handelsakademien), 82 sonstige kommerzielle Tagesschulen und 153 kaufmännische Fortbildungsschulen, zusammen mit 1740 Lehrern und 27,377 Schülern; an Gewerbeschulen: 25 Fachschulen für gewerbliche Hauptgruppen (darunter die Kunstgewerbeschulen in Wien und Prag und 20 Staatsgewerbeschulen), ferner 169 Fachschulen für einzelne gewerbliche Zweige, 11 allgemeine Handwerkerschulen und 978 gewerbliche Fortbildungsschulen, zusammen[180] mit 7959 Lehrern und 124,835 Schülern; an land- und forstwirtschaftlichen Schulen 20 mittlere Schulen (15 für Landwirtschaft, 5 für Forstwirtschaft), dann 158 niedere Schulen, zusammen mit 1312 Lehrern und 6256 Schülern; ferner 3 nautische Schulen, 7 Lehranstalten für Tierheilkunde, 7 niedere Bergschulen, 15 Hebammenlehranstalten, 722 Schulen für musikalische und dramatische Bildung, 782 Schulen für weibliche Handarbeiten und Schneiderei und 1276 sonstige Lehr- und Erziehungsanstalten.
Unter den gelehrten Gesellschaften nimmt den ersten Rang die kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Wien ein, der sich die Akademien der Wissenschaften in Prag und Krakau anreihen. Daran schließen sich die verschiedenen Vereine für Fachwissenschaften, für Landeskunde etc. Hervorragende wissenschaftliche Institute sind: die Zentralanstalt für Meteorologie und Erdmagnetismus, die geologische Reichsanstalt, das militärgeographische Institut, sämtlich in Wien, dann die Sternwarten, unter denen die der Wiener Universität den ersten Rang einnimmt. An wissenschaftlichen und Kunstsammlungen ist Ö. sehr reich, die hauptsächlichsten befinden sich in Wien. Unter den Bibliotheken ist die reichste die Hofbibliothek in Wien mit mehr als 500,000 Bänden; über 50,000 Bände haben außerdem noch 21 Bibliotheken. Naturwissenschaftliche Sammlungen in größerm und geringerm Umfang haben alle Hoch- und Mittelschulen; die größten Institute dieser Art sind das naturhistorische Hofmuseum, die anatomischen Sammlungen der Universität und der ehemaligen Josephsakademie in Wien, die geognostische Sammlung der geologischen Reichsanstalt u.a. Mit archäologischen und Kunstsammlungen ist Wien reich versehen; auch in mehreren Provinzstädten befinden sich Landesmuseen. Größere, dem Publikum zugängliche Gemäldegalerien besitzt O. 12, unter denen die des kunsthistorischen Hofmuseums die hervorragendste ist. In Wien befindet sich auch die große Kupferstichsammlung Albertina. Die periodische Presse ist (1904) durch 3320 Zeitungen vertreten. Hiervon erscheinen 1312 in Niederösterreich, nächstdem 824 in Böhmen (Weiteres s. im Artikel »Zeitungen«). Nach Sprachen erscheinen in der ganzen Monarchie 2034 in deutscher, 694 in tschechischer, 265 in polnischer, 102 in italienischer, die übrigen in slowenischer, ruthenischer, serbo-kroatischer, hebräischer und andern Sprachen. Politische Blätter sind 966, Tagesblätter 172 periodische Druckschriften. Die Zahl der Vereine belief sich Ende 1903 auf 70,097; hierunter waren 10,545 Feuerwehrvereine, 5599 landwirtschaftliche, 4314 Sparvereine, 3256 Krankenunterstützungs- und Leichenbestattungsvereine, 4149 Wohltätigkeitsvereine, 3708 Lesevereine, 2669 Veteranenvereine, 3174 Geselligkeits-, 2510 Gesang-, 4175 Turnvereine etc.
An Wohltätigkeitsanstalten besitzt O. 236 öffentliche und 460 private Krankenhäuser mit 49,667 Betten und 534,889 behandelten Kranken, 9 Findelanstalten mit 735 Betten, 18 öffentliche Gebäranstalten mit 1946 Betten, 21 Taubstummeninstitute mit 1848 Zöglingen, 15 Blindeninstitute mit 1118 Zöglingen, 32 öffentliche und 10 private Irrenanstalten mit 16,208 Betten und 26,374 behandelten Kranken. Ferner bestanden 1902: 33 Krippen, 635 Kinderbewahranstalten und 772 Kindergärten mit zusammen 159,391 Kindern, 231 Waisenhäuser mit 16,841 Kindern, 7 Idiotenanstalten mit 845 Verpflegten, 2 Arbeitshäuser mit 9911 Verpflegten, 1645 Versorgungsanstalten.
(Hierzu die Karte »Landwirtschaft in Österreich-Ungarn«.)
Der landwirtschaftliche Betrieb bildet in Ö., wenn auch die gewerbliche Tätigkeit sich in den letzten Jahrzehnten ansehnlich entwickelt hat, die Hauptbeschäftigung der Bewohner. Nach der letzten Volkszählung vom 31. Dez. 1900 kamen auf die Berufsgruppe der Land- und Forstwirtschaft von je 10,000 ortsanwesenden Personen 5243, von je 10,000 berufstätigen Personen 5816. Was die österreichische Agrarverfassung betrifft, so besaßen Tirol, Dalmatien und ein Teil des österreichisch-illyrischen Küstenlandes bereits seit alter Zeit die Freiheit des Grundeigentums. Teilweise ist in diesen Ländern das italienische Kolonensystem verbreitet. In den übrigen Ländern wurde die Leibeigenschaft unter der Regierung des Kaisers Joseph II. aufgehoben und an ihre Stelle ein gemäßigtes Untertanenverhältnis gesetzt, das jedoch nebst allen aus demselben entspringenden gutsherrlichen Rechten und bäuerlichen Lasten 1848 beseitigt wurde (teilweise gegen Entschädigung aus den Grundentlastungsfonds). Die verschiedenartigen, den Landwirtschaftsbetrieb belästigenden Dienstbarkeiten, als Holzungsrechte, Weiderechte auf fremdem Grund, Feldservitute etc., wurden infolge des Patents vom 5. Juli 1853 reguliert und großenteils abgelöst. Rücksichtlich der Größe des Grundbesitzes herrscht im allgemeinen eine ziemlich weitgehende Zerstückelung des Bodens, indem auf einen Grundbesitzer nur 5,6 Hektar Grundfläche kommen. Förderungsmittel der Landwirtschaft sind die Landeskulturräte und die landwirtschaftlichen Vereine, die landwirtschaftlichen Lehranstalten (s. oben), die Anstalten für den landwirtschaftlichen und Bodenkredit und die Versicherungsanstalten gegen Feuer- und Hagelgefahr sowie gegen Viehunfälle.
Von je 100 Hektar der Oberfläche Österreichs sind 94,2 produktiv. Nach Kulturarten verteilt sich der landwirtschaftlich benutzte Boden folgendermaßen:
Von den einzelnen Ländern sind an Ackerland am reichsten Mähren, Böhmen und Schlesien mit ungefähr der Hälfte, am ärmsten sind Tirol und Salzburg, ersteres mit 5, letzteres mit 9 Proz. des Gesamtflächeninhalts. Auf der höchsten Stufe befindet sich der Ackerbau in den nordwestlichen Ländern. Die am meisten verbreitete Bewirtschaftungsmethode in Ö. ist die Dreifelderwirtschaft; doch besteht sie nur in wenigen Kronländern rein, weil zumeist der Futterbau in die Körnerwirtschaft hineingezogen wird und durchschnittlich kaum die Hälfte der Brache unbenutzt bleibt. Die Fruchtwechselwirtschaft wird hauptsächlich in Tirol, Steiermark, Krain, dem Küstenland, ziemlich häufig aber auch in den übrigen Kronländern betrieben, die Eggartenwirtschaft in den höher gelegenen Gegenden, namentlich der Alpenländer. In Mähren kommt vielfach die Drieschfelder-, in Steiermark die [181] Brandwirtschaft vor. Die freie Wirtschaft wird in einzelnen Kronländern auf kleinen Besitzungen planmäßig betrieben. Das Erträgnis in den wichtigsten landw